bin ich eine herzlose tochter??

  • Hallo,

    ich habe deine Geschichte gelesen und habe dort vieles aus meinem eigenen Leben wiedererkannt.
    Trotzdem bin ich kein Psychologe und die Entscheidung musst du für dich selbst fällen, wie du schon richtig angedeutet hast.
    Ich habe mich über lange Zeit mit dem Thema des Im Stich lassens der eigenen Eltern (bei mir war es die Mutter) auseinandergesetzt und vielleicht hilft dir meine Meinung etwas weiter.
    Meiner Meinung nach ist es vollkommen legitim, sich von seinen Eltern zu trennen, wenn sie einem schaden, denn Eltern kann man sich nicht aussuchen. Überlege doch bitte, was dir dein Vater bereits angetan hat. Der Entzug von Liebe einem Kind gegenüber grenzt meiner Meinung nach schon an Mißbrauch.
    Und selbst wenn du hingehst. Glaubst du, du wirst etwas bewirken oder helfen können? Du hast es selbst schon angedeutet und weißt es vielleicht auch schon: Wenn er sich die Hilfe die er braucht, nicht selbst holt, kann er es nicht schaffen. Und denke vor allem auch zuerst an dich, was wird mit dir passieren, wenn du zu ihm gehst? Setze dein Glück nicht aufs Spiel, dass du dir mit so großer Kraft erarbeitet hast. Wenn er dich um Hilfe bittet, ihn bei seinem Weg aus der Sucht zu unterstützen, dann kannst du das durchaus tun. Aber was willst du dort jetzt, wenn er sie vielleicht gar nicht will? Du kannst ihm vielleicht klar machen, dass wenn er den Ausstieg machen will, du ihn untersützen kannst, aber was kannst du sonst tun? Und vor allem, wenn er sich nicht helfen lassen will?

    Du kannst wirklich stolz auf dich sein, dass du trotz dieser Kindheit diesen geraden Weg eingeschlagen hast. Ich bin im Heim aufgewachsen und die meisten mit solchen Geschichten haben es leider nicht geschafft.

    Egal wie du dich entscheidest:Es ist beides menschlich und nachvollziehbar, aber dass du etwas bewirken kannst, wenn du hingehst, bezweifle ich sehr.
    Ich wünsche dir das Beste auf deinem Weg, wie auch immer du dich entscheidest, und wenn du mal einen Rat brauchst, schau doch vorbei!

    LG
    Clare

  • hallo tochter,

    nein, du bist keine schlechte tochter, wenn du deinen vater nicht besuchen gehst im krankenhaus. das erstmal vorab. hier geht es auch nicht um "moral".

    ich würde trotzdem gehen, und zwar lieber heute als morgen. für mich, nicht für meinen vater. ich hab hier öfter mal erlebt, dass die alki-kinder sehr darunter leiden, wenn das trinkende elternteil tot ist, ohne dass es eine "versöhnung" gegeben hat. und zwar nicht (unbedingt) versöhnung im sinne von verzeihen - das ist oft unmöglich, sondern eher eine versöhnung im sinne von "nicht im groll oder der fremdheit auseinander gegangen sein".

    mein vater war dem, was du von deinem schreibst, sehr ähnlich, ein rundum unsympathischer zeitgenosse, gelinde gesagt. ich hatte lange jahre keinen kontakt zu ihm, weil ich nicht wollte, und diese abstand hat mir gut getan. irgendwann haben sie dann bei ihm krebs diagnostiziert, es kam zu einem treffen, ich habe ihm alles vor die füsse geworfen, was passiert ist, und er hat mich nicht verstnden. meinte, es täte ihm leid, aber so schlimm sei es ja auch nicht gewesen. das hat mir auf der einen seite natürlich wehgetan, auf der anderen seite aber wurde er durch seine krankheit ein (körperlich) schwacher mensch in meinen augen, und damit hatte er für mich plötzlich all seinen schreken verloren. allein das war schon mal gut. ich konnte dann auch mitleid für ihn empfinden (keine liebe, das war endgültig vorbei), aber doch ein bisschen gefühl, und als er dann gestorben ist, war es für mich in frieden. und darüber bin ich unglaublich froh.

    ich glaube, dass ich es sehr bereuen würde, und es mich auch sehr belasten würde, wenn ich ihn nicht nochmal gesehen und mit ihm gesprochen hätte. rein egoistisch, für mich, nicht für ihn. wenn dein vater stirbt, ist diese chance ein für alle mal vorbei, und du kannst keinen "frieden" mehr schliessen, und im zweifelsfall wird dich das vielleicht mehr verfolgen, als wenn du ihn jetzt besuchen gehst.

    aber letztlich musst das natürlich du entscheiden. aber unterschätz die endgültigkeit des todes nicht.

    viele grüße

    lavendel

  • Hallo tochter! Ich finde es ganz toll, wie stark udn gefasst du bist. Ich glaube dir, dass dich das alles unheimlich belastet. Gerade wenn man denkt, jetzt hat mans hinter sich, kommt der Bumerang... Aber ich denke auch, dass es gut ist, wenn du ins Krhs fährst. Auch wenn oder gerade weil es so schwer ist. Du wirst danach bestimmt aufgewühlt sein. Aber schreib dir danach einfach alles von der Seele, allein das hilft ja schon ein bisschen! Liebe Grüße, tini

    Kleine Schritte sind besser als gar keine!

Unserer Selbsthilfegruppe beitreten!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!