Liebe Kera,
das ist alles ein Prozess und all deine Gedanken und Gefühle sind normal.
Es ist immer wieder interessant zu lesen, wie sich alles wiederholt, alle Gedanken und Gefühle. Meine Frau hat jahrelang getrunken und sich durch nichts wirklich beeindrucken lassen. Nachdem ich eine Trennung in den Raum gestellt hatte, merkte sie, dass ich es ernst meinte und reduzierte ihren Konsum extrem.
Sie bat um eine letzte Chance um zu beweisen, dass sie kein Alkoholproblem hat. Ich habe sie ihr wider besseren Wissens eingeräumt - es war eine schlimme Zeit. Ich war so angespannt und habe immer beobachtet. Sie hat weiterhin etwas getrunken, aber wenig, bei Anlässen und da wirklich nicht viel. Und ich hab ständig geschaut, ist das jetzt zu viel, oder ist das noch in Ordnung? Wann kommt der nächste Absturz? Das ist kein Leben in einer Beziehung. Bis zum Punkt, wo meine Wahrnehmung bestätigt wurde, hat es 2 Monate gedauert.
Wie hab ich mir vorher gewünscht, dass sie endlich wieder trinkt, damit ich meine Bestätigung bekomme, das ich richtig liege. Das ich mir für mein Gefühl sagen konnte: Ich musste das ja alles tun, ich hatte ja keine Wahl.
Mir hat das Lesen und Schreiben hier sehr viel geholfen - die Einsicht, dass es irrelevant ist, ob sie nun viel trinkt oder wenig. Was mir geholfen hat ist: Sie ist Alkoholikerin! Mehr muss ich eigentlich nicht wissen. Diese Krankheit gibt es in so vielen Facetten und "Schweregraden". Wenn die Partnerin sich das nicht eingesteht, habe ich keine Chance, unabhängig von der Ausprägung des Suchtverhaltens. Es belastet einfach.
Ich wollte ja so lange, dass er aufhört und wünsche es ihm immer noch, dass er es schafft.
Es kommt manchmal auf Kleinigkeiten im eigenen Denken an: Er hat ja nicht wirklich aufgehört. Er hat dir zuliebe heute vielleicht mal eine Pause eingelegt, das hat 0 Relevanz.
Ich wünsche jedem Alkoholiker, dass er es schafft. Abgrenzung ist wichtig. Du und ich: Wir haben keinen Einfluss darauf. Konsequenz daraus: Wenn ich etwas nicht beeinflussen kann, dann hilft mir akzeptieren und den Fokus auf mich legen.
Wie habt ihr es geschafft, euch in solchen Momenten an die schlimmen Dinge, die da waren zu erinnern oder zumindest daran zu denken, dass es gut und richtig ist, das nicht mehr mitzumachen? Gerade bin ich echt verzweifelt. Ich weiß, dass die Trennung richtig ist, aber weiß gerade nicht, wie ich das alles verpacken soll.
Ich hatte auch immer wieder diese Gedanken: War es so schlimm?
Für mich hat die Erinnerung an diverse Erlebnisse ausgereicht um mich selbst wieder zu Erinnern: Ja, es war so schlimm.
Dann hab ich mich daran erinnert, wie ich mich dabei gefühlt habe: Ja, es war so schlimm.
Was willst du denn verpacken? Du hast deinen Grund und er sucht sich seine eigene Begründung. Oder für wen soll diese Verpackung sein?
wie bist du dahin gekommen, es zu akzeptieren? Es tut mir gut zu lesen, dass das klappen kann.
Das ist auch eine Einsicht.
Ich habe bei meiner Frau anfangs geschrieben, dass sie ein Alkoholproblem hat. Es hat etwas gedauert, bis ich den Begriff Alkoholikerin verwendet habe. Als ich das getan hatte, kam eine Akzeptanz. Sie ist krank und diese Krankheit hat diverse Symptome. Sie sind nicht so offensichtlich wie bei anderen Krankheiten, aber dennoch sind sie da.
Dazu gehören eben auch psychische Veränderungen, Verdrängung und Verdrehung.
Ich kann mich ärgern, schreien, wütend sein und mich auf den Kopf stellen. Es ändert nichts - also annehmen und akzeptieren und eigene Konsequenzen aus der Erkenntnis ziehen.
Dazu gehört für mich auch eine Distanzierung, eine emotionale Loslösung.
Dann sehe ich einfach noch den Mann, in den ich mich mal verliebt habe und denke an unsere schöne Zeit, die wir ja auch hatten.
Das ist er aber nicht mehr - ich muss es schon wieder schreiben -> kannst du das akzeptieren?
Wie heisst es hier immer so schön: Kopf an - Herz aus, das Herz wird folgen. Es ist nicht leicht, Entscheidungen gegen das Gefühl des Herzens zu treffen.
Volka