Mama trinkt

  • Hallo an alle,

    seit ein paar Stunden hab ich hier so rumgelesen und mir geht´s schon viel besser Ich bin 27 und meine Mutter trinkt.
    Bisher kam ich mit Verdrängen auch ganz gut durchs Leben, aber ich habe das Gefühl das geht nicht mehr so weiter. Ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden, wäre da nicht immer dieses dunkle Sorge.. und völlig den Kontakt abzubrechen, würde mir solche Schuldgefühle einbringen, das ich damit auch nicht glücklich würde. Also versuche ich jetzt nicht das Problem zu beseitigen, sondern ich versuche einen Weg zu finden MIT dem Problem zu leben, so dass es mich nicht zu sehr belastet.

    Ich weiß nicht, wann meine Mutter anfing zu trinken. Als ich so 12 war, hab ich es einer Freundin anvertraut- aber da ging das ganze schon seit ein paar Jahren. Ich erinnere mich noch, daß meine Mutter immer öfter dasaß und lauthals weinte mit ner Flasche Bier in der Hand- und ich fühlte mich einfach nur hilflos. Ich habe gehofft, dass mein Vater schnell von der Arbeit kommt, damit er das wieder regelt. Wie er mir später erzählte, kam er extra spät, weil er es so schrecklich fand zu Hause. Meine Mutter beschimpfte ihn regelmäßig und wurde auch handgreiflich. Mein Vater hat sich nie gewehrt.
    Die Ehe war also auch hinüber ( ich weiß nicht was zuerst schief lief) und meine Muter zog mit meinem jüngeren Bruder aus. Ich war sehr erleichtert darüber, dass das Geschrei im Haus endlich ein Ende hatte.
    Nachdem ich jahrelang versucht hatte zu vermitteln und Lösungsvorschläge vergeblich angebracht hatte beschloss ich mit 13, daß mir meine Familie scheiß egal ist und ich mich um mein eigenes Leben kümmere, weil ich sonst daran kaputt gehe.
    Ich bin Musiker und verbrachte viele Stunden jeden Tag mit Üben und war auch so erfolgreich, dass ich oft wegen Proben, Reisen und Wettbewerben unterwegs war. Das machte es mir relativ leicht damals mich so zu distanzieren und Anerkennung bekam ich auch genug von aussen- (allerdings mehr als Musiker, als als Mensch).
    Ich habe weit weg von zu Hause studiert und bin nur immer verzweifelt, wenn meine Muter mich anruft. Und mir geht es jedesmal beschi***n danach. Entweder ich bin ihr seelischer Mülleimer oder sie macht mir Vorwürfe oder fragt dieselben Dinge fünfmal. Und ich realisiere in solchen Momenten wie traurig das ganze ist.
    Sie versucht immer wenn ich zu Hause bin, dass wir uns alle treffen und sie kocht für uns. Das ist ihr sehr wichtig, und sie fühlt sich total ungeliebt und uninformiert, wenn ich nicht freudig ja dazu sage. Sie hat auch einen Freund, der meiner Meinung nach auch trinkt, der dann auch dabeisein soll.
    Meine Mutter hat einige Kuren hintersich während denen sie nichts trank. Allerdings waren die Kuren immer für psychische Probleme. Ich weiß nicht wie sie es schafft, die Ärzte so zu täuschen, dass die scheinbar nicht merken was mit ihr los ist.
    Seit einigen Tagen bin ich sehr traurig, weil ich nicht damit klarkomme, daß ich so distanziert zu meinen Eltern bin. Ich bin wahnsinnig sauer auf meine Mutter und gebe ihr die Schuld, dass sie trinkt. Und das ich nie eine Mutter hatte. Mein Vater hat nie was dagegen unternommen und mit Problemen wollte ich meine Eltern nicht auch noch belasten, weil sie mir immer sowieso schon leid tun, dass sie so unglücklich sind.
    Was jetzt mein Problem ist: es verlezt mich wahnsinnig, dass ich nicht einfach normal mit meinen Eltern sprechen kann sondern so kühl und abgestumpft bin. Ich kann einfach nichts nettes empfinden gegenüber ihnen, nur Mitleid.
    Ich habe jetzt Angst, dass sie irgendwann tod sein könnte oder wieder ein epileptischer Anfall kommt und unser letztes Gespräch dann ein Streit oder eine völlige Abweisung meinerseits war. Aber ich kann in dem Moment einfach nicht anders. Und es hat eigentlich absolut keinen Sinn mit ihr ein Gespräch zu führen wenn sie betrunken ist. Ich würde ja schließlich auch mit keinem meiner Freunde ein ernsthaftes Gespräch führen, wenn sie total dicht sind. Aber ich kann meine Mutter nicht als Kranke sehn, sondern ihr nur die Schuld für ihr Verhalten geben..
    Auch würde ich gern davon loskommen, dass ich das Gefühl habe ich sei die einzige der Familie die ihr Leben auf die Reihe kriegt und mich so schlecht fühle, dass die anderen nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen und unglücklich sind. Ich will einfach nur das sie glücklich sind und ich mir keine Sorgen um sie machen muss.
    Ich denke, dass ich eine Therapie machen sollte, hab aber keine Ahnung welcher Art und an wen man sich da wendet. Ich hoffe das war jetzt nicht zu durcheinander. Für ein paar Ratschläge wäre ich dankbar.

  • Hallo Estrellita,

    zunächst einmal möchte ich Dich hier ganz herzlich Willkommen heissen.
    Wahrscheinlich wunderst Du dich darüber, bisher keine Antwort bekommen zu haben, doch keine Angst das wird schon. Die meisten Schreiber(ich auch :oops: ) hier brauchen immer erst noch Zeit sich über das geschriebene Gedanken zu machen, um wirklich mit Rat und Tat antworten zu können.

    Was Du geschrieben hast, ist sehr Umfangreich, aber letztendlich das ähnliche Bild wie der meisten Alk- Kinder.

    Du kannst Deiner Mutter nicht helfen, sie muß und kann sich nur selber helfen, indem sie ihre Krankheit erkennt, annimmt und behandeln läßt.

    Aus Deinem Geschriebenen lese ich heraus, das Du zwar mit Deinem Leben sehr zufrieden bist, nur der Schatten auf Dir lastet. Und ich glaube das jeder Schatten belastet, wenn auch zunächst nicht sichtbar, aber es zerfrisst einen irgendwann.
    Ich schätze es so ein, das Du wütend, traurig und enttäuscht bist von Deiner Mutter, statt sich geborgen zu fühlen wenn du nach Hause kommst.
    Du hast selber für Dich erkannt,, das die Verdrängungstaktik nicht funktioniert, bzw. das Du doch viel tiefer drin hängst als Dir lieb ist.
    Tja, und genau ist das Problem, denn da es sich nicht um irgend jemanden in Deinem Umfeld handelt, sondern Deine Mutter kannst du nicht so ohne weiteres die Sichtweise wechseln.

    Den trinkenden Freund würdest Du vermutlich irgendwann nicht mehr Freund nennen.

    Der ständig betrunkene Chef ist nur der Chef, Du könntest den Job wechseln.

    Der unter Strom stehende Kollege ist nur der Kollege, der fliegt vermutlich bald.

    Doch die lallende, torkelnde, besoffene und Mutter ist und bleibt für Ewig die Mutter, die Du durch nichts und niemanden ersetzen kannst.
    Und wie auch immer unsere Eltern es anstellen, sie schaffen es grandios, uns Kindern das schlechte gewissen einzuimpfen.

    Ich habe es geschafft mich von meiner Mutter zu distanzieren, weil ich das Drama Zuhause nicht mehr sehen konnte, weil es mir unangenehm war sie in meinem Freundeskreis zu präsentieren, weil ich soooo...wütend, traurig und enttäuscht war. Und jedes Jahr zu Geburtstagen, Weihnachten, Ostern und sonstigen Treffen weiß ich das meine Entscheidung richtig war. Denn sonst wäre ich vor die Hunde gegangen, ich habe sie zu sehr geliebt um mir das Elend und den Verfall hautnah und hilflos mit an zu sehen. Meine Mutter hat nun alle 3 Töchter verloren, und glaubt immer noch das sie völlig gesund ist und keine Probleme hat. Zwei ihrer 4 Enkelkinder hat sie nie kennengelernt, aber wir Kinder sind ihrer Ansicht nach im Unrecht!

    Ich würde Dir empfehlen zu einer ortsansässigen Beratungsstelle für Angehörige zu gehen. Dort kannst Du dich beraten lassen, an Gruppengesprächen teilnehmen und so versuchen mit der Situation fertig zu werden.

    Liebe Grüße
    Söckchen

    „Geliebt zu werden kann eine Strafe sein. Nicht wissen, ob man geliebt wird, ist Folter.“

    Robert Lembke

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