Schön, dass hier so viel los ist... 👏
Soll ich Euch mal was verraten? Ich hab extra noch mal bei mir im ersten Faden zurückgeblättert und festgestellt, dass ich mich hier seinerzeit auch ganz arglos als "alkoholkrank" vorgestellt habe. 😉
Lag vielleicht daran, dass ich mich hier sehr schnell nach dem Entdecken des Forums angemeldet habe. Und war ich wohl weniger mit den Forenregeln als mit der Formulierung meiner Vorstellung beschäftigt. (Geht vielleicht auch anderen so. Wer dagegen vor dem ersten Schreiben schon monatelang still mitgelesen hat, hat sich mit der Diskussion um den Begriff vielleicht schon auseinandergesetzt und den Sinn des klaren Bekenntnisses hier begriffen.)
Die fehlende Aussage "Ja, ich sehe mich als Alkoholikerin" scheint wohl bei meinem "Blitzstart' nicht aufgefallen zu sein, weil ich die Leute da eher mit meinen ausführlichen Abstinenzplänen für die nähere Zukunft irritiert und beschäftigt habe. 😉
Und wenn man mir die Gretchenfrage gestellt hätte, hätte ich mich dann auch erst mal gesträubt? Keine Ahnung, diskutiert bestimmt...
Als ich mich dann nach einem guten halben Jahr stillen und eifrigen Mitlesens stolz hier zurückgemeldet habe, weil ich frisch ambulant entgiftet war, war das Bekenntnis auch kein Thema mehr. (Hätte mich schon zu Beginn der ambulanten Entgiftung zurückmelden können, wie ich später gemerkt habe, aber da hatte ich wohl mal wieder die Regeln nicht genau gelesen. 😉)
Ich habe es dann aber bei jeder Gelegenheit hier im Forum, in der Reha und bei allen nötigen Ärzten nachgeholt, sogar fast stolz (weil ich zu meinem "Problem" stehe und es angehe).
Ansonsten habe ich relativ bald drei engen Freunden von meiner Suchterkenntnis und meinem Abstinenzwunsch erzählt. Dabei ist es geblieben. Die Reaktionen waren auch interessant, aber das ein andernmal.)
In den eher seltenen Situationen, wo mir jemand aus alter Gewohnheit Alkohol anbietet, wenn ich nicht fahren muss (hatte dann immer, aber bis auf wenige Feten nicht übermäßig Alk getrunken), sage ich sehr klar und bestimmt: "Danke, ich trinke ja schon länger gar keinen Alkohol mehr.'
Wenn jemand fragt, warum, sage ich, und das stimmt ja auch: "weil meine gesundheitlichen Baustellen immer mehr werden und nichts davon durch Alk besser wird, im Gegenteil." Meinen durchaus trinkfreudigen Eltern habe ich noch gesagt: "weil ich Angst hatte, sonst komplett die Kontrolle zu verlieren, und das möchte ich nicht.'
"Und nein, ich trinke auch kein alkfreies Bier o. ä., obwohl ich das immer gern getrunken habe, weil ich sonst irgendwann Lust auf "richtiges" Bier bekomme, und das möchte ich nicht mehr."
Und dabei gucke ich die Leute freundlich und selbstbewusst an und warte fast auf die Gelegenheit, sagen zu können: "Hast du ein Problem damit?"
Ich lüge damit nicht, sondern erzähle bis auf Weiteres nur nicht allen alles. Und solange ich noch arbeiten gehe, wird das auch wohl so bleiben. Ich kann mir aber gut vorstellen, mich da irgendwann auch "draußen" zu engagieren, weniger für mehr Verständnis für Alkoholiker als im Interesse der Prâvention.
Natürlich hat Hartmut recht, dass mich garantiert einige "liebe" Mitmenschen der Sucht verdâchtigen. Das stört mich komischerweise nicht, amüsiert mich sogar ein bisschen - früher undenkbar für mich. Aber: Sie wissen es eben nicht genau, und das macht für mich noch einen Unterschied.
Das, was Stern in der Personalabteilung beobachtet hat, möchte ich nämlich im Job nicht erleben.
Und ich möchte auch noch nicht dauernd als "Kronzeuge"herhalten und "Laien"erklären müssen, was Alkoholismus bedeutet, wie unterschiedlich die Wege in die Sucht sind und wie alternativlos der Weg zum Stoppen der Sucht ist. Eines Tages durchaus möglich, aber noch nicht jetzt.
Auf der anderen Seite fühle ich mich wegen meines kompromisslosen Bekenntnises zum Nichtmehrtrinken (wenn auch noch nicht zur Sucht) einigermaßen gegen Kurzschlussreaktionen (wenn denn mal in meiner Nähe getrunken wird) abgesichert: Ich könnte nicht "mal eben nur einen Schluck probieren", ohne mich ausführlich erklären zu müssen. Und das ist gut so.
(An diesem Beitrag musste ich einige Tage immer wieder basteln, bis er halbwegs stimmig für mich war .)