Ich bin gerade vom Termin mit der Therapeutin zurück - wieder ein Schritt mehr in die richtige Richtung. Ich habe mein Problem beschrieben, meinen Entschluss. Wir haben angerissen, was in meinem Leben nicht gut läuft, was belastend ist, was ich denke, warum ich zu Alkohol gegriffen habe. Ein grobes Grundgerüst, an dem wir jetzt arbeiten wollen. Sie hat mich ausgefragt, in welchen Situationen der Drang zu trinken besonders stark ist und wo ich in der Vergangenheit dann wieder getrunken habe, so dass wir erstmal kurzfristig Strategien entwickeln können, wie ich die Situationen vermeide und die Klippen umschiffen kann.
Als ein Beispiel: Es fällt mir nicht schwer, wenn mein Mann da ist. Jedoch ist er öfter auf Dienstreise und das waren dann immer Tage, an denen ich gesoffen habe. Sich-einsam-fühlen ist sicherlich ein Grund dafür. Die Therapeutin hat vorgeschlagen, dass ich vielleicht eine Freundin einweihe und frage, ob sie erstmal bei mir bleiben kann, wenn mein Mann fort muss, so dass ich Unterstützung (und Überwachung) habe und nicht allein bin - zumindest bis ich etwas gefestigter bin. Ich finde die Idee gut, jemanden zu haben, der mir auf die Finger schaut.
Für mich ist es sehr ungewohnt, nach Hilfe zu fragen, mir einzugestehen, dass ich Hilfe brauche. Ich bin so daran gewöhnt, alles allein lösen zu wollen und mit meinen verqueren Gedanken, Ängsten und Sorgen alleine zu bleiben. Nicht, dass ich denken würde mir will keiner helfen, es ist eher dieses Gefühl, dass andere ihr eigenes Päckchen zu tragen haben und ich alles besser mit mir selbst ausmache, um niemandem zur Last zu fallen. Wohin das führt, habe ich ja gesehen...dennoch, es ist ein Wandel, den ich mir erstmal eingestehen und zulassen muss.
Die Therapeutin hat mich auch gefragt, was mich dazu gebracht hat, mir einzugestehen oder zu sehen, dass mein Verhalten ein Suchtverhalten ist. Ich musste ein wenig nachdenken, obwohl, das ist falsch. Ich musste nicht nachdenken, ich brauchte einen Moment, um bereit zu sein, die schamvollen Sachen auszusprechen, warum ich denke, dass ich abhängig bin.
- Trinken bis nichts mehr da ist oder ich einfach auf der Stelle einschlafe, weil ich so betrunken bin.
- Blackouts, mich nicht mehr erinnern, wie ich ins Bett gekommen bin.
- Kontrolle meines Telefons, ob ich besoffen noch irgendwen angerufen habe.
- Scham und der Versuch, irgendwie dezent herauszufinden, ob ich mich daneben benommen habe, wenn ich in Gesellschaft getrunken habe.
- Wenn ich Alkohol gekauft habe, dann mehr als eine Flasche Wein.
- Ich habe Flaschen heimlich entsorgt und volle nachgekauft, damit mein Mann nicht sieht, wie viel oder dass ich getrunken habe, wenn er nicht da war.
- Manchmal habe ich trinken geplant, also an einem bestimmten Abend nicht zu trinken, weil ich am nächsten Tag einen Termin hatte und da nicht mit Fahne oder verkatert auftauchen wollte, weil mir klar war, dass ich die ganze Flasche Wein in mich reinkippe und nicht nur ein Glas.
Da kommen sicherlich noch mehr Dinge hinzu, wenn ich länger darüber nachdenke und es macht einen Unterschied für mich, ob ich nur intern weiß, dass das Verhalten krank ist, oder ob ich es beim Arzt/der Therapeutin ausspreche oder hier schreibe.
Womit ich derzeit ein massives Problem habe, ist dieses intensive Schamgefühl. Ich fühle mich wie der schlechteste Mensch der Welt, so viele Episoden aus meinem gesamten Leben gehen mir durch den Kopf, wo ich besoffen war und irgendwas gemacht habe - oder auch nicht. Kann mich ja nicht erinnern. Ich weiß nicht, ob es gut ist, wenn ich es beiseite schiebe und mir denke, dass jetzt alles besser wird und ich vorwärts blicke? Ich denke, die Erinnerung und die Scham will mir ja auch etwas mitteilen. Hat jemand eine Idee, wie ich damit umgehen kann?
Leli