Ersatzpartner, schwarzes Schaf und eigener Weg

  • Hallo zusammen

    Manchmal würde ich gerne meine Koffer packen und ganz weit weg ein komplett neues Leben beginnen. Glaubt ihr die Schatten der Vergangenheit würden einem irgendwann mal einholen?

    Ich bin mir heute aufgrund eines Ereignisses mal wieder intensiv bewusst geworden, aus was für einer Familie ich komme. Mein Vater ist Alkoholiker. Schon seit Jahren. Damals war ein versuchter Entzug nicht erfolgreich und seitdem wurde fleissig weiter getrunken. Die ganze Familie weiss es, aber es wird heiter mitgespielt, verdrängt und alles unter den Teppich gekehrt. Wie so oft ein grosses Familiengeheimnis über das niemand Bescheid weiss. Aber Er hat ja kein Problem. Ihm geht es blendend und er lebt in seiner glücklichen Welt, wo sich alles um ihn dreht. Er würde wohl auf der Stelle umfallen, wenn er nur annähernd wüsste, wie ich mich fühle. Aber er sieht mich nicht.

    Es gab Zeiten, da dachte ich, dass ich die Vergangenheit AdActa legen kann. Abschliessen. Was geschehen ist, ist geschehen und lässt sich nicht mehr ändern. Ist ja auch so. Aber das kann ich nicht, weil ich noch nicht meinen Frieden damit geschlossen habe. Ich habe zu meinem Vater eher selten Kontakt, worüber ich froh bin. Ich habe wieder Abstand gewonnen, zum Glück. Na ja, entweder bin ich total hineingewoben oder aber ich bin am Punkt, wo ich gar nichts mehr von alldem wissen will. Ich gehe von einem Extrem ins Andere. Und fühle mich in meiner Situation ziemlich alleine.

    Manchmal denke ich, ich müsste den Kontakt völlig abbrechen, um mein persönliches Glück zu finden. Ich tat es schon einmal für eine Zeit. Aber ich möchte nicht immer das schwarze Schaf sein und andere verletzen. Ich würde es schaffen, den Kontakt zu meinem Vater abzubrechen, aber nicht zu den anderen Familienmitgliedern.
    Es fällt mir sowieso grundsätzlich schwer, die Sachen auf den Punkt zu bringen und Klartext zu sprechen. Das widerspricht sich mit der jahrelangen Aufgabe für Harmonie zu sorgen und zu schauen, dass es denn alles einigermassen gut geht. Aber so wie es jetzt ist, ist es eben auch nicht richtig. Ich werde regelmässig zum Ersatzpartner. Und bis vor kurzem habe ich dieses Spiel auch mitgemacht. Aus Mitleid. Aus Verantwortungsbewusstsein. Warum auch immer. Aber es bedrückt mich so sehr. Es verschliesst mein Herz, dass sich eigentlich nichts sehnlicheres wünscht als endlich einen Partner zu haben. Aber wie soll ein Mann so den Weg in mein Leben finden?

    Ich spüre einfach grad wieder so sehr, wie mich diese Alkoholgeschichte beeinflusst, um nicht zu sagen in meinem Leben und in meinem Glück bremst. Ich möchte dies alles endlich abschliessen, aber es klappt einfach nicht. Und wie so oft frage ich mich auf der Verstandesebene, was kann ich tun? Es geht schon lange nicht mehr darum meine Familie zu retten. Es geht mittlerweile nur noch darum mich selbst zu retten.

    Ist jemand von Euch auch mal an diesem Punkt gewesen und hat ihn überwunden?

    Liebe Grüsse von einer heute ziemlich traurigen :cry:
    Mia

  • Ach nicht traurig sein, liebe Mia!

    Wir sitzen auf einer Kugel, der einzig bewohnten in dem Universum und in denen daneben, die dreht sich außerdem noch um sich selbst und um die Sonne.
    Wenn ich mir das manchmal so vorstelle, dann fühle ich mich so zwergenklein und auch privilegiert, dass ich da meine Runden mitdrehen darf, auf dieser Erde, dass ich mich schon mal sehr leicht fühle.

    Familie - Herkunftsfamilie

    Jeder ist wo aufgewachsen, ich komme aus einer allzeit gewaltbereiten Familie mit Sucht-vergangenheit wohin ich auch schaue.
    Meine Herkunftsfamilienmitglieder haben sich immer schon sehr, sehr wichtig genommen.
    Für meine Mutter gab es nichts Faszinierenders und Wichtigeres als die Auseinandersetzung mit dem Alkoholiker, den sie geheiratet hatte und er und seine Sucht brauchten auch ganz viel Raum und er war es seiner Meinung nach wert, dass sich alles um ihn drehte, ganz als wäre er meine, unsere Sonne und nicht bloß ein armseliges, versoffenes und feiges Würstchen unter Millionen anderen.
    Wenn sich deine Mutter damit zufrieden gibt, dann ist das ihre Sache.

    Glaubst du, ich lasse mir von diesen Wichteln meine Karussellfahrt mit Ablaufdatum auf dieser Erde versauen, nur weil die eventuell denken, sie hätten ein Recht auf mich, weil sie ungeschützten Geschlechtsverkehr hatten, bei dem ein Kind - ich- entstand?
    Wieso sollte ich das tun?
    Ich habe nur das eine Leben.
    Du bist nicht nur in deine Herkunftsfamilie hineingewoben, sondern auch in die Welt.
    Die kann ganz schön spannend sein - da gibt es viel zu entdecken!

    Natürlich kannst du auch herumreisen. Musst ja nicht gleich auswandern. Sollten die Schatten aus deiner Vergangenheit kommen, dann bist und bleibst du trotzdem handlungsfähig - du kommst mit ihnen klar!

    Egal was passiert, du hast ja dich. Gut, sie haben dich beklaut, denn jemandem, der immer schon sowas wie Urvertrauen hat, dem muss man nicht sagen, dass alles gut wird.
    Aber - du kannst dir diese Dinge, die dir einfach zustehen, auch wieder nehmen.
    Dein Leben - dein Glück - deine Liebe - dein Tag!

    Liebe Grüße

  • Hallo Mia,

    ich verletzt öfters meine Mutter mit meinem Verhalten. Ich habe ihr klar gesagt, dass ich nichts mehr mit meinem Vater zu tun haben will. Sie soll aufhören über ihn zu reden, wenn sie mit mir spricht. Sicher ist es für sie nicht einfach, dass einzustellen und jedes mal wenn ich sie unterbreche, tut es ihr weh. Sie geht davon aus, dass sie versagt hat. Sie als Mutter ist für die Beziehung Tochter-Vater verantwortlich. Das denkt sie. Aber das stimmt nicht.

    Ich finde, meine Mutter verletzt sich dadurch selbst. Ihre Sichtweise ist für mich falsch.

    Also wenn die anderen dich so wie du bist akzeptieren würden, würdest du sie auch nicht verletzten. Sie erwarten, dass du dich an etwas anpasst. Aber warum darf nicht jeder er selbst sein?

    Ich schiebe alles weg, was mit ihm zu tun hat. Ich will davon nichts wissen. Nicht von ihm und auch nicht von irgendjemand anderes.

    Ich tu mich auch schwer, meine Gedanke richtig zu vermitteln. Mir fallen selten die richtigen Worte ein. Harmonie war für mich immer wichtig. Aber Streit gehört dazu. So kann man sich weiterentwickeln. Kritik ist doch wichtig. Jeder hat das Recht auf seinen eigenen Standpunkt. Es gibt mehr als einen Weg. Bei uns in der Familie gab es nur den Weg unseres Vaters. Andere Meinungen und Standpunkte wurden nieder gemacht.

    Wenn man also weiterdenkt, war das nur eine vorgetäuschte Harmonie.

    Sollte Harmonie nicht bedeuten, dass jeder seine Meinung haben darf und dennoch jeder akzeptiert wird. Das man gemeinsam eine Lösung für Probleme findet.

    Meine Vergangenheit hat mich dazu gemacht, wer ich heute bin. Jetzt möchte ich noch nicht damit abschliessen. Ich will noch meine Schlüsse daraus ziehen. Manche Situationen würde ich heute anders machen, vielleicht kommt in der Zukunft eine ähnliche und ich kann auf mein Wissen zurückgreifen.

    Durch meine Vergangenheit sind meine Augen offener und das will ich behalten.

    liebe Grüße
    Laura

  • Liebe Schnuffig,
    Liebe Laura

    Vielen Dank, dafür dass ihr meine Zeilen gelesen habt und dafür, dass ihr mir so tiefgreifende Antworten geschrieben habt. Es ist wohl Wunschdenken, dass ich eines Tages aufwache und feststellen werde, dass ich die Vergangenheit inkl. der geerbten Macken abgeschlossen und abgelegt habe. Aber darauf hoffen, werde ich wohl immer wieder.

    Allzeit gewaltbereit ist meine Familie ganz und gar nicht. Gott sei Dank. Doch das Thema Sucht und Alkohol reicht wohl weit zurück in meiner Familie und wird auch in die Zukunft weiter bestehen, wenn ich mir meine Verwandtschaft anschaue. Eigentlich ist es mir egal, weil ich ja niemanden ändern kann. Aber beschäftigen tut es mich glaub trotzdem ziemlich, wenn auch unbewusst.

    Von Zeit zu Zeit ist meine Vergangenheit einfach sehr präsent.

    Vielleicht ein blödes Bild. Aber es ist als würden einige Familienmitglieder in strömenden Regen stehen und so tun als ob die Sonne scheint. Ich habe mir mittlerweile ein Schirm zugelegt und schau von einiger Entferung dem Schauspiel zu. Und kann nicht begreifen, warum man so blind sein kann. Und warum sie mich mit dem Schirm nicht sehen. Klingt nicht sehr erwachsen, ich weiss.

    Aber wenn ich mir selber treu sein will, dann muss ich begreifen, dass die Harmonie eigentlich wirklich nur gespielt ist. Natürlich ist es für die Alkoholgeschichte um einiges einfacher, wenn jeder seine Rolle spielt, statt ehrlich seine Meinung zu sagen. Etwas dass mir nie beigebracht wurde.

    Zitat

    Zitat Laura: Also wenn die anderen dich so wie du bist akzeptieren würden, würdest du sie auch nicht verletzten. Sie erwarten, dass du dich an etwas anpasst. Aber warum darf nicht jeder er selbst sein?

    Ich glaube das Problem ist, dass ich immer „brav“ mitgemacht habe. Natürlich fällt es mir und auch den anderen schwer, wenn ich plötzlich aus der Rolle ausbreche.


    Zitat

    Zitat Schnuffig: Egal was passiert, du hast ja dich. Gut, sie haben dich beklaut, denn jemandem, der immer schon sowas wie Urvertrauen hat, dem muss man nicht sagen, dass alles gut wird.
    Aber - du kannst dir diese Dinge, die dir einfach zustehen, auch wieder nehmen.
    Dein Leben - dein Glück - deine Liebe - dein Tag!

    Danke Schnuffig. Genau das habe ich mal wieder gebraucht. Jemand der mir sagt, dass alles gut wird.

    Ich drücke euch ganz dolle.

    Vielen vielen Dank.
    Mia

  • Liebe Mia!

    Das Beispiel mit dem Schirm ist toll! Es passt auch gut zum Rest der Welt. Schau mal in Zeitung und Nachrichten, wieviele Menschen weltweit so tun, als würde es nicht regnen, als wären nicht sie die begossenen Pudel die lächelnd ausbaden, was andere angestellt haben.
    Ist so.
    Die, die sich einen Schirm besorgt haben, sind in der Minderheit.
    Mich hat die politische Dimension im Hinblick auf Kindheit und ihre Folgen lange sehr interessiert.
    Es gäbe auch auf die Frage des "Warum" eine Antwort.
    Ob sie dir bei Deinem Weg helfen würde, weiß ich nicht.
    Ich war vor vier Jahren im Krankenhaus, mit einer Mittelohrentzündung die sich nicht stoppen ließ, bzw. nur dadurch dass man mir ein Loch in den Kopf bohrte.
    Das war zu der Zeit, wo mich auch das furchtbar aufgeregt hat, dass niemand hören wollte, dass es "regnet" und ich nicht mehr hören konnte, dass es nicht regnet.
    Ich dachte, würde ich nur die richtigen Worte finden, dann müssten sie mich doch verstehen.
    Aber "sie" werden immer sagen, dass ich die bin, die sich täuscht. "Sie" werden immer weiter lügen, egal welche Worte ich finde.

    Klar, mein Leben ist eines mit Brüchen, Stolperfallen, Fehlern aber bunt und vor allem Meins.
    Mein Leben. Meins.


    Hier scheint die Sonne und die Vögel singen.


    Liebe Grüße! :D

Unserer Selbsthilfegruppe beitreten!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!