Hallo Jule,
herzlich willkommen, klasse, dass Du so viel zur Vorstellung von Dir gibst. Hier im Co-Bereich bist Du schon richtig.
Du hast ja schon einiges gelesen und viele Antworten gefunden. Die Abhängigkeit selbst ist relativ, mit der Zeit stellt sich der Pegel ein, dann ist es vorbei mit Sport, Job oder Gesundheit, dann geht es nur noch um das nackte Leben, jeder kommt dahin, wenn es nicht klick macht und einschneidende Dinge passieren und auch jeder Angehörige.
Du hast es mit zwei Menschen zu tun, die immer weiter auseinander mutieren und für Dich ja schon die Entscheidung getroffen, dass Du nicht so weiterleben möchtest, selbst wenn Du es könntest, eines Tages würdest Du mit aufgefressen. Ob sich alles normalisiert, wenn er trocken wäre, kann Dir niemand sagen.
Tatsache ist aber, dass sich bestimmte Verhaltensmuster verstärken. Ich denke aber, Neugierde und Getue sind eine Sache, wenn es in einer Beziehung funktioniert braucht man das nicht, da ist einfach kein Grund zu experimentieren und die Prioritäten zu verschieben.
Wir haben am Wochenende über lustige Anzeigen in einer Eurer Wochenzeitungen gelacht. Für die einen ist das ein Bedürfnis, für mich sind das Kranke, eben, lachhaft, aber das muss jeder für sich entscheiden, wir sind nun einmal alle anders. Du kannst nur für Dich entscheiden wozu Du bereit bist, wo Deine Gehgrenze liegt und vor allem, was er Dir wert ist. Da Du ein gesundes Selbstvertrauen hast, ein unabhängiges Leben führen kannst, ist der Herzschmerz schwer, aber auch sicher ein zu verarbeitender Punkt, nur, wo Du die Grenzen ziehst, dass musst Du finden. Du hast Dich jetzt getrennt und in einigen Tagen oder Wochen sieht vieles anders aus.
Da Du selbst wenig Verpflichtungen aus der Beziehung hast, sage ich einfach einmal ganz frech: das Beste was Dir passieren konnte. Dein Herzschmerz heilt, die Alkoholdauerwunden, die Folgen werden durch die Liebe nur in die Länge gezogen.
Die Wertstellung hat für mich auch etwas mit der persönlichen Bindungsbereitschaft zu tun. Dieses gelabere über Selbstbestimmung und alles im Griff zu haben, kontrollieren zu können und gereizt zu reagieren ist ein typischer Abhängigkeitsvorgang, da ist man zu nichts bereit, nur zu Worten und zur Befriedigung seiner Sucht. Wenn ich mit jemandem zusammen bin der eine andere Vorstellung von Essen, Glauben oder Sonstigem hat, dann respektiere ich das, einfach so und wenn mir Dinge gegen meine Moral, gegen den Strich gehen, dann muss ich einen Strich ziehen und sehen dass das in Ordnung kommt.
Ich bin heute so egoistisch, dass für bestimmte Dinge in meinem Leben kein Platz mehr ist und dazu zählen auch aufreibende Gedanken an ein was wäre wenn und überhaupt. Entweder meine Frau entwickelt sich vom Alkohol fort oder erledigt, das hat lange gedauert, aber ich habe die volle Schmerzdosis erlebt, die Trennung, einen neuen Versuch und es wirkt heute einfach anders, da ist wenig Platz für neue Wunden.
Ich wünsche Dir, dass Du weiterhin so aufgeräumt und klar im Kopf bleibst, viel Kraft um die wehmütigen traurigen Tage zu überstehen und dass Du hier noch viel liest und schreibst.
Lieben Gruß kaltblut