Ein halbes Jahr nüchtern …
… und es fühlt sich immer noch gut an und nach meiner besten Entscheidung. Aktuell wird mein Leben gerade auf diversen Ebenen ein bisschen durcheinandergewirbelt, aber das ertrage ich nüchtern so viel besser als unter Alk.
Ich feiere solche Etappenziele eigentlich nicht gerne, nutze den Tag aber für eine kurze Reflektion. Bei einer Weltumseglung würde ich auch nur nach vorn schauen und nicht darauf, was hinter mir liegt. Mein Ziel ist die lebenslange Abstinenz, und eigentlich könnte ich jeden Tag feiern, an dem mir nicht der Gedanke kam, ach, so schlimm war es nicht, du kannst jetzt wieder trinken. So war es früher, und das ist nun vorbei. Ich bin dankbar dafür.
Wie in meinem Eingangspost geschrieben, habe ich Zeiten der Abstinenz hinter mir, die längste davon elf Jahre. Deswegen wusste ich, wie es sich anfühlt, ohne Alkohol zu leben, aber diesmal ist das Mindset ein anderes: Es gibt die Option nicht, wieder anzufangen. Ich habe mich ein- für allemal entschieden, den Alkohol bis zum Ende aus meinem Leben zu verbannen. Weil jetzt die Zeit dafür ist. Weil es sich jetzt richtig anfühlt. Und weil ich den absoluten Tiefpunkt vor mir gesehen haben. Dahin würde ich rutschen, wenn ich wieder anfinge.
Manch einer, der wie ich ein paar Monate im Forum dabei ist, konstatiert, dass er anfangs zu empfindlich war und dass der Ton hier immer genau richtig ist. Ich habe in mich hineingehorcht, aber erkannt: ich gehöre nicht zu dieser Fraktion
Ich finde nach wie vor, dass man klare Kante zeigen kann, ohne verletzend, demotivierend und zynisch zu sein.
Die Grundbausteine sind Gold wert, aber ich bin nicht der Meinung, dass eine individuelle Aneignung dieser Überzeugungen, statt ihnen willenlos und konform zu folgen, unweigerlich in die Gosse oder den Tod führen muss, wie es hier manchmal herausklingt. Unter uns Alkoholikern findet man die ganze Bandbreite der Bevölkerung. Wir bringen alle unterschiedliche Voraussetzungen mit, wenn wir unsere Krankheit erkennen und stoppen wollen. Ich habe mir aus den klugen Ansichten, die hier vertreten werden, das herausgepickt, was mir am meisten hilft. Es fühlt sich richtig an für mich und ich bin über den Punkt hinaus, an dem ich mich verunsichern lasse oder rechtfertige.
Was ich durchaus gemerkt habe: der Ton verändert sich. Am Anfang kämpft man gegen die Brandung an, wird zurückgeschleudert, versucht es erneut, und irgendwann, wenn man nicht aufgibt, erreicht man ruhigere Gewässer. (Ja, ich habe tatsächlich diese Szene aus Papillon vor Augen, weil ich gern in Bildern denke
).
Heute ist das Forum für mich der wichtigste Anker auf meinem abstinenten Weg. Man findet hier wie im echten Leben Menschen mit den unterschiedlichsten Charakteren und kann sich diejenigen herauspicken, bei denen die Wellenlänge stimmt. Man muss hier mit gar keinem auf dicke Freundschaft machen. Aber ich zolle all jenen Anerkennung, die seit unzähligen Jahren immer wieder die sich ähnelnden Geschichten von AlkoholikerInnen aufgreifen, kommentieren, ihre Hilfe anbieten und Wege aufzeigen. Das ist wirklich nicht selbstverständlich, ein großer Gewinn für alle, die trocken werden wollen, und aus meiner Sicht im Netz einmalig.
Die tägliche Beschäftigung mit dem Thema Alkohol in diesem Forum gibt mir Halt und wird auch in Zukunft meine persönliche Versicherung sein.
Ich wünsche jedem, der hier neu aufschlägt, den festen Willen, abstinent zu bleiben, und die Überzeugung, dass man hier wertvolle Unterstützung findet und gut aufgehoben ist, auch wenn die Fetzen fliegen.
Liebe Grüße
Mattie