Hallo Crumble,
herzlich Willkommen im Forum und bei den „Kindern“. Du wohnst also im schönen Irland, herrlich, ich beneide Dich ein wenig. Bleib auch da, es ist besser für Dich und für Deine Familie. Ich weiß wie das ist sich verantwortlich für die eigene Mutter zu fühlen weil sie trinkt und dadurch offenkundig ihr Leben ruiniert und nicht mehr im Griff hat. Ich weiß wie das ist und wie sich das anfühlt, wenn man hilflos daneben steht, wenn die eigene Mutter sich Schluck für Schluck umbringt. Ich weiß wie das ist, wenn man helfen möchte, aber nicht weiß wie und dabei alles Mögliche und Unmögliche versucht. Ich weiß wie weh diese Hilflosigkeit tut.
Fakt eins ist, Du kannst nicht helfen. So sehr Du das möchtest und so sehr Du Dir das wünscht, Du kannst nicht. Meine Mutter ist letztes Jahr indirekt an den Folgen ihrer Sucht gestorben. Vorher war sie in 5 Jahren 2x zur Langzeittherapie und 7x zur offiziellen Entgiftung. Wenn ich ihre ganzen Krankenhausaufenthalte mitrechne, wo sie unfreiwillig und zwangsläufig entgiftet wurde, sind es noch einige mehr. Sie war zur ambulanten Therapie, sie ging zur Selbsthilfegruppe und sie hatte psychologische Betreuung. Sie hatte alle Möglichkeiten trocken zu werden. Hilfe und Tipps von Betroffenen, Ärzten, Therapeuten. Das alles hat nichts gebracht, weil sie nicht aufhören wollte zu trinken. Am Ende liegt es am Alkoholiker selbst ob er aufhören will zu trinken oder nicht.
Trotz dieser ganzen Hilfe habe ich viele Jahre davor und auch noch während dessen, immer noch gedacht ich finde den Stein der Weisen, der sie vom Alkohol wegbringt. Ich war für sie da wann immer sie wollte, ich habe getan, gemacht, geredet, zu gehört. So lange bis ich selbst am Ende war und vor fast 3 Jahren vor dem Scherbenhaufen meines Lebens stand. Geholfen haben all diese gutgemeinten Dinge nicht. Gut gemeint, heißt nicht gut gemacht.
Fakt zwei ist, Du bist nicht für Deine Mutter verantwortlich. Für Deine Kinder bist Du verantwortlich. Die sind klein und ohne Dich hilflos, für die bist Du verantwortlich. Deine Mutter ist eine erwachsene Frau, sie kann sich um sich selbst kümmern. Sie ist Alkoholikerin, aber sie ist kein Kind, sie ist nicht hilflos. Wenn sie will, dann kann sie. Wenn sie nicht will, wirst Du sie nicht dazu bringen. Wenn Du ihr das abnimmst, sich um ihr Leben zu kümmern, dann erleichterst Du ihr nur zu trinken. Du wirst damit aber nicht erreichen, dass sie aufhört, wenn sie nicht will.
Wenn ich Deine Worte richtig verstanden habe, weiß Deine Mutter wo sie Hilfe bekommen kann und wie es geht. Wenn sie trotzdem trinkt, dann weil sie will. Wo ein Wille ist, ist immer auch ein Weg. Wenn sie gewollte hätte, hätte es mit Sicherheit eine Lösung gegeben, bei der sie hätte entgiften und eine Therapie machen können und in der Nähe ihres Mannes sein. Sie wird nicht automatisch aufhören, nur weil Du da bist. Ob hier oder in Irland, Du wirst nicht verhindern können, dass sie trinkt wenn sie will.
Wir wachsen damit auf, dass man sich um seine Eltern kümmern soll, wenn sie krank sind und nicht mehr können. Deine Mutter kann aber durchaus, sie muss nur wollen. Sie ist zwar krank, aber sie ist nicht hilflos.
Solange ich denken kann, hat meine Mutter mir gesagt ich bin der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Ich weiß, dass das so war und sehr lange hat mich das auch dazu gebracht weiter zu funktionieren und für sie da zu sein. Irgendwann kam jedoch der Zeitpunkt, da habe ich das Gefühl gehabt ich bekomme keine Luft mehr. Da waren diese Worte für mich nicht mehr mit Liebe und Zuneigung verbunden, sondern sie waren Ketten für mich, Ketten die mir die Luft abschnürten. Ich fühlte mich erpresst. Erpresst zu tun was sie wollte, damit sie das Gefühl haben konnte, ihr Leben ist noch normal, alles im Lot. Doch normal war da schon lange nichts mehr. Es war nur noch der Alkohol wichtig.
Wo ich blieb war meiner Mutter ihr nicht mehr wichtig, dass einzige was wirklich wichtig war in ihrem Leben, war der Alkohol. Wenn er da war, dann konnte sie sich auf mich oder andere einlassen, aber nur dann. Irgendwann war auch das nicht mehr, da gab es nur noch den Alkohol und sie war zufrieden wenn man sie trinken ließ. Das ist nicht Ausnahme, dass ist leider die Regel, dass ist Sucht. Alles andere außer dem Suchtmittel wird unwichtig und nebensächlich, auch die eigenen Kinder.
Ich habe meine Mutter auch immer als hilfloses Opfer Ihrer Sucht gesehen. Sie war ein Opfer, aber sie war nicht hilflos. Wenn sie gewollt hätte, dann hätte sie Hilfe bekommen können, aber sie wollte nicht. Sie wusste wo diese Hilfe zu bekommen war und was sie dafür tun musste. Sie hat die den Alkohol und damit die Flucht statt des Lebens gewählt. Nichts was ich getan habe konnte das ändern, nichts was ich noch hätte tun können hätte das geändert. Bei Deiner Mutter ist es nicht anders, sie weiß wo es Hilfe gibt, sie muss nur danach fragen. Nichts was Du tun könntest wird erreichen, dass sie sie annimmt solange sie nicht will. Diesen Willen kannst Du nicht beeinflussen. Sucht ist so.
Wir neigen stark dazu Hilfe zu geben wo noch gar nicht danach gefragt wurde. Wir sehen, da könnte jemand Hilfe gebrauchen, also machen wir, ungefragt. Ich kann verstehen, dass Du Dich aufgrund der Entfernung zwischen Euch noch hilfloser fühlst. Doch wenn Deine Mutter um Hilfe bittet, ist es immer noch Zeit zu überlegen, ob Du ihr diese Hilfe geben kannst und willst. Du hast das Recht das zu entscheiden und auch jedes Recht nein zu sagen.
Wenn Du ihr die Sorge um ihr tägliches Leben abnimmst, sie behütest und umsorgst, hilfst Du ihr nicht trocken zu werden, Du würdest sie nur beim trinken unterstützen.
Niemand kann einen Alkoholiker retten, niemand außer ihm selbst. Das kann man ihm nicht abnehmen.
Du hilfst Deiner Mutter nicht, wenn Du Dein Leben aufgibst. Du zerstörst nur Deines und das Deiner Kinder. Die sind hilflos und von Dir abhängig nicht Deine Mutter. Die erwachsen und fähig ihr Leben selbst zu bestimmen.
Ich verstehe Dein Dilemma, ich weiß wie schwer es ist an sich zu denken. Doch es ist gut und richtig an sich zu denken.
Gruß
Skye