Liebe Kat,
schön, wieder von dir zu lesen.
Es stimmt, ich habe es missverständlich formuliert. Ich meinte damit, dass ich endlich fühle, dass ich nicht einsam bin. Vom Verstand her wusste ich es eh schon lange: ich bin berufstätig, habe eine sehr gute beste Freundin, die mir auch immer gesagt hat, dass ich nicht allein bin. Ich habe es aber immer wieder trotzdem so gefühlt. Das ist jetzt nicht mehr so. Ich bin auf einer tiefen Ebene glücklich, verbunden und unverletztbar und weiß, dass ich mich immer auf mich verlassen kann. Und wenn ich Hilfe, Fürsorge oder Zuspruch bräuchte, ich sie mir holen könnte.
Dass was du über deine Mutter schreibst, geht mir genauso. Meine Mutter war in meiner Kindheit im Alltag kaum fürsorglich (meinen Vater hat auch nichts interessiert), war man aber krank, änderte sich das auf eine übertriebene Art schlagartig. Fast noch stärker, als ich schon längst erwachsen war. Das konnte ich nicht ertragen und wollte gerade von ihr nichts dergleichen. Es fiel mir sehr lange sogar schwer, meinte Mutter auch nur zu umarmen, innerlich pure Abwehr von mir, die ich mit einem falschen Lächeln verbarg, weil sie mir leid tat und ich mich dafür schämte.
Sie dürfte auch nicht meine Hand nehmen (ich könnte mir vorstellen, heutzutage würde sie das vielleicht sogar gerne tun) oder dergleichen. Ich empfand regelrecht eine Art Verachtung, wenn ich sie sah. Das ist nicht schön. ich frage mich gerade, wann das aufgehört hat....Ich glaube, es war ein Prozess. Ich erwarte nichts mehr von meiner Mutter. ich habe meine Kindheit betrauert. Meine Mutter hat ihr Bestes gegeben, mehr ging für sie nicht. Ich habe nur sehr losen Kontakt zu meinen Eltern, ein paar Jahre gar nicht. Ich denke, das hat mir persönlich geholfen, genug Abstand zu bekommen und vollkommen neutral auf meine Mutter zu blicken.
Was mich angeht, vermute ich, dass die "Fürsorge", die meine Mutter mir als Kind geben wollte, wenn ich krank war, nicht wirklich mir galt, sondern als Ablenkung ihrer eigenen Probleme (mit meinem Vater) dienen sollte und sie dann selbst Aufmerksamkeit von den Ärzten bekam, zu denen sie mich brachte und dann als "gute Mutter" da stand. Und ich als Kind gespürt habe, dass es eigentlich dabei gar nicht um mich ging.
Danke, dass du davon erzählt hast, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Es hat mir geholfen, zu lesen, dass ich mit diesem Gefühl nicht die Einzige war.
Ich finde es vollkommen normal, dass du dir als Kind Liebe und Fürsorge herbei geträumt hast. Eine andere Möglichkeit hatten wir als Kind ja nicht.
Liebe Grüße, Helene