Beiträge von Anthurie

    Puh, jetzt ist meine Tiefenentspanntheit weg und ich bin seit einer Woche sehr schnell von null auf hundertachtzig. Mich nerven Menschen.

    Der dahinter liegende Mechanismus ist, dass mein Unbewusstes nicht mehr in die alten Muster zurück will und auch nicht mehr dahin zurück kann. Auch, wenn mich etwas triggert, was mich bis vor Kurzem in meinen alten Zustand katapultiert hat- das funktioniert nicht mehr. Etwas Vertrautes (das mir jahrelang scheinbar geholfen hat)ist verschwunden. Auch wenn das Vertraute langfristig nicht gut für mich war.

    Gleichzeitig merke ich, dass meine neuen Muster (die mir definitiv ein gutes Leben ermöglichen) noch nicht automatisiert sind. Die springen also noch nicht von allein an, wenn ich getriggert werde.

    Ich falle in solchen Momenten sozusagen in ein Loch, aus dem ich erst wieder rauskomme, wenn ich mein Hirn einschalte, das dann das Kommando übernimmt. Und bis mein Hirn im Arbeitsmodus ist, bin ich wütend, gereizt, genervt.

    Ich finde das so anstrengend. Ich weiß, dass es vorbei gehen wird. Trotzdem. Ich will einfach mal jammern.

    Vielen Dank Morgenrot und Seb25 für Eure Einschätzung und Erfahrungsberichte. Das hilft mir sehr weiter und beruhigt mich ein ganzes Stück. Zu lesen, wie es Euch ergangen ist, läßt mich diesen Zustand leichter aushalten. Denn ein Aushalten und vorsichtig Vertrauen darin aufzubauen, dass sich ein neues Lebensgefühl breit macht, ist es ja.

    Schmetterling85 :

    Danke auch Dir für Deine Antwort. Auch Deine Zeilen helfen mir enorm weiter und ich finde es gut, dass Du es aus Deiner Sicht geschrieben hast.

    Denn gemeinsam ist beiden Zuständen ja (unabhängig von der Ursache), dass kein Vertrauen ins Leichte da ist.

    An dem Punkt, an dem Du gerade bist, war ich auch und ich komme immer wieder in Situationen, in denen es mir wieder so geht.

    Hab Geduld mit Dir, so schwer es für Dich auch sein mag. Ich hatte Zeiten, da habe ich nicht dran geglaubt, dass es besser wird und ich hab quasi diesen Glauben ignoriert und einfach weiter gemacht. Irgendwann wurde es besser. Es dauert, auch wenn es schön wäre, wenn mit einem Fingerschnippen alles gut würde. Funktioniert nur leider nicht.

    Ich finde es gut, dass Du einen Therapeuten hast, mit dem Du Stück für Stück alles aufdröseln und bearbeiten kannst. Und Du hast schon herausgefunden, woher Deine Muster und Dein Verhalten kommen. Das ist toll! Der "Rest" ist dranbleiben, üben, lernen. Ganz wichtig (für mich, aber ich geb das gern weiter): Zwischendurch Pausen machen, damit man sich erholen kann. Der ganze Mist, der einem das Leben schwer macht, ist dann trotzdem da, aber ihn für die Pausenzeit auf die Ruhebank zu schicken, hilft enorm.

    Heute hab ich Grenzen setzen und halten bei der Person gemacht, die mich mit ihrem Verhalten in meinen Schlamassel rein gebracht hat: Bei meinem Vater.

    Einen Moment habe ich gespürt, wie egal ihm alles zu sein scheint, solange nicht alles nach seinem Kopf geht. Das fühlte sich so vernichtend an. Mein "Grauen" war sofort wieder da und gleichzeitig das Wissen, dass ich das nicht aushalten muss, sondern kontern darf.

    Überflüssig zu erwähnen, dass ich ein leicht schlechtes Gewissen hatte...? Jetzt bin ich erschöpft. Und merke gerade wieder einmal, dass es ja eh egal ist, was ich tue oder nicht tue- mein Vater ist wie er ist. Da kann ich auch weiter mein Leben leben.

    Er hat ja eh nur soviel Macht über mich, wie ich zulasse. Von daher...

    Indem ich angefangen habe, Grenzen zu setzen und diese auch zu halten. Und gelernt habe, die Reaktionen meiner Mitmenschen auszuhalten.

    Dem Ganzen ging voraus, dass ich viele Dinge erstmal für mich selbst erkennen und für mich Schlüsse daraus ziehen musste, um mein persönliches Werte- und Handlungsgerüst aufzubauen. Als das stabil(er) war, konnte ich das nach außen vertreten und so war nach langer Zeit das Gefühl des Ausgeliefertseins passé.

    Frage meinerseits an EKA' s:

    Ich bin seit einer Woche tiefenentspannt und sehr gelassen. Ich komm damit nicht klar. Einerseits ist das angenehm, weil ich ja keine Angst mehr zu haben brauche und mein System das anfängt zu kapieren; anderseits ist dieser Zustand so befremdlich für mich, dass mein Hirn in den alten vertrauten (aber stressigen) Zustand zurück will. Letzteres ist keine Option und, glaub ich, auch nicht mehr möglich.

    Kennt das jemand? Wie lange dauert das? Geht das auch wieder weg bzw gewöhnt man sich dran?

    Im Grunde genommen kenne ich die Antworten darauf schon, aber ich könnte gerade Zuspruch und Erfahrungen von anderen Betroffenen gebrauchen. Das ist so neu und ungewohnt, dass ich mich hilflos fühle.

    Hallo Seb25, natürlich darfst Du fragen.

    Meine Angst war immer, dass ein Anruf kommt, dass meinem Vater was passiert ist.

    Auch wenn ich seit Jahren mein Leben habe, kreisten im Hintergrund die Gedanken, ob bei meinen Eltern wieder Chaos ist. Vor allem, was mein Vater tut oder nicht tut. Ich konnte das nicht abstellen; da hat es mir auch nix genützt, mir zu sagen, dass meine Eltern erwachsen und für sich selbst verantwortlich sind. Die Angst war immer da, egal wie ich mein Leben gelebt habe und egal, ob es mir gut ging oder nicht. Ich war nie entspannt.

    Kurz bevor mein Vater in die Pflege kam, hab ich drüber nachgedacht, wie ich den Kontakt zu meinen Eltern gestalten will oder ob ich ihn zeitweise unterbreche. Denn meine Eltern hätten keine Entscheidung getroffen, um etwas zum Positiven zu ändern. Die Entscheidung wurde durch andere Erkrankungen abgenommen. Das hat mich schonmal sehr entlastet, also emotional, aber zu wissen, dass sonst alles beim Alten geblieben wäre, macht mich gerade etwas fertig.

    Das, was Du beschrieben hast über Deinen Vater und die Angst vor der Unberechenbarkeit, das kenne ich auch zu gut. Ebenso die Kränkungen, die Abwertungen, das nicht ernst genommen werden und vor Allem das allein gelassen werden. Das sitzt tief.

    Ich wünsche einen ruhigen Sonntag.

    Als EKA finde ich es schwierig, wenn als Argument, keine Trennung durchzuführen, die Kinder hergenommen werden.

    Das suchtkranke Elterteil nimmt sich selber aus der Familie raus und läßt die Kinder leiden. Ohne sie zu fragen und die Kinder haben keinerlei Möglichkeiten, sich der krank machenden Situation zu entziehen.

    Wenn ein süchtiger Mensch schon innerhalb der Familie seine Verantwortung nicht wahr nimmt... warum sollte dieser Mensch das nach einer Trennung tun? Das ergibt keinen Sinn.

    Kinder gehören raus aus so einer Situation und müssen lernen, so wie es Lanananana schon schrieb, dass kein Mensch irgendetwas aushalten muss.

    Die Folgen schleppen die Kinder später als Erwachsene mit sich herum. Wenn sie Glück haben, dann können sie das aufarbeiten und wenn sie kein Glück haben, dann wissen sie ein Leben lang nicht, warum sie sich durch das Leben plagen.

    Wenn Dein Mann ausziehen müsste, haben Du und die Kinder weniger Umzugsstress und ihr könntet in Eurer gewohnten Umgebung bleiben. Da hättet Ihr die Stabilität, die ihr braucht, um Euch einzurichten und Euch ein gesundes Leben aufzubauen.

    Pass auf Dich auf. Ich denke, dass er Dich einlullen will, damit Du weiter "für ihn da bist".

    Außerdem bist Du jetzt gedanklich wieder bei ihm, anstatt die Energie in Dich zu investieren und zu schauen, wie Du Dein Leben gestaltest.

    Wenn ich Du wäre, würde ich ihm alles Gute wünschen, den Kontakt abbrechen und ihn blockieren. Dann hast du die Chance auf Ruhe und kannst für Dich da sein.

    In den letzten Tagen bin ich an mir selber verzweifelt.

    Kopf versus Gefühl; besser kann ich es nicht ausdrücken, verbunden mit der Frage, ob ich in letzter Zeit überhaupt was gelernt und verstanden habe.

    Vom Gefühl her "denke" ich, dass sich für mich überhaupt nichts zum Positiven verändert hat. Meine Muster sind in den letzten Tagen vermehrt getriggert worden von jemandem, der lügt und Menschen gegeneinander ausspielt.

    Mein Kopf hat sofort kapiert, was läuft und ich konnte gleich meine Grenzen setzen. Dieser Mensch ist als Konsequenz aus meinem Umfeld raus und das ist super.

    Also, im Prinzip alles gut und ich kann mir auf die Schulter klopfen.

    Jetzt mache ich mir aber selber Vorwürfe, dass ich nicht von Anfang an gecheckt habe, wie dieser Mensch tickt. Ist das zu fassen? Wenn ich bedenke, wie ich geprägt wurde und wie schwer es ist, da raus zu kommen, bin ich echt mit Lichtgeschwindigkeit durch das Problem durch und hab es gelöst. Ich glaube, dass ich zuviel von mir erwarte.

    Und beim Schreiben merke ich gerade, dass ich ein altbekanntes anderes Muster entdecke: Dass ich in der Praxis alles gleich sofort perfekt umsetzen muss, wenn ich vorher die Theorie verstanden habe. Dabei muss ich das doch gar nicht.

    Mich beruhigt es gerade, dass ich meinen Frust hier aufschreiben kann und sich dabei einige Knoten lösen.

    Wenn Dein Kopf weiß, was das Richtige ist, dann bleib bei dem, was der Kopf Dir sagt und halte Abstand. Egal, was Du dabei fühlst.

    Gefühle ändern sich auch ständig und wenn man seine Entscheidungen von seinen Gefühlen abhängig macht, dann treibt man durchs Leben und fabriziert Dinge, die man nicht wirklich haben will.

    Vielleicht kannst Du die Entscheidungen Deines Kopfes als Anker betrachten. Die Gefühle ziehen irgendwann nach.

    Du bist schon weit gekommen. Bleib dabei. Hast du schon darüber nachgedacht, sie auf allen Kanälen zu blockieren? Fühlt sich vielleicht erstmal völlig absurd an, aber wenn Du keinen Kontakt zu ihr haben kannst, dann hast du erstmal die Chance, zur Ruhe zu kommen.

    Ihr kennt Euch erst ein Jahr. Mach lieber jetzt einen Cut als in Z.B in zehn Jahren. Je später Du Dich daraus befreist, desto schwerer wird es.

    Es dauert, bis es Dir besser geht. Wenn Du zur Ruhe gekommen bist, alles hast sacken lassen und vor allem: Wenn du von diesem Mann weg bleibst!, dann wird es irgendwann besser.

    Jetzt bist Du noch zu sehr im Streß, da ist es schwierig, sich besser zu fühlen. Sei nicht so streng mit Dir.

    Dein Kopf weiß den Weg und Du gehst den Weg schon, das ist super! Auch wenn es sich vielleicht unmöglich anfühlt im Moment, aber: Gib Dir Zeit.

    Ich gratuliere Dir zur Wohnung. :)

    So, jetzt sind knapp drei Monate vergangen, in denen ich keine Angst mehr habe. Das ist fast noch irreal- drei Monate im Vergleich zu viereinhalb Jahrzehnten.

    Ich hab von völliger Erschöpfung über überbordende Euphorie bis hin zu Nüchternheit (haha) eine emotional sehr schlauchende Phase hinter mir, die in den letzten Tagen mit Phasen der Trauer (vielleicht vorläufig) endete. Jetzt fühle ich mich stabil und geerdet- zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben.

    Ich weiß, dass sich die Botenstoffe in meinem Hirn noch umstellen, aber ich denke, dass es ca ein viertel Jahr dauert, bis das Gröbste durch ist. Also jetzt.

    Durch den Wegfall der Stresshormone kann ich klarer denken und ich hab angefangen wirklich zu verstehen, welche enormen Auswirkungen die Alkoholkrankheit meines Vater auf mich hat. Das ist so irre.

    Am meisten bin ich fassungslos darüber, was so lange als "normal" in meiner Welt galt und wie tief die Prägung ist.

    Was mich freut, ist, dass ich schnell ungesunde Verhaltensweisen bei mir und meinen Mitmenschen erkenne und ich mich gut abgrenzen (auch mir selber gegenüber, wenn die alten Muster anklopfen)kann. Dieses Wissen, dass ich das "darf" ist so befreiend.

    Mein Verantwortungsgefühl (im Sinne von "Ich muss andere retten")anderen gegenüber hat sich gelegt und langsam kann ich da auch loslassen.

    Ich werde sehen, wie es sich entwickelt und ich werde gut aufpassen, dass ich nicht in meine alten Muster zurück falle. Die klopfen öfter mal an, wenn ich getriggert werde, aber seit ich mich dazu entschieden habe, die Muster als freundliche Hinweisgeber zu behandeln, sind sie: freundliche Hinweisgeber, denen ich gut zuhöre.

    Das Befreiendste der letzten Monate war für mich die Erkenntnis (also nicht vom Kopf her, der wusste das schon ewig, aber der Bauch brauchte Zeit), dass ich mich nicht den Verhaltensweisen anderer Menschen ausliefern muss. Denn das Gefühl des Ausgeliefertseins hab ich seit Kindheit an, kombiniert mit dem Gefühl, das aushalten zu müssen und nichts ändern zu können bzw zu dürfen. Ich nenne diesen Zustand mein "persönliches Grauen", in den ich mich auch jahrelang aufgrund meiner Prägung selber hinein begeben habe (da grüßt die Co- Abhängigkeit).

    Es ist so wichtig, das schreibe ich als EKA, dass Kinder in einem gesunden Umfeld groß und lebenstüchtig werden- das Leben bringt immer schwere Zeiten mit sich, da wäre es gut, wenn Kinder wenigstens das Rüstzeug schon von klein auf mitbekommen würden.

    Ja, ich kenne das. Für mich ist das ein Zeichen, dass ich damit nicht umgehen kann und will.

    Ich kenne einige Menschen, bei denen ich eine Alkoholsucht vermute oder auch davon weiß. Egal, wie sympathisch mir diese Menschen sind und egal, ob sich ein näherer Kontakt entwickelt oder nicht- ich halte Abstand.

    Manchmal denke ich, dass Suchtkranke ganz genau spüren, dass bei mir eine Co- Abhängigkeit da ist und gerade deswegen versuchen, anzudocken.

    Vielleicht hilft Dir das etwas weiter und wenn Du Deinen Nachbarn schon betrunken gesehen hast und Dich deshalb nicht wohl fühlst, dann hak' ihn ab und verbuche den Flirt als nette Begebenheit.

    Ach, nochwas: Toll, was Du in den letzten Monaten geschafft hast.:thumbup:

    Glückwunsch zu Deiner Entscheidung! Das ist schön zu lesen, was Du in den letzten Tagen geschafft hast.

    Ob noch ein Absturz kommen wird oder nicht, kann Dir niemand sagen. Vielleicht hilft Dir der Gedanke, dass zum Loslassen auch Trauer gehört und man sich dabei phasenweise sehr besch...fühlen kann. Das ist alles nicht sehr angenehm, aber es geht vorbei. Es braucht eben seine Zeit. Schlimmer als das, was Du mit ihm in der Beziehung erlebt hast, kann es jetzt auch nicht mehr werden.

    releaseme :

    Nur kurz im Moment von mir: Wenn du jetzt eh schon allein erziehend bist, kannst Du Dich auch räumlich trennen. Dir und Deinen Kindern geht es besser, wenn Ihr allein seid- das hast Du gut erkannt und beschrieben. Was sollte sich daran ändern, solltest Du ausziehen?

    Ja, es tut weh, sich einzugestehen, dass man seinen Kindern nicht das geben kann, was man sich für sie vorgestellt hat. Du kannst Dir aber jederzeit etwas Neues vorstellen (und umsetzen), was Du Deinen Kindern geben kannst.

    Was Deine Kinder in jedem Fall lernen und fürs Leben mitnehmen (falls Du Dich trennen solltest)ist das Wissen, dass man aus Situationen, die einem nicht gut tun, rausgehen darf.

    Seb25 :

    Das stelle ich mir so schwer vor, einen Weg zu finden, mit der Erkrankung auch im Nachhinein umzugehen. Für mich klingt das so (bitte korrigiere mich, falls ich falsch liegen sollte), dass Du einen versöhnlichen Weg gehen möchtest. Die Trauer ist so oder so da und will bearbeitet werden. Ich stelle es mir nur so schwer vor einen Weg zu finden, wenn die Chance, etwas zu klären, nicht mehr da ist.

    Danke für Deine Einschätzung, dass ich auf dem Weg bin. Das tut gut zu lesen.

    Ich habe Deine Antwort in dem anderen Strang gelesen; hätte von mir sein können. Es kommt mir alles so bekannt vor.

    releaseme :

    Das klingt so hart, was Du schreibst und das ist es auch. Bitte versuche den Gedanken beiseite zu legen, dass Du im Fall einer Trennung den Kindern die Familie nimmst. Dein Mann macht das schon, weil er trinkt. Ich glaube, dass ist ein Dilemma, das viele (Ehe)Partner haben- dass sie den Kindern etwas wegnehmen. Nur ist mit einem abhängigen Vater kein normales Familienleben möglich. Es fühlt sich vielleicht so an, weil man es gewohnt ist, aber normal ist es nicht. Und gesund gleich gar nicht.

    Ich verstehe auch, dass Du versuchst, alles Mögliche für Deine Kinder zu tun,um Ihnen das Leben leichter zu machen.

    Nur: Kinder spüren die Anspannung beider Elternteile. Ich habe das von klein auf gespürt. Die Gereiztheit, das "Wir tun so, als ob alles in Ordnung wäre";die subtilen Verhaltensänderungen, wenn mein Vater anfing zu trinken (so subtil, dass ich heute noch kaum Worte finde, das zu beschreiben) und diese Spannung, wenn mein Vater sich immer wieder ohne Vorwarnung aus Aktivitäten rausgenommen hat, eine zeitlang verschwunden war und dann mit verändertem (weil betrunken) Verhalten wieder auftauchte. Sorry, war ein langer Satz. Meine Eltern haben sich beide nicht authentisch verhalten (können) und das hat mich so nachhaltig verstört.

    Die Stimmungsschwankungen. Usw...Ich habe mich nie sicher gefühlt. Ich wusste, dass mein alkoholisierter Vater mir keine Sicherheit geben konnte, weil ich nie wusste, woran ich war. Kinder sind drauf angewiesen, dass ihnen Erwachsene jederzeit Sicherheit geben und sie spüren das sofort, wenn dem nicht der Fall ist. Das kann der andere Elternteil nicht ausgleichen. Gleichzeitig schaffen es viele Kinder (denke ich), so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. Erstens, weil sie es ja so lernen und zweitens als Strategie, um es sich mit den Erwachsenen nicht zu verscherzen- sie sind ja von den Erwachsenen abhängig und würden alles tun, um nicht aus der Sippe geworfen zu werden. Weil sie dann ja allein wären und das bedeutet Gefahr.

    koda :

    Ich habe als Kind das "betrunkene" Verhalten meines Vaters als erwachsenes Verhalten abgespeichert. Die Großspurigkeit, das Übertriebene beim Reden, das plötzliche Verschwinden aus zwischenmenschlichen Beziehungen (und den daraus abgeleiteten Anspruch, wieder die Beziehungen aufnehmen zu können, wenn mir es passt), die Empathielosigkeit anderen gegenüber, keine Verantwortung übernehmen und Flucht in Phantasiewelten.

    Ich dachte bis vor Kurzem, dass es Kompensationsverhalten meinerseits war, aber das passte irgendwie nicht so richtig. Bis mir auffiel, dass ich das Verhalten imitiert habe. Das passte dann.

    Später bekam ich Angst- und Esstörungen und depressive Episoden. Da fing dann auch das überangepasste Verhalten zusätzlich mit an; das war dann meine Co-Abhängigkeit.

    Matrix :

    Das hast Du treffend beschrieben. Immer diese Angst nach Hause zu gehen. Auch die Zerrissenheit kenne ich. Kinder lieben ihre Eltern, auch wenn sich Eltern nicht gut kümmern.

    Im Grunde genommen wollte ich nicht, dass sich meine Eltern trennen. Welches Kind will das schon. Ich wollte gleichzeitig doch, dass sich meine Eltern trennen, damit Ruhe ist. Damit ich in Ruhe schlafen kann, nicht nebenbei am Abend die Streitereien anhören muss, nicht Verantwortung für meine Eltern übernehmen muss, ich in Ruhe lernen kann usw. usf.

    Ich wusste, dass es durchaus entspannt sein konnte- wenn mein Vater auf Dienstreise war. Da war meine Mutter entspannt(er) und das hat sich aufs Kind übertragen.

    Hallo Seb25,

    Vielen Dank für Deine Antwort.

    Es tut mir leid zu lesen, dass Dein Vater am Alkohol gestorben ist. Wie geht es Dir damit mittlerweile?

    Bei meinem Vater hatte ich, gerade in den letzten Jahren, Angst, dass er an den Folgen seiner Alkoholerkrankung sterben könnte. Da er ja nun in einer Pflegeeinrichtung ist, ist diese Angst nicht mehr da und ich kann in diesem Punkt loslassen.

    In meinem Kopf wirbelt gerade echt viel durcheinander. Es ploppen immer mehr Dinge auf und jetzt geht es damit los, dass mir die Bedeutung des Ganzen klar wird- wie mich die Erkrankung beeinflusst hat und sich jetzt auswirkt. Also, die "Theorie" war mir schon lange klar, aber es ist echt eine ganz andere Hausnummer, wenn einem die "Praxis" klar wird.

    Ich finde es so hilfreich hier zu lesen, dass es anderen Betroffenen und auch Co-Abhängigen (das bin ich ja auch noch, nicht nur EKA)genauso geht und vor allem hilft es mir zu wissen, dass ich, ohne große Erklärungen abgeben zu müssen, verstanden werde. Umgekehrt gilt das genauso- wenn ich hier im Forum lese, weiß ich oft, wie sich Dinge anfühlen.

    Mein größtes Thema ist gerade die gefühlte Verantwortlichkeit meinen Eltern gegenüber. Nach außen hin habe ich mich beiden gegenüber deutlich abgegrenzt und bleibe auch dabei, aber innerlich ist es jeden Tag ein Kampf mit mir selber, damit ich mir selber gegenüber meine Grenzen einhalte.

    Das zweite große Thema ist, dass ich lerne, mir zu erlauben, mein Leben nach meinen Vorstellungen zu gestalten, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Ich hatte gestern einen schönen Tag mit einer Freundin und als ich später wieder daheim war, hatte ich ein schlechtes Gewissen und gleichzeitig die Angst, dass ich einen Anschiss von meinen Eltern bekomme. Typisches Muster von früher: Ich kam nach Hause, war gut gelaunt, zu Hause herrschte miese Stimmung und ich wurde wegen irgendwas (nee, nicht irgendwas, es ging ganz klar um den Alkohol) angeraunzt. Nach dem Motto "Wenn es uns (Eltern) nicht gut geht, darf es Dir auch nicht gut gehen, also treiben wir Dir Deine gute Laune aus."

    Jetzt als Erwachsene zu begreifen, wie meine Eltern in großen Teilen keine Verantwortung für sich übernommen und sich in ihrer Opferrolle eingerichtet haben, ist hart. Zudem erkenne ich mich rückblickend in so vielen Verhaltensweisen wieder- ich habe so gehandelt, weil ich es nicht anders kennengelernt habe. Ich habe mich jahrelang wie ein Alkoholiker verhalten (und war dabei nüchtern), weil ich das als normales Verhalten erwachsener Menschen gehalten habe. Und ich bin co- abhängig. Ganz blöde Kombination. Kein Wunder, dass ich in der Welt da draußen permanent angeeckt bin und mich immer als die Dumme gefühlt habe, die nie irgendwo dazu gehört und immer das Gefühl hatte, dass die anderen etwas wissen, was ich nicht weiß. Und keiner sagt es mir.

    Ich wünschte, meine Mutter hätte sich damals getrennt. So sollte kein Kind aufwachsen müssen. Ich finde das so bitter.

    Was ich noch schreiben wollte: Es tut nicht nur gut, den ganzen Mist hier mal rauszulassen. Sondern auch zu wissen, dass es hier Menschen gibt, die Dinge, für die ich keine Formulierung finde, so treffend auf den Punkt bringen.

    Danke schön, Matrix .

    Ja, der Kopf weiß, dass ich nicht alles allein schaffen muss. Der Kopf weiß auch, dass es meine Prägung ist. Es ist nur so schwer, da raus zu kommen. Ich schaffe das in Alltagsdingen mittlerweile sehr gut. Nur wenn es ans Eingemachte geht, gerate ich in den Strudel rein. Ich registriere das recht schnell und kann dann auch anders handeln, als ich das bisher getan habe.

    Es strengt halt nur so sehr an. Ist ja auch nicht das einzige Muster, das aufploppt und angeschaut werden möchte. Ich mach ja auch. Es fühlt sich zur Zeit nur nicht so an, dass ich vorwärts komme. Objektiv betrachtet ist vieles besser geworden in meinem Leben.

    Mich treibt nicht die Frage um, ob und wann es besser wird (das tut es ja), sondern, ob es irgendwann leichter wird.

    Gleichzeitig ist dann trotzdem die Angst da, ob ich mir die Verbesserungen nicht vielleicht doch nur einbilde, also denke, dass ich weiter komme und aber im nächsten Moment gehörig auf die Nase falle und jemand sagt "Ätsch, reingefallen." Was mich wiederum dazu bringt, mein Leben sachlich zu betrachten und dann festzustellen, dass vieles besser wird. Also kurz gesagt: Ich drehe mich im Kreis.

    Kennt Ihr das auch? Falls ja, wie geht Ihr mit sowas um?

    Vielen Dank für die Freischaltung Linde66 . Ist mir auch schon aufgefallen, dass sich in kurzer Zeit einige Eka angemeldet haben.


    Danke für den Willkommensgruß, Landliebe. Ich hab eine Zeit gebraucht, mich hier anzumelden. Gelesen habe ich schon viel hier, aber ich dachte lange (wahrscheinlich typisch eka...), dass Lesen reicht. Bis ich mir eingestanden habe, dass ein Austausch mit Betroffenen hilfreich ist.

    Zwischen Lesen und Reden liegen ja doch Welten ;) Und ich muss ja nicht alles allein schaffen.

    Hallo,

    Ich bin Tochter eines Alkoholikers und einer co- abhängigen Mutter.

    Auf der Suche nach Austausch hab ich dieses Forum gefunden. Das Lesen hier hat mir in vielen Punkten sehr weiter geholfen. Danke schon mal, dass es das Forum gibt.

    Ich bin Mitte 40 und mein Vater ist alkoholkrank, solange ich denken kann. Gleiches gilt für die Co- Abhängigkeit meiner Mutter. Meine Eltern leben getrennt, da mein Vater mittlerweile in einer Pflegeeinrichtung untergebracht ist.

    Jetzt, nachdem dadurch "Ruhe" eingekehrt ist, wird mir klar, wie sehr mich die Erkrankung jahrzehntelang geprägt hat und wie sie bis heute mein Leben beeinflusst.

    Ich fühle mich zur Zeit einfach nur erschöpft und hab das Gefühl, dass jetzt erst mein Leben beginnt- unbelasteter als bisher und das ist alles gerade so erschreckend.

    Soweit erstmal meine Vorstellung hier. Viele Grüße.