Beiträge von Siri

    Wenn sonst das Wort LoL im Alltag genutzt wird, bezieht es sich dann auch auf diese Sendung? Das hört man ja doch öfter mal als Kommentar, oft mit einem seufzenden Unterton: LoL.

    Vom Tonfall her habe ich da bisher auf eine Mischung von Fatalismus und freundlicher Anteilnahme geschlossen und nicht auf unwiderstehliche Komik.

    Sehr rätselhaft.

    Tatsächlich hatte ich in letzter Zeit öfter Mal wehmütig an die Rouladen gedacht, die eine Freundin nach polnischem Rezept vor Jahren gemacht hatte, und dann immer Abstand genommen, weil sich der Aufwand für zwei Personen nicht wirklich lohnt und wir zur Zeit nicht so in Feierlaune für größere Runden sind.

    Die Idee, einen Teil einfach einzufrieren ist super.

    Im Moment sind noch gefrorene Beeren von der sommerlichen Eisproduktion in unserem Fach, aber die kann man ja auch für rote Grütze verwenden, um Platz zu haben ....und dann...

    Wir haben aus ökologischen Gründen (Stromverbrauch) vor 10 Jahren einen Kühlschrank mit sehr kleinem Eisfach gekauft. Früher hatten wir kaum eingeforen. Mittlerweile habe ich es aber doch schon öfter bereut, weil sich unsere Gewohnheiten geändert haben. Der nächste Kühlschrank wird wieder ein größeres Eisfach haben.

    Durch die Pandemie hat sich in unserem Haushalt das Einkaufsverhalten völlig verändert: statt jeden zweiten Tag etwas einzukaufen, kaufen wir mit ungefährem Essensplan nur noch einmal die Woche ein. Und dennoch hatte ich nach dem EInkauf gestern die irrationale Sorge, dass uns was fehlen könnte über die langen Feiertage, nur weil die Geschäfte nicht wie gewohnt auf sein werden bis Mittwoch. Völlig absurd!

    Liebe Lea,

    danke Dir sehr für Deine stärkenden Zeilen. Besonders dieser Satz macht mir Mut:

    Heute ist da noch ein leiser Schmerz, aber der Trauerprozess hat mich auch von ganz vielen Schuldgefühlen befreit.

    In Bezug auf meine Mutter plagen mich Schuldgefühle zum Glück nicht mehr. Den Übergriff des Pflegedienstes konnte ich gedanklich von mir weisen. Aber es tut dennoch sehr gut und hilft mir sehr, hierin von Dir bestärkt zu werden. Hab vielen Dank dafür! :)

    Wichtig ist für mich jetzt, mich nicht vom Mitgefühl für meine Mutter hinreissen zu lassen. Denn das birgt die Gefahr, dass ich mich selbst verliere und auch meiner Mutter hilft es nicht.

    Jetzt, wo sie die Kontrolle über sich zunehmend verliert, wird mir auch mithilfe des Buches von Lawson klar, wie sehr sie selbst gelitten haben muß in frühester Kindheit. Das Problem ist, dass ich ihr aber nicht helfen kann. Das liegt zum einen sicher in ihrer eigenen inneren Struktur begründet, zum andern bin ich aber auch die falsche Person, da zu sehr verstrickt und deshalb nicht neutral.

    Meine Mutter wehrt alle Hilfe ab bzw. akzeptiert sie nur, wenn sie den Eindruck hat, die Leute manipulieren und kontrollieren zu können. Mich bringt das auf die Palme, aber es hat auch etwas Gutes: Denn dann kann sie die Aufmerksamkeit genießen, auch die von den Ärzten, zu denen sie eigentlich keinesfalls gehen wollte. Sie ist da wie ein kleines Kind. Sie saugt die ärztliche Fürsorge auf wie ein Schwamm, nachdem sie denselben Arzt zuvor verdammt und als völlig inkompetent dargestellt hat und keinesfalls hinwollte. Ich merke bei den Telefonaten nach so einem Arztbesuch, wie sie auflebt und wie gut es ihr tut, dort nach einem Sturz versorgt worden zu sein. Ein Pflegeheim mit festen für sie vorhersehbaren Strukturen und einer Bezugspflegeperson, die ihr Mitgefühl entgegenbringt, nichts erwartet und sie annimmt, wie sie ist, wäre das beste für sie. Sie hätte es verdient am Ende ihres Lebens zu erfahren, dass sie einfach sein darf und nicht verurteilt wird. Es macht mich traurig, dass ich ihr dies nicht geben kann, auch wenn es keine Schuldgefühle mehr in mir hervorruft. Aber ich schaffe das einfach nicht, es berührt (noch?) zu viele Verletzungen in mir und die Aggressionen, die ich ihr gegenüber verspüre und die für mich richtig und hilfreich sind, hat sie nicht verdient. Die Distanz zu meiner Mutter ist für mich ein Selbstschutz, sie schützt aber auch meine Mutter.

    Sie selbst hat mir im Sommer bei einem Besuch einmal wie ein kleines Kind an den Kopf geworfen, dass sie selbst halt böse sei. Ich habe erschrocken reagiert, wie sie darauf komme und erklärt, dass mich ihr Verhalten geärgert habe, aber sie deshalb doch nicht für böse halte. Meine Mutter ist tief im Innern davon überzeugt, eine böse Person zu sein. Es ist unendlich traurig, das zu sehen. Es tut so weh, die eigene Mutter so zu sehen und zu verstehen, dass sie mich verdammt hat, weil sie verdammt und ausgeschlossen wurde und anders als ich wohl niemanden hatte, der sie aufgefangen hat. Meine Mutter ist immer voller Angst. Das sagt auch der Pflegedienst. Und wenn ich mich in ihre Nähe begebe, muss ich sehr aufpassen, dass diese Angst nicht auf mich übergreift. Die Kraft hierzu habe ich zur Zeit nicht.

    Liebe Grüße Siri

    Hallo liebes Forum,

    wieder einmal eine Nachricht von mir. Bei mir läuft es emotional gerade sehr durchwachsen. Ich lese zur Zeit ein Buch über die Borderline-Problematik (Christine Ann Lawson, Borderline-Mütter und ihre Kinder) und finde in vielen Aspekten meine Mutter, ihre Beziehung zu ihren wechselnden Liebhabern und meine Beziehung zu ihr darin wieder. Meinen Vater allerdings kann ich weiterhin nicht greifen. Ich habe aus der Kindheit keinerlei Erinnerung an ihn, zumindest keine, die von der negativen Sicht meiner Mutter und meiner heftigen Reaktion hierauf unberührt wäre.

    Ich sehe nun auch, warum ich selbst solch eine Störung nicht entwickelt habe: Ich hatte von frühester Kindheit an immer wieder und über viele Jahre kontinuierlich Bezugspersonen, die mir zur Seite standen und mir gezeigt haben, dass ich so wie ich bin, nicht nur in Ordnung, sondern sogar liebenswert bin. Ich empfinde hierfür große Dankbarkeit. Ich bin den Menschen aus dem Umfeld meiner Mutter unendlich dankbar, die mich als Baby und Kleinkind über Jahre kontinuierlich liebevoll umsorgt und meiner Mutter abgenommen haben. Ich bin meiner geliebten Grundschullehrerin dankbar, die mir die Tür zur Welt des Wissens eröffnet hat, meinen Lehrern am Gymnasium und einem Nachbarspaar, die mein Selbstvertrauen gestärkt haben, und nicht zuletzt einer Freundin meiner Mutter, die für mich in der Pubertät und auch später als junge Erwachsene da war. Aber auch fremde Menschen waren wichtig, die mich in sehr kritischen Situationen vor extremen Gewaltausbrüchen meiner Mutter geschützt haben und bei denen ich in höchster Not Zuflucht und Gehör fand.

    Es ist dennoch sehr schwer, sich mit all dem auseinanderzusetzen. Pro Tag schaffe ich höchstens ein Kapitel. Es ist gut, das alles durchzuarbeiten. Wichtig ist auch, dass mir durch die Lektüre deutlich wird, dass meine Ängste bezüglich meiner Mutter alle begründet sind. Es hilft mir dabei, mich keinerlei Illusionen hinzugeben. Es wäre ein großer Fehler meiner Mutter zu vertrauen. Es ist schwer und mit Trauer verbunden, das in solcher Klarheit zu sehen und akzeptieren zu müssen.

    Froh bin ich jetzt zu Weihnachten nicht zu meiner Mutter zu fahren. Beim Pflegedienst stieß meine Entscheidung auf Unverständnis zumal meine Mutter ja zur Zeit extrem abbaut und jede Woche mindestens einmal stürzt und deshalb immer wieder ins Krankenhaus, zum Notfallarzt muss.

    Aber es übersteigt meine Kräfte, diese Reise jetzt auf mich zu nehmen.

    Ich habe alle Hände voll zu tun und brauche meine Kraft, um für mich selbst zu sorgen und langsam wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen.

    Heute war ich in einem Konzert. Es war wunderschön und hat mir Hoffnung gegeben. So schwer es mir fällt, solche Inseln der Freude für mich zu organisieren: Ich bleibe dran und mache hierfür jetzt feste Termine. Ich benötige eine Struktur, um mich aus dem emotionalen Strudel aus Mitgefühl und existentieller Sorge um meine Mutter, Angst und Panik, Wut und ja, oft auch Hoffnungslosigkeit, zu befreien.

    Zur Hoffnungslosigkeit trägt wohl auch bei, dass ich seit einigen Wochen und wohl noch lange selbst krank bin und starke Schmerzen auszuhalten habe. Ich kann deshalb nicht arbeiten und es ist meine Arbeit, die mir sonst immer großen Halt gibt. Sobald ich Ängste entwickle, werden diese Schmerzen stärker und dann gesellt sich die Migräne und extreme Übelkeit dazu. Die Migräne, davon bin ich nun überzeugt, hat mir als Kind das Leben gerettet. Das klingt merkwürdig, weil sie ja mit so viel Leid verbunden ist, aber sie hat mich vor der Gewalt und Ausbeutung durch meine Mutter "geschützt". Sie hat mir einen Raum gegeben, der nur mir gehört hat und in dem ich mich selbst gespürt habe, so schmerzhaft dieser auch war. Dieser Zusammenhang wurde mir bei den Besuchen bei meiner Mutter deutlich und auch jetzt, wenn wieder einmal ein Anruf mit den neuesten Entwicklungen kommt.

    Ich bin sehr dankbar, all das hier niederschreiben zu können und zu wissen, dass es von Menschen gelesen wird, die es nachvollziehen können. Denn solche Erfahrungen machen einen ja auch einsam.

    LG Siri

    Wenn ich mich nicht mehr um sie kümmere und ihr was passiert bin ich ja schuld da ich bei der AOK als Pflegeperson angegeben bin. Ganz zu schweigen von den Vorwürfen die ich mir selber machen würde....

    Das sehe ich nicht so. Wenn Du Deine Aufgaben delegierst und einen professionellen Pflegedienst/Hauswirtschaft dafür nutzt, ist das definitiv nicht so, das nennt sich offiziell Kombipflege. Du könntest Dich dann auf das Zwischenmenschliche und die Admin und Orga konzentrieren. Auf jeden Fall würde Deine Mutter realisieren, wo sie steht und wie sehr sie auf Hilfe angewiesen ist.

    Auch für meine Mutter war es hart, fremde Hilfe zu akzeptieren und sie hat versucht es abzuwehren. Aber als klar war, dass ich nicht dafür zu haben bin (was ich niemals wollte und was ja auch gar nicht geht, da ich nicht vor Ort bin), hat sie es akzeptiert. Sie will jetzt einfach beim Pflegedienst Extrawürste. So lässt sie nur eine einzige Pflegerin die Körperpflege machen (der Chefin). Der Pflegedienst reagiert gut: wenn sie niemanden anderen will, bleibt sie halt mal eine Woche ungewaschen, wenn die Mitarbeiterin im Urlaub ist.

    All das ist hart, aber nicht anders lösbar, wenn keinerlei Einsicht da ist und wenn eine Woche jemand umsonst gekommen ist und übelst beschimpft wurde, der ihr bei der Körperpflege helfen wollte.

    Man kann Menschen nicht vor sich selbst retten.

    LG Siri

    Hallo Unfug,

    es tut mir sehr leid, dass Du Dir solche Sorgen machst.

    Wie wäre es, wenn Du die hauswirtschaftliche Hilfe an einen Pflegedienst delegierst, bzw. Deine Mutter dies tut? Du könntest Dich dann besser distanzieren und würdest nicht mehr alles aus allernächster Nähe mitbekommen. Du könntest Deiner Mutter sagen, dass Du mit der Situation nicht zu recht kommst. Dass die Versicherungen Deiner Mutter Dich ganz und gar nicht beruhigen und Du schlaflose Nächte hast wegen ihr. Tatsächlich ist die Belastung durch Pflege bereits ohne Alkoholimus enorm. Kommt auch noch Alkoholismus hinzu, riskiert man ja leicht selbst die eigene Gesundheit, vor allem wenn so überhaupt nicht absehbar ist, dass sich die Situtation zum Besseren wenden könnte.

    Die meisten können wahrscheinlich nachvollziehen, dass es nicht leicht ist, auf Hilfe von Fremden angewiesen zu sein. Aber wenn ich Dich so lese, kommt es mir so vor, als würde Deine Mutter Dich erpressen. In der Art wie: Ich will hier keine Fremden, Du musst mir helfen. Für mich wäre das nicht akzeptabel.

    Mir fällt dazu auch ein, dass sie nur selbst merkt, wie hilfebedürftig sie ist, wenn Du aufhörst, alles für sie zu tun und Dich abzugrenzen beginnst. Dann sieht sie eventuell selbst ein, dass es allein zu Hause nicht mehr geht.

    Alkoholismus allein ist ja leider kein Grund, jemanden in ein Heim einzuweisen. Wenn auch die anderen Erkrankungen Deiner Mutter dies nicht notwendig machen und sie sich tatsächlich noch weitgehend selbst versorgen kann, kannst Du leider nichts tun.

    LG Siri

    Hallo Unfug,

    Beratung für Dich oder für Deine Mutter?

    Du hattest geschrieben, dass Deine Mutter wegen einer Krankheit auf Pflege angewiesen ist. Was sagen die Leute, die Deine Mutter täglich versorgen, zu dieser Situation? Halten sie es für verantwortbar? Sie gefährdet im Bett liegend ja niemanden anderen.

    LG Siri

    Hallo Unfug,

    diese Angst, dass die Mutter verunglückt, kenne ich gut. Bei mir ist sie aber in der letzten Zeit viel weniger geworden und mittlerweile tritt an ihre Stelle oft Wut darüber, was meine Mutter mir so alles zumutet. Der Ärger und die Wut verfliegen aber auch immer wieder recht schnell. Ich weiß ja, dass meine Mutter krank ist und nicht anders handeln kann. Ich begrüße diese Ärger-Intermezzi mittlerweile, weil sie mir dabei helfen Distanz zu wahren.

    Die Sorge, dass meine Mutter verunglücken könnte, ist zwar berechtigt, aber ich weiß eben auch, dass ich es nicht verhindern kann. Würde es passieren, wäre es schlimm, doch versuche ich mir immer vor Augen zu halten, dass für meine Mutter der Umzug ins Pflegeheim sich noch schlimmer anfühlt. Ich suche mittlerweile einen Platz für sie. Dabei habe ich mich mit den Fachleuten eng abgesprochen (Hausärztin, Facharzt, Pflegedienst, gerontopsychiatrischer Dienst, Betreuungsgericht). Das entlastet nicht nur, sondern ich erhalte auch viele hilfreiche Tipps für mein Vorgehen, so dass zumindest eine Chance besteht, dass der Übergang in ein für sie gut geeignetes Heim gelingen kann.

    Vielleicht würde es Dir helfen, das Gespräch mit den Pflegern/Ärzten zu suchen und sie um eine Einschätzung der Situation Deiner Mutter zu bitten? Eventuell wäre es ja doch auch bald angezeigt, Deine Mutter in ein Heim einzuweisen? Fachleute können besser einschätzen, wann es so weit ist, dass ein Verbleib in der eigenen Wohnung unverantwortlich wäre. Und wenn dies tatsächlich von verschiedenen Seiten so festgestellt wird, weil sich zum Beispiel Stürze und Krankenhauseinweisungen häufen, dann ist eine Einweisung auch gegen den Willen der betroffenen Person möglich. Das ist ja auch bei Demenzkranken oft so: sie wollen unbedingt zu Hause bleiben, doch das Umfeld gerät an die Grenzen und schafft die Versorgung trotz ambulanter Pflege nicht mehr.

    LG Siri

    Liebe Lea,

    ganz <3 Dank für Deine Nachricht.

    Das ist wohl auch eine Folge meines Aneckens hier, glaube ich zumindest.

    Das hat mir geholfen die Emotionen, die ich aufgrund des eigenen Verhaltens habe, besser von denen zu unterscheiden, die ich wegen meiner Mutter habe und die mich von Kindheit an überfallen. Früher habe ich das alles immer auf mich bezogen. Das erste Mal wurde mir dieser Unterschied bei den komischen Gefühlen bewusst, die mich gepackt hatten, als ich bei unserem Pflegeaufenthalt bei meiner Mutter im Sommer mit meinem Mann nach einem schönen Cafebesuch zu meiner Mutter zurückkehrte. Da hatte ich ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle, weil ich mich mit meinem Mann erholen konnte und Freude hatte, während sie zu Hause leidet. Dass mir das bewusst wurde, hat mir geholfen, mich davon abzugrenzen.

    Vor kurzem überfiel mich tiefe Scham als ich einen Brief ihrer Hausärztin in meinem Briefkasten entdeckt habe. Ich habe den Brief ungelesen wieder zurückgelegt, weil ich gerade weggehen wollte. Als ich auf die Strasse trat, wurde mir schlagartig klar, dass das merkwürdige lähmende Gefühl, das mich bei der Entdeckung des Briefes überfallen hatte und sich wie ein Im-Gefängnis-sein anfühlt, Scham für meine Mutter war und die Sorge, dass meine Mutter abgelehnt und links liegen gelassen werden könnte. Und genau in diesem Moment ist das Gefühl existentieller Unsicherheit und Bodenlosigkeit dann auch verflogen und ich konnte meine Dinge wie geplant verfolgen. Es waren wohl die mit der sozialen Ausgrenzung und Stigmatisierung zusammenhängenden Gefühle, mit denen ich in meiner Kindheit konfrontiert war, die sich da wieder gemeldet haben.

    Den meine Mutter betreffenden Brief Brief sein lassen und die Lektüre des Berichts der Ärztin auf den Abend verschieben, das war plötzlich ganz einfach. Es kam Freude in mir auf, dass ich meinen Alltag habe bzw. mir diesen gerade wieder zurückerobere. Ich war mir sicher und wusste nun auch auf der emotionalen Ebene, dass das Verhalten und die mangelnde Gesundheitsvorsorge meiner Mutter alles Dinge sind, für die ich keinerlei Verantwortung trage und die nichts, aber auch gar nichts, mit mir zu tun haben.

    Der Hintergrund ist, dass mir die Ärztin meiner Mutter in einem Telefongespräch wenige Tage zuvor bildlich ausgemalt hatte, was passiert, wenn man die Leute zwangsweise in ein Heim einweisen müsse, wie "die dann zappeln", so hatte sie sich ausgedrückt und dass das für keinen der Beteiligten schön sei. Ich fand das nicht in Ordnung, dass sie das so plastisch und auch abfällig beschrieben hat, denn ich kann ja nichts dafür, falls es so kommen sollte. Es liegt nicht in meiner Macht, dass es meine Mutter vor dem völligen Zusammenbruch in ein Pflegeheim schafft.

    Ich bin gerade dabei für sie ein geeignetes Heim zu suchen. Aber ob das bei den langen Wartezeiten sozusagen noch rechtzeitig kommt, kann ich ja nicht gewährleisten, zumal meine Mutter eigentlich nicht in ein Heim will, auch wenn es jetzt äußere Gründe dafür gibt, dass sie nicht mehr dauerhaft im Haus wohnen bleiben kann.

    Dass es vielleicht eher nicht klappt mit einem geregelten Umzug in ein geeignetes und gutes Heim und einem Einzelzimmer wird immer wahrscheinlicher. Heute Nacht um 4 h hat mich ein Anruf erreicht, meine Mutter sei in der Notaufnahme. Sie hat den Notrufknopf wegen Stürzen in letzter Zeit häufiger in Anspruch nehmen müssen und diesmal wollte sie auch ins Krankenhaus. Es sei aber wohl zum Glück nichts Ernstes, Schwindel mit psychogener Ursache, wurde mir gesagt, leider erfahre ich nicht mehr. Meine Mutter wurde bereits wieder entlassen.

    Ich denke, es könnten tatsächlich Symptome von Entzugserscheinungen sein. Meine Mutter klang am Telefon in letzter Zeit immer erstaunlich klar. Ich werde ihr sagen, wie gefährlich ein unbegleiteter Entzug ist. Nach eigener Aussage hat sie die Alkoholmenge stark reduziert. Sie will wohl einen klaren Kopf haben jetzt, wo Veränderungen unausweichlich werden. Das wäre ja einerseits gut, andereseits kann es aber eben auch gefährlich sein. Ich jedenfalls kann die perfekte Lösung und auch ihre gesundheitliche Sicherheit nicht garantieren. Ich hoffe einfach, dass meine Umsicht und eine kräftige Portion Glück zusammenwirken, so dass meine Mutter es gut schafft.

    Ich war erstaunlich ruhig als der heutige Anruf kam und es gelingt mir gut, mich abzugrenzen. Aufgrund der Verantwortung, die ich mit der Vorsorgevollmacht für meine Mutter übernommen habe, weiß ich, dass ein "stationäres Setting" (O-Ton ihrer Hausärztin) das beste und jetzt auch angezeigt wäre. Das versuche ich in bestmöglichem Einvernehmen mit meiner Mutter zu erreichen. Falls das trotz aller Bemühungen nicht gelingen sollte, weiß ich jedenfalls, dass ich mein Bestes gegeben habe.

    Nochmals vielen Dank, Lea.

    Liebe Grüße Siri