Wenn ich hier lese, lese ich Geschichten, die ich in Teilen so oder ähnlich selbst erlebt habe. Manche sind schlimmer als meine, manche nicht. Gemeinsam haben sie aber alle den Ansatz, dass der Fokus in erster Linie darauf liegt, wie dem Alkoholabhängigen geholfen werden kann. Unsere eigene Symptomatik bleibt am Rande. Tu etwas für dich – heißt es zwar oft. Aber dafür ist es auch erforderlich, uns selbst ehrlich zu betrachten und unsere Abhängigkeit zu akzeptieren.
Ein Symptom der Co-Abhängigkeit ist es, andere Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Wir Co´s nehmen uns als nicht so wichtig wahr, unser Leben als langweilig und leer, sodass es aufregend und inhaltsreich durch das Helfen wird. Das Chaos, das unser Leben durch einen trinkenden Partner beherrscht, ist zwar belastend, aber trotzdem trachten wir nicht in erster Linie danach, UNSER Leben in Ordnung zu bringen. Nein, wir überlegen und holen uns Ratschläge, wie wir dem Anderen helfen können. Wir setzen uns mit Alkoholabhängigkeit auseinander und versuchen, diese Krankheit und somit auch unsere trinkenden Angehörigen zu verstehen. Unsere eigene Abhängigkeit meinen wir damit in den Griff zu bekommen, dass wir Ultimaten setzen, um den Anderen zum Trockenwerden zu bringen.
Wenn wir über Co-Abhängigkeit lesen und uns damit auseinandersetzen, kommen wir früher oder später zu den Informationen, die besagen, dass Co-Abhängigkeit mit einem geringen bis gar nicht vorhanden Selbstwertgefühl einhergeht. So gut wie jede/jeder, die hier schreibt, fragt aber, wie es zu schaffen ist, dass der Alkoholabhängige aufhört zu trinken. Ich habe noch nie die Frage gelesen, wie man sein Selbstwertgefühl steigern kann, denn nur das macht uns stark genug, sowohl mit unserer Abhängigkeit als auch der des Partners umzugehen.
Unseren eigenen Defiziten gegenüber sind wir ganz, ganz lange blind. Eher suchen wir die Veränderung im Außen. Unser Partner, die Umstände, seine Eltern, unsere Eltern, überall wird geguckt nach Ursachen, nach Möglichkeiten der Veränderung, die Besserung verheißen soll. Es hat eine ziemliche Zeit gedauert, bis ich meine blinden Flecken, sprich den Selbstwert, der hinten angestellt wurde, wahrgenommen habe. Schließlich war ich schon immer eine von den Power-Frauen, die alles Mögliche gedeichselt bekam. Dass sich dahinter ein ganz kleines Ettchen versteckte, das meinte, mit all dem Gemache und Getue Anerkennung zu bekommen, die sie sich selbst nicht geben konnte, das war mir lange nicht bewusst.
Die richtige Frage von Anfang an wäre also nicht die gewesen, wie kann ich meinem trinkenden Partner helfen, vom Alk loszukommen. Sie hätte viel mehr heißen müssen, wie kann ich mein Selbstbewusstsein stärken, damit ich diesen Mangel nicht mit zu viel helfen kompensieren muss...
Meint eine nachdenkliche Ette