Ich war stationär in einer Therapie, die ersten 4-5 Tage Entgiftung, dann 3 ½ Wochen Entwöhnung.
Das Besondere daran war, dass die Therapie am 3. Tag mit meinem ersten Einzelgespräch startete, zu einem Zeitpunkt, als die körperlichen Entzugserscheinungen langsam schwanden, ich aber psychisch ziemlich am Boden war. Zu einem Zeitpunkt, als meine Psyche ein zusammengeknülltes Blatt Papier war. Die Therapie habe ich so empfunden, dass das Papierknäul durch den zeitigen Start der Therapie jeden Tag ein Stück mehr sorgfältig auseinandergefaltet wurde, bis ein knittriges beschriebenes Blatt da lag. Ab dem Zeitpunkt war ich psychisch nackt, wehrlos, verwundbar und verletzlich aber auch offen und ehrlich zu mir selbst. Das war so nach 1 ½ bis 2 Wochen.
Dann hat mein Therapeut mit mir das Blatt wieder zu einem Kelch geformt, wie der Blütenkelch einer Pflanze. Die Außenhaut der Blüte war immer noch knittrig. Beim Beschriebenen wurde das notwendigste zurechtgerückt, das meiste ist erstmal unbesehen geblieben, dafür war die Zeit zu kurz.
In diesem Zustand bin ich nach 4 Wochen entlassen worden.
Einpaar Tage später habe ich mich hier angemeldet.
Die Entscheidung für diese Klinik und diese Therapie habe ich selbst getroffen. Ich hatte dazu keinen Kontakt mit einem Arzt. Das wiederum aus falsch verstandener Scham, wie ich heute weiß. Wenn schon Entzug, dann weit weg, wo mich keiner kennt.
Zuvor hatte ich mich über Alkoholismus informiert, mit dem Ergebnis, dass mir klar war, dass ich das nie und nimmer alleine schaffe. Und ich wusste auch, wenn ich einen Entzug mache und dann bis zu einer Therapie alleine gelassen werde, wird das nicht erfolgreich sein. Ich musste mir jegliche Möglichkeit nehmen, den eingeschlagenen Weg wieder verlassen zu können. Am Ende kam dies zusammen mit dem körperlichen und psychischen Ende dessen, was ich aushalten konnte.
Dann habe ich in der Klinik angerufen, ein paar Tage später war ich da. Ich habe bis dahin weitergetrunken, das wurde mir auch von der Klinik dringend angeraten.
Dazu muss ich sagen, dass es eine Privatklinik war und meine KK ¾ der Kosten übernommen hat.
Dadurch ging es so schnell und ich war privat in der glücklichen Lage, dass ich keinem mehr Rechenschaft über meine Abwesenheit von 4 Wochen ablegen musste, außer natürlich meiner Familie.
Ob eine Therapie sinnvoll ist, ob sie mehr Erfolg verspricht usw. hängt aus meiner Sicht ganz von den individuellen Umständen und Bedürfnissen ab. Ich hatte bis dato in meinem Leben keinen Kontakt zu Psychotherapien, habe sie eher für nutzlos gehalten. Besser, ich konnte damit nichts anfangen.
Heute hat sich mein Bild um 180 Grad gewandelt.
Aber ganz entscheidend ist, dass ICH es will und dass ich bedingungslos und offen die Hilfe annehme, die mir geboten wird.
Auch das Therapiekonzept und vor allem der Therapeut sind für einen möglichen Erfolg entscheidend. Da hatte ich auch wieder großes Glück, denn mein Therapeut ist seit 25 Jahren trockener Alkoholiker. Seinen Tiefpunkt hatte er mit 30 Jahren. Er stand Manchem aus der Behandlungskonzept seiner Klinik kritisch gegenüber und hat die Freiheitsgrade genutzt, die er hatte.
Das Konzept von 4-wöchiger Therapie, fast mit sofortigem Beginn und schnellem Start der Psychotherapie hat natürlich auch seine wirtschaftlichen Gründe. Gerade für Berufstätige, insbesondere Selbstständige, ist der Zeitbedarf überschaubar und dadurch erschliesst sich eine zusätzliche „Kundenklientel“. Aber ich habe dort als Mitpatienten alle Altersgruppen aus allen möglichen Berufen gesehen und kennengelernt.
Ich kenne keinen anderen Weg und würde diesen heute wieder bestreiten, was nicht notwendig sein wird. Ich habe bis jetzt keine weiterführende Therapie beansprucht, bin aber grundsätzlich offen dafür, wenn ich spüre, da läuft was aus dem Ruder, was ich selber u.U. nicht mehr eingefangen bekomme.
Eine Therapieabsicht um sich selbst etwas einzureden und die Angehörigen ruhig zu stellen,
das funktioniert aus meiner Sicht nicht. Da stimme ich dem schon Geschrieben absolut zu.
Viele Grüße
Nayouk