Ich bin sehr dankbar, dass es dieses Forum gibt. Das Lesen hier bringt mir sehr viel. Biografien lese ich ohnehin gern und die hier z.T. zu findenden sind extrem hilfreich für das Durchdenken des eigenen Lebens-/Suchtverlaufs und aktuell vor allem für die Gestaltung meines abstinenten Daseins.
Beim Durchsuchen alter Beiträge bemerkte ich plötzlich, dass ich hier doch vor laaanger Zeit - 2009/10 schon mal sehr intensiv mitlas. Als das - inzwischen - Urgestein namens Silberkralle hier seine prägnanten Beiträge schrieb.
Kurze Zeit später habe ich den einzigen richtig ernsthaften Versuch unternommen, dauerhaft abstinent zu bleiben. Es gab dafür keinen schwerwiegenden Anlass, keinen Druck, es war meine eigene Entscheidung. Es ging gut, fiel mir leicht, ich war sehr schnell regeneriert, hatte keinerlei Suchtdruck und (zu) viel Euphorie. Dieser eine kleine harmlose Glühwein nach einem halben Jahr war dann meine ganz bewusste Entscheidung, genauso wie das eine Glas Rotwein zu Heiligabend, Sylvester blieb danach sogar alkfrei - tja, ich konnte den Teufel beherrschen ... dachte ich. Im Laufe des folgenden Januars ging ich dann schleichend zurück auf Start, die Rechnung ist noch offen. Manchmal - je nüchterner ich werde, um so mehr - muss ich über mich mit dem Kopf schütteln... wie dumm war ich doch - oder besser, wie leichtsinnig (und ein wenig hochmütig).
Einen Vorteil hatte meine frühe "theoretisch-fachliche" Beschäftigung mit dem Alkoholismus aber schon. Die z.T. horrorartig anmutenden Biografie-Verläufe warnten mich bereits sehr früh, niemals so enden zu wollen. Dies erschien mir immer als eine Selbstkontrollmöglichkeit im Sinne eines Zustandslimits. Zudem war es bis zum (nun hoffentlich endgültigen) Stopp immer noch so, dass ich nie eine richtige Gier empfand, ich konnte schon noch stoppen, nur ich WOLLTE es nicht, und lange Zeit schmeckte es mir ja auch und ich empfand es als angenehm. Über die Gründe dafür habe ich immer wieder mal nachgedacht und werde sie irgendwann auch hier aufschreiben.
Einen Nachteil hatte die "Methode" auch: ich habe es dadurch sehr lange getrieben, ohne abzustürzen. Und ich unterschätzte die schleichende Gefahr, voll in den Strudel gerissen zu werden - eben weil mir ein gierige Saufen fremd war und fremd blieb. Aus der Flasche trinken: nur outdoor und da eher gar nicht. Einen Flachmann habe ich mein Leben lang nicht gekauft. Einen richtigen Tiefpunkt hatte ich nach meinem Gefühl nicht, auch keinen Anlass zum letzten Stopp - außer ein Quentchen Restvernunft, fast unmittelbar an der Abbruchkante. Denn die knappe Flasche Whisky pro Tag konnte ich auf Dauer nicht mehr spurlos wegstecken. Den Ausstieg habe ich mit mir allein ausgemacht und es hat bisher funktioniert. Meine Lektion Demut habe ich inzwischen gelernt.
Wie es mit dem weiteren öffentlichen Schreiben über mich aussehen wird, weiß ich noch nicht. Zwar schrieb und schreibe ich mir Vieles auf, scheue mich aber, zu viele Details öffentlich auszubreiten. Mir wäre da ggf. die hiesige geschlossene Abteilung lieber - wenn ich sie mir ggf. später dann mal angucken kann.
In dieser Phase jetzt will ich vorwiegend nach vorn schauen und weniger zurück, vorwiegend auf mich, weniger auf andere. Zurückgeben will ich durchaus auch, gemäßigt, eher zurückhaltend und vor allem nicht neunmalklug.
Es geht mir - in schneckenartigem Tempo - zunehmend besser. Und nun und jetzt: Alles neu macht der Mai!