Beiträge von Petter

    Liebe Freunde,

    vielen, vielen Dank! Ich freue mich über diesen Zuspruch wie am ersten trockenen Tag :)

    Neulich sagte mir eine Freundin, die sagenhafte 51 Jahre trocken ist: "Irgendwann zählt man nicht mehr wirklich. Am Wichtigsten ist für mich immer noch mein erster Tag!". Das blieb mir im Kopf hängen. Rückblickend betrachtend denke ich: am schlimmsten (oder am anstrengendsten) war die Zeit unmittelbar vor dem Entschluß, nicht mehr zu trinken. Vieles kam da zusammen: mein "Tiefpunkt", die Ausweglosigkeit, die Niedergeschlagenheit, der körperliche Zustand. Ich kann das eigentlich gar nicht anders beschreiben: Im Zustand größter Erschöpfung rafft man sich auf zu einem neuen Leben. Das ist wirklich ein ungeheurer Wendepunkt.

    Hier im Forum erlebe ich immer aufs Neue, wie sich Menschen aufraffen, Ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Daran nehme ich gern Anteil.

    Alles Gute und danke fürs Lesen!

    Peter



    Liebe Freunde,

    seit langer Zeit habe ich heute früh beim Schreiben wieder Tränen in den Augen. Vorhin habe ich nämlich das Datum gesehen und dachte "Himmel - war das heute, daß ich trocken wurde?" und habe mich hier in meinen Posts umgesehen. Ich finde keinen Hinweis mehr auf MEIN Datum, aber ich weiss, es war entweder Mai oder Juni und es war um den 23. des Monats. Im Grunde ist der genaue Tag ja gar nicht so wichtig.


    Ich habe eben meine anfänglichen Beiträge in meinem "Drei-Jahres-Faden" gelesen und mir kam es vor, als sei das alles erst gerade geschehen, als habe ich erst vor ganz kurzem mein letztes Bier stehen lassen, so präsent ist alles noch. Zu tief waren die Erschütterungen und Gefühle, daß mir die Tränen in die Augen schossen und das tun sie auch jetzt noch, während ich dies schreibe. Etwas ungeheuerliches ist geschehen, nämlich die Wandlung eines zutiefst verunsicherten und traurigen Menschen zu einem positiven und anpackenden Menschen, mit Empathie, mit Leidenschaft und dem festen Willen, daß man Dinge ändern kann. Mit Mut, mit Hilfe, mit Freunden - aber das alles kommt nicht klopfend an die Tür und bietet sich von selber an. Das alles kommt in dem Augenblick, wenn man die Kraft hat, aufzustehen und zu sagen "Ich kann nicht mehr - bitte helft mir." So einige Dinge müssen zusammenkommen, damit man das schafft. Ich hatte das riesengroße Glück, hier in diesem Forum an die Tür zu klopfen. Bis heute bin ich allen so unendlich dankbar und für diese Freunde möchte ich stellvertretend einfach nur Karsten nennen, alle anderen wissen selber, wen ich anspreche, aber es sind ohnehin alle! Ohne Euch hätte ich es vermutlich nicht so kraftvoll und erfolgreich hinbekommen! Danke, danke danke!

    Völlig egal, ob nun der genaue Tag stimmt, es tut nicht viel zur Sache. Ich feiere einfach das 15. Jahr meines trockenen und nüchternen Lebens. Was für ein undenkbares Jubiläum :)

    Danke fürs Lesen und allen eine gute nüchterne Zeit.


    Peter

    Hallo Joschi,

    der Titel deines Posts hat mich neugierig gemacht, auch wenn er schon älteren Datums ist.

    So geht es wohl fast allen, nämlich daß sie einen neuen, unbekannten Weg einschlagen (müssen), wenn sie ihr Leben ändern wollen. Ein guter Titel, viele werden den nachempfinden können. Denn dieser Titel macht neugierig, aber es steckt auch etwas Angst in ihm. Angst vor dem Unbekannten. Im Verlauf deiner Berichte entdecke ich so viele Dinge, die auch mir genauso oder ähnlich widerfahren waren. Es ist immer wieder verblüffend, warum man sich als Alkoholiker einsam fühlt, wenn doch so viele andere das gleiche Elend durchmachen? Diese Erkenntnis erreicht einen aber erst, wenn man den neuen Weg eingeschlagen hat.

    Ich musst gaaaanz breit grinsen, als ich las "falscher Termin, um aufzuhören" :) denn das erleben wohl alle. Was habe ich alles aufgeschoben in meinem Suff-Leben, weil es "gerade" nicht passte. Es passt NIE. Egal was. Immer gewann der Teufel Alkohol Überhand und lenkte mich in meinen (wirren) Gedanken zu Entscheidungen, die bequem und alkoholisch waren. "Irgendwann"... "mal sehen" ... "immerhin denke ich ja dran" ... und und und. Erst als ich diesen Teufel aus einer Mischung aus tiefer Verzweiflung, Wut und Angst von meiner Schulter schnippte, ging es aufwärts.

    Mir war schnell klar, daß ich mein ganzes Leben würde umkrempeln müssen. Diese Klarheit bekam ich übrigens HIER, im Forum. Ein einfaches "das schaff ich schon irgendwie" habe ich schnell über Bord geworfen. Nach ein paar Tagen hier im Forum begann ich damit, meine Wohnung von Dingen zu "befreien", die irgendwas mit Alkohol zu tun haben könnten. Ich reduzierte alle Kontakte, wirklich alle. Ich blieb zuhause und las und las und las. Mein einziger Kontakt in diesen ersten Tagen und Wochen war "mein" Forum. Ich überdachte meine Rituale, ich hinterfragte mein Einkaufsverhalten, ich schlug jede Einladung, egal zu was, aus. Ich bin bis heute unendlich dankbar, welche Möglichkeiten mir hier gegeben wurden: das Einzige, was ich tun musste, war zu lesen und den (manchmal auch ruppigen) Tipps der Freunde hier zuzuhören und sie verstehen zu wollen.

    Ich schaffte etwas ganz wunderbares: mein Belohnungsverhalten, daß ich immer mit ausreichenden Mengen Bier und Wein am Leben hielt, konnte ich ganz einfach drehen: ich belohnte mich mit einem suchtfreien Leben, mit einem unerhörten Erfolg für Kopf und Körper. Ich konnte mich wieder um mich selber "kümmern", ich war wieder Herr über mich und konnte Verantwortung übernehmen: für mich selber. Das führte dann dazu, daß ich mich auch endlich, endlich wieder mochte und damit auch andere Menschen wieder lieben konnte. All das waren Belohnungen, die bis heute anhalten, auch nach 15 Jahren nüchtern LEBEN.

    Auch ohne Alkohol hält das Leben für uns jede Menge Stolperfallen bereit. Aber ohne Alkohol können wir diese Stolperfallen, welche auch immer es sind, meistern. Wir sind für uns verantwortlich und nüchtern schaffen wir das auch. Ich bin so glücklich, wenn ich lese und höre, wie Freunde wieder aufgestanden sind nach einem Rückfall. Und auch, wenn ich lese, daß Freunde hier ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Wir alle wissen, wie schön das ist: nüchtern und befreit leben zu dürfen. Darum bin ich auch immer noch gerne hier, auch wenn ich nicht gaaanz regelmäßig schreibe ;)

    Das nüchterne Leben ist mir so wichtig, daß es immer an erster Stelle steht. Das bleibt auch so.

    Joschi - dir schöne Pfingsten und allen anderen Freunden natürlich auch!

    Peter

    Guten Morgen Cadda,

    vielen Dank dafür! Ich freue mich sehr, daß Dir mein kleiner Faden gefällt. Sag´mir gern Bescheid, wenn Dich ein Austausch über das Erlebte interessiert!

    Einen schönen Sonntag wünscht Dir Peter

    Hallo S., 37Jahre ;)

    Ich danke dir herzlich für dieses wunderbare Lob! Auch nach so vielen Jahren nehme ich das noch sehr gerne an. Das Forum ermöglicht ja nicht nur Austausch und Hoffnung, es ermöglicht Rückblicke. Immer wenn ich mich mal "traue", wieder zurückzublicken und die alten Beiträge zu lesen, bekomme ich Tränen in die Augen, so sehr fasst mich an, was viele hier erlebt haben, mich selber nicht ausgeschlossen. Ich kenne leider viel zu viele, die den Weg der Nüchternheit nicht gehen konnten und die heute nicht mehr leben. Egal was geschieht, die Dankbarkeit für das Wunder meiner Trockenheit ist nicht weniger stark, als am ersten Tag. Und das soll auch so bleiben :)

    Ich wünsche dir auch alles Glück der Welt, S.! Bis zum nächsten Mal:

    Peter

    Hallo Thena,

    du hast einen großartigen und wichtigen Schritt getan! Toll :) ich gratuliere und freue mich sehr für dich.
    Da bekommt man beim Lesen ja Gänsehaut!

    Das mit dem "in den Spiegel schauen" und das die Augen wieder leuchten, spricht dir aus der Seele, das merkt man.
    Ich freue mich, wieder von dir zu lesen.

    Viele Grüße
    Peter

    Guten Morgen liebe Freunde,

    gerade fällt mir auf, daß mein "Drei-Jahres-Faden" nun fast "Fünfzehn-Jahres-Faden" heissen könnte ;) Jedenfalls, wenn ich richtig gerechnet habe.
    Letztes Jahr habe ich meinen Trockengeburtstag gar nicht wahrgenommen, Corona sei Dank. Es ist einfach zuviel los auf der Welt, in der Gesellschaft, mit uns allen, die wir von Tag zu Tag scheinbar mehr gefordert sind, mit dieser merkwürdigen Lage zurecht zu kommen.

    Seit meinem letzten Beitrag ist soviel geschehen, daß mir leicht schwindelig wird, wenn ich es Revue passieren lasse. Meine Mutter wurde schwer krank und starb Anfang Dezember 2019, was mich sehr mitgenommen hat. Ich musste erfahren, wie schwer und wie anstrengend Trauer sein kann. Kaum war das Leben wieder ein wenig in der Normalspur, kam Corona. Ich bekam eine schwere Grippe, so schlimm wie noch nie in meinem Leben, und nach fast zwei Wochen Bett, kam ich dann wieder auf die Beine, um kurz danach von meiner Zahnärztin wieder aus der Bahn geworfen zu werden: eine Falschbehandlung mit einem Laser am Gaumen führte zu einem großen Loch, daß der Knochen frei lag. Fünf Wochen war ich arbeitsunfähig und hatte extrem starke Schmerzen. Auch heute noch spüre ich die täglich Folgen dieser "Behandlung" und muss ständig achtgeben, was ich esse, wie ich kaue und wie lange ich rede. Ein Anwalt kümmert sich nun, auch damit ich das aus dem Kopf bekomme und auch, damit meine Wut darüber verraucht. Egal was dabei rauskommt, wichtig ist, daß die Zahnärztin nie wieder jemanden auf diese Art behandelt.

    Ich bin nach so vielen Jahren der zufriedenen Trockenheit sehr glücklich, daß mich diese Erlebnisse nicht zum Trinken gebracht haben. Ich habe noch nichtmal im Traum daran gedacht, das ist wirklich wunderbar. Ich bin zwar nie sicher, aber ich bin stabil, das ist wichtig.
    Heute habe ich in der Zeitung gelesen, daß Suchtberater Alarm schlagen, weil viele Menschen in dieser Pandemie-Zeit mehr und mehr zur Flasche greifen. Das mir als trockenem Alkoholiker dieser Gedanke noch nicht gekommen ist, hat mich ein wenig gewundert und ich dachte mir "Schau ich mal ins Forum, ob sich das hier niederschlägt." Das mache ich nun!

    Danke fürs Lesen,
    Peter

    Hallo Thena,

    ich habe gerade erst deine Vorstellung gelesen. Herzlich willkommen im Forum!
    Heute hast du deinen Arzttermin - du bist auf einem guten Weg.
    Ich wünsch dir dafür alles Gute. Es ist richtig, daß du hier bist.
    Auch nach jahrelanger Trockenheit freue ich mich, wenn ich lese, daß es jemand wieder anpackt. Das liest sich alles sehr positiv, Thena!

    Herzliche Grüße, Peter

    Hallo Schnitzel,

    der Wunsch dazu muss schon von ihm selber kommen, alles andere hat wirklich wenig Sinn.

    Meine Familienmitglieder haben alle gewusst, was mit mir los war. Sie haben mich aber nicht gebremst oder auf meinen Alkoholmißbrauch angesprochen, weil sie Angst hatten, daß ich mich dann vollständig von ihnen hätte abwenden können.

    Sie waren betroffen von meiner Abhängigkeit; aber sie hatten zugleich große Angst, mich zu verlieren.

    Peter

    Hallo Schnitzel,

    die Gründe, warum ich überhaupt im Alkohol versunken bin, weiß ich bis heute nicht wirklich.

    Aufgehört habe ich, weil ich an einem Punkt angelangt war, an dem es nicht mehr weiterging: beruflich, sozial, gesundheitlich.
    Letzteres vor allem hatte mir große Angst gemacht.

    Nachdem mir langsam dämmerte, daß nicht die Welt mein Problem ist sondern der Alkohol, habe ich mich diesem Problem gestellt.

    Eine meiner ersten Maßnahmen war, mich hier im Forum anzumelden. Ab da ging es wieder bergauf :)

    Peter

    Guten Morgen Freunde,

    gestern war wieder mal so ein Tag, an dem ich mehr aufgeregt habe, als mir gut tat. Es arbeitet dann lange in mir und ich schlafe schlecht.

    Das Wochenende habe ich in Ostfriesland bei Verwandten verbracht, die ich einzig aus dem Grund besucht habe, um Erbschaftssachen für meine alte Mutter einzuforden. Solche Dinge sind dermaßen unangenehm, daß sie mich um den Schlaf bringen. Raffgier, falsche Versprechungen, Verlogenheit... auf einmal bin ich mit vielen "Charakterstärken" der Verwandschaft konfrontiert, die mich fassungslos machen.

    Auf der Rückfahrt habe ich einen Waggon nach dem anderen gewechselt, weil dort Leute saßen, die mich noch mehr aufregten: mittags um 12 Uhr wurde Alkohol getrunken, laut Musik gehört, telefoniert... Das war zuviel für mein gestriges Nervenkostüm und bin ich so lange durch den Zug gelaufen, bis ich ein ruhiges Abteil fand. Ich frage mich dann immer, ob ich überempfindlich bin, hypersensibel oder schon gestört, daß ich sowas kaum noch ertrage. Aber nun... ich werde älter, die Nerven dünner und merke: wenn ich mich zu sehr über dies und das in Folge aufrege, dann kumuliert das offensichtlich und irgendwann wird auch das sich Aufregen zuviel.

    Die vergangene Woche aber war ausgesprochen schön: Meine Trauma-Therapie tut mir sehr gut, ich lerne verschiedene Techniken und merke, wie sich (erst gaaaanz langsam) meine Wahrnehmung verändert, wie sich mein Verhalten ändert und vor allem wie sich meine körperlichen Reaktionen ändern, wenn ich in Situationen gerade, die dem Auslöser des Traums ähneln. "Ein Wunder!" dachte ich neulich, nach meiner ersten EMDR-Sitzung. Wer nun wissen möchte, was das ist: einfach mal googeln!

    Am vergangenen MIttwoch war gefühlsmäßig mein Höhepunkt des Jahres. Ich war während der Arbeit eine halbe Stunde bei meinen Chefs, eigentlich ein normaler Vorgang, es wird dies und das besprochen. Diesmal aber war es anders. Unabhängig voneinander habe ich beide getroffen, beide Gespräche waren so angenehm und entspannt, daß ich hinterher auf dem Bahnsteig in der Sonne stand und dachte: "Wow, Peter. Du bist nicht nur angekommen, du wirst angenommen, sehr gut behandelt und in bist einer Phase deines Lebens, die außergewöhnlich gut und lang ist." Das habe ich mehrfach vor mich hin gedacht und mich durchströmte ein wunderbares Gefühl von Zufriedenheit und Glück.

    Das alles ist ein Wunder, das Wunder (m)eines trockenen und nüchternen Lebens. Ich bin wieder und wieder wahnsinnig glücklich darüber.

    Danke fürs Lesen!

    Peter

    Guten Morgen Freunde,

    hallo Linde! Danke für deine Antwort auf meinen "PTBS-Bericht" ;) die sich für mich las wie ein schöner, großer Topf Kuchenteig zum ausschlecken, so gut tat mir deine Antwort. Komischer Vergleich, aber das kam gerade so über mich.

    Wo ich schon beim vergleichen bin: mein Wunsch, das Erlebte milder zu empfinden, das hat Ähnlichkeit zu meiner Alkoholsucht.
    Zu Beginn der Trockenheit war ich voll Tatendrang und Aufbruch - das kann man in meinem Thread nachlesen. An das Zurückliegende habe ich damals noch nicht so intensiv gedacht, weil ich das nicht konnte und wollte, denn es hätte mich zu sehr eingenommen.

    Heute schaue ich mit einer gehörigen Portion Lässigkeit auf meinen stolprigen Lebensweg und meine alkoholische Karriere.
    Das es mir irgendwann auch mit der PTBS so geht, daran arbeite ich.

    Danke fürs Lesen!
    Peter

    Hallo liebe Freunde,

    danke für die netten Worte und Gedanken. Sowas tut einfach gut :)

    Vier Wochen lang war ich wegen meiner PTBS in der Reha in den Alpen. Einer Klinik für Berufskrankheiten mit einer Abteilung für Psychotraumatologie.

    Manchmal, bevor ich dorthin fuhr, dachte ich: "Ach, brauchst das wirklich?".. "Übertreibst du nicht?", gleichzeitig aber hatte ich diese üblen Gedankenkarusselle, wie ich schon weiter oben beschrieben habe. Wie auch immer.. ich fuhr also nach Bayern.

    Überrascht war ich vor allem, wie vielen Menschen es den Symptomen nach ganz ähnlich geht wie mir, auch wenn die meisten ein anderes Ereignis hinter sich haben. Fast allen ging es ähnlich: dünnhäutig, Konzentrationsstörungen, Erschöpfung, Vergesslichkeit. Jemand sagte: "Wenn ich telefoniere und es klingelt an der Tür, bin ich überfordert." ... "Bingo"", dachte ich. Kenn ich doch.. Nur das ich mich nie getraut hätte, so etwas anderen zu sagen, weil mir das doch recht verschroben vorgekommen wäre. Als ich jeden Tag mehr merkte, daß alle Symptome auch auf mich zutrafen wusste ich, daß ich dort richtig bin.

    Es wurden Einzel- und Gruppensitzungen angeboten. Natürlich war und ist es alles andere als einfach, wenn ich wieder und wieder das Erlebte durchkaue. Ob es damit "milder" wird und irgendwann einfach nur ein Teil meines Lebens, über das ich dann souverän seufzen kann "Ach ja, das war auch mal...", weiss ich noch nicht. Das ist aber das Ziel. Ich hoffe, ich komme da hin.

    Die Gruppensitzungen haben mich von Anfang an am meisten interessiert, boten sie doch einen direkten Vergleich zu meinen Selbsthilfe-Gruppen. Aber ach - wie anders doch alles war :) Vor allem, wie viel anstrengender und härter mir die meisten anderen Schicksale erschienen. So haben mir diese Gruppensitzungen deutlich gemacht: 1. es gibt viele verschiedene Arten, Therapien in Gruppen zu gestalten - und 2. es ist die wirkungsvollste Methode, um sich selber einschätzen zu können: "Wo stehe ich?" - "Wie möchte ich, daß es mir geht?".. Es ist so ganz anders, als eine SHG, aber die Möglichkeit der Selbsteinschätzung gilt wohl für alle Gruppentherapien, vermute ich.

    Ein paar Teilnehmer habe ich mehr beobachtet, als andere. Das waren diejenigen, bei denen ich neben dem Trauma noch ein Suchtproblem vermutete. Nach vielen Jahren nüchtern Leben kann man das ja einigermaßen einschätzen und ich lag tatsächlich richtig. Abends habe ich den einen oder anderen Teilnehmer mit flaschenklappernden Tüten getroffen. Anderen sah ich sofort an, was los war und wieder andere suchten nach Geselligkeit in Biergärten. Ich bin aber nicht der Fachmann, der zu beurteilen befugt ist zu sagen: das ist richtig und das ist falsch. Vielleicht kam die Sucht durch das Trauma, vielleicht auch umgekehrt. Und wie und wo setzt man dann an? Alles Fragen, die eher was für Therapeuten sind.

    Als ich vorgestern Abend wieder in meiner Waldhütte in der Eifel war, fiel erstmal nichts an Anspannung ab. Das kam erst am nächsten Tag. Anstrengend war dieser Aufenthalt in der Klinik, anstrengend und richtig. Gleich am nächsten Tag hatte ich ein Gespräch mit einer Psychologin, bei der ich noch sechs Monate lang eine ambulante Traumatherapie mache und hoffe, daß ich dann in einen Zustand von Gelassenheit und "Das-war-einmal" komme.

    Das wichtigste Fazit für mich ist aber: ohne die intensive Arbeit an meinem nüchternen Leben könnte ich das oben Geschriebene alles vergessen - es wäre schlicht nicht existent, denn ich hätte den Vorfall des Suizids als Grund genommen, so viel Alkohol wie möglich in mich zu schütten.
    Das ist gottseidank Geschichte :)

    Danke fürs Lesen!
    Peter

    Guten Tag liebe Freunde,

    nun ist schon wieder über ein Jahr vergangen und als mich neulich jemand fragte "Wie lange trinkst du nicht mehr?" musste ich kurz nachdenken, bis ich "Dreizehn Jahre." sagen konnte. Das ist dann immer der Moment des Jahres für mich, in dem mich ein Gefühl von Glück überkommt, ein wunderbares und schönes Gefühl, daß mir Tränen in die Augen treibt und das mir jahrelang, nämlich bis zum letzten Tropfen meines nassen Lebens fast schon unbekannt geworden war.

    Nie habe ich das Gefühl von Freiheit je wieder so stark empfunden, wie unmittelbar nach meinem Einstieg in ein nikotin- und dann alkoholfreies Leben. Dieses Gefühl gab mir diesen unglaublichen Schub und die Kraft, Neues anzugehen, die "Welt" für mich neu zu entdecken.
    Heute bin ich älter und ruhiger, aber die Begeisterung darüber habe ich immer noch. Es war und ist großartig, ich kann es überhaupt nicht hoch genug bewerten.

    Heute möchte ich wieder allen danken, die an meinem Weg aus der Dunkelheit Teil genommen haben; die mich unterstützt haben, die mich ermuntert haben zu schreiben, die mich kritisiert und den Kopf zurechtgerückt haben. Ihr alle habt mir sehr gut getan auf meinem Weg, bis heute.

    Das Jahr 2019 lief bisher nicht so schön. Es sind Freunde und Verwandte gestorben. Mir nahe Menschen haben plötzlich mit schweren Krankheiten zu kämpfen. Ich merke, daß mich Arbeit mehr belastet, als noch vor einem Jahr und weiss nicht, woran das liegt. Aber es gibt auch positives: nach einigem Hin- und Her habe ich von der Berufsgenossenschaft eine Reha genehmigt bekommen. Im letzten Jahr habe ich einen Mann mit meiner Lok überfahren, der sich das Leben nehmen wollte. Dieser Suizid hat mehr Spuren hinterlassen, als ich dachte. Nun gehe ich in eine psychosomatische Klinik und weil ich ja manchmal das eine mit dem anderen verbinden kann, habe ich mir eine Klinik ausgesucht, die sowohl Sucht-Sachen macht, als auch PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung). Mitte Juli geht es in die Alpen. Ich werde viel Zeit haben und natürlich auch schreiben, wie es mir dort ergeht.

    kolibri : Ich entschuldige mich erstmal, daß ich deine Nachricht so lange unbeantwortet ließ! Sie hat mich sehr berührt und ich möchte heute mal nachfragen, wie es dir geht. Bist du über die ersten 17 Tage gut hinaus gekommen? Das würde mich sehr freuen und ich schau mal, wo ich deine Geschichte hier lesen kann :)

    Herzlichst und vielen Dank fürs Lesen!

    Peter

    Liebe Freunde,

    vielen Dank für eure Glückwünsche! Es tut gut, hier sein zu können.

    Für mich war es kein langer Weg, seit ich trocken wurde. Der Weg zur Trockenheit hin war viel länger und schwieriger.
    Manchmal denke ich daran zurück, wie verschämt ich um mich schaute, als ich das erste Mal eine Selbsthilfegruppe besuchte.
    Ich dachte "Nachher erkennt mich jemand!" oder schlimmer gar: "Nachher erkennt jemand, daß ich Alkoholiker bin!" :D
    Solche Gedanken waren kurze Zeit später verschwunden: ich fand Menschen, denen es ähnlich wie mir erging. Viele Geschichten dieser Menschen habe ich aufgesogen; ich fühlte mich unter Menschen, die mich verstanden und die ich verstehen konnte. Das war eine wunderbare Erfahrung. Diese vielen Erfahrungen halfen in ein freies und suchtfreies Leben. Das werde ich nicht vergessen.

    Peter

    Liebe Freunde,

    gerade sehe ich auf den Kalender und denke "Hm.. der 23. Juni.. da war doch was!" und dann fiel mir ein: diese Woche bin ich an irgendeinem dieser Tage 12 Jahre trocken. Juhu! Kann sogar sein, daß es genau der 23. war, ich weiss das nicht mehr genau. Aber es war 2006, das weiss ich genau. Und dann habe ich die Anfänge meines "Drei-Jahres-Fadens" begonnen und Gänsehaut bekommen - wie lange ist das her und wie nah ist es doch. Kaum zu glauben. Na, wie auch immer: es ist ein guter und schöner Grund, mir auf die Schultern zu klopfen, was ich hiermit mache :D

    Es gab in meinem nassen Leben viele Ereignisse, die mich zum Alkohol greifen liessen. Es gab in meinem trockenen Leben aber auch viele Ereignisse, in denen ich Gelegenheit genug hatte - aber ich hatte "vorgebaut". Ich hatte die Tipps der Freunde hier angenommen. Ich habe mir immer vorgestellt: "Wenn mal das und das geschieht - trinken werde ich deshalb nicht!" und so bin ich von Glück zu Unglück und wieder zu Glück gestolpert, wie das eben so geht im Leben. Aber ich habe zu keinem Zeitpunkt wieder trinken wollen und erstrecht habe ich mich zu keinem Zeitpunkt wieder wegmachen wollen. Dazu war das nasse Leben zu schlimm in meiner Erinnerung und in meiner Seele.
    Auch vor einigen Monaten hatte ich ein prägendes Erlebnis, daß mich früher zu einem wochenlangen Absturz geführt hätte.

    Nein, ich will das nicht mehr. Ich will mich weiter meinem Leben stellen, egal, was es bereit hält.
    Schön, daß es Euch gibt, dieses Forum und all seine wertvollen Menschen, die darin mitwirken. Vielen, vielen Dank dafür!

    Danke fürs Lesen!
    Peter

    Hallo Florian,

    Balsamico war ein Lebensmittel, das ich sehr gerne mochte.
    Aber nachdem ich trocken wurde, habe ich öfter dran geschnuppert und ganz ehrlich: egal, was oder wieviel da drin war, es war mir zu alkoholisch und ich habe die Finger davon gelassen.
    Danach habe ich mich an diversen Ölen versucht und eine neue Welt entdeckt: Walnußöl z.B. oder (sehr lecker!) Steirisches Kernöl aus Österreich. Da braucht man kein Balsamico mehr!

    Guten Appetit!

    Peter