Ist das nicht unterlassene Hilfeleistung? Wer übernimmt die Verantwortung, wenn was passiert….?
Hallo Berni,
ich bin EKA und obwohl ich seit dem Sommer die Vorsorgevollmacht für meine alkoholkranke Mutter (bald 80) übernommen habe, bin ich NICHT in der Verantwortung für ihr Wohlergehen/Überleben.
Als ich mir Sorgen über diese Verantwortungsfragen gemacht habe, um zu entscheiden, ob ich die Vollmacht überhaupt übernehmen kann, wurde mir von unterschiedlicher Seite gesagt, dass meine Mutter die Verantwortung selbst trägt. Sie darf ja auch selbst entscheiden allein zu Hause wohnen zu bleiben, obwohl ein Seniorenheim bei ihren körperlichen und kognitiven Einschränkungen viel vernünftiger wäre.
Der gerontopsychiatrische Dienst hat mir klar und hart gesagt, dass jeder in Deutschland das Recht auf Verwahrlosung hat und sich ins Grab trinken darf!
Dass ich keine Verantwortung für den gesundheitlichen Zustand meiner Mutter und ihr unmittelbares Wohlergehen habe, wurde mir auch von der Hausärztin meiner Mutter gesagt. Sie hat sogar die klare Ansage gemacht, dass ich mich NICHT in die Gesundheitsfragen meiner Mutter einmischen solle. Ob meine Mutter ihre Tabletten nimmt und die Arzttermine wahrnimmt oder nicht, sei allein ihre Sache. Zudem hat die Ärztin dann die Möglichkeit einzugreifen, wenn sie den Eindruck gewinnt, dass meine Mutter diese Verantwortung nicht mehr selbst übernehmen kann, weil sie zum Beispiel wiederholt Arzttermine vergisst. Würde ich hier eingreifen, würde ich diesen Zeitpunkt nur hinauszögern. Es wäre also nicht im Sinne meiner Mutter.
Wiederholt hat das aber auch meine eigene Ärztin: unterlassene Hilfeleistung wäre es nur, wenn man unmittelbar vor Ort ist und einen Menschen liegen lässt/keine Hilfe zukommen lässt (Krankenwagen etc.). Zudem hat meine Ärztin mir eindringlich mit auf den Weg gegeben, dass man von niemandem verlangen kann, dass er/sie sich selbst aufgibt bei der Versorgung eines anderen. Die Hilfeverpflichtung endet da, wo man sich selbst in Gefahr bringen würde. Das gilt auch bei psychischer Belastung, die bei Dir ja sicher längst gegeben ist.
Weil ich die Vollmacht aus der Ferne wahrnehme, kann ich gar nicht genau absehen, wie es meiner Mutter geht. Die eigentliche Pflege habe ich an einen Pflegedienst delegiert, der mich wenn nötig informiert. Das Essen wird geliefert, es gibt einen Hauswirtschaftsdienst. Meine Mutter hat einen Hausnotrufknopf, den sie aber erst trägt, seit sie wieder einmal schlimm gestürzt ist und trotz Knopf keine Hilfe holen konnte. Seitdem trägt sie das Ding. Es ist genau so, wie die Hausärztin es mir vorausgesagt hat: meine Mutter muss es auf die harte Tour lernen, falls sie es überhaupt lernt.
Auch das Betreuungsgericht, das froh war, dass ich die Vollmacht übernehme, weiss über dieses Vorgehen Bescheid (dass ich nicht vor Ort bin, nicht jeden Monat hinfahren kann und die eigentliche Pflege/Versorgung delegiert habe).
Du siehst also: keiner verlangt, dass man das eigene Leben aufgibt, selbst dann nicht, wenn man die Vorsorgevollmacht übernommen hat. Es ist auch so noch eine große Belastung und sehr viel Organisatorisches zu tun. Wenn es zu viel für mich wird, übernimmt mein Mann. Ich bitte ihn zum Beispiel immer dann darum, den Anruf zu übernehmen, wenn ich merke, dass das Gespräch mich zu sehr anfassen würde. Dann sorge ich so für meinen eigenen Seelenfrieden. Das klappt ganz gut. Mein Mann hat genug Distanz und grenzt sich auf gute Weise ab, wenn sie übergriffig wird.
Ich kann Deine Sorgen, die Verzweiflung und Trauer sehr gut nachvollziehen, es ist ja Deine Frau.
Dennoch: es ist wichtig, dass DU ABSTAND gewinnst und Dich um DICH und DEINE GESUNDHEIT KÜMMERST! Das ist in erster Linie für Dich selbst wichtig, aber nur so merkt auch Deine Frau, dass sie für sich selbst in der Verantwortung steht.
Es fühlt sich oft ganz falsch an und kostet viel Kraft, nichts an der Situation ändern zu können und sie ihrem Schicksal zu überlassen. Aber es geht nicht anders, zumal keine Krankeitseinsicht da ist. Zudem hilft es meiner Mutter nicht, wenn ich mich vor lauter Sorgen selbst quäle und in eine Abwärtsspirale gerate. In Notsituationen hat mir das Forum sehr dabei geholfen, den Abstand zu wahren.
Viel Kraft für Dich und alles Gute!
Liebe Grüße
Siri