Hallo Alle,
nochmal Danke für die Aufnahme ins Forum und dass ihr füreinander da seid. Es tut gut zu wissen, dass man nicht alleine ist, auch wenn ich niemanden diese Problematik wünsche!
Zu „meiner“ Geschichte:
Mein Bruder ist Alkoholiker, als schwerst süchtig und krank.
Wo soll ich mit seiner Geschichte anfangen – sorry es wird lang und ich habe bereits gekürzt…
So richtig hat die Problematik mit der Trennung von seiner Frau und dem gemeinsamen Kind (damals ein paar Monate) angefangen. Das war vor über 20 Jahre, wobei er ja schon immer, seit ich ihn kenne, gerne getrunken hat. Seitdem gab es öfters Kündigungen der Wohnungen, Jobwechsel, keinen Job, Leben auf der Straße, viele Entgiftungen, Entwöhnungen und 2x Langzeitreha.
Als er 2016 wohnungslos war und bei meinen Eltern vorübergehend einzog, habe ich ihm Job und Wohnung „besorgt“ und seitdem mische ich in diesem Spiel viel mehr mit als es mir lieb ist. Viel Geld habe ich auch dadurch verloren, da ich z.B. seine Schulden beim Staat bezahlt habe aufgrund dessen er im Gefängnis saß, Krankenversicherungsbeträge über 3 Jahre nachgezahlt habe, sonstige Forderungen von Stromanbietern und was es nicht so alles gibt bezahlt habe.
Als er noch gearbeitet hat, haben wir regelmäßig sein Gehalt geholt und ihm jeden zweiten Tag Geld gegeben sowie die Miete davon beglichen. Dann habe ich ein Kind bekommen, unsere Mama hatte einen Schlaganfall erlitten, habe nach 6 Monaten Elternzeit wieder das Arbeiten begonnen und die Situation wurde für ich immer schlimmer. Ende 2019 kam ich dann zum Entschluss, einen Antrag auf einen gesetzlichen Betreuer zu stellen und seitdem regelt er zumindest die finanziellen Themen.
Die letzten 1,5 / 2 Jahre hat sich mein Bruder ziemlich verändert. Es gab epileptische Anfälle oder auch Angriffe auf Jugendliche (er hatte Wahnvorstellungen, dass die Kinder Drogen verkaufen würden). Anfang dieses Jahres merkte ich auch körperliche Veränderungen, er hat z.B. immer wieder seine Augen verdreht und sich an manche Themen, obwohl sie nicht lange her waren, gar nicht mehr erinnert oder sie als falsch dargestellt. Mitte des Jahres hatte er dann nun einen Schlaganfall (angeblich wegen eines angeborenen Lochs im Herzen). Er war ca 9-10 Wochen im KH und anschließender Reha. Gegen Ende der Reha, als er wusste, er muss zurück nach Hause, hat er wieder verstärkt das Trinken begonnen. Es hat sich auch nun das Korsakow Syndrom bestätigt, worauf sicherlich dieses Augenverdrehen und die Erinnerungslücken Anfang des Jahres zurückzuführen sind. Die Geschäftsunfähigkeit ist nun offiziell bestätigt lt. Betreuer. Er kann kaum laufen bzw. läuft am Rollator.
Bis zu seinem Schlaganfall hatte mein Bruder eine Katze. Er hat die gesamte Wohnung vermüllen lassen, die Katze hat überall hin gesch*****, das gesamte Haus, nicht nur seine Wohnung, hat gestunken.. Die Nachbarn haben sich beschwert und seitdem will der Vermieter die Wohnung kündigen, der Betreuer hat es bisher erfolgreich abwehren können. Ich habe mich nach seinem Schlaganfall wieder vom Betreuer weich klopfen lassen und die Hälfte für die Reinigung gezahlt. Jetzt ist zwar keine Katze mehr da, aber der Müll, die Asche und Essensreste sind dennoch in der gesamten Wohnung am Boden verteilt. Richtig ekelhaft.
Letzte Woche hatte er das Gespräch zur Einstufung des Pflegegrades bei ihm zuhause. Eine Assistenz des Betreuers war vor Ort. Mein Bruder hat den Betreuer richtig doof aussehen lassen, dass er sich nicht kümmert etc. Als die Assistenz diesem widersprach, haben die Kollegen der Pflegeeinstufung ihr den Mund verboten. Er hat diesen Leuten erzählt, dass er ja alles alleine schaffen könnte, Wäsche waschen, baden/duschen und Einkaufen. Mir jammert er regelrecht einen vor, wie schwer es ist und dass er jedes Mal so erschöpft ist. Kurzum gesagt, er tut alles, um gegen den Betreuer zu wettern und zu schauen, dass er ja keine Hilfe bekommt.
Er wollte gerne in ein betreutes Wohnen, will aber den Alkohol nicht aufgeben, so dass ihn keine Einrichtung aufnimmt. Ja verstehe ich, sie haben ja auch eine Verantwortung gegenüber den anderen Menschen, die dort leben und auch ihre Probleme haben. Außerdem gibt es bei uns nicht viele Einrichtungen, die eine gehbehinderte Person aufnehmen. Er läuft wirklich schlecht, macht auch keine Physio und nix.
Der Betreuer weiß auch nicht mehr weiter und hat bereits angekündigt, das Mandat bald niederzulegen. Ich habe bereits der Behörde schon mitgeteilt, dass ich nicht sein Betreuer werden kann und möchte. Ich schaffe das nicht!
Am Samstag haben mein Bruder und ich telefoniert – er hat mir gesagt, dass er aufgegeben hat. Erst als ich ihm wieder zugeredet habe, hat er seine Meinung „geändert“, wahrscheinlich nur damit er seine Ruhe hat und dann wieder schön weitermachen kann wie bisher.
So, nun wirklich zu mir: Ich weiß, dass ich ihm absolut nicht helfen kann. Wenn er es nicht von alleine will, wird er nichts machen bzw. ein paar Wochen Pause und dann wieder für sich einen neuen Grund finden, um zu besinnungslos zu betrinken. Rein auf Sachebene gesehen ist mir das alles klar, vor allem nach dem Telefonat am Samstag, in dem er mir seine Entscheidung über „sein Totsaufen“ mitgeteilt hat. Und er hat auch das Recht darauf sich nicht helfen zu lassen, den benötigten Abstand von mir zu ihm ist mir auch klar. Auf der Gefühlsebene komme ich überhaupt nicht klar. Wie kann er sein Leben nur so wegwerfen? Wieso ist es so weit gekommen? Was hätte ich anders machen können? Hätte ich damals, als seine Frau sich getrennt hat, mehr für ihn da sein sollen, vor allem als es ihm so schlecht ging? Aber ich war ja ein Teenie und auch überfordert, aber vielleicht war ich einfach zu sehr auf mich besinnt? Was für Höllen muss er ertragen? Er tut mir so leid! Wie erträgt unsere Mama diesen Schmerz? Was passiert mit ihr, wenn es soweit ist und wir den Anruf bekommen? Als ihr Hund vor 6 Jahren vergiftet wurde und elendig verreckt ist, hat sie damals danach einen schweren Schlaganfall bekommen, u.a. weil sie ich so reingesteigert hat (natürlich nicht der einzige Grund, aber es war wohl das auslösende Ereignis). Wie bringe ich es meinem Kind bei (6 Jahre)?
Was passiert mit ihm, wenn er aus der Wohnung raus muss und in ein Obdachlosenheim kommt? Oder schläft er auf der Straße? Wie ist er dann krankenversichert?
Ich könnte hier so ewig weiter machen. Mein Kopf gibt keine Ruhe. Mein Puls und Blutdruck rasen. Die Tränen kullern. Manchmal hab ich das Gefühl, als ob es mir für ein paar Sekunden die Luft abschnürt und ich dann ein komisches Geräusch mache und danach bekomme ich wieder Luft. In der Brust und im Hals habe ich das Gefühl, dass es manchmal „blubb“ macht, ich kann es nicht beschreiben, einfach ganz komisch. Ich bin ständig müde, schlafe am Wochenende Nachmittags zwei/drei Stunden. Kann mich auf Arbeit manchmal nicht konzentrieren. Manche Sachen fallen mir so schwer, z.B. nur ein Dokument digital zu signieren, das schiebe ich so weit weg, bis ich es machen muss in der letzten Minute. Manchmal ist das Duschen eine große Herausforderung für mich, ich weiß aber nicht warum. Ich versuche immer es weit raus zu schieben und stehe dann früh früher auf, damit ich genügend Zeit habe, das „Duschen müssen“ etwas rauszuzögern.
Wenn es um mein Kind geht, mache ich alles. Er hat dieses Jahr ADHS diagnostiziert bekommen und wir werden noch die Diagnostik wegen Autismus wohl machen. Jeden Termin nehme ich wahr, wir kommen nie zu spät in die Schule, Fussball und Taekwando Training laufen. Da bekomme ich es gebacken. Aber sobald es um mich geht, funktioniert vieles einfach nicht.
Es tut mir gut, das alles von der Seele geschrieben zu haben. Es ist so viel geworden, ich hätte eigentlich noch viel mehr schreiben können. Aber fürs Erste soll es gut sein und ich fühle mich ein kleines Stück weit leichter in der Brust!