Guten Morgen,
ich bin heute ganz seltsam gestimmt. Youtube hatte mir gestern ein Gartenvideo vorgeschlagen, das ich geschaut habe. Die Gartendinge waren nichts neues, Erbsen und rote Beete wachsen überall gleich, aber der Garten war in einer Landschaft/Umgebung eingebettet, die irgendein Gefühl in mir geweckt hat, das ich nicht genauer bestimmen kann. Eine diffuse Sehnsucht, aber ich weiss nicht, wonach.
Vielleicht ist es ein Gefühl aus meiner Kindheit (die bei mir nicht unglücklich war, normal, wenn man das so sagen kann), weil das Gefühl so ungetrübt ist, da schwingt kein Alkohol mit und auch kein Müssen. Ein Gefühl ganz frei von Verpflichtungen.
Erst wollte ich das Gefühl einfangen, benennen, einordnen und als immer wieder abrufbar aufbereiten. Aber das Gefühl widersetzt sich diesen Bemühungen und bleibt unbestimmbar und diffus. Ist es der Garten? Der Frühling, der vor der Tür steht? fragte ich mich, aber als ich "Garten" dachte, dachte ich gleich als nächstes: "um die Gartensaison zu eröffnen, müsste ich als erstes... und dann..."
Da war es wieder, das Müssen, das Thema treibt mich immer noch um, und vor dem Hintergrund dieser unbestimmten Sehnsucht wurde mir nochmal deutlich, wie strukturiert ich geworden bin, seit ich abstinent bin. Mein ganzes Leben habe ich in Teilbereiche eingeordnet, Handwerk, Garten, Zwischenmenschliches, und diese Teilbereiche haben wiederum Unterbereiche, die in lauter Erledigungstätigkeiten ausarten. Ich habe das immer weit von mir gewiesen, aber mir scheint, ich bin echt aufm besten Wege eine Perfektionistin zu werden.
Ist mir besonders aufgefallen, als ich an den Garten dachte, und nur Dinge aufploppten, die, und hier sage ich es mal bewusst so: getan werden müssen. In Kontrast zu besagtem Gefühl wurde das besonders deutlich. Ich arbeite mein Leben ja nur noch ab! Selbst die schönen Dinge organisiere ich so lange in kleine Häppchen zum erledigen, bis sie als Unerledigtes bedrückend herumliegen. So geht das aber auch nicht. Ordnung ist ja schön und gut, aber ich glaube, ich bin zu weit gegangen.
Meine Freude darüber, dass ich durch die Abstinenz wieder die Kontrolle über mein Leben erlangt habe, ist wohl etwas ausgeufert. Ich will Dinge unter Kontrolle haben, die sich dieser entziehen, und meine Kontrolle vor allem gar nicht haben wollen. Neue Aufgabe für mich: mal nen Gang zurück schalten, und den Dingen wieder mehr ihren Lauf lassen.
Und das unbestimmte (aber ganz angenehme) Gefühl einfach mal mit in den Tag nehmen, so wie es ist.