Guten Morgen,
meine Meinung ist, dass die Co-Abhängigkeit sehr viel mit dem eigenen Wesen zu tun hat. Sie kommt ja auch nicht immer erst dann zum Vorschein, wenn ein Partner oder Angehöriger mit einer Suchterkrankung im Spiel ist. Nur nennt es sich dann anders, nämlich: Emotionale Abhängigkeit.
Ich z. B. war emotional abhängig in meiner Ehe und mein Ex-Mann hat nicht getrunken. Er war sehr jähzornig und um schlechte Stimmung zu vermeiden habe ich mich exakt so verhalten, wie ich es später in der Co-Abhängigkeit mit meinem saufenden Ex-Partner getan habe. Es war ein Eiertanz ohne Ende. Immer versucht, alles Recht zu machen, bloß keine schlechte Stimmung. Nach außen hin immer versucht, einzulenken, damit kein Streit entsteht. Sein Verhalten vor Anderen entschuldigt (er ist ja gerade so gestresst usw.).
Ich war nie ein stilles Mäuslein und mir ist auch oft der Kragen geplatzt, so dass wir uns gestritten haben bis zum Umfallen. Aber was ich dann in den Streits alles habe durchgehen lassen, ohne mich zu trennen, das ist im Nachhinein betrachtet unglaublich...
Ich habe mich irgendwann getrennt, weil es mir zu viel wurde, aber dafür musste schon so einiges passieren, da hätten Mensche mit seinem "gesunden Selbstwertgefühl" schon viel früher Grenzen gezogen.
Nach der Trennung wurde es mit meiner Sucht so richtig schlimm und ich kam dann ja auch noch mit jemanden zusammen der selbst trank. Und so wurde das Muster immer schlimmer, welches ich eh schon in mir trug. Mit einem Alkoholiker kann so eine emotionale Abhängigkeit ja richtig ausgelebt werden. Dadurch, dass mein Partner Alkoholiker war, bekam mein eigenes Verhalten ja einen offiziellen Ausdruck: Co-Abhängigkeit.
Das Wesen, das Verhalten... das hatte ich aber nicht erst seit dem ich mit diesem Mann, der getrunken hatte, zusammenkam. Das war schon vorher der Fall.
Deshalb ist es für mich ganz klar, dass diese Co-Abhängigkeit im Grunde genommen erst durch einen trinkenden Angehörigen diesen Namen bekommt. Die "Krankheit" ist jedoch schon vorher in dem Co-Abhängigen und kann durchaus ausgelebt werden, ohne dass der Partner oder ein Familienmitglied trinkt.
Ich bin ja selbst trockene Alkoholikerin. Mit der Trockenheit und meiner Trennung von meinem saufenden Ex bekam ich mein Selbstwertgefühl allmählich zurück. Bei mir persönlichz hat es also ganz viel mit meiner eigenen Sucht zu tun gehabt, dass ich in meiner emotionalen Abhängigkeit immer schlimmer wurde.
Ich habe viel an mir gearbeitet, dass ich behaupte, dass es mir nicht mehr wieder passieren würde, dass ich mich so abhängig von jemandem mache. Mit einem Menschen, der viel Alkohol trinkt, würde ich eh nie wieder zusammen kommen. Aber auch jemand, der mich nicht respektvoll behandelt, hätte null Chance mehr. Ich würde mich nie wieder verbiegen.
Warum nicht? Weil ich an mir gearbeitet habe. Weil ich immer noch an mir arbeite. Weil ich aufpasse. Ich sehe es so, dass auch die Bearbeitung einer Co-Abhängigkeit/emotionale Abhängigkeit eine Lebensaufgabe ist. Immer wieder schauen, nicht in alte Muster zu fallen. Jedoch ist es hier - denke ich - ebenso wie bei der Alkoholsucht: Je mehr Zeit ich ohne Alkohol verbringe, umso normaler wird es für mich. Je mehr Zeit ich verbringe, ohne in einer Co-Abhängigkeit zu sein, umso mehr stärkt es mein Selbstwertgefühl.
Zum Thema Co-Abhängigkeit und emotionaler Abhängigkeit möchte ich noch sagen, dass - je länger ich in der Lage war, Grenzen deutlich zu setzen und umso stärker mein Selbstwertgefühl ist, ich das ja auch ausstrahle und gar keine Menschen mehr anziehe, die mich schlecht behandeln.
Gerade vorgestern sagte mein ehemaliger Schwiegervater über seinen Sohn, also meinen Ex-Mann zu mir:
Es gibt nur einen einzigen Menschen, vor dem XY Respekt hat und deren Meinung er sich anhört und das bist Du.
Und ja, da hat er sogar Recht. Mein Ex-Mann erhebt schon seit Jahren nicht mehr laut das Wort gegen mich. Natürlich hat er auch mal eine andere Meinung, die er mir auch sagt. Aber er geht immer respektvoll mit mir um und schätzt mich sehr. Ich kann ihm Dinge sagen, die früher zu einem lauten und riesigen Streit geführt hätten. Heute lässt er mich aussprechen und legt sehr viel Wert auf meine Meinung.
Mein Ex-Mann hat sich jedoch nicht sehr viel verändert. Es liegt definitiv an meiner Veränderung.
Ich will damit sagen, dass ich es mit meinem eigenen Verhalten beeinflussen kann, wie andere Menschen mit mir umgehen. Gehen sie nicht respektvoll mit mir um, passen sie nicht in mein Leben und sind raus.
Genauso verhält es sich aber auch als trockene Alkoholikerin. Ich kann selbst beeinflussen mit welchen Menschen ich mich umgebe. Ob sie mir gut tun oder nicht. Wenn sie nicht in mein Leben als trockene Alkoholikerin passen, sind sie ebenfalls raus.
Sich aber dahingehend zu beobachten und genau zu schauen, was passt und was nicht, das bleibt eine Lebensaufgabe. Grenzen setzen. In beiden Krankheiten.
Anderen Menschen Grenzen setzen und sich selbst Grenzen setzen.
Immer am Ball bleiben ist für in beiden Bereichen von großer Wichtigkeit.
LG Cadda