Hartmut, du kannst es nicht verstehen.
Ob ich dich in allem nachvollziehen kann, ist das eine – aber ich muss auch nicht alles verstehen. Vielleicht haben wir das beide gleich? Denn worum es hier wirklich geht, ist doch, dass niemand so weit kommen muss, wie du es erleben musstest.
Aber da ich bei meinem letzten Rückfall beinahe buchstäblich "das Licht am Ende des Tunnels" gesehen habe, kann ich zumindest ansatzweise nachvollziehen, was dich bewegt.
Aber was genau hat das mit der Frage zu tun, ob man sich als Alkoholiker bezeichnen sollte?
Und wenn es bei einer Lebertransplantation um ganz andere Vorgehensweisen geht, dann – so hart es klingt – bist du ein Einzelfall hier. Ich persönlich kenne weder einen Alkoholiker noch jemanden, der jemals eine neue Leber bekommen hat. Klar, es kann mit der Zeit nerven, aber ist das nicht ein Preis, den jemand bereit sein müsste zu zahlen?
Und ist es nicht gerade dann sinnvoll, anderen offen aus eigenen Erfahrungen zu zeigen, wo die Fallstricke liegen, die unbemerkt zurück in die aktive Abhängigkeit führen können? Je offener ich mit meinem Alkoholismus umgehe, desto besser kann ich mich schützen und mein Rückfallrisiko minimieren. Offenheit ist keine Schwäche, sondern mein Schutzschild.
Die weichgespülte Ehrlichkeit mag für manche angenehm sein, doch es ist die Holzhammermethode, die Treffsicherer ist – ob man sie mag oder nicht. Es geht auch nicht darum, sich ein Schild um den Hals zu hängen, sondern darum, ehrlich zu benennen, wo es notwendig ist oder wo ich gefährdet bin. Und wenn keine akute Gefahr besteht brauch ich es ja nicht.
Das war der äußere Schutz, das eigentliche Problem beginnt damit, dass man sich dann selbst nicht als Alkoholiker anerkennen will. Innerlich läuft der Prozess weiter, still und heimlich, während man sich einredet. "Bei mir ist das anders. Ich bin nicht wie die anderen."
Aber genau dieser Selbstbetrug ist gefährlich. Die Rückfallquote von über 95 % zeigt deutlich, dass es kein einfaches Thema ist, das man mit Rücksicht auf Befindlichkeiten schönreden kann.
Alkoholismus ist komplex und echte Veränderung beginnt erst, wenn man sich ehrlich zu sich selbst bekennt.