Hi Kazik,
Ich war als Kind/Jugendlicher, bevor ich getrunken habe, extrem kontrolliert. Mir wurde immer gesagt, dass ich ja so intelligent bin, also konnte man vernünftiges Handeln von mir erwarten. Alles Andere wurde mir als Böswilligkeit ausgelegt, Und ich habe versucht, mich dem anzupassen, weil ich ja irgendwie doch geliebt werden wollte. Ich habe irgendwann auch mal gesehen, dass mein Vater ein grundsätzliches Problem mit Kindern hatte, wenn sie einfach Kinder waren, spielten und "ungezogen" waren. Er hat dadurch Freunde verloren, weil er zu deren Kindern genauso war, Fre..e halten, er will seine Ruhe. Als ich durch Saufen die Kontrolle verlieren konnte, fühlte ich mich erst mal befreit. Und bei mir ging es aus mir selbst raus nicht so weit, dass ich jemand Anderem so weh getan hätte, dass es Konsequenzen für mich hatte. Es hat niemand ernstlich versucht, mich zu bremsen.
Ich bin ja dann in Opposition zu meinen Eltern gegangen und wollte alles ganz anders machen. Dann kam ich irgendwann darauf, so lange mein Handeln dadurch bestimmt ist, dass ich dass Gegenteil mache, und meine Laune immer noch davon beeinträchtigt ist, wie es zu Hause lief, haben sie immer noch Macht über mein Leben.
Das war zwar nicht der Einzige, aber ein wichtiger Grund für mich, warum ich damit meinen Frieden machen wollte. Erst danach war ich innerlich frei von meinem Elterhaus.
Manchmal muss ich bei Deinen Depressionen und deiner häufigen Erwähnung, dass sie keine Macht mehr über Dich hatten, dran denken, ob das wirklich so ist wie Du das sicher so siehst. Ich möchte Dir damit aber nicht zu nahe treten und ausserdem kann ich mich sowieso irren. Es ist mir aber ein Bedürfnis, zu äussern, dass mir das auffällt. Vielleicht wird Dich das jetzt nüchtern auch noch beschäftigen.
Du hattest mal geschrieben, dass Dein Vater und Du einen finalen Kampf um Deine Mutter geführt hatten. Bei uns war das insofern anders, als sich mein Vater, glaube ich zumindest, von meiner Mutter aus der Beziehung mit mir herausgedrängt gefühlt hatte. Das kommt öfter vor, grade jetzt irgendwo kann ich das beobachten. Meine Mutter versuchte auch, mir den Umgang mit ihm zu verbieten, nach der Scheidung. Sie sagte mir auch, wenn ich mal heirate, muss ich mir überlegen, wen ich einlade, wenn er kommt, kommt sie nicht. Und umgekehrt.Und ich weiss aus seinen Erzählungen, dass sie sich schon über meinen zukünftigen Werdegang und die Erziehungsmethoden gestritten hatten, da war meine Mutter erst schwanger mit mir und ich noch gar nicht auf der Welt. Sie hatten auch ziemlich unterschiedliche Vorstellungen über Erziehung. Meine Mutter wollte es mehr bedürfnisorientiert, mein Vater war eher der Meinung, gelobt sei, was hart macht. Aus seiner Sicht war es ein Fehler, Kinder zu verwöhnen. Und meine Mutter klammerte später deutlich mehr als er. Aber er konnte leichter Fehler zugeben und sich leichter selbst reflektieren und über seine eigene Blödheit lachen. Ist bei mir grundsätzlich auch so. Kurz vor seinem Tod hat er schwer mit seinem Leben gehadert, und er war völlig vereinsamt, weil er alle immer weggeschickt hatte, und das ist mein Antrieb, es anders zu machen. Ich möchte nicht so enden wie er. Trotzdem werde ich genügend Gelegenheit finden, selbst Fehler zu machen. Weil ich auch nur ein Mensch bin.
Frühe Fotos mit mir zeigen eigentlich ein allseits gutes Verhältnis, einen liebenden Vater und eine liebende Mutter, eingebettet in die Großfamilie, in der meine Mutter gelebt hat. Und eine Flüchtlingsfamilie, mein Patenonkel Pole, und immer reichlich Schnaps auf den Tischen. Schlimm wurde es, als wir in die Heimatstadt meines Vaters zogen und sie dort ein großes Haus bauten. Da hatten sie beide so viel Arbeit, dass ich lange nur nebenher lief. Ich sollte dann vor allem geräuschlos funktionieren, weil sie überhaupt keine Zeit mehr für mich hatten. Und das Verhältnis meines Vaters zu seiner Familie war nicht besonders harmonisch. Das waren seine Brüder und seine Schwester und seine Mutter, und meine beiden bis jetzt übriggebliebenen Onkel haben auch einen ziemlich unfreundlichen Umgang miteinander.
Meine Mutter sagte mir mal, sie versteht mich überhaupt nicht, ich habe Charaktereigenschaften, die ich weder von ihr noch von ihm haben kann. Aber ihm bin ich wie aus dem Gesicht geschnitten und sehe ihn täglich, wenn ich in den Spiegel gucke, vor mir, und sie wusste ja wohl dass ich von ihr war. Ich kann dem gar nicht aus dem Weg gehen.
Aus späteren Erzählungen von ihm weiss ich, dass er neidisch auf mich war. Er war der Älteste und musste seinen Brüdern das Studium finanzieren. Er selbst war in der Arbeit gut genug, um Preise zu gewinnen, die Zeitungsartikel habe ich nach seinem Tod gefunden. Er bekam aber von meiner Großmutter keine Anerkennung dafür und hasste irgendwie Akademiker, ich denke gerade weil er seine Brüder finanzieren musste. Und ich war früher dummerweise immer Klassenbester und für die Lehrer war klar, ich muss mindestens Mediziner werden, was damals noch als Das Höchste galt. Und das stank ihm bis zum blanken Hass auf mich. Er hätte lieber einen Handwerker gehabt. Ja, ich habe mich durch diesen Frieden mit ihm auch von dieser Ablehnung befreit. Ich hatte ihm davor aber auch schon die Bedingungen gesagt, unter denen ich den Kontakt zu hm halte. Eine der Bedingungen war, er ist nicht besoffen, wenn er mich anruft, und er ist auch nicht besoffen, wenn ich zu Besuch komme. Er hat wirklich versucht, sich daran zu halten. Es war ihm offensichtlich wichtig, dass ich noch komme.
Ich habe lange versucht, von so wenig wie möglich zu leben. Denn ich wollte eben nicht so ein Malocher werden wie mein Vater. Wo meine Mutter auch noch erklärt hatte, seine fast durchgehend schlechte und zornige Laune käme daher, dass er zu viel arbeitet. Ich habe es ca. 10 Jahre mit Minimalismus versucht. Arbeit nur das Nötigste. Erst als ich dann mal praktisch komplett pleite war und lange nach einem Offenbarungseid, habe ich angefangen, wirklich Ausbildungen abzuschliessen und Berufe auszuüben.
Und ich hatte schon frühzeitig ein ernstes Problem mit dem Sinn des Lebens. Es fing damit an, wozu die ganze Plagerei, wenn man am Ende nichts mitnehmen kann. Ich hab meine Mutter schon damit zur Verzweiflung gebracht und wollte wissen, wozu sie mich eigentlich haben wollte, wenn sie dann doch nicht damit zufrieden ist. War bestimmt nicht ganz einfach mit mir. Darüber hat sie sich auch oft beklagt, wie schwierig ich war. Ich habe ihr irgendwann gesagt, sie war ja die Erziehungsberechtigte, ich war das Kind. Sie kann mir nicht vorwerfen, dass ich ein Kind war, sie wollte mich ja haben, ich konnte dabei nicht mitreden. Deswegen habe ich mich dann auch von ihr abgewandt, und damit war sie gar nicht einverstanden. Und sie drohte mir dann auch mit Selbstmord. Nach aussen habe ich nicht gemacht, was sie wollte, aber trotzdem hat mich das irgendwo belastet. Das hatte schon noch Macht. Ich wollte mir das aber auch nicht anmerken lassen, auch vor mir selbst nicht, bin ja schon groß und stark. Aber ich war in Unfrieden mit mir, das war das Problem dann.
Diese ganzen Aktionen da, mit Frieden schliessen und Allem, hatten damit zu tun, das ich mich selbst lieben können wollte. Denn in den späteren Phasen meiner Sauferei hatte ich deutliche Ansätze, dass ich mir nicht nur nichts wert war, sondern mich am liebsten zerstört hätte. Und es ist sicher Küchenpsychologie, wurde aber von einem Therapeuten durchaus für möglich gehalten, das ich die Ablehnung, die meine Eltern für mich hatten, innerlich übernommen hatte und quasi auf dem Weg war, ihren Hass auf mich stellvertretend auszuführen. Seitdem ich diesen Frieden habe, kämpfe ich jedenfalls nicht mehr damit, dass ich anders sein will, als ich bin. Und ob das, was ich gerade geschrieben habe, wirklich notwendig war oder nur eine hilfreiche Selbsterzählung ist, ist da gar nicht so entscheidend. Es hat funktioniert, das spüre ich.
Muss ja keiner lesen, dem es zu viel wird![]()
LG LK