Beiträge von Lebenskuenstler

    Hi Kazik,

    Ich war als Kind/Jugendlicher, bevor ich getrunken habe, extrem kontrolliert. Mir wurde immer gesagt, dass ich ja so intelligent bin, also konnte man vernünftiges Handeln von mir erwarten. Alles Andere wurde mir als Böswilligkeit ausgelegt, Und ich habe versucht, mich dem anzupassen, weil ich ja irgendwie doch geliebt werden wollte. Ich habe irgendwann auch mal gesehen, dass mein Vater ein grundsätzliches Problem mit Kindern hatte, wenn sie einfach Kinder waren, spielten und "ungezogen" waren. Er hat dadurch Freunde verloren, weil er zu deren Kindern genauso war, Fre..e halten, er will seine Ruhe. Als ich durch Saufen die Kontrolle verlieren konnte, fühlte ich mich erst mal befreit. Und bei mir ging es aus mir selbst raus nicht so weit, dass ich jemand Anderem so weh getan hätte, dass es Konsequenzen für mich hatte. Es hat niemand ernstlich versucht, mich zu bremsen.

    Ich bin ja dann in Opposition zu meinen Eltern gegangen und wollte alles ganz anders machen. Dann kam ich irgendwann darauf, so lange mein Handeln dadurch bestimmt ist, dass ich dass Gegenteil mache, und meine Laune immer noch davon beeinträchtigt ist, wie es zu Hause lief, haben sie immer noch Macht über mein Leben.
    Das war zwar nicht der Einzige, aber ein wichtiger Grund für mich, warum ich damit meinen Frieden machen wollte. Erst danach war ich innerlich frei von meinem Elterhaus.

    Manchmal muss ich bei Deinen Depressionen und deiner häufigen Erwähnung, dass sie keine Macht mehr über Dich hatten, dran denken, ob das wirklich so ist wie Du das sicher so siehst. Ich möchte Dir damit aber nicht zu nahe treten und ausserdem kann ich mich sowieso irren. Es ist mir aber ein Bedürfnis, zu äussern, dass mir das auffällt. Vielleicht wird Dich das jetzt nüchtern auch noch beschäftigen.

    Du hattest mal geschrieben, dass Dein Vater und Du einen finalen Kampf um Deine Mutter geführt hatten. Bei uns war das insofern anders, als sich mein Vater, glaube ich zumindest, von meiner Mutter aus der Beziehung mit mir herausgedrängt gefühlt hatte. Das kommt öfter vor, grade jetzt irgendwo kann ich das beobachten. Meine Mutter versuchte auch, mir den Umgang mit ihm zu verbieten, nach der Scheidung. Sie sagte mir auch, wenn ich mal heirate, muss ich mir überlegen, wen ich einlade, wenn er kommt, kommt sie nicht. Und umgekehrt.Und ich weiss aus seinen Erzählungen, dass sie sich schon über meinen zukünftigen Werdegang und die Erziehungsmethoden gestritten hatten, da war meine Mutter erst schwanger mit mir und ich noch gar nicht auf der Welt. Sie hatten auch ziemlich unterschiedliche Vorstellungen über Erziehung. Meine Mutter wollte es mehr bedürfnisorientiert, mein Vater war eher der Meinung, gelobt sei, was hart macht. Aus seiner Sicht war es ein Fehler, Kinder zu verwöhnen. Und meine Mutter klammerte später deutlich mehr als er. Aber er konnte leichter Fehler zugeben und sich leichter selbst reflektieren und über seine eigene Blödheit lachen. Ist bei mir grundsätzlich auch so. Kurz vor seinem Tod hat er schwer mit seinem Leben gehadert, und er war völlig vereinsamt, weil er alle immer weggeschickt hatte, und das ist mein Antrieb, es anders zu machen. Ich möchte nicht so enden wie er. Trotzdem werde ich genügend Gelegenheit finden, selbst Fehler zu machen. Weil ich auch nur ein Mensch bin.

    Frühe Fotos mit mir zeigen eigentlich ein allseits gutes Verhältnis, einen liebenden Vater und eine liebende Mutter, eingebettet in die Großfamilie, in der meine Mutter gelebt hat. Und eine Flüchtlingsfamilie, mein Patenonkel Pole, und immer reichlich Schnaps auf den Tischen. Schlimm wurde es, als wir in die Heimatstadt meines Vaters zogen und sie dort ein großes Haus bauten. Da hatten sie beide so viel Arbeit, dass ich lange nur nebenher lief. Ich sollte dann vor allem geräuschlos funktionieren, weil sie überhaupt keine Zeit mehr für mich hatten. Und das Verhältnis meines Vaters zu seiner Familie war nicht besonders harmonisch. Das waren seine Brüder und seine Schwester und seine Mutter, und meine beiden bis jetzt übriggebliebenen Onkel haben auch einen ziemlich unfreundlichen Umgang miteinander.
    Meine Mutter sagte mir mal, sie versteht mich überhaupt nicht, ich habe Charaktereigenschaften, die ich weder von ihr noch von ihm haben kann. Aber ihm bin ich wie aus dem Gesicht geschnitten und sehe ihn täglich, wenn ich in den Spiegel gucke, vor mir, und sie wusste ja wohl dass ich von ihr war. Ich kann dem gar nicht aus dem Weg gehen.

    Aus späteren Erzählungen von ihm weiss ich, dass er neidisch auf mich war. Er war der Älteste und musste seinen Brüdern das Studium finanzieren. Er selbst war in der Arbeit gut genug, um Preise zu gewinnen, die Zeitungsartikel habe ich nach seinem Tod gefunden. Er bekam aber von meiner Großmutter keine Anerkennung dafür und hasste irgendwie Akademiker, ich denke gerade weil er seine Brüder finanzieren musste. Und ich war früher dummerweise immer Klassenbester und für die Lehrer war klar, ich muss mindestens Mediziner werden, was damals noch als Das Höchste galt. Und das stank ihm bis zum blanken Hass auf mich. Er hätte lieber einen Handwerker gehabt. Ja, ich habe mich durch diesen Frieden mit ihm auch von dieser Ablehnung befreit. Ich hatte ihm davor aber auch schon die Bedingungen gesagt, unter denen ich den Kontakt zu hm halte. Eine der Bedingungen war, er ist nicht besoffen, wenn er mich anruft, und er ist auch nicht besoffen, wenn ich zu Besuch komme. Er hat wirklich versucht, sich daran zu halten. Es war ihm offensichtlich wichtig, dass ich noch komme.

    Ich habe lange versucht, von so wenig wie möglich zu leben. Denn ich wollte eben nicht so ein Malocher werden wie mein Vater. Wo meine Mutter auch noch erklärt hatte, seine fast durchgehend schlechte und zornige Laune käme daher, dass er zu viel arbeitet. Ich habe es ca. 10 Jahre mit Minimalismus versucht. Arbeit nur das Nötigste. Erst als ich dann mal praktisch komplett pleite war und lange nach einem Offenbarungseid, habe ich angefangen, wirklich Ausbildungen abzuschliessen und Berufe auszuüben.

    Und ich hatte schon frühzeitig ein ernstes Problem mit dem Sinn des Lebens. Es fing damit an, wozu die ganze Plagerei, wenn man am Ende nichts mitnehmen kann. Ich hab meine Mutter schon damit zur Verzweiflung gebracht und wollte wissen, wozu sie mich eigentlich haben wollte, wenn sie dann doch nicht damit zufrieden ist. War bestimmt nicht ganz einfach mit mir. Darüber hat sie sich auch oft beklagt, wie schwierig ich war. Ich habe ihr irgendwann gesagt, sie war ja die Erziehungsberechtigte, ich war das Kind. Sie kann mir nicht vorwerfen, dass ich ein Kind war, sie wollte mich ja haben, ich konnte dabei nicht mitreden. Deswegen habe ich mich dann auch von ihr abgewandt, und damit war sie gar nicht einverstanden. Und sie drohte mir dann auch mit Selbstmord. Nach aussen habe ich nicht gemacht, was sie wollte, aber trotzdem hat mich das irgendwo belastet. Das hatte schon noch Macht. Ich wollte mir das aber auch nicht anmerken lassen, auch vor mir selbst nicht, bin ja schon groß und stark. Aber ich war in Unfrieden mit mir, das war das Problem dann.

    Diese ganzen Aktionen da, mit Frieden schliessen und Allem, hatten damit zu tun, das ich mich selbst lieben können wollte. Denn in den späteren Phasen meiner Sauferei hatte ich deutliche Ansätze, dass ich mir nicht nur nichts wert war, sondern mich am liebsten zerstört hätte. Und es ist sicher Küchenpsychologie, wurde aber von einem Therapeuten durchaus für möglich gehalten, das ich die Ablehnung, die meine Eltern für mich hatten, innerlich übernommen hatte und quasi auf dem Weg war, ihren Hass auf mich stellvertretend auszuführen. Seitdem ich diesen Frieden habe, kämpfe ich jedenfalls nicht mehr damit, dass ich anders sein will, als ich bin. Und ob das, was ich gerade geschrieben habe, wirklich notwendig war oder nur eine hilfreiche Selbsterzählung ist, ist da gar nicht so entscheidend. Es hat funktioniert, das spüre ich.

    Muss ja keiner lesen, dem es zu viel wird:)

    LG LK

    Hi Kazik,

    ich war ja auch schon lange trocken; als ich in dem Alter war, in dem Du wirklich angefangen hast. Ich habe mit 40 aufgehört, Du hast mit 48 erst richtig angefangen, meine ich gelesen zu haben Logisch, dass da die Ausgangssituation eine ganz andere war.

    Und ich wurde,lange nüchtern, auch noch gefragt, ob ich mich noch an die eine oder andere lustige Situation erinnern kann. Ich hatte ganz am Anfang geschriebem ich war witzig, ich war spritzig, ich stand im Mittelpunkt. Das habe nicht nur ich so gesehen. Ich habe keine Depressionen damit behandelt. Später mal, als es problematisch wurde, habe ich auch Probleme wegzusaufen versucht, aber damit fing es nicht an.
    Und auch mit meiner Frau scherze ist teilweise drüber, was wir früher für Blödsinn gemacht haben.
    Wir sind ja sogar unter Alkoholeinfluss zusammengekommen. Es gibt da einige Geschichten, wo wir Tränen gelacht haben. Aber es blieb halt nicht so.

    LG Lk

    Hi Kazik,

    Im Hier und jetzt ist es sicher so, sonst wäre ich nicht trocken.

    Am Anfang, und damit meine ich wirklich mit 12, war mir aber vom Elternhaus grundsätzlich verboten, Gefühle zu zeigen. So wie Du Deine Wut nicht leben durftest, durfte ich das auch nicht. Verliebtsein wurde ausgelacht, so was hat man nicht, undsoweiter. Und ich hatte das internalisiert, mir selbst auch keine Gefühle erlaubt. Da zählten Vernunft und gute Noten, alles andere war unerwünscht. Aus heutiger Sicht, alles was lebendig ist, durfte nicht sein.
    Bis zu dem Punkt war Saufen auf jeden Fall ein Mittel, um die Gefühle überhaupt zu merken und anzufangen, sie auszuleben. Selbst wenn ich mich dann selbst oft gefragt habe, was eigentlich los war, dabei habe ich gelernt, dass ein Mensch keine Maschine ist.

    Dass es irgendwann mal problematisch wurde, steht auf einem ganz anderen Blatt.

    Ob das heute so viel besser ist, da enthalte ich mich. Ich lese regelmässig, dass die Jungen immer mehr psychische Probleme haben.
    Kann ich aber nicht beurteilen.

    LG LK

    Bono,

    Rein theoretisch gebe ich Dir recht. Praktisch hätte ich vermutlich noch gefährlicher gelebt, je mehr man mir verboten hätte.

    Ich habe mal einem befreundeten Psychoanalytiker ausserhalb einer Therapie ein paar Dinge aus meinem Leben erzählt, die hier noch nicht stehen, und der sagte, ich hatte Angstlust. Das kommt, wenn man beängstigende Situationen erfolgreich überstanden hat.
    Angstlust fängt da an, wo jemand gerne in die Geisterbahn geht und Gruselfilme guckt.
    Das halbe Kino lebt davon.
    Es ist aber auch, wenn Motorradfahrer rasant Kurven schneiden, Fallschirmspringer haben es oft, und Extremkletterer auch.
    Ich bin auch gerne mal alleine und ungesichert in der Steilwand gehangen.
    Ich musste auch bei jeder Droge selbst ausprobieren, wie sie wirkt.

    Mich zog das Risiko und das Verbotene richtiggehend an.
    Ja, es war knapp, aber knapp vorbei ist auch daneben.

    Auf der anderen Seite hat das den Vorteil, dass mich auch wenig schockt. Z.B. meine Behinderung. Mich fragen da oft Leute, wie ich das mache, da trotzdem einfach weiterzumachen. Ich bin da widerstandsfähig.
    Und auch sonst, mein Leben heute ist nicht schlechter als das der meisten meiner Altersgenossen. Ich bin, weil ich was machen muss, vermutlich fitter als die meisten Sofasitzer meines Alters. Und das auch trotz meiner Vergangenheit.

    Am Ende kommts drauf an, ob man zufrieden ist, mit seinem Leben.
    Und ich bin auch jemand der sehr viel liest.
    Zum Beispiel, was Leute am Ende ihres Lebens am meisten bereuen.
    AnnaBlume , Du hattest mich mal gefragt, ob ich mich als durchschnilttlich akzeptieren kann. An diesem Punkt kann ich das jedenfalls sehr gut. Ich gehe davon aus, was die meisten bereuen, würde ich auch bereuen. So, wie ich auch akzeptiert habe, als Alkoholiker sollte man besser aufhören, wenns reicht, ohne viel Rumgezicke.

    Da kann ich sagen, was die Leute am meisten verpasst haben und dann im nächsten Leben gerne anders machen würden, habe ich gemacht.
    Und da bin ich wieder bei der Bilanz. Die ist eben insgesamt positiv.

    LG LK

    Ich mache mit den positiven Meldungen weiter.

    Darmspiegelung war unspektakular.

    Gestern ein paar alte Möbel aus dem Wohnzimmer geschafft, nächste Woche gibt es neue.
    Im Keller habe ich auch erfolgreich weitergearbeitet.
    Wir achten zwar schon immer darauf, dass es nicht zu voll wird, aber jetzt muss trotzdem einiges raus. Ich will mir da einen Fitnessraum wegen meiner Behinderungen bauen, damit ich das, was ich in der KG mache, hier auch machen kann.

    Bei der Reha war mein Widerspruch auch erfolgreich. Es wurden mir drei Kliniken genannt, die das so machen, wie ich das wünsche.
    Zwei davon habe ich ausgesucht und die am Bodensee priorisiert. Die Andere ist auch in einer Urlaubsgegend. Wird schon werden.

    Und jetzt bin ich dann erst mal ein paar Tage weg bei einem alten Freund.

    Es läuft momentan.

    Und wie ich gestern gemeint habe, erst mal paar Monate abwarten.
    Man kann es erst hinterher beurteilen.
    Es bringt nichts, auf der Lauer zu liegen, was als nächstes kommt. Damit machst Du nur Dich selbst nervös.
    Erzählen kann man sehr viel. Und wie schon Adenauer sagte "was geht mich mein Geschwätz von gestern an" trotzdem völlig anders handeln.

    Wenn sie jetzt dann aber rumlaviert, rausschiebt, "nur noch dieses Mal", dann nicht ewig warten.

    LG LK

    Dabei werde ich bei denen aber durchgängig den Eindruck nicht los, dass sie eigentlich trinken, weil sie gerne betrunken sind.

    Das sehe ich auch so.

    Meine angeführten Saufgründe sind aber in erster Linie deswegen entstanden, weil Andere unbedingt wissen wollten, warum ich saufe. Die konnten nicht glauben, das Saufen so schön ist, wie ich es lange empfunden habe. Wenn ich allein war, bin ich einfach saufen gegangen, da brauchte ich keine Gründe.

    LG LK

    Ich würde auch sagen, da müsste man jetzt hellsehen können. Das kann aber niemand.

    Ich bin auch von der Trinkerseite und bei mir gibt es eine Partnerin.
    Bei mir hat man/sie irgendwann gemerkt, dass ich es ernst meine. Pi mal Daumen würde ich sagen, nach ca. drei Monaten Trockenheit und nachdem deutlich ersichtlich war, dass ich mich mich dem Thema beschäftige und nach drei Monaten immer noch überzeugt war, dass ich das durchziehe.
    Davor konnte ich auch kaum erwarten, dass sie mir das so ohne Weiteres abnimmt. Ich habe aber auch nicht wegen ihr aufgehört, sondern weil es mir selbst maximal bescheiden ging. Da war die Beziehung schon nicht mehr der entscheidende Grund.

    Was vorher erzählt wird, ist immer schwierig, weil schon zahllose Alkoholiker behauptet haben , dass sie aufhören wollen und ein paar Tage später haben sie doch wieder gesoffen. Aber auch jedes ernste Aufhören fängt nun mal mit dem ersten Tag an.

    Bisschen von außen betrachten, wenn Du das schaffst, würde ich sagen.

    LG LK

    Hi Kazik,

    bei Deiner inneren Einsamkeit halte ich mich mal raus.
    Ich kenne das Gefühl innerer Einsamkeit, aber da musste ich in mir selbst nachspüren.
    Ich musste da meine tieferen Bedürfnisse entdecken und versuchen, mehr danach zu leben. Und weniger nach dem, was von mir erwartet wurde und was ich selbst von mir erwartet habe. Mir war das ja auch antrainiert, immer der Beste sein zu müssen. Und das beinhaltete auch die Wunschvorstellung, die meine Eltern und Schule mit ihrer Erziehung von mir gezeichnet hatten, also die Rolle, in die ich reingewachsen war, die aber nicht mein Selbst ist. Und so was kann ziemlich tief verborgen sein.

    Ich bin dann dem mal nachgegangen, was ich als Kind für Träume hatte, bevor man mir die ausgetrieben hatte, weil man damit kein Geld verdienen konnte, brotlose Kunst und nutzlose Tändelei. So was in der Richtung. Ich habe mich dann getraut, das angeblich Unmögliche wirklich zu durchleben.
    Das sind aber ziemlich persönliche Sachen und vieles davon ist nonverbal, kann man kaum rational und analytisch angehen. Ich habe eine Technik gelernt, Bilder in mir aufsteigen zu lassen und zu spüren, was mir gefällt und was wirklich wichtig für mich ist. Liebe gehört jedenfalls auch dazu..

    Zum äusseren: ich bin mehrmals in meinem Leben über größere Stecken umgezogen, so dass ich jedesmal auch mit dem Bekanntenkreis neu anfangen musste. Beim Studium war das noch relativ einfach, dann waren es die Arbeitskollegen. Beim letzten Umzug, als ich noch getrunken habe, war ich mehrere Jahre Fernpendler und habe an diesem Wohnort dann gar nichts mehr gemacht ausser ab und an in die Dorfkneipe. Das war menschlich unbefriedigend und meistens habe ich alleine zu Hause gesoffen. Als ich aufgehört habe, hat mich das feuchtfröhliche Vereinsleben dort auch nicht interessiert.

    Ich habe aber aus den Träumen, von denen ich gerade geschrieben habe, und meinen beruflichen Kenntnissen ein Geschäftsmodell gemacht und dann dort über Jahre aus dem Homeoffice gearbeitet. Und das war ja dann auch gleichzeitig mein Hobby und dafür habe ich in einer benachbarten Großstadt Leute mit ähnlichen Interessen gesucht. Das lief auch, war aber mehr auf Vereinsbasis. Freunde im engeren Sinn hatte ich da keine, aber ich war auch nicht isoliert. Und daneben habe ich mir ganz banal einen regionalen Alkoholiker-Selbsthilfeverein gesucht, wo sie froh waren, dass ein damals schon relativ lange Trockener ab und an vorbeiguckte. Ich konnte mich dort nützlich machen, ähnlich wie hier ein Moderator. Es war auch interessant da, einige Leute kennengelernt, mit denen ich bis heute Kontakt habe.

    Vor 7 Jahren bin ich nochmal umgezogen und da bin ich das ganz gezielt angegangen. Ich wusste, ich habe bestimmte Interessen und ich möchte ein paar wirkliche Freunde finden, wo das natürlich auch mit meiner Nüchternheit klappt. Ich habe in der Zeitung, im lokalen Kommunalblatt, im Internet geguckt, was es hier überhaupt gibt. Zuerst habe ich zu viel angefangen, aber dann habe ich wieder weggelassen, was nicht so gut lief, Anderes lief dafür besser.
    Bis jemand Freund ist, dauert das bei mir ein wenig, aber zum Unterhalten hatte ich bald Leute. Und inzwischen habe ich auch Freunde hier. Alle wissen, dass ich nicht trinke, stören tut es keinen. In meinem Besein trinkt keiner, weil sie sowieso alle kaum trinken und und genau wissen, dass ich mich lieber mit Nüchternen unterhalte. Andere kommen mir nicht nahe genug, dass es mich tangiert. Und ausserdem leite ich hier einen Arbeitskreis, das ist aber auch Hobby und menschlich geht da auch Einiges. Da kommen alle nüchtern, da wird nicht getrunken und ich bin derjenige, der sagt, wann wir uns treffen. Die verlassen sich da absolut auf mich und hören auf meine Wünsche, keiner sagt mir, was ich tun soll, und es ist immer schön.

    Vielleicht ist ja was für Dich dabei.

    LG LK

    Ich habe das Trinken immer positiv gesehen.

    Bei mir kommt gerade der Punkt wo ich überlege ob mir Alkohol je wirklich geschmeckt hat

    geschmeckt muss er mir wohl haben, sonst hätte ich als Kind nicht den Kirschlikör getunkt. Ausserdem wurde ich davon sehr lustig, das wurde mir ja erzählt, und damit kenne ich vermutlich DEN Saufgrund bei mir. Ich war auch lange, wenn ich sturzbetrunken war, wunschlos glücklich. Ich brauchte dann nichts und niemanden. Was irgendwer über mich dachte, war mir so wichtig wie der Sack Reis in China. Erst nüchtern hat mich das in irgendeiner Weise interessiert.

    Bei mir war die wesentliche Erfahrung für die dauerhafte Trockenheit die, dass ich mich nach mehrmonatiger Trinkpause darauf gefreut hatte, dass ich mich dann endlich mal wieder belohnen durfte. Ich habe mich die Tage davor schon richtig auf ein bestimmtes Ereignins gefreut, wenn ich das geschafft habe, kaufe ich mir als erstes eine Flasche Whisky und geniesse den Tag so richtig. Drei Wochen später war ich da, ich musste kämpfen, dass ich überhaupt noch alkoholfreie Tage hinkriege und ich hatte dann irgendwann das Gefühl, jetzt ändert sich was. Jetzt werde ich irgendwie verrückt.

    Diese positve Erwartung, die ich da hatte, endete in absoluter Enttäuschung. Und im Wortsinn, es war schon ein paar Jahre vorher mehr Täuschung, weil es da schon regelmässig zu Problemen führte. Ich wollte es aber nicht wahrhaben und dachte, es muss doch gehen,wenn ich es richtig mache. Das war ja lange ein Zwischenzustand, ohne Alkohol ging es nicht, aber mit Alkohol ging es auch nicht mehr.

    Dabei ging mir dann der Gedanke an das Positive beim Saufen restlos weg. Ich glaube, deswegen hat mich dann auch nie was getriggert. Es wäre sowieso schwierig gewesen, den Triggern aus dem Weg zu gehen, weil mein ganzes Leben und meine ganze Identität, also das, was ich als meine Person gesehen habe, untrennbar mit dem Saufen verbunden war. Ich hab eigentlich schon den Saufgrund gehabt, wenn es morgens Tag wurde.

    Heute ist das schon lange Geschichte, weil ich in den ganzen Jahren, die ich trocken bin, wohl schon fast jede Situation, auch große Probleme, nüchtern erlebt habe, ohne dass der Trinkgedanke kam. Bei mir "sitzt" die schlechte Erfahrung da sehr tief. Und das macht es irgendwie sehr einfach.

    LG LK

    Vor lauter, Anderen erzählen, wie das bei mir früher mal war, möchte ich mein Heute nicht vergessen.

    Meine Frau, heute beim Mittagessen:
    Sie bereut überhaupt nichts, was wir erlebt und gemacht haben.
    In anderen Leben lief auch Mist und sie möchte mit niemandem tauschen. Sie würde nicht mal was anders machen, wenn wir noch mal von vorn anfangen könnten, das hat mich doch überrascht. Wir kennen auch ein paar Leute, die haben keine Suchtproblematik, dafür andere Probleme. Das relativiert sich mit der Zeit. Und auch viele Normalverbraucher in meinem Umfeld, nenne ich sie mal so, hadern auch mit Verschiedenem, was sie falsch gemacht haben.
    Bei uns war es bunt und erlebnisreich und jedenfalls nicht gewöhnlich.

    So ist mein Empfinden auch.

    Wenn man die Dinge so sieht, wie sie sind, dann habe ich ja vor 24 Jahren mit dem Saufen aufgehört. Alles Andere, was hätte passieren können, ist nicht passiert. Damit war das Saufen im Rückblick keine Katastrophe, sondern eine Episode und eine Erfahrung, die mich dazu brachte, mein Leben bewusster zu leben. Und bevor es ganz schlimm wurde mit dem Saufen, war es auch lustig. Ich glaube ohne das hätte ich das Gefühl, ich hätte was verpasst. Wenn ich heute jung wäre und selbst mit dem Wissen, das ich habe, wäre mir wahrscheinlich trotzdem langweilig, wenn ich immer nur tun würde, was gut für mich ist. Und wenn ich immer nur gemacht hätte, was mir gesagt wurde, käme ich mir vor wie ferngesteuert.

    Wenn ich nicht aufgehört hätte, dann wäre es sicher anders gewesen. So hatte ich ein halbes Leben dies und das andere halbe Leben etwas Anderes, inzwischen erlebe ich das als Bereicherung und als Fülle des Lebens. Das Saufen zählt für mich heute nicht mehr. Es ist schon viele Jahre keine Anstrengung mehr, trocken zu bleiben. Ich muss nicht mal aufpassen, weil Trockenheit längst zur Gewohnheit geworden ist, ich habe keinerlei Bedarf oder Appetit auf Alkohol. Verzicht, überhaupt nicht. Ich glaube, mir würde es nicht mal schmecken, wenn ich nicht mit Konsequenzen rechnen müsste.

    Was aber immer noch zählt, ist der Gedanke, ich kann den Rest meines Lebens Trübsal blasen, weil ich nicht mehr saufen kann, oder ich kann darauf schauen, dass ich Freude am Leben habe. Genauso habe ich das mit meinem Unfall und der Querschnittslähmung auch gemacht. Auch da dachte ich mir, ich mache das Beste draus und meine Einstellung, die ich mir beim Trockenwerden angewöhnt hatte, half mir auch da. Und überhaupt, deswegen, weil ich mich da raus arbeiten musste, habe ich mich besser kennengelernt und konnte ein paar Fähigkeiten an mir entdecken oder sie mir aneignen, von denen ich vorher nichts wusste. Soll jetzt nicht so klingen wie "Toll, dass ich gesoffen habe", aber ich gebe zu, bereuen tue ich es auch nicht. Und letztlich hatte ich es tatsächlich selbst in der Hand, was ich draus mache. Ich sehe mich nicht als Opfer einer Krankheit, weil ich das überwunden habe. Und die Notwendigkeit, dazuzulernen, hat mir für mein Gesamtleben mehr genutzt als geschadet.

    So ein Tag wie heute...zwischen dem Schreiben hier habe ich im Keller was gemacht, bin im Liegestuhl auf der Terrasse gelegen und gerade noch 30 km E-Bike gefahren. Auf der Terrasse wars warm und windgeschützt, dann bin ich mit dem Rad hier über die Kuppe und oben zog es wie Hechtsuppe. Bin trotzdem weitergefahren. Wald, Felder, Sonne.

    Ein schönes Leben.

    Das will ich jetzt mal kurz dalassen.

    LG LK

    Laura,

    wenn Du Dir was Gutes tun willst, blockiere ihn.

    Ich bin mit meinen 65 Jahren so aufgewachsen, wenn bei einer Beziehung Schluss war, dann hat man sein früheres Gegenüber nach Monaten zufällig mal irgendwo getroffen.
    Schluss hiess Schluss.
    Ich glaube das war einfacher.

    LG LK

    Bono59 ,

    Ich glaube, wir sprechen da einfach eine etwas unterschiedliche Sprache. Das ist für mich OK.

    Mir muss niemand die Entscheidung zum Saufen in die Hand geben, denn das Recht zu Saufen habe ich Kraft des Gesetzes und meiner Existenz. Mir muss das so wenig jemand erlauben, wie es mir jemand vebieten kann. Ich darf das, es ist mein Leben.

    Und wenn ich sage, ich will keine Hilfe, dann heisst das für mich, mein Gegenüber geht es überhaupt nichts an, was ich mache. Den hat das gar nicht zu interessieren, alles Andere ist übergriffig. Der Coabhängige ist aus meiner Sicht ganz genau so dafür zuständig, ob er/sie sich das gibt oder nicht. Ich ziehe keinen Coabhängigen mit runter, der Coabhängige zerstört sein Leben auch selbst.
    Ich habe mal gelernt, ich bin nicht für die Gefühle eines Anderen Menschen verantwortlich.

    Der Satz Hilfe durch Nichthilfe hört sich für mich, der keine Hilfe wollte, ziemlich manipulierend an. Von hinten durch die Brust ins Auge.
    Erst als ich mal aufhören wollte, kam der Satz "wenn einer auf die Fresse fliegen will, leg ihm kein Kissen unter" bei mir überhaupt an.
    Also Hilfe durch Nicht-Hilfe kann es für mich erst geben, wenn ich bereits Hilfe will.

    Kann man unterschiedlich verstehen, denke ich.

    Ich sehe den Unterschied darin, ob man den Gedanken an Nicht-Hilfe damit verknüpft, ob man mit der Nicht-Hilfe trotzdem (indirekt) helfen will. Das sagt der Satz Hilfe durch Nicht-Hilfe für mich aus. Bei Cos lese ich öfter, dass sie hoffen, ihren Süchtigen durchs Verlassen, also die Nicht-Hilfe, doch noch irgendwie zu "erwecken".
    Und ich sehe das eher so, ein Arzt darf mir auch nicht helfen, wenn ich dem nicht zustimme. Der muss mich auf mein eigenes Risiko hin machen lassen, was ich will.

    Ich denke, selbst der Gedanke "Hilfe durch Nicht-Hilfe" ist in dem Fall falsch.

    Ihn ernst nehmen, er will keine Hilfe. Selbst wenn er dran verreckt.

    Unter Alkoholikern gab es mal die Weisheit, dass man einem Anderen nur so weit helfen kann, wie es einen selbst nicht runter zieht. Weil man sonst seine eigene Abstinenz gefährdet etc. Und auch eine Co kann nicht mehr helfen.

    Und ich als trockener Alkoholiker weiss, dass ich keine Hilfe wollte und dass ich das ernst gemeint habe. Da braucht sich eine Co überhaupt keine Gedanken drum zu machen, ich hätte Hilfe selbst überhaupt nicht zugelassen. Ich hab dann selbst gesagt, wenn es Dir weh tut, mir zuzugucken, dann nimm Deine Nase aus meinen Angelegenheiten.
    Es war auch für mich als Trinker einfacher, wenn ich wusste, das zieht sonst niemanden runter. Ich wusste, dass ich mich auf dem Highway to Hell bewege, und, ja, das wollte ich. Für mich war die Sauferei etwas, was ich nur mit mir selbst ausmachen wollte. Mitleid überflüssig, ich war mit mir im Reinen.

    Als ich aufgehört hatte, hatte ich mal den Spruch, ich habe gesoffen, bis es für mich leichter war, aufzuhören, als weiter zu saufen. Ich könnte auch sagen, die Vorstellung davon, was passiert, wenn ich weitersaufe, war dann schlimmer als die Vorstellung davon, was passiert, wenn ich aufhöre. Ich hatte wohl wirklich Angst vor einem Leben ohne Alkohol, kein Spass mehr, keine Parties, kein gemütliches Wegdämmern zum Feierabend, der Verzichtsgedanke hatte bei mir eine gewaltige Macht. Nur noch freudlos malochen, bis ich den Löffel sowieso abgebe, so sah ich das.

    Und um da hin zu kommen, dass das Aufhören in meiner Vorstellung nicht schlimmer war als das Weitersaufen, musste ich erst mal genug gesoffen haben. Es musste mir reichen. Und dazu musste es mir schlecht genug gehen, damit es reichte. Und wenn ich nie genug gesoffen gehabt hätte, dann hätte es halt nie gereicht, siehe oben.

    Deinem Partner reicht es eben noch nicht. Für den ist Saufen immer noch schöner als aufhören. Und wenn das für Dich noch so unverständlich ist.