Beiträge von Hartmut

    Ich verstehe, dass die Trennung für dich gerade viel Raum einnimmt. Das ist normal und gehört zu deinem Prozess. Trotzdem möchte ich dich dezent daran erinnern, dass wir hier kein Beziehungsforum sind.

    Der Schwerpunkt liegt auf deiner Co‑Abhängigkeit – also auf deinen Mustern, deinen Grenzen und deinem Weg. Dafür musst du nicht jedes einzelne Detail davon kennen, was dein Partner tut oder nicht tut.

    Entscheidend ist, was es in dir auslöst und wie du dich aus dieser Dynamik befreist.

    Ich habe gerade einen aktuellen Fall

    Ich kannte so einen Fall auch aus meinem persönlichen Umfeld. Mehr möchte ich dazu bewusst nicht schreiben.

    Für mich blieb damals irgendwann nur noch: Helfen, wo es noch geht. Begleiten, wo es nötig ist. Und akzeptieren, wo ich nichts mehr verändern kann.

    Das war eine der härtesten Erkenntnisse, gerade weil es nah war.

    Nicht fallen lassen. Nicht gleichgültig werden. Aber irgendwann auch aufhören zu glauben, man müsse nur noch den richtigen Satz, die richtige Hilfe oder irgendeinen geheimen Hebel finden und dann ließe sich ein anderer Mensch doch noch retten.

    Ich habe damals ziemlich deutlich gemerkt, dass auch jahrelange eigene Trockenheit und viel Erfahrung mit Sucht einem nicht jede Grenze aus dem Weg räumen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem das eigene Wissen, die eigene Erfahrung und der ganze gute Wille nicht mehr reichen.

    Die Grenze setzt dann nicht mein Wissen. Die setzt die Sucht. Er hat es nicht geschafft.

    Das Einzige, was ich damals wusste, war: Wer zu viel säuft und den Absprung nicht schafft, wird irgendwann Alkoholiker. Kurz gesagt: Absprung verpasst.:whistling:

    Mehr habe ich mir darüber jahrzehntelang ehrlich gesagt nicht gedacht. Ich habe fast dreißig Jahre gesoffen. Vom Beginn an, etwa mit 12 oder 13 Jahren, bis ziemlich weit nach unten.

    Ich habe mir damals keine Gedanken darüber gemacht, ob ich intelligent, dumm, stark oder schwach bin. Ich habe gesoffen. Die Clique hat gesoffen. Alle haben gesoffen.

    Erst zum Schluss, als es eng wurde und mir selbst klar wurde, dass da etwas gewaltig schiefläuft, habe ich ein paar Internettests gemacht. Mehr nicht. Den Rest hat mir dann die Sucht erzählt.

    Der erste Versuch, trocken zu werden, war im Grunde noch Stammtischlogik. Ich muss nur stark genug sein. Zusammenreißen. Kontrollieren. Das übliche Zeug eben. Der zweite Versuch entstand, wie ich schon öfter geschrieben habe, aus einer Notwendigkeit heraus.

    Und ja, ich hatte dabei Glück. Glück deshalb, weil ich irgendwann begriffen habe: Entweder ich fahre in dieser Richtung weiter bis zum Ende des Tunnels, und dann ist Schluss. Oder ich nehme die andere Richtung und komme aus diesem Tunnel wieder raus.

    So sauber gedacht habe ich das damals natürlich nicht. Dafür hatte ich weder Zeit noch große Lust auf philosophische Erkenntnisse. Ich war am Ende. Ich wundere mich heute manchmal, wenn Alkoholiker erzählen, welche weitreichenden Erkenntnisse sie hatten, die sie zum Aufhören bewegt haben.

    Ich hatte die nicht. Keine großen psychologischen Einsichten. Keine Triggeranalyse. Keine Schuldfrage. Kein „wer hat was dazu beigetragen“. Das war mir am Ende sowas von shit-egal, wenn ich das mal so dezent ausdrücken darf.;)

    Und dazwischen liefen trotzdem lange Beziehungen, Familie, Arbeit und ganz normaler Alltag. Vielleicht ist genau das manchmal schwer zu verstehen.

    Auch ein nasses Leben dreht sich nicht nur ums Saufen. Doch irgendwann nimmt das Saufen darin immer mehr Raum ein. Übrigens hatte ich weder in meiner nassen noch in meiner trockenen Zeit das Gefühl: „Ich armes Opfer.“

    Warum das so war, weiß ich nicht. Da war ich offenbar irgendwie gesegnet.

    Den Rest habt ihr nun davon, fast zwanzig Jahre Austausch hier.:whistling:

    Aber wie schreibst Du immer so schön wir sind hier ein Suchtforum und hier geht es vorrangig um Sucht.

    Da gebe ich dir recht. Gerade deshalb gehört für mich auch die Suchtdynamik dazu, die sich innerhalb einer Beziehung entwickelt. Sie entsteht nicht außerhalb und wird irgendwann fertig angeliefert. Sie wächst mit.;)

    Ich kenne dieses System aus eigener Erfahrung. Ich habe es selbst erlebt und über viele Jahre auch von beiden Seiten kennengelernt. Sonst würde ich ja nicht dazu schreiben können. Trotzdem gehe ich hier bewusst nicht in jedes private Detail. Wir sind im offenen Bereich.

    Und bei Beziehungs- und Suchtgeschichten habe ich einen grundsätzlichen Vorbehalt: Meist lesen wir nur eine Seite. Der andere Mensch, um den es oft seitenlang geht, der Süchtige, der Alkoholiker, sitzt nicht daneben und erzählt seine Sicht.

    Gerade nach Trennungen, Verletzungen oder jahrelangem Streit ist die eigene Wahrnehmung selten neutral. Das ist menschlich. Da wird erinnert, eingeordnet und manchmal eben auch ein bisschen passend gemacht. Höflich formuliert. :saint:

    Deshalb stelle ich manches infrage. Nicht, weil ich automatisch dem Alkoholiker glaube und dem anderen nicht. Sondern weil ich auch Respekt vor dem Menschen habe, der hier nicht zu Wort kommt. Ich habe oft erlebt, dass dieselbe Beziehung plötzlich erstaunlich anders klingt, sobald beide ihre Geschichte erzählen.

    Da gab es nicht nur einen Täter und ein Opfer. Da gab es zwei Menschen. Zwei Wahrnehmungen. Zwei Anteile. Und ich weiß auch von mir selbst, dass meine Wahrnehmung erstmal genau das ist: meine Wahrnehmung. Wenn ich sie dem anderen überstülpe und aus „so habe ich es erlebt“ irgendwann ein „so war es“ mache, geht es schnell mehr ums Rechtbehalten als ums Klären.

    Und im schlimmsten Fall bleibe ich genau da sitzen, wo ich schon bin: in meiner Opferdarstellung.

    Und ja, aktive Sucht und Beziehung sind nun wirklich keine besonders gute Kombination. Aber gerade deshalb sollte man unterscheiden, was tatsächlich Sucht ist, was Beziehung ist und was im Nachhinein vielleicht etwas zu bequem in denselben Karton gepackt wird.

    Und noch ein Gedanke zu Beziehungen. Bekanntermaßen wird eine Alkoholiker*in nicht mit dem Saufen aufhören, wenn keine Krankheitseinsicht und keine eigene Entscheidung vorhanden ist. Und ebenso wird eine Alkoholiker*in sich in den seltensten Fällen freiwillig aus einer Beziehung (mit oder ohne Kinder) lösen, wenn das eigene Saufen fremd schädigend wird, weil das ja wieder Krankheitseinsicht voraussetzen würde. Außerdem wäre das ja unbequem denn im Grunde geht es ja darum, ungestört der Sucht nachzugehen.

    Eine Beziehung beginnt ja nicht mit dem Schild: „Achtung, Alkoholiker.“

    Am Anfang ist da einfach ein Mensch, der trinkt. Vielleicht viel, vielleicht auffällig, vielleicht so, dass es irgendwie mitläuft. Dann kommen Beziehung, Alltag, Familie und der ganze normale Wahnsinn. Sucht entwickelt sich schleichend. Und genau deshalb wirkt rückblickend vieles plötzlich so eindeutig. Dann heißt es: „Ich war mit einem Alkoholiker zusammen.“

    Ja. Am Ende vielleicht.;)

    Aber ab wann war das überhaupt als Sucht erkennbar? Ab wann war es nicht mehr „er trinkt halt viel“, sondern Abhängigkeit? Mittendrin sieht man das oft nicht so sauber. Und während die Sucht wächst, läuft die Beziehung weiter. Mit Geld, Haushalt, Kindern, Nähe, Erwartungen, offenen Zahnpastatuben und dem üblichen Kleinkrieg. Nicht jeder Konflikt ist automatisch ein Suchtproblem.

    Es gibt auch Trennungen ohne irgendeine Suchtgeschichte. Man hat einfach keinen Bock mehr aufeinander.Die Lebensvorstellungen passen nicht mehr zusammen. Oder irgendwo taucht ein neuer Prinz oder eine neue Prinzessin auf und plötzlich denkt einer,
    „Ach schau an. So könnte man also auch leben.“

    Bevor dann wieder reflexartig gerufen wird: „Es muss die Sucht gewesen sein“, lohnt manchmal ein Blick ganz an den Anfang der eigenen Geschichte. Da steht erstaunlich oft schon: „Ich wusste, dass er viel trinkt.“

    Und wenn dieses „viel trinken“ danach jahrelang Teil des gemeinsamen Lebens war, dann zeigt das eben auch: Man hat sich in diesem Leben eingerichtet. Vielleicht gehofft, verdrängt, ausgehalten, mitgetragen oder schlicht noch keinen Grund gesehen, etwas zu verändern.

    Das ist keine Schuldzuweisung. Aber es gehört zur Geschichte genauso dazu wie später die Sucht.

    Irritierende Formulierung

    Ich habe sie vertsanden . ;) Wenn ich sie im Kontext von Co. und Alkoholiker betrachte .:mrgreen:

    Mit „reinwaschen“ meinte ich genau den Zusammenhang davor. Nur weil ich sage, dass auch der andere Erwachsene Verantwortung für sein eigenes Handeln trägt, will ich damit dem Alkoholiker seine Verantwortung nicht abnehmen.

    Sucht ist eine Krankheit. Aber sie handelt nicht an meiner Stelle und übernimmt hinterher auch nicht die Rechnung. Vieles in meiner nassen Zeit lässt sich durch die Sucht erklären. Entschuldigt ist damit nicht automatisch alles. Die Sucht erklärt einiges.
    Die Verantwortung für mein Handeln bleibt trotzdem bei mir.

    Das war mit „reinwaschen“ gemeint.

    Der ganze Thread ist inzwischen ein einziges Ferndiagnosen‑Karussell. Jeder interpretiert irgendwas in irgendwen hinein. Er „will sie auf Spur bringen“, er „manipuliert“, er „tarnen‑täuschen‑tricksen“, er „holt sie zurück“, er „testet sie“, er „spielt Spiele“.

    Ganz ehrlich: Manchmal ist ein Staubsaugerroboter einfach nur ein Staubsaugerroboter. Und ein Vater, der sein Kind kuschelt, ist einfach ein Vater, der sein Kind kuschelt. Fertig.

    Natürlich bist du verletzt, wer wird denn schon gerne abgeschossen. Aber aus Verletzung wird schnell Überinterpretation. Und aus Überinterpretation wird dann dieses typische CO- Angehörigen‑Drehbuch: Alles, was er tut, muss irgendeine tiefere Bedeutung haben.

    Nein. Er lebt sein Leben. Sie lebt ihres. Das ist der ganze Zauber. Er darf sauber machen. Er darf funktionieren. Er darf seine Tochter hochnehmen und normal mit ihr reden. Das ist kein „Spiel“, kein „Plan“, kein „Manipulationsmuster“. Das ist schlicht Alltag .

    Ja, der „böse“ Alkoholiker eignet sich natürlich hervorragend als Allzweckbegründung für alles, was irgendwann in die Hose gegangen ist. Streit, Trennung, Familie kaputt, Lebensplanung gescheitert. Irgendwo findet sich schon noch eine Flasche, die man dafür verantwortlich machen kann.

    Nur wird bei dieser Rechnung die eigene Verantwortung erstaunlich gern übersehen.

    Dann kommen die Erklärungen. Familie, Kindheit, Muster, Co‑Abhängigkeit und was sonst gerade griffbereit ist. Kann alles eine Rolle spielen. Nur nimmt mir keine dieser Erklärungen meine eigene Handlungsfähigkeit ab. Wir reden hier schließlich über erwachsene Menschen.

    Wenn der Säufer wegen seiner aktiven Sucht irgendwann nicht mehr vernünftig handelt, heißt das nicht automatisch, dass der andere Erwachsene daneben ebenfalls handlungsunfähig wird. Dann muss der eben für sich sorgen. Grenzen setzen. Konsequenzen ziehen. Sich und gegebenenfalls die Kinder aus der Schusslinie bringen. Das kann schwer sein. Verdammt schwer sogar.

    Aber „schwer“ ist für mich nicht dasselbe wie „ich konnte nichts tun“.

    Genauso wenig, wie ich meine Sauferei später anderen auf die Rechnung schreiben kann, kann ich ein jahrelanges Bleiben, Mitmachen oder Nicht‑Handeln vollständig dem Alkoholiker auf die Rechnung setzen. Er trägt seine Verantwortung.

    Aber nun ist es ja nicht so, dass ich Alkoholiker oder Alkoholismus reinwaschen will. Ich bin der Letzte, der das romantisiert. Mein eigenes Lebensmodell als Säufer war nämlich eine ganz andere Baustelle.

    In meiner nassen Zeit haben sich die Prioritäten auch nicht plötzlich verschoben, sondern schleichend – was es für alle Beteiligten nicht einfacher macht. Irgendwann drehte sich erstaunlich viel darum, wie ich das Saufen organisiert bekomme: Vorrat, Gelegenheiten, Zeiten, Ausreden. Verstecken war nie mein Hauptthema, aber die ganze Logistik drumherum schon.

    Willkommen bei uns!

    Damit du siehst, wie ernst uns das Thema ist, ein paar Worte von mir noch dazu.

    Für mich war der erste Schritt hier mich vorzustellen.

    Nun ja – alles gut, dass du dir Gedanken über dein Trinkverhalten machst. Nur. Dieses Forum richtet sich eben an Alkoholiker, die sich dazu bekennen und eine lebenslange Abstinenz anstreben. Das sollte dir klar sein.

    Bis jetzt lese ich bei dir kein klares Bekenntnis. Du beschreibst Ausrutscher, Phasen, Abstände – aber nicht, dass du Alkoholiker bist und lebenslang abstinent leben willst.

    Eine Entgiftung, also der körperliche Entzug, sollte immer ärztlich überwacht werden. Was hält dich davon ab, zum Arzt zu gehen, um dich überwachen zu lassen?

    Und wie viele „Neuanfänge“ hattest du schon? Jeden Tag als Neuanfang zu sehen, ist nett ersetzt aber nicht die klare Entscheidung.

    Ich kann dir nur mit auf den Weg geben, werd dir klar, alles andere sind nur Trinkpausen.

    Sehe ich anders.

    Du kommst hierher und möchtest Hilfe, siehst aber fast alles erstmal „anders“.;) Vielleicht ist genau das dein Hauptproblem?

    Wenig eigene Erkenntnis, wenig eigene Erfahrung – aber sofort Gegenargumente, weil die eigene Meinung offenbar wichtiger erscheint als das, was dir andere aus Erfahrung schreiben.Kann man machen.

    Nur funktioniert Hilfe schlecht, wenn jede unbequeme Rückmeldung erstmal mit irgendwelchen schrägen Vergleichen versucht wird wegzudiskutieren. Erfahrung lässt sich nicht wegdiskutieren. Ernsthafte Frage: Fällt dir das selbst nicht auf?

    Hilfe annehmen, Selbsthilfe umsetzen und auch mal etwas stehen lassen, statt sofort dagegenzuhalten. Es ist schon erstaunlich, wie viele hier versuchen, dir etwas mitzugeben – und wie schnell daraus bei dir wieder die nächste Gegenposition wird.

    Alles Gute dir.

    Pinguin, ich glaube, du hast mich immer noch nicht ganz verstanden.

    Ich hoffe ich kann irgendwann entspannter an dieses Thema gehen und mehr bei mir bleiben. Vermutlich funktioniert deswegen die Co -Abhängigkeit so gut bei mir.

    Ist für mich ungefähr wie: „Ich hoffe, ich gewinne irgendwann im Lotto.“ Kann passieren. Ist aber kein Plan. Und hinter „meiner Co-Abhängigkeit“ kann man sich genauso bequem einrichten wie hinter jeder anderen Begründung auch. Sie erklärt dann irgendwann wunderbar, warum man weiter im Kreis läuft.;) Aber da bist du nicht allein. Man sieht ja, wie viele sich bemühen, dich auf den „richtigen Weg“ zu schieben, dir etwas zu erklären, dir etwas abzunehmen oder dir zu sagen, was du tun solltest.

    Nur laufen musst du ihn am Ende selbst.

    Sobald es ums Handeln geht, wird es unangenehm. Dann kommt das eigene Chaos auf den Tisch. Genau da sollte man es sich aber nicht gemütlich machen. Sonst erklärt die Co-Abhängigkeit irgendwann alles, obwohl manches schlicht menschliches Verhalten ist und gar nicht speziell „Co“ sein muss.

    Mit Reife oder besonderer Lebenserfahrung hat das wenig zu tun.

    Irgendwann bringt Reden, Denken, Erklären und Beratenlassen nichts mehr, wenn ich am Kern vorbeilaufe. Und auch die hundertste Frage danach, was andere machen, wie sie es machen oder wonach man noch suchen könnte, bringt mich irgendwann keinen Zentimeter weiter.

    Man kann das alles fragen. Man kann sich austauschen. Aber irgendwann muss aus dem ganzen Wissen auch etwas Eigenes werden.

    Dir nun alles Gute.

    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Als trockener Alkoholiker hast du da einfach einen anderen Sichtweise.

    Was ist denn bei einem trockenen Alkoholiker grundsätzlich anders, wenn es um Sortieren, Grenzen setzen und Verantwortung geht? Warum diese Einschränkung: „Als trockener Alkoholiker hast du da eine andere Sichtweise“? Verstehe ich jetzt nicht – habe ich eine Beeinträchtigung?

    Ich bin in einem klassischen Co-Alkoholiker-Haushalt aufgewachsen.Und ich lese und begleite hier seit fast zwanzig Jahren Co-Dynamiken in allen möglichen Varianten. Du bist da keine exotische Ausnahme.

    Natürlich weiß ich nicht aus deinem Kopf heraus, wie sich deine Situation für dich anfühlt. Aber ich kenne diese Muster sehr wohl: den anderen erklären wollen, ständig überlegen, warum er was tut, Verantwortung mittragen und dabei den eigenen Bereich aus dem Blick verlieren.

    Genau deshalb habe ich dir nicht gesagt: Denk mal anders. Ich habe dir empfohlen, erstmal zu sortieren.;)

    Was ist deins? Was ist seins? Was muss jetzt geklärt werden? Was kann warten? Dass das als Co-Abhängige schwerer fällt, mag sein. Aber schwer macht es nicht weniger notwendig.

    Und wenn ich mich richtig erinnere, war bei dir schon 2024 von Trennung die Rede und du hast dich hier damals auch sehr intensiv ausgetauscht. Das hier ist also nicht völlig neu aus dem Nichts entstanden. Gerade deshalb würde ich jetzt nicht noch mehr draufpacken, sondern eher weniger. Sortieren. Einordnen. Dann handeln. Sonst diskutiert man sich irgendwann seit zwei Jahren im Kreis und nennt das Verarbeitung.;)

    Das wäre mir zu teuer an Lebenszeit.

    Ich bin damit auch wieder raus. Ich sehe hier immer wieder Menschen, die über Monate oder Jahre erzählen, was der Partner ändern müsste, was sie selbst ändern müssten, damit sich endlich etwas verändert und wie sehr sie darunter leiden.

    Und trotzdem dreht sich am nächsten Tag wieder alles um dasselbe Thema. Irgendwann bringt mir die hundertste Erklärung über den anderen nichts mehr. Wenn er sich nicht verändert, muss ich entscheiden, was ich daraus für mich mache.

    Das ist für mich der Punkt, an dem Selbsthilfe anfängt.

    Pinguin , ich glaube, du solltest im Moment erstmal anfangen zu sortieren.

    Mir wird ja schon beim Lesen deiner Beiträge und der ganzen Tipps drumherum schwindelig. Trennung, Tochter, Anwalt, Geld, Suchtberatung, dein Noch-Ehemann, seine Sucht, mögliche Gründe, alte Erinnerungen, Zukunftsangst.

    Wenn alles gleichzeitig auf dem Tisch liegt, weiß am Ende keiner mehr, was eigentlich zuerst dran ist.

    Ich würde da erstmal raus aus diesem ganzen System und ganz nüchtern schauen: Was betrifft dich jetzt unmittelbar? Was muss wirklich geklärt werden? Was kann warten? Und was gehört inzwischen schlicht zu deinem Noch-Ehemann und nicht mehr zu deiner Baustelle?

    Der Anwalt, die finanzielle Absicherung, die organisatorischen Dinge und natürlich deine Tochter sind aus meiner Sicht erstmal die Punkte, bei denen du konkret handeln kannst. Hingehen, sagen, was in deiner Situation zu tun ist – dafür ist der Anwalt da. Ratschläge sind hier gut gemeint, aber dein Anwalt weiß, was rechtlich relevant ist und was nicht.

    Die Suchtberatung verstehe ich. Aber ganz ehrlich: Du bist getrennt. Du musst ihn nicht mehr trockenlegen, nicht mehr seine Sucht erklären und auch nicht mehr herausfinden, welches Thema ihn irgendwann zum Trinken gebracht hat. Vielleicht kommt irgendwann der Punkt, an dem du für dich bestimmte Dinge verstehen möchtest. Dann kann so eine Beratung sicher sinnvoll sein.

    Aber im Moment würde ich die Prioritäten bei dir setzen.

    Raus aus seinem Kopf. Raus aus der Frage, warum er was gemacht hat. Sortieren, einordnen, handeln. Und dann erstmal das tun, was für dich und deine Tochter jetzt wirklich wichtig ist.

    Der Rest läuft dir nicht weg.

    Leider haben Probleme meistens eine ziemlich gute Kondition.

    Tun muss man – das ist mein Motto, seit ich mich selbst kenne.;)

    Alles Gute dir.

    Pinguin , ich fasse mich jetzt mal kurz, sonst wird das hier noch eine Suchtbesprechung nach Lehrbuch. Dafür ist der Thread und auch ein Selbsthilfeforum nicht gedacht.

    Du bist selbst keine Alkoholikerin. Das heißt nicht, dass du nichts über Sucht wissen kannst. Aber Wissen von außen und die Erfahrung einer selbst erlebten Sucht sind zwei verschiedene Dinge.

    Du vermischst mehrere Sachen. Ja, es gibt Risikofaktoren und Begleitumstände, die eine Suchtentwicklung begünstigen können, familiäre Belastung, Trauma, psychische Probleme und anderes. Aber damit ist die Sucht noch lange nicht erklärt.

    Sonst wäre die Sache ja einfach: Ursache finden, Thema aufarbeiten, fertig.

    Was mich bei dir eher wundert, ist, wie viel du inzwischen über deinen Noch-Ehemann zu erklären versuchst. Welche „Punkte“ er hatte, warum er getrunken hat und was er nun aufarbeiten müsste. Das sind zunächst einmal deine Annahmen über ihn.

    Und dieses „Dann muss man die Themen aufarbeiten“ habe ich schon erklärt. Ich kann persönliche Baustellen anschauen, wenn sie da sind. Aber daraus wird kein allgemeines Gesetz für Alkoholiker.

    Und der Satz „Im Wort Sucht steckt das Wort suchen“ klingt nett. Mehr aber auch nicht. Ein Wortspiel ist noch keine Erklärung für Sucht. Genauso wenig wie Punkt, Punkt, Komma, Strich erklärt, warum daraus plötzlich ein Mondgesicht wird.;)

    Ich bin inzwischen fast zwanzig Jahre trocken und habe hier in dieser Zeit tausende Suchtgeschichten gelesen. Und wenn wir schon bei Wissenschaft sind. Rückfälle sind bei Alkoholabhängigkeit sehr häufig. Je nachdem, welche Studie man liest, welche Menschen untersucht werden und was überhaupt als Rückfall gilt, unterscheiden sich die Zahlen erheblich.Gerade im ersten Jahr werden in Untersuchungen teilweise Werte von etwa 70 Prozent genannt, im weiteren Verlauf sogar deutlich höher.

    Wenn irgendein Lehrbuchmodell zuverlässig erklären würde, welches „Thema“ ein Alkoholiker suchen und aufarbeiten muss, damit er anschließend trocken bleibt, müssten diese Zahlen wohl etwas anders aussehen.

    Deshalb bitte ich darum, dieses theoretische Geplänkel darüber, wie Alkoholiker angeblich nach Schema F funktionieren, hier jetzt auch gut sein zu lassen.

    Theorie kann Zusammenhänge erklären und Richtungen zeigen.

    Sie ist aber kein Bauplan für jeden Alkoholiker.

    Naja die Sicht eines nicht Süchtigen. Das sind doch die Vorraussetzung um eine Therapie zu machen. Ich hab das wissen nur vom Arzt.

    Wissen über Sucht heißt noch lange nicht, dass man sie auch richtig einordnet. Alkoholismus ist für mich kein Lehrbuchmodell nach Schema F. Das eine steht im Lehrbuch, das andere sind Erfahrungen auf dem Weg.;)

    Als ich angefangen habe zu trinken, war das keine Sucht. Ich habe getrunken wie viele andere auch. Oder hast du nie Alkohol getrunken? Man trinkt aus allen möglichen Gründen: aus Spaß, Langeweile, Stress, Trauer, weil andere trinken oder einfach, weil Samstag ist. Daraus wird ja nicht automatisch eine Abhängigkeit.

    Als sich bei mir eine Sucht entwickelt hatte, sah das irgendwann anders aus. Da brauchte sie keinen ursprünglichen „Grund“ und kein bestimmtes „Thema“ mehr. Meine Sucht war ziemlich kreativ darin, sich immer neue Gründe zum Saufen zu basteln.

    Ich habe bis heute, nach fast 20 Jahren Trockenheit, keine besonderen „Suchtthemen“ aufgearbeitet, weil es für mich da schlicht nichts aufzuarbeiten gab. Ich habe mich an meiner Sucht orientiert, Risiken minimiert, mein Leben verändert und mich an den Grundbausteinen orientiert, die mir beim Trockenwerden geholfen haben.

    Kein Therapie-Marathon. Natürlich gibt es im Leben andere Baustellen. Die kann man anschauen, bearbeiten oder sich Hilfe holen. Aber das sind für mich Themen des Menschen und nicht die Ursache einer Sucht.

    Ich glaube, du suchst gerade verständlicherweise sehr nach Erklärungen. Für sein Verhalten, eure Trennung und für das, was passiert ist. Nur darf daraus kein allgemeines Modell werden. Alkoholiker sind nicht alle gleich. Die Sucht hat gemeinsame Mechanismen, aber Charakter, Beziehung, Vorgeschichte und Entscheidungen bleiben unterschiedlich.

    Deshalb ist mir dieses „die Themen müssen aufgearbeitet werden, sonst ist das Rückfallrisiko höher“ nicht stimmig. Was ist denn mit Themen, die sich gar nicht aufarbeiten lassen? Saufe ich dann wieder? Oder bekommt mein Suchthirn dafür einen Freifahrtschein? Das wäre ja praktisch.

    Für mich war entscheidend, die Sucht als eigenständiges System zu begreifen und sie sauber von meinen normalen Lebensthemen zu trennen. Die Sucht ist ein eigenes Programm. Das betrachte ich, ordne es ein und gut ist.

    .

    Klar. Aber wenn man trocken ist kann man an sich arbeiten. Deswegen findet die Therapie ja erst im trockenen Zustand statt. Weil es im nassen Zustand wenig oder keinen Sinn macht. Und klar ist dass dann hatte Arbeit über mehrere Monate und Jahre.

    Nein, das ist eher die Sicht eines Nicht‑Süchtigen. Dieses „erst trocken, dann beginnt die eigentliche Arbeit“ funktioniert für mich so nicht.

    Der Weg in die Trockenheit beginnt schließlich noch im nassen Zustand. Da treffe ich die Entscheidung, etwas zu verändern, räume den Alkohol aus meinem Leben, ändere Gewohnheiten und fange an zu handeln. Sonst komme ich gar nicht erst trocken an.

    Therapie kann dabei oder später hilfreich sein. Aber sie ist für mich kein Automatismus und schon gar kein Gütesiegel nach dem Motto: Nur wer Therapie macht, arbeitet wirklich an sich. Ich selbst bin schließlich auch ohne Therapie trocken geworden.

    Und „harte Arbeit über Monate und Jahre“ war es für mich ebenfalls nicht.

    Jeder Tag, den ich trocken leben konnte, war für mich kein Kampf, sondern eine Erlösung. Endlich musste ich nicht mehr saufen, nicht mehr organisieren, nicht mehr lügen, nicht mehr den ganzen Wahnsinn am Laufen halten.

    Wenn Trockenheit dauerhaft nur als Kampf empfunden wird, bei dem ich mich jeden Morgen neu gegen Alkohol quälen muss, dann würde ich mich schon fragen, was da grundsätzlich noch nicht angekommen ist.

    Da empfehle ich jedem, der neu trocken wird: Wenn es sich wirklich jeden Tag wie Folter anfühlt, einfach weiter saufen. Das geht mit der Zeit sowieso in die Hose. Trockenwerden bedeutet für mich ja nicht, zwanzig Jahre mit zusammengebissenen Zähnen vor der Flasche zu sitzen.

    Ich habe aufgehört zu kämpfen, indem ich aufgehört habe zu saufen.

    Aber ist es nicht Neurowissenschaftlich bewiesen, dass sich im Gehirn etwas ändert wenn man ein Alkoholproblem hat oder die Sucht?!

    Ja, neurowissenschaftlich stimmt das. Alkohol verändert etwas im Gehirn, in der Wahrnehmung, im Verhalten und kann Beziehungen ordentlich durcheinanderwirbeln.

    Nur zeigt sich das eben nicht bei jedem Menschen gleich und auch nicht sofort. Wenn jemand schon vor der Sucht ein schwieriger Charakter war – aggressiv, egoistisch oder grundsätzlich beratungsresistent mit narzisstischen Zügen, dann hat die Sucht das vielleicht verstärkt. Sie hat diese Eigenschaften aber nicht neu erschaffen.

    Und das Ganze passiert auch nicht über Nacht. Sucht entwickelt sich schleichend. Die Veränderungen genauso. Der Partner bekommt das normalerweise mit, erst kleine Verschiebungen, dann mehr Rückzug, mehr Streit, mehr Unzuverlässigkeit, mehr Alkohol im Mittelpunkt.

    Deshalb ist auch die Vorstellung zu einfach, man müsse den Alkoholiker nur trockenlegen und dann sei alles wieder gut.

    Nein. "Man" kann auch vorher handeln, Grenzen setzen, Konsequenzen ziehen und sich schützen. "Man" muss nicht warten, bis alles vollständig entgleist ist.

    Neurowissenschaft erklärt einiges. Sie nimmt aber keinem Menschen Verantwortung ab und ersetzt auch nicht die Realität einer Beziehung.