Der "Drei-Jahres-Faden"

Willkommen in unserem Forum : Bitte stellt euch zuerst bitte kurz im Vorstellungsbereich vor, damit wir sehen können, wer sich unter Onlineselbsthilfegruppe anschließen möchte. Unsere Onlineselbsthilfegruppe ist weiterhin in zwei Bereiche unterteilt. Einmal der offene Bereich und einmal der geschützter Bereich. Nach der Vorstellung könnt ihr dann für die offenen Bereiche freigeschaltet werden. Die geschützten Bereiche sind für Mitglieder gedacht, die sich hier langfristig und intensiv mit ihrem Leben auseinandersetzen möchten. Um aufgenommen zu werden, solltest du dich zuerst Vorstellen und später hier dich bewerben und um Aufnahme bitten. Der Austausch lebt von der Ernsthaftigkeit und der Aktivität mit der die User ihr jeweiliges Problem angehen . Deshalb haben wir dieses Verfahren gewählt, wir werden dann im Team entscheiden. Wir wünschen euch einen guten und hilfreichen Austausch bei und mit uns.
  • Guten Morgen Freunde,


    gestern war wieder mal so ein Tag, an dem ich mehr aufgeregt habe, als mir gut tat. Es arbeitet dann lange in mir und ich schlafe schlecht.


    Das Wochenende habe ich in Ostfriesland bei Verwandten verbracht, die ich einzig aus dem Grund besucht habe, um Erbschaftssachen für meine alte Mutter einzuforden. Solche Dinge sind dermaßen unangenehm, daß sie mich um den Schlaf bringen. Raffgier, falsche Versprechungen, Verlogenheit... auf einmal bin ich mit vielen "Charakterstärken" der Verwandschaft konfrontiert, die mich fassungslos machen.


    Auf der Rückfahrt habe ich einen Waggon nach dem anderen gewechselt, weil dort Leute saßen, die mich noch mehr aufregten: mittags um 12 Uhr wurde Alkohol getrunken, laut Musik gehört, telefoniert... Das war zuviel für mein gestriges Nervenkostüm und bin ich so lange durch den Zug gelaufen, bis ich ein ruhiges Abteil fand. Ich frage mich dann immer, ob ich überempfindlich bin, hypersensibel oder schon gestört, daß ich sowas kaum noch ertrage. Aber nun... ich werde älter, die Nerven dünner und merke: wenn ich mich zu sehr über dies und das in Folge aufrege, dann kumuliert das offensichtlich und irgendwann wird auch das sich Aufregen zuviel.


    Die vergangene Woche aber war ausgesprochen schön: Meine Trauma-Therapie tut mir sehr gut, ich lerne verschiedene Techniken und merke, wie sich (erst gaaaanz langsam) meine Wahrnehmung verändert, wie sich mein Verhalten ändert und vor allem wie sich meine körperlichen Reaktionen ändern, wenn ich in Situationen gerade, die dem Auslöser des Traums ähneln. "Ein Wunder!" dachte ich neulich, nach meiner ersten EMDR-Sitzung. Wer nun wissen möchte, was das ist: einfach mal googeln!


    Am vergangenen MIttwoch war gefühlsmäßig mein Höhepunkt des Jahres. Ich war während der Arbeit eine halbe Stunde bei meinen Chefs, eigentlich ein normaler Vorgang, es wird dies und das besprochen. Diesmal aber war es anders. Unabhängig voneinander habe ich beide getroffen, beide Gespräche waren so angenehm und entspannt, daß ich hinterher auf dem Bahnsteig in der Sonne stand und dachte: "Wow, Peter. Du bist nicht nur angekommen, du wirst angenommen, sehr gut behandelt und in bist einer Phase deines Lebens, die außergewöhnlich gut und lang ist." Das habe ich mehrfach vor mich hin gedacht und mich durchströmte ein wunderbares Gefühl von Zufriedenheit und Glück.


    Das alles ist ein Wunder, das Wunder (m)eines trockenen und nüchternen Lebens. Ich bin wieder und wieder wahnsinnig glücklich darüber.


    Danke fürs Lesen!


    Peter

  • Hallo Peter,
    bei mir hat EMDR erheblich dazu beigetragen, neben etlichen anderen Techniken (Lesetipp, div. von der Traumaforscherin Luise Reddemann), das Trauma zu integrieren und mich insgesamt zu stabilisieren.


    Liebe Grüße, Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Guten Morgen liebe Freunde,


    gerade fällt mir auf, daß mein "Drei-Jahres-Faden" nun fast "Fünfzehn-Jahres-Faden" heissen könnte ;-) Jedenfalls, wenn ich richtig gerechnet habe.
    Letztes Jahr habe ich meinen Trockengeburtstag gar nicht wahrgenommen, Corona sei Dank. Es ist einfach zuviel los auf der Welt, in der Gesellschaft, mit uns allen, die wir von Tag zu Tag scheinbar mehr gefordert sind, mit dieser merkwürdigen Lage zurecht zu kommen.


    Seit meinem letzten Beitrag ist soviel geschehen, daß mir leicht schwindelig wird, wenn ich es Revue passieren lasse. Meine Mutter wurde schwer krank und starb Anfang Dezember 2019, was mich sehr mitgenommen hat. Ich musste erfahren, wie schwer und wie anstrengend Trauer sein kann. Kaum war das Leben wieder ein wenig in der Normalspur, kam Corona. Ich bekam eine schwere Grippe, so schlimm wie noch nie in meinem Leben, und nach fast zwei Wochen Bett, kam ich dann wieder auf die Beine, um kurz danach von meiner Zahnärztin wieder aus der Bahn geworfen zu werden: eine Falschbehandlung mit einem Laser am Gaumen führte zu einem großen Loch, daß der Knochen frei lag. Fünf Wochen war ich arbeitsunfähig und hatte extrem starke Schmerzen. Auch heute noch spüre ich die täglich Folgen dieser "Behandlung" und muss ständig achtgeben, was ich esse, wie ich kaue und wie lange ich rede. Ein Anwalt kümmert sich nun, auch damit ich das aus dem Kopf bekomme und auch, damit meine Wut darüber verraucht. Egal was dabei rauskommt, wichtig ist, daß die Zahnärztin nie wieder jemanden auf diese Art behandelt.


    Ich bin nach so vielen Jahren der zufriedenen Trockenheit sehr glücklich, daß mich diese Erlebnisse nicht zum Trinken gebracht haben. Ich habe noch nichtmal im Traum daran gedacht, das ist wirklich wunderbar. Ich bin zwar nie sicher, aber ich bin stabil, das ist wichtig.
    Heute habe ich in der Zeitung gelesen, daß Suchtberater Alarm schlagen, weil viele Menschen in dieser Pandemie-Zeit mehr und mehr zur Flasche greifen. Das mir als trockenem Alkoholiker dieser Gedanke noch nicht gekommen ist, hat mich ein wenig gewundert und ich dachte mir "Schau ich mal ins Forum, ob sich das hier niederschlägt." Das mache ich nun!


    Danke fürs Lesen,
    Peter

  • Wow,
    Petter was für einen beeindruckenden Weg du gegangen bist, wie sehr du uns hier an deinem Weg hast ein Stück teilnehmen lassen, ich ziehe meinen Hut vor dir!
    Gestern habe ich dein Fädchen hier entdeckt und es portionsweise wirken lassen.Vor einigen Jahren hast du hier die Frage gestellt wofür man/ ich/wir dankbar sind.
    Ich bin dir heute dankbar für alles was du hier schriftlich niedergelegt hast, hilft es mir doch so sehr mich weiter zu verstehen ,einordnen zu können, loslassen zu können und wieder Frieden zu finden in mir, mit mir und meiner Geschichte.
    Verstrickt in eine gnadenlose Co-abhängigkeit habe ich so vieles an dem was du an Begebenheiten, Gefühlen, Gedanken und Zuständen deiner Suchtkarriere beschrieben hast mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört und auch das Unausgesprochene für das es keine Worte gibt, wahrgenommen.
    Dafür danke ich dir von Herzen und wünsche dir alles Glück der Welt auf deinem weiteren Weg !
    S.

  • Hallo S., 37Jahre ;)


    Ich danke dir herzlich für dieses wunderbare Lob! Auch nach so vielen Jahren nehme ich das noch sehr gerne an. Das Forum ermöglicht ja nicht nur Austausch und Hoffnung, es ermöglicht Rückblicke. Immer wenn ich mich mal "traue", wieder zurückzublicken und die alten Beiträge zu lesen, bekomme ich Tränen in die Augen, so sehr fasst mich an, was viele hier erlebt haben, mich selber nicht ausgeschlossen. Ich kenne leider viel zu viele, die den Weg der Nüchternheit nicht gehen konnten und die heute nicht mehr leben. Egal was geschieht, die Dankbarkeit für das Wunder meiner Trockenheit ist nicht weniger stark, als am ersten Tag. Und das soll auch so bleiben :-)

    Ich wünsche dir auch alles Glück der Welt, S.! Bis zum nächsten Mal:

    Peter

  • Guten Morgen Peter,


    wenn ich nicht mit dem Handy tippen müsste, weil mein Laptop wieder mal nicht funktioniert, würde ich gern detaillierter auf Deine letzten Beiträge (die ja zeitlich doch sehr weit auseinander liegen) eingehen. Ich möchte Dir sagen, dass ich nur die letzten Seiten gelesen habe und Deine Beiträge sehr gern lese und sie mich berühren. Deshalb ist Dein Thread der nächste, den ich komplett lesen werde. Ich weiß gar nicht, warum ich das noch nicht getan habe. Vielleicht, weil ich bisher so selten von Dir gelesen habe und Deine aktivere Zeit wohl vor dem Beginn meiner Zeit hier war.


    Was ich bisher jedenfalls gelesen habe, ist sehr sortiert und beeindruckend. Ich fände es toll, öfter von Dir zu lesen!


    Einen schönen Sonntag wünscht Cadda 😊



  • Liebe Freunde,


    seit langer Zeit habe ich heute früh beim Schreiben wieder Tränen in den Augen. Vorhin habe ich nämlich das Datum gesehen und dachte "Himmel - war das heute, daß ich trocken wurde?" und habe mich hier in meinen Posts umgesehen. Ich finde keinen Hinweis mehr auf MEIN Datum, aber ich weiss, es war entweder Mai oder Juni und es war um den 23. des Monats. Im Grunde ist der genaue Tag ja gar nicht so wichtig.


    Ich habe eben meine anfänglichen Beiträge in meinem "Drei-Jahres-Faden" gelesen und mir kam es vor, als sei das alles erst gerade geschehen, als habe ich erst vor ganz kurzem mein letztes Bier stehen lassen, so präsent ist alles noch. Zu tief waren die Erschütterungen und Gefühle, daß mir die Tränen in die Augen schossen und das tun sie auch jetzt noch, während ich dies schreibe. Etwas ungeheuerliches ist geschehen, nämlich die Wandlung eines zutiefst verunsicherten und traurigen Menschen zu einem positiven und anpackenden Menschen, mit Empathie, mit Leidenschaft und dem festen Willen, daß man Dinge ändern kann. Mit Mut, mit Hilfe, mit Freunden - aber das alles kommt nicht klopfend an die Tür und bietet sich von selber an. Das alles kommt in dem Augenblick, wenn man die Kraft hat, aufzustehen und zu sagen "Ich kann nicht mehr - bitte helft mir." So einige Dinge müssen zusammenkommen, damit man das schafft. Ich hatte das riesengroße Glück, hier in diesem Forum an die Tür zu klopfen. Bis heute bin ich allen so unendlich dankbar und für diese Freunde möchte ich stellvertretend einfach nur Karsten nennen, alle anderen wissen selber, wen ich anspreche, aber es sind ohnehin alle! Ohne Euch hätte ich es vermutlich nicht so kraftvoll und erfolgreich hinbekommen! Danke, danke danke!


    Völlig egal, ob nun der genaue Tag stimmt, es tut nicht viel zur Sache. Ich feiere einfach das 15. Jahr meines trockenen und nüchternen Lebens. Was für ein undenkbares Jubiläum :-)

    Danke fürs Lesen und allen eine gute nüchterne Zeit.


    Peter

  • Heeeeyyyy... Petter.... das is' ja voll der Brüller... freut mich RIESIG für Dich !!


    Fünfzehn Jahre... 5zehn....fünf10.... f.ü.n.f.z.e.h.n'chen..... krassjamin, Alter..


    Das ist ne richtig lange Zeit.... ich hab grad mal einen Zehntel davon zusammen.. also am 14. Juni dann... :-)


    Feier' Dich...

  • Hallo Peter,


    das ist ja toll, herzlichen Glückwunsch zu 15 Jahren ohne Alkohol.

    Anfang der Woche durfte ich jemand zu 43 trockenen Jahren beglückwünschen.

    Solche Glückwünsche sind etwas ganz besonderes.


    lg Morgenrot

    Wer nicht hofft, wird nie dem Unverhofften begegnen. ( Julio Cortazar )

  • Hallo Peter,


    herzlichen Glückwunsch! Du schreibst das so, dass man sich (ich mich!) sehr mitfreuen kann.


    Und dankeschön: u.a. deine Geschichte hier im Forum hat wiederum mir geholfen vor einigen Jahren, als ich hier meinen trockenen Weg suchte und fand.


    Alles Gute dir auch weiterhin.


    Herzliche Grüße,

    Thalia

  • Hallo Peter,


    sehr rührend, wie Du in Deinen Erinnerungen schwelgst.


    Mir geht es oft ähnlich. Ich erinnere mich daran, was für ein verzweifeltes Wrack ich war und wie gut ich nun -dank der Trockenheit- wieder mein Leben im Griff habe. Ich bin immer wieder dankbar!


    15 Jahre! Was für eine lange Zeit! Ich gratuliere Dir hierzu ganz herzlich!

  • Liebe Freunde,


    vielen, vielen Dank! Ich freue mich über diesen Zuspruch wie am ersten trockenen Tag :)


    Neulich sagte mir eine Freundin, die sagenhafte 51 Jahre trocken ist: "Irgendwann zählt man nicht mehr wirklich. Am Wichtigsten ist für mich immer noch mein erster Tag!". Das blieb mir im Kopf hängen. Rückblickend betrachtend denke ich: am schlimmsten (oder am anstrengendsten) war die Zeit unmittelbar vor dem Entschluß, nicht mehr zu trinken. Vieles kam da zusammen: mein "Tiefpunkt", die Ausweglosigkeit, die Niedergeschlagenheit, der körperliche Zustand. Ich kann das eigentlich gar nicht anders beschreiben: Im Zustand größter Erschöpfung rafft man sich auf zu einem neuen Leben. Das ist wirklich ein ungeheurer Wendepunkt.


    Hier im Forum erlebe ich immer aufs Neue, wie sich Menschen aufraffen, Ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Daran nehme ich gern Anteil.


    Alles Gute und danke fürs Lesen!


    Peter

  • Hallo Peter,

    magst du dich nicht endlich mal zusätzlich für den geschützten Bereich bewerben?

    Mein go hättest du.

    Du bist schon so lange hier. Ich würde mich freuen.

    Du kannst ja weiterhin im blauen und dann zusätzlich im grünen Bereich aktiv sein.

    Eine Überlegung wert?

    Wenn ja, einfach oben auf 'Bewerbung' klicken.

    LG, Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

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