Hallo zusammen,
endlich bin ich soweit, mein Schweigen zu brechen.
Angeregt durch rowis ehrliche Schilderung, dass es sie wohl neulich auch schwer gebeutelt hat, habe ich mich entschlossen, euch ebenfalls zu erzählen, dass ich mich in genau derselben Situation befinde bzw. befand.
Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe nicht getrunken, aber ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob das, was ich erlebt habe, so sehr viel mehr wert ist. Ich war nicht eine Armlänge, sondern nur mehr „um Haaresbreite“ vom Glas entfernt. Das meine ich jetzt nicht wörtlich, denn meine Wohnung ist absolut alkfreie Zone, sondern im übertragenen Sinne. Natürlich hätte ich erst losfahren müssen um mir eine Flasche Wein zu kaufen, aber trotzdem.
Diesen latenten Suchtdruck hatte ich ja schon seit längerem, denn ich bin ja nicht so naiv, meine ständigen Gereiztheit bzw. Weinerlichkeit immer nur mit dem Vollmond, den momentanen Spannungen in meiner Partnerschaft, der abartigen Hitze oder PMS zu erklären. Ich weiß sehr wohl, dass diese Faktoren den Suchtdruck nicht nur begünstigen, sondern er schlicht und ergreifend genau in Form der eben genannten Dinge auftritt. Wer glaubt, Suchtdruck äußere sich ausschließlich in dem konkreten Gedanken: „Ich möchte jetzt ein Glas Wein trinken!“, sieht sich böse getäuscht.
Am Sonntag ging mein Mann wieder einmal auf Dienstreise und ich merkte sofort, dass irgendetwas anders war als sonst. Obwohl ich mich optimistisch von ihm verabschiedete mit den Worten: „Wie schön, dass du mittlerweile halbwegs sorgenfrei fahren kannst!“, hatte ich schon so etwas wie eine dunkle Ahnung. Ich „sprach“ förmlich mit mir selber und versuchte, das Problem greifbar - und damit behebbar - zu machen. Aber alles Brüten und Analysieren nütze nichts, so vergingen der Montag und der Dienstag.
Dienstagabend war ich dann in meiner SHG, und wie’s der Teufel so will, lautete das Thema auch prompt „Rückfall“. Ich hörte angespannt zu und war außer Stande, etwas zum Thema beizutragen, geschweige denn offen über meine Befürchtungen zu sprechen. Ich kann es euch nicht sagen, was es war, das mir so derartig den Hals zugeschnürt hat, dass ich lieber erstickt wäre als heraus zu brüllen: „Um Himmels Willen, helft mir, ich stehe kurz davor, mir `ne Flasche Wein zu besorgen!!!“ Mein Lieblings-Gruppenkollege, der neben mir saß, stupste mich etwa 15 min. vor Sitzungsende an und meinte flapsig: „Na und du? Was ist denn mit dir los? Du bist ja so still! Sag’ halt auch mal was!“ Mit letzter Kraft wollte ich mich ebenso flapsig herausreden - bis die Tränen nur so hervorgesprudelt sind. Ich heulte mich zu Tode und schilderte hektisch, was mich alles bedrückt und wie ich mich fühle und dass ich so unglücklich bin und dass ich nur noch an Alkohol denke und mir das förmlich ausmale, wie das wäre, loszugehen, ein schönes Fläschchen zu besorgen und und und.
Die Gruppe war natürlich völlig schockiert, denn nach dem eher entspannten Gespräch vorher, ob Abstinenz nun Kampf sei oder nicht, wirkte mein Gefühlsausbruch natürlich wie das Paradebeispiel schlechthin. Aber leider war die Stunde ja nun vorbei, dafür schleppte mich mein Therapeut sofort in sein Büro, hörte sich noch mal kurz die wichtigsten Eckdaten an und bot mir sofort ein “richtiges“ Therapiegespräch für Donnerstag an. Den nächsten Termin hätte ich sonst nämlich erst Anfang September. Er gab mir noch ein paar schriftliche „Aufgaben“ zum Nachdenken mit, dann trottete ich zum Parkplatz, wo mein Gruppenkollege noch allen Ernstes auf mich gewartet hatte. Er nahm sich auch noch eine ganze Stunde Zeit für mich, so dass ich wirklich das Gefühl hatte, dass ich nicht alleine bin. Einige Telefonnummern, einige Impulse zum Nachdenken und der Termin am Donnerstag - also ganz so verfahren schien die Situation denn doch nicht.
Der größte Schock ist nun verdaut. Das Kind ist zum Glück nicht in den Brunnen gefallen, aber wenn ich mir vorstelle, ich hätte ja auch mit jemand anderem zusammen sein können, und dann hätte da nur noch Alkohol auf dem Tisch stehen müssen, und ich hätte garantiert zugegriffen, und dann... Oh mein Gott!
Das Gespräch am Donnerstag mit meinem Therapeuten hat sagenhaft gut getan. Ohne Einzelheiten erzählen zu wollen - ich bin recht kämpferisch aus der Sache hervorgegangen. Ich weiß, dass „es da nicht nur ein bisschen im Getriebe hakt“, sondern dass sich da tatsächlich eine Riesenbaustelle aufgetan hat. Und die hat in einem ganz erheblichen Maße mit meiner privaten Situation zu tun, da muss sich dringend ohne wenn und aber so einiges ändern. Meine Partnerschaft wäre schon für eine gesunde Frau eine riesige Belastung, für mich jedoch als Alkoholikerin ist es kaum noch zu schaffen. Aber ich glaube, das habe ich euch schon einmal erzählt, da möchte ich mich nicht unnötig wiederholen.
Wie es mir momentan geht?
Ich warte recht angespannt auf meinen Mann, der eigentlich schon seit einer Stunde hier sein müsste. Ganz Co habe ich ihm natürlich einen Kuchen gebacken und seine Lieblingsschokolade eingekauft. Und ich weiß, dass der fertig ist, wenn er heim kommt. Da muss ich ihn nicht gleich in der ersten halben Stunde überfallen. Aber ich komme nicht drum herum, ihm zumindest anzukündigen, dass wir dringend reden müssen, noch dieses Wochenende. Und zwar ernsthaft. Es geht um zuviel, als dass ich mich wieder mit so Begründungen wie „Ich bin zu müde!“ oder „Ich hab’ den Kopf noch voll von der Arbeit!“ abwimmeln lasse.
Danke fürs Lesen!
Liebe Grüße von einer erschöpften
espoir