Ja, liebe Renate,
ist schon ganz komisch, wenn man über den eigenen Horizont hinaussehen muss und versucht es "wertfrei(er)" zu betrachten.
In meiner ersten Zeit der Trennung gelang mir das nicht weil ich voller Wut und Enttäuschung war. Ich konnte weder erkennen was "Loslassen" sein soll, noch wie es helfen kann. Das es mir selber dient um einfach wieder laufen zu lernen habe ich spät begriffen. Das diese Rückgabe der Verantwortung auf mich erleichternd wirken könnte, auf die Idee kam ich nicht, weil alles mein Leben lang selbstverständlich so geregelt wurde. In gesunden Partnerschaften auch richtig, wenn einer dem anderen etwas abnimmt. Nur war ich vor lauter eigener "Huch, was passiert heute wieder"-Verfassung nicht mehr in der Lage einfach mal inne zu halten und mich selber zu befragen.
Der Burnout und Arbeitsplatzverlust gefährdet zwar meine Existenz, aber er war so nötig um das alles ans Tageslicht zu bringen, was ich 8 Jahre überschatten wollte. Zwar wird alles für mich ein harter Kampf werden, aber einer, bei dem ich etwas erreichen kann.
Ohne Burnout, Psychotherapie und dem totalen Zusammenbruch wäre ich nicht da angekommen wo ich jetzt bin.
Genau das, was Du verspürst mit nach Deinem Weggang uns sich bei mir zu kristallisieren scheint ist wohl genau dieses "Loslassen" Verantwortung überlassen um einem Suchtkranken (wie uns auch) klar zu machen wo wir stehen. Während es einigen von uns Co's gelingt mit Hilfe der SHG (wenn bei mir nur in Form dieses Forums), der Psychotherapeutin und guten Freunden gelingt sich selber und seine Verhaltensweisen aufzurollen, so sind unsere ehemaligen Partner noch in Ihrer Sucht gefangen. Während wir die Chance wahr nehmen uns zu beleuchten müssen sie zwangsläufig den ursprünglich eingeschlagenen Weg weitergehen.
Eine Freundin sagte mal zu mir: es war klar, wenn Du weg gehst, dass der Konsum höher wird. Nicht deshalb, weil er dich liebte und weniger trank, nein, er wollte nicht zu auffällig sein. Das alles fällt nun weg wenn Du nicht mehr dort lebst. Genau so scheint es zu sein. Während mein Tiefpunkt (so wie Deiner wie es sich bei Dir liest) erreicht war, so musste ich handeln und quasi Hand anlegen um zu überleben. Nun, wer eben noch nicht am Tiefpunkt ist, der führt sein Leben weiter wie gekannt und gewohnt.
Ich kann mir vorstellen, vielen, die auf dem Weg sind wie wir geht es nicht immer leicht. Meine Handgelenke sind geprellt weil ich es nicht begreifen wollte dass 2 x 35 kg Briketts einfach mit einem Hieb zu schwer sind. Nun gut, dann muss ich eben im Angebot Holzbriketts kaufen, die weigen dann jeweils nur 10 kg.
Ich habe zwischen gestern und heute morgen 4 m Holz gestapelt, die Handgelenke sind im Eimer und ich schmiere mit Schmerzsalbe. Aber ich habe es geschafft. All die Jahre zuvor holte ich auch die Briketts oder bettelte darum, dass Holz gemacht wird.
In diesem Jahr habe ich es an anderem Wohnort gekauft, Preise verglichen, mich informiert und einen guten Deal abgeschlossen, schönes Holz habe ich gestapelt und heize im Winter im Kaminofen. Ein ewiger Traum von mir.
Dinge, die nicht einfach sind, dennoch jedes geschaffte Teil scheint mich stärker zu machen. Jede neue Aufgabe oder Mutprobe macht mir Angst und stärkt wenn ich sie geschafft habe. Mit jedem dieser Schritte schwindet sein Bild vor meinen Augen.
Während ich früher sehr darauf achtete was er an hatte, wie er wirkte und aussah, so viel mir bei den Drohbesuchen auf, dass ich nicht einmal seine Kleidung in Erinnerung behalten habe. Ich weiß nicht einmal, ob ich sie betrachtet habe. Dieses frühere "was macht er, wie macht er was" ist nun in einer unpersönlichen Region angekommen.
Diese Wehmut und Trauer, die ich empfand war oftmals aus Angst vor Aufgaben, von denen ich dachte sie nicht bewältigen zu können.
Komischerweise scheint es aber ganz genau so zu sein, dass ich mich aus der Opferrolle heraus bewege und dadurch weniger leicht angreifbar bin. Im Gegenzug dazu scheint (und das verstehe ich so über den Kopf nicht ganz) bei meinem Ex-Partner die Panik auszubrechen. Haus ist verbarikadiert, alle Rolläden unten, er verlässt scheinbar über Tage das Haus nicht und alles an Tageslicht geht über ein Zimmer auf drei Etagen und einen Spalt.
Gerade so, als habe er zuvor seine Angst auf mich übertragen können und seit dem Polizeieinsatz schien sich das umgekehrt zu haben. Dieser wird nicht der alleinige Grund gewesen sein, aber vielleicht einer von vielen. Ein Punkt, in dem ein Mensch Grenzen setzte. Vielleicht haben noch andere Menschen diesem Kranken Grenzen aufgezeigt. Vielleicht hat er für sich die Chance irgendwann zu begreifen dass man/frau sich nicht immer aus der Verantwortung stehlen kann.
Ich glaube, diese langsam fortschreitende Sucht, die unauffällig sein kann, die kann jahrzehnte in ein Menschenleben eingreifen und keinen sofort sichtbaren Schaden anrichten. Aber die schleichenden Begleiterscheinungen müssen zwangsläufig den Betroffenen irgendwann einmal überholen.
Ebenso, wie es mir als Co ging!
Das, was bei mir Burnout war, war bei dir der Sterbeprozess Deiner (Schwieger-)Mam kann ich mir vorstellen. Da kommt so viel Trauer und Schmerz und so viele Dinge im Leben werden hinterfragt - und auch die eigenen Wünsche neu betrachtet.
Gerade dann, wenn man die Mutter verliert, die einen auf die Welt gebracht hat, dann fragt man sich vielleicht "hat sie mich glücklich gesehen" oder hatte sie vielleicht Angst zu gehen und Angst um mich. Jetzt alles hypothetisch, aber ich will damit sagen, durch solche tiefgreifenden Geschehnisse beginnt man/frau anders zu denken.
Bei dir ganz sicher in eine sehr richtige Einstellung, die ein schönes Leben ermöglichen kann, ein autonomes und selbstverantwortliches!
In diesem Sinne,
viel Power auf Deinem Weg von einem Schützen
gewünscht
Dagmar
***Feuerzeichen haben halt Power****
wenn sie sich mal aus der Sucht rauaarbeiten 