Was bedeutet Sucht für mich? Ich weiß, wie es ist an einer stoffgebundenen Sucht zu erkranken. Ich kann mich nur zu gut an das Gefühl erinnern, die warme Gleichgültigkeit und das Verdecken der inneren Unruhe, ..., wenn ich gekifft habe. Ich habe keine Lust mehr zu kiffen, aber die Gefühle, die damit einher gingen, fehlen mir manchmal. Als ich gekifft habe, waren die negativen Seiten auch nicht wirklich wichtig. Klar oft wusste ich, z. B. die Depressionen kommen mit dem Kiffen, das Nichts-auf-die-Reihe-Kriegen kommt mit dem Kiffen, mein inaktives Verhalten kommt mit dem Kiffen, viele Ängste kommen mit dem Kiffen. ... aber im Grunde war es mir egal. Ich wollte kiffen, also mussten die Nebenwirkungen eben sein. Ich musste kiffen, also musste ich auch mit negativen Seiten umgehen. Es waren letztlich nur Gedanken oder Worte ohne Hülle. Ich habe nicht hingesehen, das kam ja alles garnicht davon, ich bin eben einfach nicht normal... Meinen letzten Entzug empfand ich als ziemlich hart, 2 Wochen ging ich arbeiten und schlief den Rest der Zeit. Circa 2 Monate brauchte mein Körper um überhaupt wieder einigermaßen zu funktionieren und erst nach über 6 Monaten fühlte ich mich wieder fit genug, um aktiv raus zu gehen und erst nach 8/9 Monaten stellte sich ein zaghaftes Gefühl von Stolz oder Anerkennung für mich selbst ein. Ich weiß, sobald ich wieder an einem Joint ziehe, bin ich wieder drin im Kreislauf. Da gibt es nur schwarz und weiß - kein grau.
Mein erster Gedanke, als ich mich mit dem Thema Co beschäftigte, war, das geht garnicht. Ich versuche mich von meinen eigenen Süchten loszusagen und ein Leben ohne Abhängigkeit zu führen, und dann bin ich abhängig von der Sucht eines Anderen? Ich las Einiges über das Thema und konnte fast überall ein Häkchen machen (ja hast du, ja bist du ...). Das hat mich geschockt, fast noch mehr als der Umstand, dass mein Freund nun wieder harte Drogen nimmt.
Ich finde es unglaublich schwer für mich zu verstehen, was denn nun falsch in meinem Kopf läuft. Ich versuche es mir zu erklären: bei stoffgebundenen Süchten (z.B. Heroin ... glaube, dass ist beim Alkohol ähnlich) mutieren die Rezeptoren (verantwortlich für die Aufnahme von Endorphinen) im Gehirn durch den Konsum der Droge. Jetzt "wachsen" diese Rezeptoren in der Menge und schreien nach Mehr Mehr Mehr und die Toleranzbildung schreitet voran. Wenn der Konsum der Droge eingestellt wird, bleiben diese mutierten Rezeptoren auf Stand-By und das Geschrei kann immer wieder ausbrechen. Daher das Problem des gegebenen Rückfalls. Funktioniert mein Hirn als Co ähnlich? Schreien meine Rezeptoren im Gehirn auch aufgrund der nicht gesund gelebten Mechanismen? Bin ja im Stand-By-Modus, fühle es ja ganz genau.
Wenn mein Körper krank ist und ich eine Wunde habe, dann tue ich eine Salbe drauf und die Wunde geht weg. Ich kann es sehen. So wie mit dem Kiffen, als ich aufgehört habe, haben sich wieder lebenswichtige Funkionen meines Körpers und Geistes eingeschalten. Ich konnte förmlich zuschauen welche Entwicklung ich machte, zumal ich dieses Suchtverhalten bis zum Letzten ausgereizt habe, körperlich und geistig am Ende war. Und jetzt stehe ich vor einer Sucht, die ich zwar irgendwie gedanklich greifen kann, weil ich die Symptome bei mir erkenne, aber in der Theorie und der Praxis liegt ja meist ein himmelweiter Unterschied. So richtig kapiert hab ich noch nciht, was ich eigentlich will von mir. Ich kann mir vor allem die Sache mit dem Schwarz-Weiß nciht so richtig vorstellen. Das Leben so gestalten, dass kein Alkohol (bei mir und auch bei meinem Gegenüber) mehr darin vorkommt? Abgrenzen, ja, aber schwer, wenn man seine Grenzen garnicht kennt, wenn man nicht weiß, wer man ist. Wo setze ich an? Vielleicht bedeutet es: erst einmal rausfinden, wer ich bin, was ich will. Ich will glücklich werden, ja. Und ein selbstbestimmtes Leben führen, ja. Gesunde Beziehungen führen, ja. ...
Bitte stoppt mich jemand, wenn ich wirres Zeug schreibe. Mir kommt in Bezug auf meine Situation diese nicht stoffliche Sucht so viel schwerer vor, als mein stoffliche Sucht, viel ungreifbarer, schwer betrachtbar. Ich weiß jetzt, es ist nicht immer gut, auf alte und bewährte Mechanismen zurück zu greifen in einer Welt, die sich ständig ändert. Neue müssen her. Ich dümpel noch immer an der Oberfläche, ich finde keinen Weg runter, tiefer. Wo will ich hin? Können mir meine Erfahrungen als Drogenkosument helfen diese Sucht zu verstehen und mir vor allem helfen, hier raus zu finden?
Klar werden. Mein alkoholisierter Partner will seine Droge zu sich nehmen, will nicht sehen, was er sich damit antut. Trägt die Konsequenzen (die es vielleicht in seinen Augen auch garnicht gibt) mit Fassung, sie gehören ja dazu. Er will das nicht ändern. Ich kann das nicht ändern! Kapiert. Muss zu mir schauen, in mich schauen. Mich fühlen. Mir helfen. Mir schwirren so viele Gedanken im Kopf. Denke unentwegt. Ich tue das so und so - was muss ich machen, damit ich anders tue. Das kann doch so schwer nicht sein. ICH, ICH bin doch das Übel des Ganzen. Ich bin es, die mir mein Leben schwer macht. Ich will niemals wieder so tief in eine Sucht rutschen, um wieder so daraus klettern zu müssen, wie ich es bei meinem Drogenkonsum tun musste. Brauche ich wirklich diesen "schweren Tiefpunkt" um in die Tiefe meinerselbst zu gehen? Ich weiß, wenn ich diesen "schweren Tiefpunkt" zu finden suche, dann sterbe ich, dann gehe ich elendig zu grunde. Das spüre ich ganz deutlich. Wenn ich mich wieder darauf einlasse, dann kann ich mir nicht mehr selbst helfen, dann gebe ich mich auf. Ich muss die Härte mir gegenüber aufgeben, die Wand die da ist, ich muss drüber springen oder sie umhauen. Gezielt hämmern, dass sie einstürzt; nciht wild drauf los schlagen. Ich bin nicht ungeduldig. Aber wird es besser? Ich will doch nciht den Rest meines Lebens so verbringen. Ich leide nicht, ich will nur einfach weiter vorwärts gehen.
Nicht reden, machen. Aber was? Also: Aufgabe für die nächste Woche: Psychologen anrufen, Termin vereinbaren. Vielleicht kann ich mir jetzt nicht mehr allein helfen.
k.