Begriffe wie Alkoholiker, Schuld.
Ich bin Alkoholiker. Diesen Satz habe ich das erste Mal in der Reha-Gruppe nach der Entgiftung gesagt. Dass ich Alkoholiker bin, wusste ich schon lange, es aber real vor anderen auszusprechen war sehr merkwürdig und unangenehm. Es war wie ein innerer Konflikt. Ja, ich bin Alkoholiker, aber doch nicht so, dass ich das vor anderen sage.
Ich kann mich noch sehr gut an die Wirkung dieses Satzes erinnern. Irgendwie war plötzlich auch Erleichterung zu spüren, hatte ich das doch vor meinem Umfeld bis zum Schluss vehement geleugnet. Jetzt war es das erste Mal raus. In den darauffolgenden Wochen habe ich den Satz noch öfter gesagt und es fühlte sich besser an, weil ich begonnen hatte mich damit zu identifizieren.
Ich hatte kein Problem, was man lösen konnte, keine Abhängigkeit erworben, die ich wieder loswerden konnte. Nein, ich war Alkoholiker geworden. Ich musste mich mit der Unumkehrbarkeit dieser Tatsache auseinandersetzen. Mein erster Schritt hin zur Akzeptanz.
Hier in diesem Forum habe ich mich mit „Ich bin Alkoholiker“ vorgestellt. Den ersten schwierigen Schritt hatte ich ja schon hinter mir.
Deshalb kann ich verstehen, wenn ein Neuankömmling sich mitunter zuerst damit schwer tut,
wenn es das erste Mal ist. Hier ist es anonym, keiner kennt mich und keiner kann mich zu etwas zwingen und trotzdem gibt es den inneren Widerstand, sich als Alkoholiker zu bezeichnen. Ja, der Begriff ist stigmatisiert aber doch nicht hier, in einem anonymen Alkoholiker-Forum.
Ich finde es sogar besser, wenn dieser Konflikt zu Tage tritt, als wenn es jemand schreibt, nur damit er seine Ruhe hat. Es wird ihn sehr wahrscheinlich irgendwann einholen.
Meine Einstellung zu diesem Satz hat mir geholfen zu akzeptieren und damit meine Abstinenz zu stabilisieren und das bestimmte auch mein weiteres Handeln.
Genauso sehe ich es mit der Schuld. Ich bin verantwortlich dafür, dass ich mich in die Sucht gesoffen habe und niemand anders. Warum, wieso und zu welchem Anteil ist erstmal zweitrangig.
Wenn ich das verinnerlicht habe und akzeptiert habe, ist dies auch ein weiterer Schritt zu Stabilisierung meiner Abstinenz.
Ich stelle mir vor, ich bin in einem für mich risikoreichen Umfeld, es wird mit Alkohol gefeiert, mehr als ich erwartet habe. Ich bin mental angeschlagen, müde, traurig, enttäuscht….warum auch immer. Eigentlich sollte ich schnell weg. Der Alkohol eine Armlänge weg von mir. Irgendwie ist mir gerade alles gleichgültig und jetzt kommt noch dazu, dass ich sowieso der Meinung bin, dass ich nichts dafür kann, dass ich Alkoholiker geworden bin. Das könnte es mir einfacher machen, jetzt in dieser Situation, in der mehrere Dinge zusammengekommen sind, doch einfach das nächste Glas zu nehmen.
Alkoholiker und Schuld - meine innere Haltung dazu stabilisiert meine Abstinenz.