Liebe Persona,
ich kann es zwar nachvollziehen, dass Du Dir Vorwürfe machst, wegen der fehlenden guten Grundlage, wie Du es eben nanntest. Ich schätze auch, dass Dir dieses Gefühl hier keiner so ganz nehmen können wird. Vielleicht kannst Du aber versuchen, Dir noch etwas mehr vor Augen zu führen, dass Du ihm jedoch die "Grundlage" mitgegeben hast, dass es möglich ist, aus einer Sache wieder herauszukommen, auch wenn er sie nicht genutzt hat.
Weißt Du, es werden viele Menschen alkoholabhängig. Es werden sogar manche Menschen alkoholabhängig, die zu Hause viel zu sehr behütet werden. Wo Eltern ihre Kinder in Watte packen, es möglichst versuchen zu vermeiden, dass sie mit dem Thema Alkohol in Berührung kommen und gerade diese Kinder werden dann abhängig, weil sie dann irgendwann ausbrechen.
Es gibt Menschen wie mich. Ich bin Mitte 40 und trockene Alkoholikerin. Ich hatte ein ganz tolles Elternhaus, in dem Alkohol im Alltag nichts zu suchen hatte. Nur gelegentlich auf Feiern wurde mal etwas getrunken. Mir wurde nicht verboten, als Jugendliche Alkohol zu trinken, aber ich wurde auf die Gefahren hingewiesen und es wurde mir richtig vorgelebt von ihnen. Meine Eltern haben mir also eine sehr gute Grundlage mitgegeben. Dennoch bin ich alkoholsüchtig geworden.
Ich weiß natürlich trotzdem was Du meinst, das Risiko mag größer sein, dass Kinder/Jugendliche selbst süchtig werden, wenn die Eltern es waren oder sind. Wie gesagt bist Du aber nun eine von denen, die noch vormachen konnten, wie man wieder da raus kommt. Damit hast Du es quasi ein wenig "ausgeglichen". Wenn Dein Sohn stolz auf Dich war, dann hat er sich bestimmt auch mal Gedanken darüber gemacht, auch aufzuhören. Aber der Schritt lag bei ihm, das lag nicht in Deiner Macht.
Weißt Du, ich habe jetzt selbst zwei jugendliche Söhne. Ich bin jetzt seit einigen Jahren trocken und merke daher sehr wohl, wenn sie eine Fahne haben nach einer Party. Falls sie mal alkoholsüchtig werden sollten, würde ich sicherlich auch ein schlechtes Gefühl haben, weil sie - als sie klein waren - viel mitbekommen haben durch mich, als ich trank. Aber sie haben - wie Dein Sohn auch - eben auch mitbekommen, dass man da wieder raus kommen kann aus einer Sucht. Wie gesagt rieche ich nun auch die Fahne nach einer Party. Aber was ändert das? Irgendwann haben sie ein Alter, wo man alles mit auf den Weg gegeben hat, was möglich war und es auch immer noch versucht, aber es liegt dann nicht mehr allein in der Macht der Eltern. Da spielen Freunde und das ganze Umfeld auch eine große Rolle.
Was ich damit sagen will: Ich rieche und sehe genau, was meine Söhne tun. Ich bin heilfroh, dass es nicht Überhand nimmt und ich vertraue ihnen. Sollte sich das aber irgendwann einmal ändern, dann bin ich machtlos.
Ich möchte gar nicht versuchen, Dir ein anderes Gefühl einzureden, denn ich verstehe Deine Gedanken und Gefühle. Vielleicht solltest Du gar nicht versuchen, diese Gefühle abzustellen und irgendetwas zu finden, was diese Gefühle verschwinden lässt, sondern versuchen, diese zu akzeptieren. Sie gehören zu Dir.
Ich wünsche Dir, dass Dich das nicht zu sehr lähmt. Das Leben lässt sich nie bestimmen. Und selbst das beste Elternhaus ist manchmal nicht gut genug oder erreicht sogar das Gegenteil von dem, was gewünscht ist.
Noch was: Schön, dass Du hier bist!! Du gehörst hier her, der Austausch wird Dir hoffentlich gut tun 
LG Cadda