Hallo ihr!
Es ist wirklich verdammt gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die einem zuhören, bzw. lesen, und die für einen da sind. Das ist ein schönes Gefühl.
Meine Mutter und ich haben uns am Abend wieder vertragen. Sie weiß, dass ich Recht hatte. Ja, ich kann verstehen, dass ihr denkt, ich war vielleicht ein bisschen hart. Würd ich auch denken, bei ihrem Verhalten. Aber ich glaube nicht, dass ich besonders hart war. Deshalb schreib ich ja Briefe. Weil ich mich da wenigstens einigermaßen zurückhalten kann, nicht heulen muss, ausreden kann und nicht ausfallend werde. Da kann ich dann einfach mal aufschreiben, was mich bewegt, genau wie hier. Das Problem war glaub ich einfach, dass meine Mutter wusste, dass ich Recht habe. Und ich hab es mal wieder geschafft, sie auf einen anderen Weg zu holen. Fragt sich nur, wie lang diesmal.
Naja, jedenfalls ist die Donnerstag Abend dann noch zu mir gekommen, hat ihren guten Willen gezeigt, nach mir gefragt, ich war dann auch noch kurz bei ihr im Wohnzimmer, alles in Ordnung. Und sie bemüht sich auch wirklich, sich zu ändern. Das merk ich schon. Naja, demnächst sollt ich wohl einfach direkt sagen, wenn mich was stört. Gibt vielleicht mal einen Tag Stress, aber dann geht es ja auch irgendwann wieder.
Ja, an solchen Tagen hab ich halt das Gefühl, nie aus der ganzen SCh... hier rauszukommen. Irgendwo bin ich doch immer noch labil, irgendwo macht mich alles noch viel zu fertig. Das hab ich auch am Sonntag wieder gemerkt. Samstag hatt ich noch ein Seminar, ich war kaum zu Hause, da sind wir dann zum Konzert gefahren. Das Konzert war auch ganz gut. Aber dann bin ich Sonntag Morgen aufgestanden, und alles was mir mal wieder durch den Kopf ging, war du MUSST, du MUSST, du MUSST! Und als mich dann noch mein Vater kurz angefahren hat, da war's dann endgültig vorbei. Da hab ich den ganzen Vormittag nur geheult, ich war einfach fertig mit den Nerven, ich konnte nicht mehr. Ich kann nicht immer nur arbeiten. Sieben Tage die Woche. Das geht doch nicht. Ja, ich hab dann auch nichts zu Mittag gegessen, irgendwann kam meine Mutter hoch und hat mich mal in den Arm genommen. Als ich dann noch eine Rauchen war ging's halt wieder besser. Ich hab an das Konzert gedacht und an Konstantin Wecker, wo wir halt waren und dachte, man, das ist ganz schön feige, sich hier zu verkriechen und nicht einfach in die Hände zu spucken und loszulegen. Manchmal lohnt es sich eben zu kämpfen, aber irgendwann hab ich auch keine Kraft mehr dafür.
Abends musst ich dann zu nem Zeitungstermin. Chorkonzert. Meine Mutter wollte mit. Ich bin mit dem Auto von meinem Vater gefahren und hab's mal wieder klappern hören. Meine Mutter und ich sind getrennt gefahren, weil ich eigentlich früher gehen wollte, aber es gab leider keine Pause *argh*. Naja, jedenfalls hab ich dann gemeinsam mit meiner Mutter das neue Dosenversteck gesucht und gefunden. Weniger, weil ich es wollte. Ich weiß ja, dass er trinkt und ich mach mir da auch keine Illusionen mehr, aber ich wollt meine Mutter wieder auf den Boden der Tatsachen holen. Es macht mir immer weniger aus, dass sie so ist, wie sie eben ist, aber ich werd auch nicht müde, zumindest ab und zu noch was zu versuchen. Und sie meinte, ja, er hätt wohl auch ein neues Weinversteck, wahrscheinlich draußen hinter dem Haus. Und sie hat mir noch erzählt, dass er neulich an einem Tag mal wieder sehr schlecht aussah. Er trinkt halt immer mehr, wird unvorsichtiger, kommt manchmal betrunken nach Hause, so wie früher, vor der Therapie. Ich denk, wenn er so weitermacht, dann hat er bald schon ein Problem. Aber das hat er sich dann ausgesucht. Ich red weiterhin mit ihm und lass ihn machen, aber ich lass ihn nicht mehr wirklich an mich ran. Das ist wohl das Beste, was ich tun kann.
Gestern Morgen war ich beim Arzt wegen der Ergebnisse vom Blut abnehmen. Ist aber alles in Ordnung, scheinbar bin ich kerngesund, meine Eisenwerte sind sogar sehr gut. Na, toll. Da hab ich dann erst mal begriffen wie sehr uns doch unsere Psyche beeinflussen kann. Das ist wirklich heftig.
Manchmal glaube ich, dass ich nicht in diese Welt gehöre. Die Welt macht mich fertig. Ich bin zu idealistisch dafür. Ich werde mich wahrscheinlich nie damit abfinden können, dass ich mein ganzes Leben lang - und aller Wahrscheinlichkeit nach hab ich ja nur eins - nur funktionieren soll wie ein Roboter. Immer arbeiten und die Klappe halten. Ich glaube, Deutschland ist komplett depressiv, wenn nicht sogar die halbe Welt. Aber gut, das ist eine andere Baustelle, es macht mich halt nur fertig.
So, jetzt muss ich mich beeilen, dass ich noch pünktlich zum Bus komme!
Eine schöne Woche wünsch ich euch!