Wann war denn bei dir der Punkt erreicht, dass du gemerkt hast, dass du etwas ändern musst? Wie war dann dein Weg?
Das ging schleichend. Das Gespräch mit der Tochter und der Therapeutin rumorte schon in mir, spielte aber nur bedingt eine Rolle.
Ich verletzte mich öfter, weil ich besoffen stürzte. Dann kam nochmal eine Steigerung, weil ich in einer Partnerschaft war, in der wir beide viel tranken und uns potenzierten.
Oberflächlich war alles ok- Beruf klappte gut, ich machte Sport, kümmerte mich um den Haushalt und sah von außen normal aus.
Aber ich schämte mich immer mehr. Wenn ich in üblen Kneipen mit Menschen abhing, die ich nüchtern nicht so gemocht hätte. Auch die Filmrisse, das teilweise erwachen in fremden Betten setzte mir zunehmend zu.
Eines morgens wachte ich mit üblem Kater und Filmriss auf meinem Sofa auf. Eine Schürfwunde am Ellenbogen, das Handy weg. Meine Tochter rief an und es wurde in einer Bäckerei um die Ecke abgegeben- eine Ecke in der ich eigentlich nichts zu suchen hatte. Ich weiß bis heute nicht wo ich am Abend war. Da kam es wie ein Blitz in meinen Kopf ‚Anna, es reicht, du trinkst keinen Alkohol mehr‘.
Das ist jetzt fast 8 Monate her. Meine Tochter ist extrem glücklich über diese Entscheidung- aber in allererster Linie geht es mir viel besser.
Ein Meilenstein war, dass ich mich nach 4 Monaten hier angemeldet und das erste mal den Satz ‚ich bin Alkoholikerin‘ geschrieben habe. Das war die eigentliche Wende- denn Trinkpausen gab es auch vorher schon.
Jetzt ist es keine Pause sondern eine abstinente Zukunft.
Ich wünsche dir sehr dass deinen Papa auch so eine Erkenntnis trifft, aber wie gesagt, das muss von ihm kommen und ihr könnt zwar Hinweise geben, aber seid doch relativ machtlos, so leid mir das tut.
Steig nicht zu sehr in die Aufgabe ein ihn zu überzeugen. Dann geht es am Ende dir noch schlecht und dann ist niemandem geholfen. Schreib diesen Brief und kümmere dich dann um dein Leben.
Falls er doch noch eines Tages zur Vernunft kommt, hat er dann eine stabile Tochter. Falls nicht hast du wenigstens ein gutes Leben.