Hallo, liebe Jump!, danke für Deine einfühlsame Antwort!
Du fragst quasi ob du aus einer Mücke einen Elefanten machst. Oder ob es wirklich ein Elefant ist.
Ja, das ist sicher der Kern meines mentalen Durcheinanders: Ist da überhaupt ein ernstzunehmendes Problem, oder ist da gar keins? Und: Inwieweit ist es möglicherweise nur in meinem Kopf ein Problem, aber in den Köpfen der - nicht abhängigen - Mehrheit der Leute in der Gesellschaft, in der wir leben, wäre es gar keins? Also: Wie groß ist das subjektive Moment dabei?
Ich habe deinen Faden gelesen und ich frage mich, ob es sein kann, dass du durch deine frühere co-abhängige Beziehung vielleicht sehr viel Schaden genommen hast und es im Grunde darum gehen könnte dies zu verarbeiten?
Es könnte ja durchaus auch sein, dass du deine Ängste und dein Kontroll-bedürfnis auf deine jetzige Partnerin überträgst. Das ist ja auch das, was du selbst befürchtest, so wie ich dich verstehe.
Das ist ganz sicher so.
Ich dachte, ich hätte das in den vergangenen Jahren alles verarbeitet, aber verarbeitet habe ich offensichtlich nur die damalige Beziehung selbst: Es ist mir inzwischen egal, wie es der Ex alkoholmäßig geht. Aber es ist offensichtlich eine generelle Angst geblieben, und die heißt: "Oh Gott, was, wenn es jetzt in dieser neuen und so wunderbaren Beziehung wieder so wird wie damals?"
Ich bin mir inzwischen sicher, dass hier diese Ex-Erfahrung, meine grundlegenden Prägungen und eine aus beidem resultierende, irgendwie schon paranoide Angst ineinandergreifen. Ich sehe nicht klar. Ich konnte das damals als Co nicht - und jetzt kann ich es auch nicht. Es ist so, als ob ich momentan schon wieder "vorauseilend coabhängig" bin, wenn das irgendwie verständlich ist?
Zum Kontrollbedürfnis: Es ist nicht so, dass ich das Bedürfnis hätte, ihren Alkoholkonsum zu kontrollieren - wenn ich eines aus der Ex-Beziehung gelernt habe, dann ist es, dass solche Ideen komplett irreal sind.
Du hast aber sicher Recht, wenn Du sagen wolltest, ich würde meine Prägungen - in denen freiwillige Aufgabe der *SELBST*kontrolle durch Drogen, und wenn auch nur selten und für einige Stunden, ein absolutes No-Go ist und als krasser Indikator für einen schlechten Charakter gesehen wird - auf sie übertragen oder eben als allgemeingültiges Muss in den Raum stellen würde. Davor habe ich in der Tat Angst, denn eine der Fragen in meinem Durcheinander ist ja eben auch: "Aber wie kann ich erwarten, dass andere Leute dieselben Maßstäbe und Maximen verinnerlicht haben wie ich?"
Zur schon paranoiden Angst: Die ist sicher auch ein Zeichen dafür, dass ich das alte Trauma nicht wirklich verarbeitet habe, vielleicht aber auch für andere Dinge mehr in meiner Seele. Ich hoffe, dass ich da mit meiner Psychologin mehr Klarheit finden kann.
Es ist so: Ich bin ansonsten überhaupt kein ängstlicher Typ - nur in diesem einen einzigen Punkt, und der heißt ja im Klartext: Angst vor hypothetischen Situationen, wie zum Beispiel vor Exzessen, die doch aber während der gesamten gut zweieinhalb Jahre, die wir uns mittlerweile kennen, noch nie eingetreten sind, nicht mal ansatzweise! Entschuldigung, aber das ist doch "nicht normal", um es mal ganz unpsychologisch zu sagen.
Die zweite Angst ist die vor der hypothetischen Möglichkeit, dass es mehr und mehr Alkohol werden könnte. Man kann das nicht voraussagen. das habe ich verstanden, aber es ist ja bisher keinerlei Tendenz in diese Richtung zu erkennen - im Gegenteil: Seit wir zusammen wohnen, ist es merkbar weniger geworden.
Gut, nun kann es theoretisch immer sein, dass sie heimlich trinkt, aber da wir beide im Home Office arbeiten und auch sonst möglichst viel Zeit über zusammen verbringen (die Liebe ist ja immer noch groß), also auch Dinge mit anderen gern zu zweit unternehmen, müsste sie das Ganze schon sehr konspirativ und hochorganisiert durchziehen, damit ihr dabei nicht zumindest irgendwann mal ein Lapsus unterläuft. Wie gesagt: Ja, es ist immer möglich, aber es schiene mir in der Situation nur wie ein ergänzender Zug meiner Paranoia.
Es wäre für mich aber ein Unterschied ob ich aus eigener innerer Überzeugung eine Partnerin will, die nichts oder minimal trinkt. Oder ob dies einem Kontrollbedürfnis oder einer Angst entspricht.
Das Kontrollbedürfnis würde ich ausschließen, aber: Es ist ganz bestimmt ein Mix aus Sozialisierung und Angst. Hundert Pro.
Positiv: Durch die Erfahrungen im täglichen Zusammenleben ist meine Angst etwas geringer geworden. Und: Meine neue Psychologin ist hart und konsequent: für die nächste Zeit zweimal die Woche, Minimum. So intensiv habe ich noch nie in mich reingeguckt.
Der Grund für die Intensität, nicht ganz so positiv: Sie sieht offenbar eine akute Gefahr für unsere Beziehung, denn sie meint: Es kann alles wunderbar sein, aber ein einziger ungelöster tiefgehender emotionaler und moralischer Konflikt kann ausreichend sein, um alles zu zerstören.
Es tut mir leid, dass ich Euch hier mit meinen seelischen Gebrechen auf die Nerven gehe, und deshalb nochmal ein ganz besonderes Dankeschön für Deine und alle anderen Antworten!