Oskar - Ziel: Stabile zufriedene Abstinenz

  • Oskar ja, ich bin auch angetan davon. Vieles ist für mich stimmig.

    Wie meinst Du das mit dem "organisch entwickelt"?

    Zitat

    Bezogen auf die Sucht ist das für mich – neben dem Meiden offensichtlicher Risiken – der wesentliche Anker: Die innere Ruhe zu nutzen, um Impulse rechtzeitig wahrzunehmen, kurz innezuhalten und die richtige Entscheidung zu treffen.

    Wunderbar, bin ich bei Dir. Genau dort, zwischen Reiz/Impuls und Handlung/Entscheidung, wo die wahre Freiheit ist. Mach' ich somit ähnlich.

    Ich hatte früher eher so diese Machtlosigkeit verspürt. Impuls -> sofortige Aktion. Dieses Mich-gezwungen-fühlen, getrieben durch die Sucht.

    Aber das stimmt gar nicht, wie ich irgendwann dann begriffen habe. Man muss so ziemlich auf gar nix reflexartig reagieren. Und schon gar nicht dann, wenn eigentlich Zeit für Reflexion vorhanden sowie angebracht wäre.

  • °Avalon° : Mit „organisch entwickelt“ meine ich eine langsam gewachsene eigene Erkenntnis und praktische Handlungsweise, die ich gar nicht mehr eindeutig in einzelne Ursachen und Quellen auseinandernehmen könnte.

    Klar las ich Philosophisches, Psychologisches oder Lebensratgeberisches. Manches schien einleuchtend, sinnvoll und hilfreich; es blieb hängen und vermischte sich mit anderem, vor allem aber mit meiner eigenen Lebenserfahrung. Es gab und gibt daneben auch reichlich Überflüssiges oder für mich Unpassendes – das lasse ich einfach vorbeifließen.

    Gerade stoische Elemente fielen bei mir auf fruchtbaren Boden, da ich von Natur aus viel innere Ruhe mitbringe, die sich im Laufe der Zeit immer weiter ausgebaut hat. In jungen Jahren hatte ich auch kurze Phasen, in denen diese Ruhe gestört war – ich kenne also reflexartige Reaktionen oder z.B. Prüfungsangst. Irgendwann gab es dann eine Art Umbruch, und seitdem ist es in mir drin ziemlich durchweg entspannt.

    Dass wirkliche Bewusst-Machen dieser inneren Prozesse kam erst mit dem dauerhaften Trockenwerden – nach ein paar Monaten Alkoholabstinenz.

  • Ein Aspekt, der mir besonders am Herzen liegt: Die Veränderungen in meinem Gehirn im Verlauf der Abstinenz.

    Ich habe mich früher schon theoretisch mit der Sucht befasst, merkte aber z.B. beim Online-Schach bereits in den 2010ern ganz praktisch: Nach dem zweiten Glas litt die Denkschärfe massiv.

    Doch das wahre Ausmaß begriff ich erst nach dem Stopp. Nach ein paar Monaten Abstinenz fühlte es sich an, als sei ein Weichzeichnungsfilter vom Objektiv geschraubt worden. Es betraf meine Wahrnehmung und die Klarheit und Schärfe beim Sortieren von Gedanken. Meine Merkfähigkeit blieb unverändert.

    Die ganze Entwöhnung ist für das Gehirn wie Kybernetik: Ein hochkomplexes Steuersystem muss sich neu kalibrieren. Neurotransmitter und Synapsen justieren sich neu. Das dauert weit über das erste Jahr der strukturellen „Grundreparatur“ hinaus – dank Neuroplastizität baut sich das Gehirn tastend um. Am deutlichsten spürbar war dies in den ersten paar Monaten.

    Für mich war und ist dieses Erleben das größte Geschenk meines abstinenten Lebens.

  • Meine ersten drei abstinenten Monate waren vorwiegend düster und ohne jede Euphorie. Das Oberstübchen-Orchester spielte anfangs alles querbeet: Hard Rock, Romanze, Trauermusik – im ständigen Wechsel. Da half nur: Zähne zusammenbeißen, voll auf das Trockenwerden konzentrieren, radikalen Abstand vom Alkohol halten.

    Ursachenforschung, Schuldfragen, tiefe Analysen hatten da Sendepause. Manches erledigte sich mit der Zeit von selbst.

    Erst ab etwa einem halben Jahr begann bei mir das wirkliche Trockenwerden, getragen von spürbar (noch) mehr innerer Ruhe und schärferer Wahrnehmung.

    Wer in den ersten Wochen womöglich noch im „Arme-Sau-Modus“ steckt, Verlusten hinterher trauert: Habt Geduld! In ein paar Monaten, wenn das System wieder in Balance kommt, schlachtet sich diese emotionale Sau viel leichter als am Anfang.

    Wir haben alle nur dieses eine Gehirn. Es lohnt sich, ihm die Zeit zu geben, die es für die Feinjustierung braucht. Tag für Tag.

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