Ich wünsche allen hier einen wunderschönen entspannten alk-freien Sonntag.
Heute bin ich genau 5 Monate abstinent.
Resumée:
Es ist irgendwie zu einfach 😂.
Natürlich ploppt mal der Gedanke auf, ein Bier trinken zu wollen oder dass ich sonst in der Situation getrunken habe. Aber fast immer kann ich diese Suchtstimme durch die Aufforderung zu verschwinden oder durch Lachen über ihre stümperhaften Versuche schnell wieder verdrängen.
Von Anfang an habe ich mich nicht auf Diskussionen mit der Suchtstimme eingelassen.
Denn das Suchthirn denkt nur an das Suchtmittel, denkt nur daran, wie die Sucht befriedigt werden kann. Daher ist eine auf Logik basierende Auseinandersetzung mit der Sucht nie möglich. Ich vergeude also nur meine Kraft, wenn ich innerlich anfange zu diskutieren, wenn meine Suchtstimme mir zuflüstert, doch was trinken zu können, zu wollen, zu dürfen, zu müssen,
Macht es mir nun diese Einstellung, dieses kompromisslose Abwehren der Suchtstimme so leicht, keinen Alkohol zu trinken?
Ich denke, da kommen noch weitere Faktoren hinzu.
1. Ich kämpfe nicht gegen die Sucht an, ich habe vor ihr kapituliert.
Wenn ich das Nichttrinken als Kampf gegen die Sucht sehe, dann kämpfe ich jeden Tag immer wieder gegen sie an. Dann ist mein restliches Leben ein dauerhafter täglicher Kampf gegen die Alkoholsucht, den ich jedoch nicht gewinnen kann, da die Sucht nicht heilbar ist, sondern mich für den Rest meines Lebens begleitet.
Wenn ich nun vor der Sucht kapituliere, dann akzeptiere ich, dass es sie mein Leben lang gibt und verstehe, dass nur ein Leben ohne Alkohol mir ermöglicht, mit dieser Sucht weiterhin leben zu können.
2. Die Abstinenz ist eine Notwendigkeit.
Diese Einstellung resultiert aus 1.
ich bin unheilbar suchtkrank. Ich kann diese Krankheit nur stoppen, wenn ich meinem Körper keinen Alkohol mehr - und zwar nie mehr - zuführe. Es gibt da keinen Kompromiss, es gibt da kein kontrolliertes Trinken, kein mal ein Bier. Es gibt nur entweder - oder, ganz oder gar nicht. Und da ich mein restliches Leben frei, selbstbestimmt und nicht in Abhängigkeit von einer tödlichen Sucht gestalten möchte, ist es für mich notwendig, nicht zu trinken. Die Einsicht in diese uneingeschränkte Notwendigkeit bewirkt wiederum, dass ich jegliche Diskussionen mit der Sucht abwürgen kann.
Ich diskutiere ja auch nicht, ob ich einen mit Arsen angereicherten Tee trinke oder nicht.
3. Ich sehe das Trinken von Alkohol nicht als etwas Positives, die Abstinenz damit nicht als Verzicht.
Vielmehr ist das Nichttrinken ein Gewinn für mich.
Es gibt keinen einzigen positiven Grund zu saufen.. Stressabbau? - Das geht auch mit Atemübungen, mit Meditation. Und so gibt es für alles, was das Suchthirn mir als Grund fürs Trinken einreden will, eine Alternative.
Ich muss nur den Mut haben, nach diesen Alternativen zu suchen, sie auszuprobieren, also den bisherigen bequemen Weg zu verlassen. Und wenn ich Alternativen gefunden, diese eingeübt habe, dann werden die alternativen Mögichkeiten zu neuen ebenfalls bequemen Wegen.
Aber auch, wenn ich diese neuen Wege noch nicht alle gefunden und verinnerlicht habe, gewinne ich auch so be der Abstinenz (z.B. geringerer Blutdruck, keinen Kater, kein morgendliches Trockenkotzen, keine Fahne, usw.).
4. Ich bin ein leistungsorientierter, ehrgeiziger, perfektionistischer, verstandesgeleiteter Mensch.
Diese Merkmale, aufgrund derer ich mir mein Leben immer wieder sehr schwer gemacht habe, die mir Depressionen und auch einen Burnout beschert haben, helfen mir nun wiederum bei meiner Abstinenz.
Ich warte jetzt nicht darauf, dass irgendwann noch das böse Erwachen kommen müsse. Denn damit würde ich den Eintritt im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung fördern.
Da nehme ich vielmehr an, dass die Kombination meiner Grundanschauungen/Säulen mir einfach die Abstinenz erleichtert. Und ich werde mir diese Säulen immer wieder vor Augen halten, um mein Leben lang achtsam zu bleiben und meine Alkoholabstinenz nicht durch „ich kann das nun nach xy Zeit kontrollieren“, „ein Bier nach dieser xy Zeit schadet mir nicht“ usw. aufs Spiel zu setzen.
An dieser Stelle möchte ich vielen hier
(stellvertretend Alex_aufdemweg , Stern , Hartmut , Nayouk24 für ihre fast mantraartig vorgetragenen Ansichten)
danken.
Ohne dieses Forum, ohne eure Sicht auf die Krankheit, ohne eure Rückmeldungen, ohne eure Schilderungen über euren Umgang mit der Sucht, ohne euren Einsatz hätte ich den beschriebenen Erkenntnisgewinn nie erlangt.
Ich würde wohl jedem nicht trinken dürfenden Bier hinterherweinen und mir täglich für einen weiteren Tag mit geschafftem Kampf gratulieren (eine grauenhafte, da anstrengende Vorstellung).
LG Kyra