Feivel - Leberzirrhose im Endstadium und meine Mutter macht komplett zu

  • Hallo zusammen,

    ich hoffe hier in diesem Forum auf Gleichgesinnte zu treffen oder mir zumindest ein wenig den Kummer von der Seele schreiben zu können.

    Ich selbst bin 31, lebe in Irland und führe ein sehr selbstständiges, von meiner Familie losgelöstes Leben. Ins "kalte Wasser" wurde ich schon als kleiner Stöpsel geschmissen, da meine Mutter trinkt, seit ich denken kann und meine Kindheit geprägt war von Alkoholeskapaden, bis hin zu (angetäuschten) Selbstmordversuchen und Abschiedsbriefen, dass wir Kinder sie nicht an ihrem Grab besuchen dürfen, weil wir doch ihr Leben, neben ihren zahlreichen verflossenen Ehen und Partnerschaften, erst so richtig kaputt gemacht haben. Ich wurde ständig zu wildfremden Menschen, meistens Männern, gebracht wo ich dann meine Ferien oder die Wochenenden verbrachte, weil meine Mutter mal wieder Besseres zu tun hatte und ich war Bettnässerin bis ich 14 war, was nie hinterfragt wurde. Den Notarzt musste ich schon als Grundschulkind rufen, weil Mama mal wieder reglos im Bett lag und mit 16 habe ich dann endgültig meine Sachen gepackt, um mich vor ihren endlosen Manipulationen und Anschuldigungen zu lösen. Ihre Sucht hatte sie zwar längst erkannt, doch die Ursache war für meine Mutter immer fremdbestimmt, sodass sie trotz vieler Entzugskliniken immer sofort wieder zur Flasche griff und das Spiel der Abwärtsspiräle mit bösen Vorwürfen und Hasstiraden von vorne losging. Der Kontakt wurde dann mit den Jahren immer schlechter, obwohl ich meine Mama immer im Herzen getragen habe und immer wieder gehofft und gebangt habe, dass sie endlich aufwacht und ihr Leben in die Hand nimmt.

    Inzwischen ist sie das 4. mal verheiratet und hat jeden Partner beinahe mit in den Untergang gezogen, da sie wirklich eine bösartige Persönlichkeit entwickelt, sobald sie zur Flasche greift und früher oder später jeder daran zerbrochen ist. Ihr aktueller Partner hat sich dermaßen für sie aufgeopfert, sein soziales Leben aufgegeben und ist ihr so hörig, dass er ihr den Alkohol über Jahre besorgt hat. Er ist nicht von ihr weggekommen, obwohl sie ihn immer wieder der häuslichen Gewalt bezichtigt hat, wenn er mal nicht spurte. Ihre Polizeiakte ist aber gar nicht mehr ernst zu nehmen, da sie dieselbe Leier bei jedem Ehemann und Lover durchgezogen hat.

    Trotz dessen, dass sie bereits seit über 35 Jahren säuft (sie konnte der Flasche nicht einmal während der Schwangerschaften mit meiner Schwester und mir widerstehen) hatte sie nie mit ernsthaften Krankheiten zu kämpfen, weshalb sie vielleicht auch nie so richtig den Ernst der Lage erkannte.

    Im Sommer 2023 kam dann der große Schlag. Nachdem meine Mutter mir noch nicht einmal zum 30. Geburtstag gratulierte, ahnte ich Böses und erfuhr dann über ihren Partner, dass sie mit Bauchwasser und extrem schlechten Leber- und Nierenwerten 2 Wochen auf der Intensivstation lag, wo ihr dann auch kurzerhand die Milz entfernt wurde. Sie selbst hatte alles total runtergespielt aber die Ärzte berichteten schon damals eine Leberzirrhose Child B und rieten dringend, dass sie ihre Sucht in den Griff bekommen muss. Daraufhin nahm ich all meine Kraft zusammen, stabilisierte den Kontakt und versuchte ihr beizustehen. Als ich sie dann über Weihnachten 2023 besuchte, stank allerdings schon wieder das gesamte Haus, samt ihr, nach Alkohol und ihre böse, unberechenbare Seite hat mich so weit gebracht, dass ich ihren Gesundheitszustand dermaßen verdängt habe, dass ich mich kurzerhand wieder abgeschottet habe.

    Im August diesen Jahres dann der zweite große Schrecken: Meine Schwester rief mich an und berichtete, dass Mama erneut mit 10l Bauchwasser ins Krankenhaus (diesmal auf die Paliativstation) eingewiesen wurde und sämtliche Organe bereits stark mit Mitleidenschaft gezogen wurden. Die Diagnose lautete dann bereits Child C im fortgeschrittenen Endstadium und die Ärzte rieten uns, uns zu verabschieden, da jeder Tag der letzte sein könnte. Ich bin daraufhin sofort zu ihr geflogen und habe sie dann zuhause besucht, da sie sich gegen eine medizinische Versorgung im Krankenhaus oder Hospiz entschieden hatte. Der Besuch fühlte sich damals wirklich an, als sei es unser letztes Aufeinandertreffen. Sie war inzwischen so gebrechlich und krank, dass sie aussah wie eine 90jährige totkrankte Frau, - spindeldürr, überall offene aufgekratzte Wunden und blaue Flecken. Ich hatte so Angst sie zu verlieren und schenkte ihr nur noch liebe Worte. Ich schrieb ihr einen Brief, welchen ich ihr vorgelesen habe in dem stand, wie sehr ich sie liebe und dass ich weiss was für eine Kämpferin in ihr steckt und dass ich ihr so viel zu verdanken habe, weil ich einfach nur noch Frieden mit ihr schließen wollte. Ihr Partner schmiss mich dann später im Verlauf aus dem Haus, mit dem altbekannten Vorwurf, dass meine Schwester und ich sie doch erst in den Alkoholsumpf getrieben hatten, weil wir nie für sie dagewesen seien. Trotzdem hielt ich den Kontakt und war seit August 3x zu Besuch. Jedesmal, nachdem ich meine Flüge gebucht hatte, wollte sie kurzerhand alles abblasen und nicht zulassen, dass ich vorbeikomme. Erst mit der Ausrede, dass es ihr zu schlecht ginge und wenn das nicht zog, folgte dann irgendwann die Anschuldigung, dass ich mich die letzten Jahre nicht für sie interessiert habe und jetzt auch nicht zu kommen brauche. Wenn ich dann da war, lies sie das zwar zu aber schenkte mir nie wieder warme Worte oder bat mich gar um Verzeihung, dass sie doch die jenige war, die ihrer Verantwortung als Mutter oftmals nicht nachgekommen war, weil ihr Alkohol mal wieder an erster Stelle stand. Lange Zeit hatte sie ihre Diagnose total runtergespielt und sich + uns eingeredet, dass sie bald wieder zu Kräften kommt und dann "wieder" die starke Mama ist. Ein offenes und ehrliches Gespräch war deshalb absolut nicht möglich. Doch inzwischen realisiert sie glaube ich, dass dieser Zustand nicht mehr eintreten wird. Sie liegt nun 23h am Tag im Bett, trägt Windeln und lässt sich nur alle 2 Wochen waschen. Als ich letzte Woche bei ihr war, war ihr komplettes Gesicht voller Hämatome und sie sah nochmal schlechter aus, als die letzten Male. Sie spricht jetzt auch zunehmend davon, dass sie Angst hat und es ihr von Tag zu Tag schlechter geht. Ihren Partner kommandiert sie aber nach wie vor herum und schreit ihn zusammen, wenn er mal heimlich versucht, ein Telefonat mit mir zu führen oder sie nicht rund um die Uhr unterhält.

    Nun sitze ich hier und bin so endlos leer weil ich nicht greifen kann, was eigentlich passiert. Das verwundete Kind in mir sehnt sich so sehr nach einer Aussprache. Danach von Mama zu hören, dass sie mich liebt. Sie lässt es nicht zu, alte Bilder gemeinsam anzuschauen und blockt sofort ab mit den Worten, ich sei schon immer so nostalgisch veranlagt gewesen. Die Hoffnung, dass sie endlich einmal Reue zeigt und ausspricht, wie sehr sie meine Schwester und mich allein gelassen hat, ist schon lange gestorben aber ich kann einfach nicht verstehen, weshalb sie den Kontakt in ihrem jetzigen Zustand so abblockt und kein einziges liebes Wort für uns übrig hat. Wenn wir ihr sagen, dass wir sie lieb haben, folgt Stille.

    In meinem Kopf spuken tausende Gedanken um. Einerseits wünsche ich mir so sehr, dass sie noch etwas Zeit hat. Andererseits denke ich mir, dass dieser Zustand weder für sie noch für ihren Partner überhaupt noch erträglich ist und ich frage mich, worauf wir uns noch vorbereiten müssen. Gibt es irgendwas, was ich noch tun kann, um ihr Kraft zu schenken, wenn sie doch alle Versuche, mich anzunähern, so sehr abblockt?

  • Hallo Feivel,

    willkommen bei uns in der Selbsthilfegruppe!

    Eine Mutter, die seit Jahren schon alkoholabhängig war und ist, verändert sich im Laufe des Lebens zusätzlich.

    Unter Alkoholeinfluss war ich teilweise nicht mehr ich selbst. Ich entdeckte Seiten an mir, die mich erschreckten.

    Ich jedoch schaffte es meine Alkoholsucht zu stoppen, Deine Mutter leider nicht.

    Du konntest und kannst nichts für sie tun, so bitter das auch ist.

    Der Austausch mit den anderen im Forum wird Dir guttun.

    Klicke einfach den Link an und schreibe einen kurzen Satz, dann werden wir Dich freischalten und Dein Thema zu "Erste Schritte für EKA" (Erwachsene Kinder von Alkoholikern) verschieben.

    https://alkoholiker-forum.de/bewerben/

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

  • Liebe Elly,

    danke für deine liebe Antwort, ich habe mich eben bereits "beworben".

    Tatsächlich ist das leider nicht aus meinem Beitrag hervorgegangen, aber inzwischen trinkt meine Mutter keinen Alkohol mehr, da sie wirklich ein sehr schwerer Pflegefall ist und kaum mehr Nahrung oder Flüssigkeit zu sich nehmen kann. Daher macht es mich umso trauriger, dass sie im nüchternen Beisein immer noch keine Liebe für ihre Kinder verspürt und es scheinbar nichts, gar nichts gibt, was sie uns noch gerne mitgeben würde. Früher hatte sie im nüchternen Zustand zumindest immer mal wieder Phasen der Besonnenheit, aber davon ist inzwischen einfach keine Spur mehr.

  • Feivel, Deine Mutter ist schwer krank. So wie Du es schilderst, ist sie bettlägerig und hat bestimmt auch Schmerzen.

    Ich könnte mir vorstellen, dass ihr vieles durch den Kopf geht, weil sie bemerkt, dass es mir ihr zu Ende geht.

    Die liebevolle Mutter von früher gibt es nicht mehr, es ist schwer als Angehöriger zu verkraften, dass nichts mehr so ist, wie es war.

    Meine Mutter ist viel zu früh verstorben und es war sehr schwer für mich. Sie ist, so habe ich für mich festgestellt, an den Folgen ihres Alkoholkonsums verstorben.

    Auch ich konnte nur hilflos daneben stehen.

    Du bist jetzt für die offenen Bereiche freigeschaltet.

    Und Du kannst überall schreiben, jedoch bitte nicht die ersten 4 Wochen bei den neuen Teilnehmern im Vorstellungsbereich. (Erkennbar an den orangeroten Namen)

    Ich wünsche Dir einen guten und hilfreichen Austausch.

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

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