Ich kenne meinen neuen Freund erst seit ein paar Monaten. Ich bin so verliebt wie nie zuvor in meinem Leben.
Er hat schwere gesundheitliche Schäden – an Lunge, Leber und Niere – infolge einer früheren Blutvergiftung. Dazu kommt eine Leberzirrhose im Anfangsstadium, die, wie ich heute vermute, auch durch langjährigen und exzessiven Alkoholkonsum entstanden ist.
Der Alkohol war von Anfang an Thema. Aber ich habe die Tragweite seines Problems nicht erkannt – oder nicht erkennen wollen. Vielleicht war ich auch einfach überwältigt von der Nähe, der Liebe, der Wärme zwischen uns. Er ist so ein feiner Mensch – mit Humor, Tiefe und einer ganz besonderen Sensibilität.
Dann bekam er eine Grippe. Sein Körper war zu schwach, um damit fertigzuwerden. Er wurde plötzlich ganz gelb und musste für zwei Wochen ins Krankenhaus.
Als er vor etwa vier Wochen entlassen wurde, war er sehr geschwächt – und nun hieß es: Leberzirrhose Grad 2. Trotzdem besserte sich sein Zustand allmählich. Er trank zwei Monate lang keinen Alkohol – einschließlich des Krankenhausaufenthalts. Diese Zeit war wunderschön. Wir haben gemeinsame Pläne geschmiedet, unsere Familien kennengelernt, Zukunft gedacht.
Dann kam der Rückfall.
Ich habe es am letzten Freitag bemerkt – seitdem ist er durchgehend betrunken. Morgens, abends. Er redet wirr, ist kaum noch erreichbar. Und ich bin am Ende. Ich habe die letzten drei Tage nur geweint. Ich weiß nicht, wohin mit meiner Liebe, mit meiner Angst. Ich habe solche Panik, dass er sich innerhalb kürzester Zeit zu Tode trinkt.
Ich habe ihm geschrieben, dass ich Abstand brauche. Dass ich für ihn da bin, wenn er raus will aus diesem Kreislauf – aber dass ich mit diesem Zustand nicht klarkomme. Seitdem bombardiert er mich mit Nachrichten. Ich habe es geschafft, erst beim siebten Anruf ranzugehen.
Heute. Er war sturzbetrunken und wollte sich ans Steuer setzen. Ich habe ihn nach Hause gefahren.
Er wollte zu mir, aber ich habe Nein gesagt – so sehr ich ihn liebe, ich kann ihn in diesem Zustand nicht bei mir haben.
"Ich brauche dich", "du bist eiskalt", "du lässt mich im Stich" und "wenn du mich jetzt nicht mit zu dir nimmst, ist es vorbei."
Ich habe ihn trotzdem zu Hause abgesetzt. Er stieg wortlos aus dem Auto.
Vielleicht erinnert er sich morgen nicht mehr daran. Vielleicht meldet er sich nie wieder.
Ich glaube trotzdem, dass es richtig war.
Und doch sind da diese Gedanken:
Was, wenn er sich jetzt noch mehr zuschüttet?
Was, wenn er stirbt?
Was, wenn ich morgen nicht genug Kraft habe und nachgebe?
Ich bin total verwirrt und alles tut einfach nur weh.