Beiträge von Siri

    Hallo Anderswo,

    Deine Geschichte macht mich sehr betroffen. Ich kann Deine inneren Konflikte und Trauer sehr gut nachvollziehen. Für mich ist es auch furchtbar, den körperlichen und geistigen Verfall meiner Mutter sowie die Auswegslosigkeit der Sucht zu sehen. Nichts daran ändern zu können, kann einen zur Verzweiflung bringen. Aber es ist ihre Entscheidung, sie will trinken und ordnet dem alles andere unter.

    Du sprichst von Deinem Bedürfnis nach Abgrenzung und Kontaktminimierung bzw. Kontaktabbruch. Und ich finde, Du hast jedes Recht darauf. Dieses Bedürfnis würde ich sehr ernst nehmen. Du bist 31 und mitten in einer sehr wichtigen Phase Deines Lebens. Du hast ein kleines Kind und Familie, die Deine Aufmerksamkeit brauchen. Es ist vollkommen nachvollziehbar, dass man da nicht für die uneinsichtige alkoholkranke Mutter da sein kann.

    Vielleicht klappt es ja doch, einen Pflegedienst für Deine Mutter zu besorgen -- die Auswirkungen ihrer Alkoholkrankheit klingen bereits weit fortgeschritten -- und Dich dann zurückzuziehen? Eventuell hilft dabei der Sozialpsychologische Dienst oder die Hausärztin. Und falls das nicht klappen sollte, Du keinerlei Unterstützung erhälst, dann darfst Du Dich auch so zurückziehen und abgrenzen. Meine Ärztin hat zu mir gesagt, dass man sich selbst nicht in Gefahr bringen darf, wenn man Hilfe leistet. Auch die Frage der Unterlassung der Hilfeleistung berücksichtigt diesen Punkt. Ich bin froh, dass ich die Pflege an einen ambulanten Dienst delegieren konnte, aber meine Mutter ist bereits viel älter und hat einen Pflegegrad.

    Niemand kann verlangen, dass Du dauernd Kontakt hälst, zumal Du ein Unglück auch dann nicht verhindern könntest, da Du ja nicht permanent bei Deiner Mutter sein kannst.

    Viel Kraft und Mut wünsche ich Dir!
    Liebe Grüße Siri

    Vielleicht hat es einen Grund, warum ich genau die Männer bekomme, die ich bekomme.

    Vielleicht hilft mir ihre Art mich selber weiter zu entwickeln.

    ...

    Liebe Hope,

    ich kann Deine Gedanken nachvollziehen und halte es, wo immer es mir bewusst wird, auch so, aus dem, was ist und war, zu lernen.

    Und dennoch: Ich denke, dass es auch den Zufall gibt. Dem könnte man zudem ein wenig nachhelfen, indem man gezielt versucht, Lebensgewohnheiten zu ändern und sich vorsichtig auf Menschen einzulassen, die einem zunächst einmal fremd und unvertraut vorkommen.

    Als ich meinen Mann vor vielen Jahren kennen gelernt habe, hat mich vieles an seiner Art zunächst irritiert, obwohl ich sehr verliebt war (und bin). Es war so viel so unvertraut. Ich war zu Beginn überzeugt, dass er mich nicht "wirklich" liebt. Dann gab es nach einiger Zeit jemanden, der mir extrem vertraut vorkam, in dessen Gesellschaft ich aber zugleich eine ungeheure Unruhe entwickelte, die ich nach und nach als diffuse Angst deuten konnte. Das war der Anstoss für meine erste Therapie, dieser Kontrast zwischen zwei Männern und deren Art mit anderen Menschen umzugehen. Auf der einen Seite Vereinnahmung und kontrollierendes Verhalten (was mir vertraut war und ich als Liebe und Sicherheit missverstanden habe) und auf der anderen Seite Offenheit, Zurückhaltung und Tiefe. Es war sehr schwer für mich, die Offenheit richtig zu deuten, mich einzulassen und zu vertrauen. Das musste ich erst lernen und es ist weiterhin ein Prozess. Ohne meinen heutigen Mann ich das vielleicht nicht kennengelernt.

    Liebe Grüße Siri

    ich glaube eine Entschuldigung von meinen Eltern würde mich trösten/hätte mich getröstet (mein Vater ist ja schon ewig tot), weil ich dann das Gefühl hätte, gesehen und ernst genommen worden zu sein …

    Liebe Lanananana,

    das verstehe ich gut. Und ich sehe es genauso wie Du. Eine ernsthafte Entschuldigung impliziert immer auch die Anerkennung der eigenen Person und das ist es, was man sich in engen Beziehungen wünscht: gesehen und respektiert zu werden.

    Ich hatte diese Sehnsucht bei meiner Mutter auch sehr lange. Mir ist aber klar geworden, dass sie das einfach nicht kann, und nichtmal aus Böswilligkeit. Mir ist gerade in den letzten Monaten klar geworden, dass sie selbst von einem nicht verarbeiteten Trauma betroffen ist, das sie unreflektiert weitergegeben hat. Mir hat einmal eine Therapeutin gesagt, dass einem nur so viel von einem Trauma bewusst wird, wie man auch verarbeiten kann. Ich hatte damals große Angst, dass die Träume, in denen ein traumatisches Erlebnis immer wieder hochkam, noch schlimmer werden könnten. Es war mir bereits zu viel. Diese Aussage hilft mir dabei, die Sehnsucht nach einer Entschuldigung ziehen zu lassen. Mich tröstet es, dass ich mich um diese Traumata kümmern kann, ich mir diese Zeit genommen habe und weiterhin nehme. Auch wenn es unendlich anstrengend ist, lerne ich mich selbst dabei besser kennen, etwas, was meiner Mutter verschlossen geblieben ist. Und es ist unendlich traurig, das bei einer Person, die einem wichtig ist, am Lebensende zu sehen, es bedeutet völlige Haltlosigkeit.

    Ich weiss nicht, ob Dir das ein Trost sein kann? Von den Eltern diese Beachtung nie gefunden zu haben und deshalb immer auch irgendwie verkannt worden zu sein, ist sehr schmerzhaft. Aber ist es nicht am wichtigsten, dass man sich auf seinem Weg nicht selbst verfehlt? Ich weiss nicht, ob es klar ist, was ich meine, ich kann es nicht besser zum Ausdruck bringen. Auch die Selbstliebe, von der Eldamalu schreibt, gelingt ja nur, wenn man dieses Selbst einigermassen kennt.

    LIebe Grüße und auch Dir eine Umarmung, Siri

    Liebe Lanananana,

    diese Gefühle kenne ich leider auch. Es kommen hartnäckige Blockaden hinzu: ich bekomme Panik und kann dann nichts mehr aktiv machen. Ich funktioniere dann nur noch wie ein Automat und erstarre. Auch das Gefühl, im Leben nicht wirklich Fuss fassen zu können, ist mir vertraut. Als würde ich vom Mars kommen und einfach nicht kapieren, wie das geht, mit dem Leben hier. Das kostet viel Energie. Heute hat es mir geholfen am Nachmittag raus in die Natur zu fahren und bis in den frühen Abend zu wandern. Das Licht und das windige Wetter taten richtig gut.

    Zu Deinen Gedanken zu Deinem Vater möchte ich Dir noch sagen, dass sein Verhalten furchtbar schädigend war und falsch. Es spielt meiner Meinung nach keine Rolle, ob er es nicht anders vermochte. Da gibt es nichts dran zu rütteln. Ich kann meine Mutter zwar jetzt als Person jenseits ihrer Mutterschaft sehen und sehen, dass sie leider nicht anders handeln konnte. Ich kann es also irgendwie verstehen und mache ihr keine Vorwürfe (mehr). Doch entschuldige ich es damit nicht. Dann müsste ich mich ja selbst verleugnen. Ich weiss nicht, ob es anders wäre, wenn sie mich um Entschuldigung bitten würde.

    Auch mir gefallen Deine Beiträge hier im Forum sehr. Ich lerne sehr viel von Dir. Besonders lehrreich ist für mich, dass Du immer sachlich und unaufgeregt bist und bei Dir bleibst. Du weißt die Grenze zwischen Dir und anderen sehr gut zu wahren und wirst deshalb nie übergriffig. Das ist so wichtig und ist die beste Hilfe, die es gibt.

    Ich wünsche Dir, dass Du Deinen Wert gut im Blick behälst und die inneren Dämonen, die ihn Dir absprechen wollen, Dich kleinmachen wollen, dahin verdammst, wo sie hingehören.

    Viele liebe Grüße, Siri

    Stichwort: Alkoholismus ist eine Krankheit. Dummerweise eine, deren Therapierung der Kranke in der Regel ablehnt, erstmal jedenfalls.
    Und Kranke können dann eben manchmal einfach nicht, was sie eigentlich müssten.

    Bloß dass man dann diese für die Kinder mitunter sehr schmerzhafte Pflichtverletzung noch mit Respekt würdigen soll, als sei es eben eine Frage des Lebensstils, find ich auch abwegig.

    Hallo Doro und alle,

    es ist immer noch ein wichtiges Thema!

    Ich bin EKA einer alleinerziehenden Mutter.

    Als ich es (mittlerweile im Studium weit weg von zuhause) immer klarer ablehnte, die Sucht meiner Mutter als Lebensstil zu akzeptieren und ihr das auch offen und unnachgiebig kommunizierte, musste ich einsehen, dass sie das nicht akzeptiert. Sie wurde immer abwertender. Ich habe deshalb zunächst den Kontakt extrem reduziert. Das führte aber nicht dazu, dass die Angriffe auf meine Person weniger wurden. Im Gegenteil. Als sie einen neuen Lebengefährten gefunden hatte, dachte ich zunächst es würde besser. Ich hatte mich über den neuen Partner für meine Mutter sehr gefreut. Er war ein sehr intelligenter Mensch mit vielen intellektuellen Interessen, mit dem auch ich mich sehr gerne austauschte. In den ersten Jahren hat das dazu geführt, dass der Kontakt wieder mehr wurde. Doch mit der Zeit wurden die Entwertungen und Angriffe, die meine Mutter auf mich lancierte, immer extremer. Ich habe den Kontakt deshalb über viele Jahre ganz abgebrochen und mir jegliche Kontaktaufnahme ausser in absoluten Notfällen verbeten. Ich war froh, dass der Partner da und meine Mutter nicht allein war.

    Dieser Notfall ist dann Anfang diesen Jahres eingetreten. Ich bin mittlerweile Mitte 50. Der Partner meiner Mutter kam wegen Krebs im Endstadium ins Krankenhaus. Ich bin zurück in meine Geburtsstadt, um meine immer noch alkoholabhängige und nun stark pflegebedürftige Mutter zwei Wochen zusammen mit meinem Ehemann zu versorgen. Solange sie ihren Partner hatte, hat sie mich weiter abgewertet und war voller Aggression, weshalb ich den Kontakt wieder reduziert hatte, als er wieder (nun selbst stark pflegebedürftig) aus dem KH kam. Der Pflegedienst etc war für beide organisiert und ich und mein Mann haben uns zurückgezogen.

    Alle 10-14 Tage habe ich in den Folgemonaten eine Art Kontrollanrufe gemacht, um den Zeitpunkt nicht zu verpassen, wenn der Partner stirbt. Dieser war co-abhängig und wollte tatsächlich meine Mutter sozusagen "mitnehmen". Auch die Hausärztin, bei der meine Mutter und er sind bzw war, hat mir sein Verhalten mit Co-Abhängigkeit erklärt. Dafür gab es sehr viele Indizien, es war gruselig. Zum Beispiel hat er den Hausnotrufknopf sabortiert. Meine Mutter hat die Pflege nach 1 Monat zudem für sich einfach wieder abbestellt. Obwohl er das ja nicht mehr schaffte und offiziell die Pflege übernommen hatte, meinte er, das sei für meine Mutter nicht nötig, er sei zudem nun der Pflegebedürftige. Die Pflege kam dann also nur noch für ihn ins Haus.

    Nach seinem Tod habe ich erfahren, dass er mich schlecht gemacht hat (so seine Tochter). Er hat wohl jahrelang die Abwertungen meiner Mutter und ihr Misstrauen gezielt verstärkt und das für sich auszunutzen versucht. Da ging es auch um ein kleines Vermögen, um das ich jetzt froh bin, denn damit kann ich nun die Pflege und eventuell das Pflegeheim für meine Mutter bezahlen, deren Rente wg früher Berufsunfähigkeit klein ist. Er wollte wohl eine Art "Rekompensation" für sich und seine Nachkommen nach all dem Leid, das meine Mutter ihm zugefügt hat.

    Meine Mutter ist nicht nur vom Alk, sondern war auch von ihrem Partner völlig abhängig. Und er wohl auch von ihr. Bevor er gestorben ist, hat er Dinge gemacht, die dazu geführt hätten, dass sie in seiner letzten Phase völlig die Orientierung verloren hätte. Ich bin sehr froh, das rechtzeitig bemerkt zu haben und dann, als er in die Finalphase kam, da war, um meine Mutter nicht ins Bodenlose fallen zu lassen, ohne jegliche Kontaktmöglichkeit nach aussen. So konnte ich Alarm schlagen und sowohl die Tochter des Partners wie auch die Behörden, die ich ja bereits zuvor Anfang des Jahres eingeschaltet hatte, informieren.

    Meine Mutter hat mir danach einmal gesagt, dass sie trotz aller Trauer nichts machen würde, um ihr Leben zu verkürzen (verrückt, dass ihr nicht klar ist, dass sie das mit dem Alk ja tut, aber das sieht sie nicht). Mir hat das gezeigt, dass es richtig war, was ich gemacht habe. So schwer es ist. Es ist eben nicht so, dass ich es "noch bereuen würde" wie mir der Partner meiner Mutter anfang des Jahres im Krankenhaus gedroht hatte, als er merkte, dass er die Kontrolle über meine Mutter verliert. Ich war froh, dass seine Tochter dieses Spiel nicht mitgespielt hat. Auch wenn sie selbst womöglich nicht aktiv eingegriffen hätte.

    So viel zur Frage von Opfer und Täter: das verschwimmt völlig in dieser Spirale aus Abhängigkeiten. Ich kann den Partner meiner Mutter nicht verurteilen. Allerdings hatte ich, als ich die Verstrickungen und seinen Part hierbei nach seinem Tod immer mehr durchschaute (meine Mutter hatte mich faktisch enterbt, was mir zunächst gar nicht klar war, weil ich es normal fand, dass ein Lebenspartner die Hälfte erben sollte. Aber andersherum war es eben nicht so), für kurze Zeit unbändigen Hass auf ihn, einen Hass, wie ich ihn nie zuvor verspürt habe. So gross war der, dass ich ihn hätte umbringen wollen! Zum Glück war er da ja bereits unter der Erde. Der Hass ist erstaunlicherweise nach einem Tag und einer schlaflosen Nacht wieder verschwunden. Ich glaube es war gut, diesen Hass zu spüren und bin froh, dass er schnell vorüberzog. Verurteilen kann ich den verstorbenen Partner meiner Mutter nicht, aber das stark idealisierte Bild, das ich zuvor von ihm hatte, hat ziemliche Kratzer bekommen.

    Auch das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die eigenen Grenzen zu wahren und sich Hilfe zu holen bzw. im Notfall auch ganz zu gehen, schon um nicht selbst gegenüber der ja nun hilfsbedürftigen Person übergriffig zu werden. Zu Beginn meiner Vorsorgtätigkeiten habe ich deutlich gespürt, dass hier ein grosses Gefahrenpotenzial lauert. Ich könnte deshalb auch nie selbst die Pflege meiner Mutter übernehmen.

    Liebe Grüsse Siri

    Ihr überweist eine Rechnung mehr, so sehe ich das.

    Ihre Erkrankung ist derzeit so weit fortgeschritten und sie ist alt genug selbst zu wissen, was sie tut. Außerdem

    würde sie in einen kalten Entzug kommen und das ist auch gefährlich. Sie will nicht aufhören zu trinken und leider

    ist da jeder, der ihr nahesteht, machtlos.

    Hallo Elly,

    vielen Dank für Deine Sicht. Es hilft etwas, sich klar zu machen, dass die Überweisung zu machen und den Alk zu besorgen, zwei Dinge sind. Dass ein kalter Entzug nicht vertretbar ist, ist auch ein wichtiger Punkt. Es würde trotz Notrufknopf mit Sensor zu lange dauern, bis jemand sie entdecken würde, würde sie in ein Delirium geraten.

    Ich werde also sicherstellen, dass der Nachschub nicht versiegt. Es ist ein riesen Mist. In einem entsprechend informierten Pflegeheim würde sie wohl auch dosiert Alkohol bekommen, eventuell im Wechsel mit alkoholfreiem Wein. Das habe ich irgendwo gelesen. Auf diese Weise hofft man, die schlimmsten Komplikationen der Leber zu vermeiden. Und die Leute merken es bei fortgeschrittener Demenz wohl auch gar nicht mehr, ob sie wirklich Alkohol bekommen. So weit ist es aber ja noch nicht. Manchmal weiss ich nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Am besten ist es, es gar nicht zu bewerten, einfach akzeptieren, dass es so ist. Ich kann ja nichts daran ändern. Und trotzdem macht es mich echt wütend, nun auch noch dafür sorgen zu müssen, dass die Alk-Rechnung überwiesen wird.

    LG Siri

    Ich stelle mir deine Situation sehr schwierig vor. Finde deine Herangehensweisen sehr gut. Leider kann man irgendwann nur noch akzeptieren. Das hast du scheinbar erkannt und machst das beste für dich daraus.

    Wünsche dir viel Kraft

    Danke Hope! Ja, es ist schwer. Zwar habe ich mittlerweile akzeptiert, dass es ist wie es ist, aber das mindert nicht die ganzen Befürchtungen, die Angst vor Verschlimmerung der Situation. Da hoffe ich auch mithilfe der Therapie Abstand zu gewinnen. Ich kann das ja leider nicht verhindern, wenn es so kommen sollte.

    Das wäre dann wohl völlige Akzeptanz, wenn diese Angst vor dem, was da noch kommen kann, weg wäre. Ich versuche es jetzt damit, mir zu sagen, dass ich die ganze Situtaion bisher ganz gut bewältigt habe (auch im Sinne meiner Mutter) und dass es keinen Grund dafür gibt, dass mir das in Zukunft mit der enstprechenden Hilfe nicht ebenso gelingen wird. Denn ich habe ja noch weitere Mittel an der Hand. Zur grössten Not, wenn die Demenz weiter voranschreitet oder sie die Möglichkeit weiter zuhause zu wohnen durch ihr Verhalten unterminiert (der Pflegedienst wegbricht, so wie bereits die Putzfrau), könnte ich das Betreuungsgericht einschalten zwecks Einweisung in ein Heim.

    Mein Mann hat berichtet, dass es ihr trotz der Schwäche relativ gut geht. Es ist verrückt, was so ein Körper trotz täglicher Giftzufuhr aushält.

    Apropos tägliche Giftzufuhr: meine Mutter hat meinem Mann von Schwierigkeiten mit dem Weinhändler berichtet. Sie hat wohl mehrfach die Rechnungen nicht rechtzeitig bezahlt. Wie würdet ihr damit umgehen, wenn sie darum bittet, diese Überweisungen zu machen? Alle anderen Rechnungen bezahle ja ich von ihrem Konto. Den Nachschub für ihre Sucht zu besorgen, das will ich aber nicht. Da komme ich in einen massiven Zwiespalt.

    Hallo liebe Forumsmitglieder,

    ich habe ein Frage: Kennt jemand die Selbsthilfegruppen der ACA (Erwachsene Kinder von Alkoholikern)?

    Sie sind nach dem Modell der Anonymen Alkoholiker aufgebaut, wenn ich das richtig sehe. Sie betonen, keine Sekte und weltanschaulich neutral zu sein. Allerdings ist mir die Sache nicht ganz geheuer, wenn ich von der "höheren Macht" lese, einer "Laundry List" "dem" Problem und "der" Lösung etc. Dennoch gibt es dort auch einiges, was mir durchaus hilfreich erscheint.

    Wie seht ihr dies? Hat jemand von Euch damit Erfahrungen?

    Wäre froh, hierüber mehr zu erfahren.

    Danke schonmal und liebe Grüße

    Siri

    Liebe Forum-Mitglieder,

    eine kurze Meldung von mir: ich bin in der letzten Zeit unendlich traurig, dass der Lebensweg meiner Mutter auf diese Weise enden wird. Vor kurzem am Telefon war ihre Stimme sehr sehr schwach. Das hat in mir den Impuls ausgelöst, gleich hinzufahren. Ich habe es nicht gemacht, denn ich kann und will hier nicht alles liegen und so meine eigenen Belange schleifen lassen. Aber das Telefonat hat mir deutlich gemacht, dass ich nicht möchte, dass meine Mutter alleine ist, wenn es tatsächlich zu Ende geht. Ich hoffe, dass ich diesen Moment nicht verpasse und dann bei ihr bin und natürlich hoffe ich auch, dass meiner Mutter das Schlimmste erspart wird.

    Zur Zeit tröstet es mich, hier die Geschichten der trockenen Alkoholiker zu lesen und derjenigen, die ernsthaft Trockenheit anstreben und jeden Tag daran arbeiten. Ich würde am liebsten allen zurufen, wie wichtig das ist! Es tut so weh, dass es meiner Mutter nicht gelungen ist, sich den Alkoholismus einzugestehen und der Sucht zu stellen. Auch jetzt, wo sie extrem abbaut und ihr das auch bewusst ist, schiebt sie alles auf ihre MS. Ich halte nicht mehr dagegen, sondern versuche ihr im Leid so gut es geht beizustehen, ihr am Telefon ein wenig Trost zu geben. Der Pflegedienst hat gesagt, dass meine Mutter den Lebensmut verloren hat und auch sie hat angedeutet, nicht mehr leben zu wollen.

    Mein Mann wird meine Mutter auf dem Rückweg einer Reise kurz besuchen, da noch Papiere für die Steuer fehlen, die ich erledige. Es hilft mir zu wissen, dass er morgen kurz bei ihr ist und schauen kann, wie es ihr geht.

    Viele liebe Grüße

    Siri

    Hallo Lusi,

    danke Dir für Deine Informationen zu den Eckpunkten Deiner Familiensituation. Mir fällt auf, dass diese auf die rein äusseren Fakten bezogen sind. Ich lese heraus, dass Du ein enges Verhältnis zu Deiner Mutter hattest. Du schreibst, Ihr habt bis vor kurzem jeden Tag zumindest geschrieben. Das macht es natürlich nicht leichter.

    Umso wichtiger, dass Du Dir professionelle psychologische Unterstützung suchst.

    Aus eigener Erfahrung mit einer früheren Therapie kann ich sagen, dass das sehr gut helfen kann. Damals war es ungewohnt für mich, über mich und meine Emotionen zu sprechen, aber das hat sich recht schnell gelegt. Ich war bei der ersten Therapie auch um die 30 (bin mittlerweile Mitte 50). Jetzt wo die Auswirkungen der Alkoholkrankheit immer schlimmer werden und meine Mutter am Ende ihres Weges ist, fiel es mir dennoch schwer, nochmals eine zweite Therapie in Angriff zu nehmen. Es ist ja auch nicht so leicht einen geeigneten Therapieplatz zu finden. Vielleicht kann Dir Dein Hausarzt/ärztin dabei helfen? Solche Erlebnisse und die damit verbundenen seelischen Belastungen sind nicht zu unterschätzen, das hat mir meine Ärztin jedenfalls nochmal mit Nachdruck gesagt und wie auch der Krisendienst zu einer Therapie geraten. Sie hat mir dann noch weitere Anlaufstellen genannt, wie man baldmöglichst an einen Therapieplatz kommt. Gerade bei solch schwerwiegenden Ereignissen, ist es wichtig, dass man nicht zu lange damit allein ist.

    Alles Gute für Dich!
    Siri

    Lieber Whitewolf,

    vielen Dank für Deinen Beitrag, der mir meine co-abhängigen Verhaltensmuster aufzeigt. Ich habe zwar beim Schreiben und mehrmaligen Revidieren in Lusis Faden irgendwie bemerkt, wie schwierig es ist, etwas möglichst Hilfreiches zu Lusis Situation zu sagen, bei so wenig Information. Aber wirklich bewusst war es mir nicht. Die Gefahr ist dann ja, wenn die Tipps so gar nicht passen und Lusi zum Beispiel noch mit der Mutter zusammenwohnt, dass es als übergriffig empfunden wird. Zumindest ist es dann wenig hilfreich, was man so schreibt.

    Danke dafür!

    Liebe Grüsse Siri

    Hallo JJ,

    leider ist es so, wie Elly und Lanananana sagen: wenn der Alkoholkranke selbst nichts ändern und sich nicht helfen lassen will, kann man nichts ausrichten. Jedes Hilfsangebot, jede Unterstützung verläuft dann ins Leere. Das ist für die Angehörigen unendlich traurig, zermürbend und schwer zu verarbeiten. Gut, dass Du hierher gefunden hast, denn hier kannst Du für Dich selbst Unterstützung finden, um Deinen eigenen Weg zu gehen.

    Viel Kraft und einen guten Austausch hier im Forum wünsche ich Dir!
    Siri

    Hallo Lusi,

    wie gut, dass Du eine Beratungsstelle gefunden hast, die hilfreich für Dich ist und die Du immer wieder aufsuchen kannst. Die Verwirrtheit, die sehr eigene Sichtweise und die Unmöglichkeit, ein Gespräch zu führen, das kenne ich leider auch. Es ist frustrierend und ich habe es mittlerweile aufgegeben, das zu versuchen.

    Meine Erfahrung mit regelmässigen Gesprächen beim Krisendienst war und ist sehr gut. Das gibt mir Halt. Auch die Empathie, die mir beim Krisendienst entgegengebracht wird, hilft mir sehr – die Möglichkeit von Angesicht zu Angesicht zu sprechen und die aufkommenden Gefühle mit jemandem zu teilen. Das entgegengebrachte Verständnis und die Erfahrung, dass ich nicht allein bin, helfen. Ich habe kommende Woche ein Erstgespräch bei einer Psychologin und hoffe dann bald einen Therapieplatz zu bekommen. Auch wenn ich meine Mutter aufgrund der großen Entfernung nicht dauernd sehe, sind die Bilder von den Besuchen und die Eindrücke von den Telefongesprächen schwer zu verarbeiten. Und das obwohl meine Mutter durch einen Pflegedienst versorgt wird und es im Moment (noch) nicht ganz so dramatisch ist wie die Situation Deiner Mutter.

    Es ist schlimm, die eigene Mutter auf so einem Weg sehen zu müssen und in solch einer Situation darf man jede Hilfe, die es gibt, in Anspruch nehmen. Vielleicht gibt es einen sozialpsychiatrischen Dienst, den Du einschalten kannst, so dass nicht Du Dich um Deine Mutter kümmern musst und jemand bei Deiner Mutter ab und an vorbeischaut bzw. die Situation im Blick hat?

    Ich wünsche Dir viel Kraft und dass Du vor allem Sorge zu Dir selbst trägst und schaust, was Dir gut tut!

    Viele liebe Grüße, Siri

    Hallo Lusi,

    wie geht es Dir mittlerweile? Hast Du in Deiner schwierigen Situation Hilfe und Unterstützung gefunden? Ich hoffe es sehr für Dich. Es ist so wichtig, nicht allein mit dieser unendlich traurigen und erschütternden Situation zu sein. Du selbst kannst Deiner Mutter ja leider nicht helfen, solange sie nicht selbst vom Alkohol wegkommen will. Diese Erkenntnis ist so bitter und traurig, in letzter Konsequenz heisst es ja, dass dieser Mensch alles ausser dem Alkohol aufgegeben hat, sowohl Familie und Freunde wie auch das eigene Leben.

    Wichtig ist, dass Du Dir immer wieder deutlich machst, dass Du nichts dafür kannst und Dich keine Schuld trifft! Mir hilft auch zu wissen, dass alle meine Gefühle und Empfindungen, auch wenn sie widersprüchlich und verwirrend sind, eine Berechtigung haben. Sowohl die Trauer um meine Mutter, wie auch die Wut auf sie. Sehr hilfreich sind für mich Gespräche beim Krisendienst. Sie helfen gegen die Ohnmacht und die Gefühle von Sinn- und Hoffnungslosigkeit, die so eine Katastrophe auslösen kann. Vielleicht gibt es den ja auch in Deiner Nähe? Man kann dort auch über mehrere Wochen hinweg immer wieder hingehen, sich mit derselben Perspn verabreden, solange bis man zB einen Therapieplatz gefunden hat. Man muss das alles nicht allein durchstehen.

    Viele liebe Grüße

    Siri

    Liebe Madeleine,

    hab vielen Dank für Deine Zeilen. Es ist interessant, dass Du dieses Gefühl auch so gut kennst.

    Wie Dein Vater hat meine Mutter immer die Opfer betont, die sie für mich erbringen musste. Dabei hat sie sich selbst unglaublich heroisiert und als starke Alleinerziehende dargestellt, die ohne Hilfe zurecht kommt. Sie ist also nie in Selbstmitleid verfallen und achtet auch heute noch darauf, nicht als schwach dazustehen. Dies führt jetzt oft zu gefährlichen Situationen, wenn sie zB partout die Treppe selbst gehen will, statt den Treppenlift zu nehmen, und dann wieder einmal stürzt. Sie ist immer schon gerne Risiken eingegangen (zum Beispiel beim Autofahren) und hat sich dann über mich lustig gemacht, wenn mich dies in Angst versetzt hat.

    Wenn ich es recht bedenke, ging es auch nicht allein um die schönen Dinge, die mir madig gemacht wurden, sondern um jegliche Form von Autonomie, die ich mir durch eigene Aktivitäten erlaubt habe. Nach schönen Erlebnissen war das ungute Gefühl nur besonders krass. Meine Mutter war und ist sehr kontrollierend, weshalb ich ihr auch nichts Privates mehr von mir erzähle. Damit wurde die Beziehung zwar vollkommen unpersönlich, was ja eigentlich traurig ist, aber für mich ist es als Selbstschutz wichtig und es funktioniert auch einigermaßen.

    Ich habe gerade ein wenig in Deinem Thread gelesen und mich gefragt, ob das "dickere Fell" Deiner Brüder von hierher rühren könnte, dass sie einfach keine persönliche Beziehung mit Deinem Vater eingehen? Zudem sind ja auch die Erwartungen an Töchter andere als an Söhne. Vielleicht hat es auch damit etwas zu tun?

    Jedenfalls ist es für mich gerade hilfreich und befreiend, all diese negativen Gefühle, die mir aufgebürdet wurden und werden, zu erkennen und weit von sich weg zu weisen. Auch die Gefühle der Wut, die Du in Deinem Threat beschrieben hast, finde ich, wenn ich sie mal habe, was selten ist, sehr hilfreich. Sie zeigen einem ja, wie viel Kraft in einem steckt und können in positive Ernergie für einen selbst verwandelt werden und bei der Abgrenzung helfen.

    Hab nochmals vielen Dank und auch Dir weiterhin viel Kraft für Dich und Deine Lieben.

    Liebe Grüße Siri

    Liebe Forumsmitglieder,

    ich wollte hier einmal einen kleinen Zwischenstand geben. Seit Freitag bin ich nun wieder zu Hause.

    Mir geht es soweit gut. Nach der Reise war ich am Freitag Abend und Samstag erst einmal völlig erledigt, doch am Sonntag sind mein Mann und ich zum Wandern ins Grüne gefahren. :) Das tat unheimlich gut und ich bin froh, dass ich mir den Ausflug trotz allem und sogar ganz ohne schlechtes Gewissen erlaubt habe. Das ist neu für mich. Ich erkläre mir die Schwierigkeit mir selbst etwas zu gönnen damit, dass ich als Kind nie wusste, wie es war, wenn ich von irgendeiner Aktivität nach Hause kam. Meist fühlte es sich bedrohlich an und dieses Gefühl einer unbestimmten Bedrohung hat mich eigentlich mein ganzes bisheriges Leben lang begleitet, mal in mehr und mal in minder schwerer Form. Allerdings habe ich es bislang nicht auf meine Kindheitserfahrungen bezogen, sondern damit erklärt, dass zu Haus ja so viel Unerledigtes wartet, dass ich also eigentlich gar keine Zeit für solche Aktivitäten habe. Bei den Aufenthalten bei meiner Mutter wurde deutlich, dass sich das grummelige Gefühl vor allem nach freudvollen Aktivitäten meldet (Telefonat mit Freundin, Spaziergang/Cafebesuch mit meinem Mann). Auch nach Freude über schulische und später berufliche Erfolge beschlich es mich, wie ich mich nun erinnere. Als hätte ich etwas Verbotenes getan, weshalb ich mich auch nie über solche Erfolge freuen konnte. Kennt das jemand von den EKAs hier?

    Ich merke, dass ich mehr Energie habe und der Welt gegenüber aufgeschlossener, positiver bzw. irgendwie offener eingestellt bin als vor der Konfrontation mit der Lebenssituation meiner Mutter, auch wenn ich nach wie vor oft von Unsicherheit geplagt bin. Ich bemühe mich jetzt intensiv um einen Therapieplatz.

    Wenn ich an meine Mutter denke, macht mich das traurig, aber der Schmerz überwältigt mich nicht mehr. Ich versuche das Bild meiner Mutter wie sie in sich zusammengesunken, völlig teilnahmslos in der Küche oder vor dem Fernseher sitzt, durch Bilder des sehr freundlichen Personals des ambulanten Pflegedienstes zu vertreiben, der sich sehr professionell und empathisch um meine Mutter kümmert. Auf diese Weise kommt so etwas wie Leben zu meiner Mutter. Dafür bin ich sehr dankbar. Es hilft mir, dass die Sorgen nicht überhand nehmen.

    Liebe Grüße Siri

    Ironischerweise ist das sogar genau der Grund, warum mir in meinem direkten Umfeld eher von einem Kontaktabbruch abgeraten wurde. Auch wenn mein Vater meint, dass ich mir das habe alles nur einreden lassen...

    Genau darum geht es und damit beschäftige ich mich auch gerade ganz intensiv. Und ich merke, dass ich momentan überhaupt keine Lust habe meinen Vater zu sehen oder auch nur mit ihm zu telefonieren. Allein der Gedanke ihn wieder im elendem Zustand zu erleben, macht mir unheimliche Angst. Ich weiß noch nicht, ob es nur heute so ist oder auch morgen oder für immer. Das ist auch in Ordnung, macht es mir gegenüber meinem Vater aber auch so schwierig für klare Verhältnisse zu sorgen.

    Liebe Jada,

    ich möchte Dich bestärken, wie Du selbst schreibst: es ist völlig in Ordnung, nicht zu wissen, ob ein Kontaktabbruch auf Dauer sein muss oder nur vorübergehend. Das musst Du ja auch nicht ein für alle Mal entscheiden. Es zählt ja doch, was Du jetzt fühlst und dass Du danach handeln darfst, wenn Dir jetzt danach ist. Das ist Dein gutes Recht. Und wenn es irgendwann einmal anders sein sollte und Du den Kontakt wieder aufnehmen möchtest, ist auch das möglich. Es muss nicht ein für alle Mal alles geklärt sein, auch wenn ich Deinen Wunsch nach solch einer Klärung sehr gut nachvollziehen kann. Ich glaube allerdings, dass eine Klärung mit Deinem Vater (zumindest jetzt) nicht möglich ist. Das macht es so schwer.

    Genau dieses Gefühl, dass meine Bemühungen für klare Verhältnisse zu sorgen, mich zu erklären und um Rücksichtnahme zu bitten, immer wieder ins Leere laufen, kenne ich allzu gut. Das Bedürfnis nach Klärung mit meiner Mutter war jahrzehntelang fürchterlich zermürbend und hat mich zwischen Gefühlen der Wut, Trauer und Verzweiflung gehalten. Auch meine Mutter hat immer geleugnet, dass sie Alkoholikerin ist.

    Das Zermürbungsgefühl ist auch während des jahrelangen Kontaktabbruchs nicht ganz verschwunden, aber in den Hintergrund getreten. Erst hierdurch konnte ich mich langsam von den Angriffen meiner Mutter (und später auch ihres neuen Partners) erholen und merken wie es ist, nicht dauernd in Hab-acht-Stellung und im Verteidigungs- und Rechtfertigungsmodus zu sein. Auch nach all den Jahren gibt es in Sachen Selbstfürsorge für mich noch viel zu lernen. Es geht alles leider nur unendlich langsam voran und ich bin oft von Trauer erfüllt, dass es so ist, denn es sind zum Beispiel auch viele berufliche Chancen verstrichen, weil ich zu wenig Kraft hatte. Doch mich überhaupt auf diesen Weg zu machen, wäre mir ohne den Kontaktabbruch und therapeutische Hilfe nicht gelungen. Ein ganz wichtiger Schritt für mich war es zu verinnerlichen, dass ich mich für meine Bedürfnisse nicht rechtfertigen muss.

    Im Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter war es eigentlich nie möglich, irgendetwas zu klären, da sie meine Wahrnehmungen systematisch infrage gestellt hat, wenn sie ihr nicht gepasst haben (verbunden mit Erniedrigungen, Abwertungen, Beschimpfungen). Es war sehr manipulativ und für mich lange sehr schwer (als Kind ja sogar unmöglich), das zu sehen und von mir zu weisen, zumal es auch sehr subtil daherkommen konnte.

    Erst jetzt, wo ich selbst nicht mehr auf eine Klärung mit ihr hoffe, sondern für mich feststeht, dass meine Sicht der Dinge ihre Berechtigung hat, ist eine solche Klärung (für mich selber) eingetreten. Meine Mutter, mit der ich seit einem halben Jahr wieder Kontakt habe, würde meine Sicht allerdings nach wie vor zu unterminieren versuchen, wenn ich mit ihr darüber sprechen wollte. Das ficht mich aber jetzt nicht mehr an und ich beende jegliche Versuche ihrerseits, solche Themen anzusprechen. Über diese Klarheit und Konsequenz bin ich selbst erstaunt. Beim letzten wieder sehr kräftezehrenden Besuch bei ihr ist es mir das erstemal so konsequent gelungen, bei mir selbst zu bleiben. Zwar sind die Sorgen um meine Mutter nicht aus der Welt, aber (auch mithilfe des Zuspruchs und der vielen Erfahrungsberichte hier im Forum) ist mir jetzt klar, dass nur sie selbst es in der Hand hat, ihren völligen Absturz in die Verwahrlosung zu verhindern bzw. abzumildern.

    Ich möchte Dir Mut machen, wirklich genau auf die eigene Wahrnehmung und die eigenen Bedürfnisse zu achten und ohne schlechtes Gewissen, den Kontakt abzubrechen, wenn er Dir jetzt nicht guttut und Dich in Deinem Leben hindert. Du hast ein Recht auf ein eigenes Leben, Erfüllung und Glück und niemand darf verlangen, dass Du es opferst. Für den Zustand Deines Vaters trägst Du keinerlei Verantwortung.

    Liebe Grüße Siri

    Liebe Lütte, liebe Lanananana, liebe Lea,

    habt vielen Dank für Eure Worte, die so gut tun! Auch zu wissen, dass jemand an mich denkt, der nachvollziehen kann, wie es mir geht, tut gut.

    Mir gelingt es einigermaßen, die Angriffe meiner Mutter ins Leere laufen zu lassen und meinen Aufgaben hier nachzukommen. Aber ich bin nach nur 1,5 Tagen bei ihr trotzdem tot müde und sehr vergesslich und muss alles aufschreiben, um es zu strukturieren. Ich erkläre mir das durch die enorme Anspannung vor der Fahrt und gestern, dem Immer-auf-der-Hut-sein-müssen Modus, der noch aus meiner Kindheit ist und wieder angesprungen ist. Gesundheitlich ist das nicht gut für mich, es ist zu viel Aufruhr im Nervensystem. Wir werden deshalb morgen bereits früh und nicht erst am Nachmittag wieder nach Hause fahren. Je kürzer so ein Besuch ist, umso besser.

    Das wichtigste konnten wir erledigen. Medicproof war zu Begutachtung da und ich habe nun eine Generalvollmacht. Mal sehen, ob meine Mutter sie dann auch tatsächlich gewährt und nicht vernichtet, was sie wohl darf wie der Notar betont hat. Wenn sie das tut, greift das Betreuungsgericht. Dort muss die Vollmacht vorliegen, ansonsten wird wohl ein gesetzlicher Betreuer bestellt.

    Die Angriffe und subtilen Bosheiten kommen nun vor allem dann, wenn meine Mutter selbst merkt, dass sie etwas nicht mehr versteht oder sich selbst eingestehen muss, den Überblick verloren zu haben. Sie reagiert dann mit Aggression gegen mich. Manchmal schreit sie auch verzweifelt. Das war bereits in meiner Kindheit so. Es fühlt sich leider vertraut an. Aber jetzt merke ich ganz deutlich, dass es nichts mit mir zu tun hat, auch wenn sie das suggeriert. Es hilft mir, das immer mehr zu verinnerlichen und die Glaubensgrundsätze meiner Mutter nicht mehr auf mich zu beziehen. Tatsächlich tun die Bosheiten auch nicht mehr weh und verursachen keine komischen Gefühle mehr. Sie schafft es nicht mehr, mich zu verletzen und darüber bin ich gerade sehr erleichtert. Sie reagiert jetzt auch anders, stoppt ihre Angriffe, wenn sie merkt, dass es mich nicht trifft und meint dann, sie wolle keinen Streit. Ich sage dann eine Floskel, wie "na dann ist es ja gut", oder ähnliches – immer mit einer ruhigen aufmunternden Stimme, die ich mir bereits letztes Mal von der Pflegerin des Pflegedienstes abgeschaut habe.

    Meine Übelkeit, die vor und während der Reise enorm war, ist heute nun völlig weg. Mal sehen, wie sich das bei der Rückreise entwickelt. Ich habe seit meiner Kindheit mit häufiger Übelkeit und starken chronischen Schmerzproblematiken zu tun. Es hat lange gedauert, zu verstehen, dass das kein normaler Zustand ist. Zuvor habe ich es immer auf besonders stressige Phasen im Beruf bezogen oder davor als Lampenfieber vor Prüfungen etc. interpretiert.

    Sehr deutlich merke ich nun auch, wann meine Mutter Suchtdruck hat. Da sie die eiserne Regel hat, erst beim Abendessen zu trinken, ist es für sie schwer, wenn sich hier etwas verzögert. Ebenso, wenn die nötige Menge nicht unmittelbar greifbar ist und sie vor uns eine neue Flasche aufmachen muss. Vielleicht schämt sie sich ja dafür? Leider hat sie körperlich und geistig weiter sehr abgebaut. Es ist erschreckend und sehr traurig wie schnell das geht.

    Erschöpfte Grüße

    Siri