Ich schon wieder 
Hier nochmal ein Versuch, den schon länger geplanten ausführlicheren Beitrag hinzubekommen:
Seit ich in meiner WG wohne, bekomme ich ja intensiver als je zuvor mit, wie andere Menschen leben und sich verhalten, weil ich täglich mit ihnen zusammen bin. Ein bisschen ist das wie Fernsehen. Ich war ja immer schon so, dass ich mich erstmal zurückgehalten habe und die anderen hab machen lassen. Erstmal schauen, mit wem mans zu tun hat, das hielt ich später für die Begründung. Ich erwische mich aber mittlerweile immer öfter dabei, wenn ich mit ein paar Leuten im Wohnzimmer sitze, dass ich mir vorkomme wie ein Zuschauer. Da komm ich oft gar nicht auf die Idee, mich einzubringen, ich höre einfach zu und beobachte. Ein bisschen wie Zoo, ein wenig wie Big Brother. Nur dass ich denke: „Ah, so sind normale Leute also.“ In Anlehnung an den Film, den ich vor kurzem gesehen habe: wie ein Forscher, der auf einem unbekannten Kontinent gelandet ist und in einem Büchlein Notizen zu den unbekannten Lebewesen macht, Skizzen von ihnen anfertigt und sie erforscht.
Als Alkoholikerkinder halten wir das, was wir von zu Hause kennen, für normal, was auch sonst. Auch jetzt noch stelle ich manchmal fest, dass ich manches für normal gehalten habe, dass es offenbar nicht ist. So fiel mir mit Erschrecken auf, wie tief das „nichts sagen dürfen“ in mir sitzt. Ich erzähle von mir aus nämlich überhaupt nichts über mich. Tatsächlich gar nichts. Noch nicht einmal, wenn ich dazu aufgefordert werde. Mir muss man buchstäblich alles aus der Nase ziehen. Aufgefallen ist mir das vor allem vor ein paar Wochen, als ich die ganze Nacht durch mit einem Mitbewohner zusammen vor dem Fernseher saß, das fand ich ziemlich bezeichnend. Er gehörte zu der Sorte Mensch, die man beim besten Willen nicht als ruhig bezeichnen kann. Und so hat er erzählt und erzählt und erzählt. Später auch freimütig von seiner Beziehung, wos Probleme gibt, was ihn nervt, wies jetzt weitergehen soll und so weiter. Pause. Beide starren gedankenverloren auf den Fernseher. Ich wär jetz wohl an der Reihe, im Gegenzug zu erzählen, was bei mir grade so los is. Als offensichtlich is, dass ich das nicht tue, fordert er mich noch zum Erzählen auf, indem er direkt nachfragt. Ob ein Bekannter, der letztens mal hier zu Besuch war, mein Freund war? Nein, sag ich, das war nur ein Bekannter. Erneutes Schweigen und Bildschirmstarren. Pause. Beharrlicher Bursche, der er is, versucht ers nochmal und erkundigt sich weiter, ob das an diesem oder jenem liege? Brav erhält er auch darauf Antwort, dieses Mal fast schon zwei Sätze. An dieser Stelle fiel mir sogar in der Situation schon auf, dass ich wohl nicht grade den idealen Gesprächspartner darstelle. Er hat dann meine Antwort aufgegriffen und noch was über frühere Beziehungen erzählt, was ich nur noch mit passendem Gesichtsausdruck und Schulterzucken quittierte. Da war ihm dann wohl endgültig klar, dass nicht viel zu holen war, und so hat er sich damit begnügt, Anekdoten zu erzählen oder das Fernsehprogramm zu kommentieren, was beides nicht mehr als nur kurze Rückmeldungen von meiner Seite erforderte.
Sicher, ich war auch müde. Mit nur einem Menschen kann ich mich normalerweise ganz gut unterhalten, das ist noch so schön überschaubar. Sobald es zwei Menschen sind, fang ich schon wieder an mich zurückzulehnen und zu studieren, wie sich Menschen in Gruppen verhalten. Aber ich plaudere nicht mal eben über Privates. Von Reisen, dem letzten Urlaub, Festivals kann ich erzählen, aber über mich spreche ich nie. Als mir das dieses eine Mal aufgegangen ist, sind mir zig Situationen eingefallen, in denen das so war.
„Aha, normalerweise erzählt man also auch Privates.“ Ich arbeit dran.
Ansonsten freue ich mich, erzählen zu können, dass es bei meinen Eltern schon schöner zugeht. Ich war am Wochenende kurz dort und hab mich wirklich gut mit meiner Mutter unterhalten. Also nich wirklich über was Wichtiges, schon klar. Ich hab nur berichtet, was hier in letzter Zeit so los war, und sie hat ganz begeistert die eine oder andere Anekdote eingebracht. Ich habs schon mal erzählt, neuerdings steht man bei uns im Gespräch nicht einfach auf und verlässt den Raum, sondern sagt entweder Bescheid, dass man einen noch hört oder dass man gleich wieder da is. Das klingt lächerlich, aber es macht einen ganz enormen Unterschied, den Unterschied schlechthin. Du fühlst dich plötzlich wichtig und ernst genommen. Und siehst dich plötzlich nicht mehr gänzlichem Desinteresse gegenüber. Da hab ich mir insgeheim auf die Schulter geklopft, denn da hat meine Erziehung mal gewirkt 
Bei der Lektüre des Buches, naja, aber ohne dass es damit direkt zusammenhängen würde, sprich ich was konkret zu dem Fall gelesen hätte, sondern wohl eher, weil ich mich einfach wieder mal mit dem Thema beschäftigt habe, ist mir etwas eingefallen.
Meine Schwester beschwerte sich einmal über irgendeine Verhaltensweise meiner Mutter. Da ich grade meine Arbeit über Alkoholikerkinder schrieb, konnte ich da einen Einwurf bringen, ohne komisch angesehen zu werden. Um was genau es ging, weiß ich schon nicht mehr. Ich meinte nur, naja, Co-Abhängigen sagt man dies und das nach, was damit in Zusammenhang stehen könnte, dass Alkoholikerkinder so und so sein sollen. Jedenfalls sah sie mich verwundert an und meinte, das träfe bei ihr überhaupt nicht zu.
Ich hab gelesen, dass für jugendliche Alkoholikerkinder gewissermaßen zwei gegensätzliche Verhaltensweisen typisch sind: entweder stürzen sie sich in eine Beziehung, von wegen die Liebe bekommen, die ihnen gefehlt hat, oder sie sind beziehungslose Typen, weil sie keine Nähe zulassen können. Meine Schwester und ich sind da glaub ich beispiele wie aus dem Lehrbuch. Es hat mich schon lange fasziniert, wie verschieden wir da sind. Mir scheint meine Schwester steckt den Alkoholismus meines Vaters eh ganz anders weg.
Es sieht übrigens alles danach aus, als gäbe es bei ihr bald die hier irgendwo erwähnte Rama-Familie. Und ich bin nicht neidisch, nicht ernsthaft. Denn mein Leben ist mir viel lieber.
Gestern kamen mir auch wieder einige Szenen aus meiner Kindheit ins Gedächtnis. Ihr wisst schon, so Blitzlichter, Erinnerungsfetzen. Als ich ungefähr 12(?) war, war ich mal mit meinen Eltern unterwegs, wir wollten in einer Gaststube zu Abend essen. Er war natürlich völlig alkoholisiert. Es war wohl das erste und einzige Mal, dass ich das so offen angesprochen habe. Ich meinte er wäre besoffen und sagt noch irgendetwas zu ihm. Dafür bekam ich dann auch postwendend eine gescheuert. Und ich weiß noch, dass ich das nicht so schlimm fand. Viel schlimmer war das Donnerwetter danach. Meine Mutter sagt etwas wie, seine Freunde könnten ihm so was an den Kopf werfen, aber die eigene Familie dürfte nichts sagen. Das Ganze endete mit einem für meinen Vater typischen Abgang, den ich so oft miterleben durfte. Irgendwann sagte er einfach, macht doch, was ihr wollt, und stapfte davon. Ich erinnere mich dran, dass ich Angst hatte, dass er irgendwann einfach gehen und nicht wiederkommen könnte. Und dass ich dann Schuld daran wäre. Ich bin mir sicher, dass ich diese Begebenheit seinerzeit in mein Tagebuch geschrieben habe, das muss ich mal ausgraben. Wer weiß, was sich noch alles darin findet.
Das wars mal fürs Erste. Mir schwirren noch viele andere Sachen durch den Kopf, aber irgendwann muss ich ja auch mal wieder ins Bett
Und ich will die Beiträge ja auch nicht überstrapazieren. Irgendwann gehts dann mit nem neuen Beitrag weiter.
Gute Nacht euch!