Beiträge von Unvergoren

    Da wird der Alkoholismus letztlich als als ein Begleitumstand und Ausdruck des kreativen Schaffens, das eben vom Leiden gekennzeichnet sein muss, betrachtet. Ich erwähne das, weil ich denke, in jedem Milieu gibt es eigene Codes und Rechtfertigungsstrategien für Alkoholismus.

    Es ist ein Mythos. Ein Gläschen kann künstlerische Leistungen beflügeln, ein Dauersuff sicher nicht mehr. Ich bin Hobbykünstlerin und habe die letzten Jahre im Suff dann wirklich nichts Gescheites mehr zusammengebracht. Mein Spiegeltrinker Freund ist auch Künstler und Hobbymusiker. Er nimmt oft besoffen einen Song auf und ruft mich an und schildert mit leicht lallender Begeisterung, was er gerade für ein monumentales Werk aufgenommen hat. Am nächsten Tag höre ich dann von ihm, dass es nüchtern leider Scheiße klingt und er die Aufnahme neu machen muss...

    Sind Deine Freunde bekennende Alkoholiker? Du hattest irgendwo am Anfang Deines Threads geschrieben, dass Du "vielleicht" die Einzige bist in Deinem Umfeld, die Alkoholikerin ist. Meintest Du da die einzige "bekennende" Alkoholikerin oder auf das weibliche Geschlecht bezogen?

    So, wie Du die Begegnung mit Deinen Freunden beschreibst, distanzierst Du Dich von Ihnen, grenzt Dich innerlich von Ihnen ab. Die Frage ist, ob Du Dich stark genug fühlst, diese Spannung und Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten, ohne dass Dich der Alkohol eventuell als Verbrüderungsmaßnahme wieder einholt.

    Beide sind sicher nicht bekennende Alkoholiker. Aber es ist für mich ganz offensichtlich, dass sie es sind. Ihr ganzes Leben ist vom Wein und Bier bestimmt. Du hast recht, ich dachte nur an die Damen im Bekanntenkreis. Da fällt mir keine einzige ein, die ich als Alkoholikerin einstufen würde. Aber diese gemäßigten Bekannten sind für mich eigentlich gefährdender, denn sie trinken kleine Gläschen "zum Essen" und werden nicht verhaltensauffällig. Sie verkörpern das sozial normale, kulturelle des Weintrinkens. In solch einer Runde bin ich ein bisschen neidig, aber....hallo. Meine Leberwerte haben für sich gesprochen, mein Zustand war desaströs und ich war Sonntag morgens besoffen am Fahrrad bei der Tankstelle ums Eck Nachschub kaufen. Es ist mir ganz klar, dass das kulturell verklärte, feine kleine Gläschen zum Essen irgendwann wieder so enden würde. Pfui, abstoßend. Ich war noch abhängiger als meine beiden Spiegeltrinker Freunde! Der eine schafft es zu mindestens die Fastenzeit nichts zu trinken, der andere bleibt immerhin bei der gleichen Menge Bier und sauft nicht von Tag zu Tag mehr, wie ich. Wie viele Weinberge habe ich schon ausgetrunken? Wahrscheinlich ein ganzes Weingebiet! Das reicht für ein ganzes Leben, also kann jetzt auch getrost für immer Schluss sein.

    Unvergoren Ich finde es mutig, dass Du Dich mit solchen Situationen konfrontierst, stelle es mir aber auch ganz schön anstrengend vor. Aber vielleicht tut ja die Auseindersetzung gut, um sich selbst zu überprüfen und zu positionieren?

    Meine 2 besten Freunde sind Alkoholiker. Also sehe ich sie immer noch. Aber ehrlich gesagt halten sie mir nur einen bedauerlichen Spiegel vor. Der eine jammert jedes mal, dass er wieder furchtbar verkatert ist. (Bin ich froh dass ich diese Zustände nicht mehr habe!) Es fallen mir bei ihm nun Dinge auf, die ich früher nie gemerkt habe. Glasige Augen, Fahne, leichtes Lallen... Der zweite wird total aggressiv wenn im Restaurant das Bier nicht schnell genug serviert wird. Er zappelt unruhig auf seinem Sessel herum. Am liebsten hätte er es in Mikrosekunden auf den Tisch gebeamt... Nichts von diesem Verhalten ist für mich in irgend einer Weise anturnend. Wer will schon so sein müssen?

    Man erinnere sich, dass Rauchen und Saufen im 19ten Jahrhundert als emanzipatorischer Akt der Befreiung galt.... Ich hoffe dieser Emanzipationsgedanke ist mittlerweile aus den Frauenköpfen draußen. Aber leider hat mir google gerade einen neuen Artikel mit dem Titel "Alkohol: warum das Trinken zur Gleichberechtigung gehört" ausgespuckt. Ach herrje....

    dass ich keinen eindeutigen Unterschied von Menschen mit und ohne (bekannten oder mutmaßlichem) Alkoholproblem in der Reaktion auf mich als Abstinenzler entdecken kann.

    ach so war das gemeint! also bei mir ist schon ein Unterschied. Die, die wenig trinken, reagieren auf mein unerwünschtes outing sprachlos. Das ist zu sehr von ihrer Welt entfernt. Meine Alkiefreunde jedoch sind beeindruckt, aber sagen dann auch wieder so Sachen wie: naja irgendwann wirst du doch dann sicher wieder normal trinken können.... Sie haben alle nicht eingesehen, dass das Suchtgedächnis eine Realität ist und der angestrebte Pegel auch nach einer noch so langen Pause erhalten bleibt. Obwohl man das eigentlich weiss. Es ist kein Geheimnis. Einer hat sogar gemeint was ich mache sei immer so radikal. Zuerst radikal viel saufen und jetzt radikal gar nichts. (Bisschen Sektenhaft, nicht wahr...). Ich hab ihm geantwortet: frag einen Arzt. Der wird jedem Alkoholiker sagen, dass es nur radikal mit gar nichts mehr geht. Dann war Schweigen.

    Ich hoffe deine Taubheit in den Zehen vergeht bald wenn du nicht mehr trinkst! Denk immer daran dass Polyneuropathie chronisch und unheilbar wird wenn man weiter trinkt! Das allein sollte dich eigentlich vom Trinken abhalten. Also bei mir wirkt das. Der Gedanke an lebenslange Schmerzen und Taubheitsgefühle ist echt abturnend!

    Hallo Kopffuessler! Deine Geschichte klingt sehr wie meine. Ich hatte auch diese beginnende Polyneuropathie und habe deswegen komplett mit dem Trinken aufgehört und B Vitamine genommen. Die Empfindungsstörungen sind rasch komplett vergangen! Wenn du nicht willst dass die Polyneuropathie chronisch und irreversibel wird, dann darfst du nie wieder trinken! Auch meine Mutter ist gestorben und danach ist mein Alkoholkonsum aus Trauer komplett eskaliert. Es hat aber nichts gebracht, sondern die Trauer nur endlos verlängert und verschlimmert.

    An der Uni in Texas sucht man nach den "spezifischen synaptischen Mechanismen, die im Gehirn den Übergang von der Kontrolle in die Sucht verursachen", natürlich mit dem Ziel dafür eine Wunderpille auf den Markt zu bringen. Aber jedenfalls sind sie schon jetzt überzeugt, dass die neuronalen Veränderungen in den Gehirnen von Alkoholikern dauerhaft sind. Bei trunksüchtigen Mäusen ist das jedenfalls so. Ok..... vielleicht wissen wir irgendwann mehr.
    In einem der diversen Ratgeber zum abstinent werden habe ich gelesen: Alkoholiker sind überhaupt nicht willensschwach, ganz im Gegenteil, sie haben einen sehr starken Willen zu Trinken....

    Sehr interessante Diskussion. Was sagt die Wissenschaft dazu? Die Definition von Alkoholismus als Krankheit schließt aus, dass Alkoholiker willensschwach sind. Alkoholismus sei eine Krankheit, ein Zusammenspiel aus biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren. Langfristiges starkes Trinken führe zu Veränderungen in den Neuronen. Gegenmeinungen sind die Ausnahme. Ein US Psychologe widerspricht dieser Definition und hat ein Buch geschrieben, dass Sucht keine Krankheit sondern eine Störung der Willensentscheidung sei. Er ist mit seiner These in der Minderheit.

    Bei mir hat die Einsicht Alkoholikerin zu sein nicht bewirkt, dass ich wirklich ernsthaft für immer aufhören wollte. Ich wollte weniger trinken, habe aber schnell gemerkt dass ich das nicht kann. Ich wollte kontrolliert trinken lernen, habe das aber immer auf nächste Woche verschoben und so vergingen die Jahre. Ich wusste schon mindestens 10 Jahre lang das ich Alkoholikerin bin. Aber Trinken machte mir einfach mehr Spaß als nicht Trinken. Erst als die gesundheitlichen Nachteile des Trinkens bei weitem (nicht nur auf Blutbefunden oder Lebersonografien) spürbar, schmerzhaft und bedrohlich die Freuden des angeheiterten Zustands überschritten haben kam der "Wille" komplett damit aufzuhören. Oder eher das Bauchgefühl, das gesagt hat: Die Lustmaximierungs und Unlustvermeidungsbalance mit Alkohol passt absolut nicht mehr.

    Hallo Märchenfee, bei mir war der Konsum so wie bei dir. 1 bis 2 Flaschen Wein am Tag. Ich kann dir aber versichern, dass sich das mit der Zeit auf 3 Flaschen steigern wird, wenn du so weiter machst. So war es bei mir. Ich schaffte irgendwann 3 Weinflaschen ohne doppelt zu sehen. Kein gutes Zeichen.... Lass es nicht so weit kommen. Bleib abstinent und freu dich, dass du keine körperlichen Entzugserscheinungen hast! Ich trinke seit fast 3 Monaten nichts mehr. Ich war auch nicht beim Hausarzt. Ich habe aber einen Termin für die Vorsorgeuntersuchung im April. So lange muss man hier darauf warten. Am Besten du machst dir auch einen Termin für eine Vorsorgeuntersuchung aus. Jetzt brauchst du dich nicht mehr fürchten denn deine Leber ist schon fleißig dabei sich zu entfetten und zu regenerieren.


    Muss mein Grundgerüst nicht in meinem Kopf sein …im günstigsten Fall von Anfang an

    Bei mir scheint es nun endlich so zu sein, dass das Grundgerüst im Kopf ist. Ich brauche nämlich keinerlei Willenskraft. Willenskraft hat bei mir noch nie funktioniert. All meine Versuche mit Willenskraft und guten Vorsätzen aufzuhören sind kläglich gescheitert. Nun hat es in meinem Kopf click gemacht und somit ist keine Willenskraft mehr nötig. Die gesundheitlichen Nachteile des Trinkens haben alle Vorteile überschattet. Das Hirn hat das erkannt, bekam einen Schock und hat die Bauchgefühle gezähmt. Das innere Baby schreit nicht mehr nach dem Weinfläschchen. Ich trinke zwar erst seit ein paar Wochen nichts mehr, aber diesmal ist es nicht schwer wie früher. Die Anfangseuphorie ist vergangen und ich hatte mittlerweile schon sehr depressive Zustände und eine Panikattacke in einer Tiefgarage. Situationen, die ich vor 2 Monaten niemals ohne Alkohol überstanden hätte. Diesmal kam der Gedanke an Alkohol dabei gar nicht, was mich selber sehr erstaunt hat. Denn in solchen Situationen ist man völlig irrational und zu 100% vom Bauchgefühl getrieben. Aber das Bauchgefühl hat nicht nach Selbstmedikation mit Alkohol geschrien. Sagenhaft!!!!!
    Ich kann aber niemanden einen Rat geben, denn einen reset im Kopf kann man nicht selber bewusst auslösen. Das sind Dinge die außerhalb unseres (meiner Meinung nach sehr begrenzten) freien Willen ablaufen. Ich hatte Glück im Unglück. Respekt an alle die es mit Willenskraft geschafft haben!!!!!! Das ist wirklich hart.