Hallo Elle,
wer mit meinem inneren Selbst nicht zurecht kommt, geht mich nichts an – jau! Aaaaber, wie viel unseres inneren Selbstes leben wir denn in der Regel? Vor allem in der tiefsten Co-Phase sind wir eher in einer Art Symbiose mit „unserem“ Alki verschmolzen. Fühlen uns gut, wenn er nicht trinkt und uns nüchtern das Bild zeigt, das wir lieben und fallen in das tiefe Loch, wenn er oder sie wieder trinkt. In dieser Phase sind wir doch gar nicht in der Lage, zu spüren, wer oder was wir selber sind.
Und ich glaube, dass das die Schwierigkeit ist. Unser inneres Selbst überhaupt zu erkennen, zu wissen, was oder wer wir selber sind, was wir wollen, wie wir unser Leben gestalten wollen. Ich kann mich gut an die Zeit erinnern, in der der Feierabend davon geprägt wurde, wie die Stimmung meines Ex war. Kam ich nach hause und er war schlecht drauf, konnte ich Entspannung vergessen, weil der Tagesstress einfach weiterging. Zwar anders als im Büro, aber genauso anstrengend.
So, wie er trinken musste, musste ich anscheinend auf seine Stimmungen reagieren. Ich selber war mir so etwas von nebensächlich, dass es mich irgendwann dahin gebracht hat, dass sich mein ganzes Leben um ihn und darum drehte, wie es ihm besser gehen konnte. Das „Atom Ette“ bestand nur aus Sorgen, sich ängstigen, hoffen, reden, überzeugen wollen, helfen und nach außen entschuldigen. All das, was mich ausmacht, wurde dahinter verborgen. Es jetzt so langsam immer mehr zu leben, Elle, das sind Schritte ohne Ende. Und da hast du recht, richtig in Kontakt mit anderen komme ich jetzt viel mehr und immer besser.
Ich musste mir aber erst bewusst werden, was ich selber will. Und jeden Tag muss ich es wieder. Meine Co-Abhängigkeit kann ich abstreifen, umlernen, wenn ich den Willen und den Mut dazu habe. Ich muss sie nicht als von Gott gegeben annehmen und klein halten. Ich kann sie auch wieder verlernen, so wie ich sie, teilweise bereits in der Kindheit, gelernt habe. Allerdings ist das Lernen jetzt sehr viel anstrengender und langwieriger. Aber sehr lohnend, wie ich es empfinde.
Die Geschichten hier gleichen sich oft alle so sehr, dass mir dabei das Murmeltier einfällt, das täglich grüßt. Die Namen und Orte erscheinen mir dann so austauschbar, dass ich manchmal den Eindruck habe, es wurde nur der Nick gewechselt und die gleiche Geschichte noch mal erzählt. Das Lieben, das Hoffen auf Einsicht, das nicht Loslassen wollen, es ähnelt sich so. Co-Abhängigkeit unformiert, so empfinde ich, Individualität besteht scheinbar nur in ein paar äußeren Umständen. Aber vielleicht bin ich da in meinem Empfinden einfach zu radikal.
LG
Ette