Die letzten Tage
Es war ein Projekt abgeschlossen, meine Frau sauer, ich hatte Zeit. Zum Saufen.
Vorfrühling, ausser zum Einkaufen musste ich nicht aus dem Haus.
Vorher, schnell, schnell, muss mit dem Projekt fertig werden, Freizeit rausschinden.
Bis da hin: mehrere Jahre gleicher Rhytmus: 4 Tage mit ansteigender Menge getrunken, 3 Tage nüchtern, das Ganze von vorn.
Tagsüber nie, aber aus der Firma raus, in den benachbarten Laden, eineinhalb Stunden mit Öffis nach Hause, Zeit zum gut vorglühen.
Fiel kaum auf, viele Pendler mt Bier in der Hand, ich halt mit Flachmännern.
Die Flachmänner wurde im Lauf der Jahre mehr, gegen Ende waren es meist 5 bis 7, bis ich zu Hause ankam.
Zu Hause erst mal ein Bier und einen Joint. Dann wars mir gemütlich.
Oft kam es dann zu Diskussionen mit meiner Frau, weil ich ja schon wieder und hin und her.
Im Streit, und um meine Frau zu ärgern, den Whisky gleich aus der Flasche gesoffen, einschenken wäre nur Zeitverschwendung gewesen.
Meistens war es halt so, am ersten Tag nach der Trinkpause war es noch halbwegs erträglich, 3 bis 5 Bier. Das wäre noch gegangen, weil wir insgesamt recht locker waren.
Spätestens am dritten Tag kamen die Flachmänner dazu, und mindestens am vierten Tag endete es die letzten drei Jahre im absoluten Vollrausch, das heisst, wenn mein Körper streikte und nichts mehr reinging. Ich konnte dann einfach nichts mehr trinken, bin umgekippt und ins Bett gefallen.
In der Endphase hatte ich Zeit und war tagsüber allein zu Haus. Wir lebten auf dem Land, riesiger Garten.
Der nächste Supermarkt in der benachbarten Kleinstadt, 6 Kilometer weg.
Ich fahre mit dem Auto in den Supermarkt, kaufe einige Flaschen Whisky, die günstige Gelegenheit nutzen, da meine Frau nicht da war, in meinem Büro bunkern.
Gleich mal ausgerechnet, ich brauche maximal 10 Minuten mit dem Auto nach Hause, so schnell geht der Alk nicht ins Blut, also kann ich auf dem Supermarktparkplatz gleich einen tiefen Schluck nehmen, dann bleibe ich im legalen Rahmen und zu Hause wirkts dann gleich. Daneben ein innerer Beobachter, ein Teil von mir selbst, der sich das unbeteiligt betrachtete, der wusste, wie bescheuert das ist. Der wusste auch, jetzt ist es dann so weit, dass Du morgens anfängst.
Der Tag irgendwie, jedenfalls kommt meine Frau spätnachmittags nach Hause, die Küchentür steht offen, ein Arm liegt auf dem Boden und ragt durch die Tür.
Schock, sie dachte jetzt bin ich tot.
Sie ruft den Notarzt, der Notarzt kommt, bis dahin bin ich halbwegs wach und weigere mich, mitzufahren. Natürlich sind sie dann ohne mich gefahren.
Am nächsten Tag, oh Gott, wie ist das schön, wenn der Schmerz wieder nachlässt. Im Lauf des Tages glücklich, dass ich wieder nüchtern werde.
Meine Frau erklärt mir, das wars endgültig, wenn ich mich totsaufen will, soll ich das tun.
Der zweite Tag, mir gehts ganz gut, Freizeit, bringe ich schon irgendwie rum.
Der dritte Tag, na geht doch, jetzt freue ich mich schon wieder drauf, am nächsten Tag habe ich meine drei nüchternen Tage, dann darf ich wieder/ genehmige mir das.
Der vierte Tag, es ist genug Bier, Whisky und Gras da, und ich habe nichts zu tun und meiner Frau ist es nun wirklich egal.
Ich gebs mir und trinke drei Tage durch bis zum letzten Schluck.
Irgendwann fängt es an, mich zu drehen.
Erst vor der Schüssel, dann auf die Schüssel, Eimer vor mir.
Stunde um Stunde, wenn ich versuche ins Bett zu gehen, gehts weiter, dort ein zweiter Eimer.
Der Blutdruck am Anschlag, ich hatte das Gefühl, mir quellen die Augen aus dem Kopf.
Ängste, was passiert, wenn ich jetzt einen Schlaganfall bekomme oder einen Herzinfarkt?
Und wieder zurück aufs Klo geschleppt, auf allen Vieren.
Kopfwunden, Blut läuft, keine Ahnung, was passiert ist.
Irgendwann war ich komplett leer, hab mich ins Bett geschleppt, fix und alle. Mir war immer noch hundeelend, aber ich konnte dann wenigstens liegen.
Und da fiel mir dann wieder ein, wie schön war es doch in den Trinkpausen, wenn der Schmerz nachgelassen hatte.
Ich hatte den vollen Film, wie schön das Leben sein könnte, wenn ich damit aufhören würde, vom schönen Trinken zu träumen.
Gleichzeitig fielen mir in einer Tour Situationen meines Lebens ein, die besser gelaufen wären, wenn ich dabei einen klaren Kopf gehabt hätte.
Muss dann wohl eingeschlafen sein.
Morgens bin ich aufgewacht, meine Frau war ja trotzdem noch physisch anwesend, und sage ihr:
Das wars.
Ich höre auf, und ich tue alles, was dafür notwendig ist.
Ich weiss noch nicht, wie ich es mache, aber ich mache es.
Ich hatte kein Vertrauen in Alkoholiker, denn in meinem Umfeld gab es nur solche, die rückfällig wurden. Ich war überzeugt, die wissen nicht, wie man da hin kommt, wo ich hin wollte.
Für mich war klar, es war so knapp, ich konnte mir Rückfälle gar nicht leisten. Es musste auf Anhieb klappen.
Die ersten Wochen war ich nur froh, dass die unmittelbaren Leiden, die vom Saufen kamen, eben nicht mehr kamen.
Schon allein das war Grund genug, dabei zu bleiben.
Und dass ich nie wieder da hin wollte, wo ich her kam, reichte in den folgenden Jahen als Motivation, alles zu tun, um mein Leben zu ändern.
Zu schwer gab es nicht mehr.
Cut.
Ich gucke zum Fenster raus, Garten vor mir.
Keine Sorgen.
Heute.
LG LK