Liebe Sabine,
zuerst einmal willkommen hier – ich bin auch relativ neu in diesem Forum und auch noch ziemlich neu im abstinenten Leben, daher halte ich mich meistens mit Ratschlägen etwas zurück. Als ich Deinen ersten Beitrag las, war das allerdings für mich wie eine kleine Zeitreise, deswegen mag ich dazu auch etwas schreiben.
Vor einigen Monaten war ich nämlich in einer vergleichbaren Situation – ich hatte aufgehört zu trinken und war nun mit dem Problem konfrontiert, daß mein Freund – der nicht abhängig ist – immer noch gerne abends Wein oder Bier getrunken hat. Keine großen Mengen, aber ich hatte das Zeug eben auch noch vor der Nase, in der eigenen Wohnung.
Dazu muß ich sagen, daß ich anfangs kein großes Problem darin sah. Schließlich war ich alkoholkrank und nicht er, schließlich mußte ich zusehen, wie ich in einer Welt zurechtkomme, in der der Alkohol nun mal ständig eine Rolle spielt. Draußen konnte ich ja auch keinem verbieten, Alkohol zu trinken...
Das waren so meine Gedanken zu dem Thema, und ich nehme an, daß die nicht allzu unüblich sind. Als ich das in meiner Selbsthilfegruppe erzählte, wurde mir ziemlich eindringlich ins Gewissen geredet – ich muß das nicht im Detail wiederholen, sieh Dir einfach die vorigen Beiträge hier in Deinem thread an, dann weißt Du, was man mir so gesagt hat.
Tja, da hatte ich natürlich ein Problem: Erstens hatte ich ein blödes Gefühl dabei, meinem Liebsten Vorschriften machen zu müssen, wann er wo was trinken darf. Zweitens hat mich der Rat der Leute in der SHG damals noch nicht so recht überzeugt, ich hatte schon das Gefühl, alles im Griff zu haben und dem Zeug auch widerstehen zu können, wenn es bei mir zuhause rumsteht. Trotzdem brachte ich das Thema dann zuhause zur Sprache, und siehe da: es war eine ziemliche Katastrophe. Mein Freund war erstmal empört und verstand überhaupt nicht, was ich von ihm will. Daß der Rat von der SHG kam, machte es nicht besser, er hatte den Eindruck, man habe mir da eine kräftige Gehirnwäsche verpaßt. Wie auch immer, es gab erstmal einigen Zoff und eine Menge Unverständnis.
Obwohl mir so gar nicht danach war, habe ich das Thema in den folgendenTagen immer mal wieder zur Sprache gebracht und einfach nicht aufgegeben, und siehe da: eines Abends verkündete mein Freund aus heiterem Himmel, er wolle heute abend mal zur Selbsthilfegruppe mitgehen, die sei doch auch für Angehörige, oder?
So, den Rest mach ich kurz: Das Gespräch mit den Leuten in der Gruppe allein hat es nicht gebracht, aber es war offenbar ein Schubser in die richtige Richtung. Mein Freund war dem Thema Alkoholabhängigkeit gegenüber seitdem viel aufgeschlossener und hat sich auch über Themen wie Suchtgedächtnis etc. informiert. Kurz nach dem Abend in der Selbsthilfegruppe beschloß er, daß es eigentlich kein Problem sei, auch auf Alkohol zu verzichten. Und stell Dir vor: er leidet überhaupt nicht darunter! Wir Alkis denken ja immer, andere, nicht-abhängige Menschen würden einen fürchterlichen Verzicht erleiden, wenn sie keinen Alkohol mehr trinken, aber das stimmt gar nicht.
So, ich denke das war ausführlich genug; und hier mein Ratschlag: setz Dich selbst nicht allzu sehr unter Druck, aber gehe dieses Thema so bald wie möglich und so selbstbewußt wie möglich an. Viel Erfolg dabei und liebe Grüße,
Zeppeline