Beiträge von Siri

    Für mich sind es Annahmen, Hypothesen oder Begleitumstände, die eine Sucht begünstigen können, aber keine Gründe, die dazu führen.

    Danke Dir sehr Hartmut für Deine ausführliche Antwort. Der obige Satz ist für mich der Schlüssel zum besseren Verständnis.

    Also eben kein Determinismus. Denn ein solches Konzept, das eindeutig Gründe bestimmt, würde ja einem deterministischem Menschenbild entsprechen, oder? Ich denke auch, dass das Leben eines Menschen nicht von den Umständen determiniert ist, auch wenn die Möglichkeiten nicht unbegrenzt sind. Zumindest fände ich das furchtbar, es würde jegliche Entwicklungsmöglichkeit nehmen.

    Ich sehe es beim Umgang mit meinen eigenen problematischen Verhaltensweisen auch so, dass es Umstände gibt, die zu ungünstigen Verhaltensweisen führen, dass dies aber für mich kein Grund ist, dies Verhalten weiterzuführen, sobald ich es einmal erkannt habe (was ein Knackpunkt ist, da es eben oft ein blinder Fleck ist). Ich muss dann lernen mit den Umständen besser und anders klarzukommen, auch wenn das schwer sein kann, weil Gewohnheiten so hartnäckig sind. Wenn körperliche Abhängigkeit dazu kommt, ist es wohl noch schwerer.

    Mir hilft Therapie sehr, gerade auch um zu verinnerlichen, dass ich nicht schuld bin an meinen dysfunktionalen Verhaltensweisen, um den Mut nicht zu verlieren und um nicht von einem ins andere Extrem zu geraten (wie bei der Schmerzmittelsache). Die Suche nach Schuld und das Verharren in der Vergangenheit scheinen ja auch bei der Bewältigung der Sucht nicht zielführend zu sein.

    Danke nochmal!
    LG Siri

    Umstände führen nie zum Alkoholismus. Wer das von sich behauptet, hätte sich bewusst in die Abhängigkeit gesoffen.

    Hallo Hartmut,

    diese Aussage würde ich gerne besser verstehen. Bernie, ich hoffe, Du nimmst es mir nicht übel, dass ich hierzu etwas aushole.

    Was ich nachvollziehen kann und wo ich auch sofort zustimmen würde, ist, dass nasse Alkoholiker die Schuld für ihre Abhängigkeit meist irgendwo anders sehen, statt bei sich selbst anzufangen und den Verlauf der Sucht zu stoppen. Aber das muss doch nicht anders herum auch gelten: Von aussen könnten z.B. Psychologen oder Sozialarbeiter ja eventuell durchaus Gründe sehen, warum derjenige in die Sucht abgeglitten ist?

    Ich selber habe eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung und keinerlei stoffabhängigen Süchte entwickelt. Ich habe das immer abgelehnt, gerade wegen der Erfahrungen in der Kindheit. Als ich vor vielen Jahren in einen Medikamentenübergebrauch geraten bin (Kopfschmerzmittel wegen extremer Migräne), konnte ich die Einnahme sofort stoppen und habe das für Jahre trotz gruseliger und langer Schmerzepisoden durchgehalten, obwohl mir die Ärzte versichert haben, dass es keine Sucht sei, die von den Triptanen in Gang gesetzt wurde, sondern einfach eine extreme Reduktion der normalen Schmerzschwelle. Mir war es wichtig, mich mit dem Schmerz auseinanderzusetzen und ihn nicht zu betäuben, so habe ich gelernt besser zu unterscheiden, wann ich sofort ein Medikament einnehme muss und wann ich es auch ohne aushalten kann, ohne eine mehrtägige extreme Episode zu riskieren. Dennoch denke ich heute, ich hätte diese schmerzmittelfreie Phase nicht Jahre durchziehen sollen, weil es einfach schlimm war. Aber ich habe der Aussage der Ärzte damals nicht wirklich vertraut und hatte riesen Angst, abhängig zu sein.

    Ich merke, dass ich selbst nicht frei von Zwängen bin. Evtl. gehört der extrem lange Verzicht auf Schmerzmittel auch dazu, also zur Kategorie zwanghaftes Verhalten. Heute geht es für mich mehr um mangelnde Nüchternheit im sozialen Miteinander, von der Ihr hier ja auch bereits etwas abbekommen habt. Seit ich hier mitlese denke ich, dass das ja auch irgendwie eine Art Sucht ist. Wenn auch nicht im herkömmlichen Sinn, so ist das ja zumindest kein für mich hilfreiches Verhalten. Und in diese Kategorie fällt doch auch die Sucht, oder? Um mein Verhalten zu ändern, muss ich den Zusammenhang erkennen, also quasi die Gründe.

    Wie genau meinst Du Deine Aussage also Hartmut?

    LG Siri

    Hallo Unfug,

    ich bin nicht sicher, ob ich Deine Zeilen richtig verstehe: Aber dass Du bei der Suchtberatung eine Lösung für Deine Mutter findest, ist, denke ich, eine Illusion. Ich dachte dort eher an Hilfe für Dich, dass Du mit der dortigen Unterstützung für Dich eine Lösung findest, einen Weg, mit dem Du leben kannst, möglichst ohne Schuldgefühle.

    Denn wenn Deine Mutter die Sucht nicht anerkennt und diese nicht von sich aus beenden will, wirst Du ihr nicht helfen können. Das ist sehr traurig und für die Angehörigen sehr schwer.

    LG Siri

    Hallo Unfug,

    ich kann Deinen Zwiespalt und die Sorgen sehr gut nachvollziehen, habe aber leider auch keinen guten Rat für Dich.

    Ich selber bin in einer ähnlichen Situation: Zwar kaufe ich den Alkohol für meine bald 80ig jährige Mutter nicht. Den bestellt sie selber beim Weinhändler. Aber ich zahle seit einiger Zeit die Rechnungen dafür. Sie kriegt es nicht mehr selber hin, den Schein für die Überweisung auszufüllen. Und weil ich alle anderen Rechnungen bezahle und ihre Pflege koordiniere, habe ich das nun auch übernommen. Ich habe eine Vorsorgevollmacht für sie und habe ganz zu Beginn der Übernahme der Vorsorge mit ihrer Hausärztin über den Alkoholabusus meiner Mutter gesprochen. Die Hausärztin hatte einen Alkoholabusus vermutet, doch war dieser zuvor nie Thema bei den Arztbesuchen.

    Die Ärztin hat mir sehr deutlich gemacht, dass ich auf die Alkoholsucht meiner Mutter keinen Einfluss habe.

    Es ist natürlich nochmals schwieriger, wenn man selbst ganz konkret das Suchtmittel für die Mutter einkaufen soll. Ich weiss selbst tatsächlich auch nicht, wie ich hier entscheiden würde. Das Risiko, dass die Mutter in den kalten Entzug kommt, wäre auch für mich schwer auszuhalten. Mit dem behandelnden Arzt das Gespräch zu suchen, ist sicher gut. Auch eine Suchtberatung für Angehörige wäre vielleicht hilfreich. Irgendwie gibt es keinen wirklich guten Weg. Vielleicht wäre eine Möglichkeit, den Einkauf an einen Händler zu delegieren, den Deine Mutter selbst anruft? Dann hätte Deine Mutter wieder allein die Verantwortung.

    Liebe Grüße,

    Siri

    Man sagt doch auch mein Mann, meine Frau, meine Kinder.

    Klar, ich spreche auch von "meinem" Mann. Aber ich würde eben niemals sagen: "ich habe alles" und dann darunter auch die Personen subsumieren, die mir wichtig sind. Dann würde ich intuitiv eher auf die Ebene der Beziehung gehen: Ich habe alles: eine glückliche Ehe, Haus, Einfluss im Job, tragfähige Freundschaften...oder so. Aber klar, man muss die Worte nicht auf die Goldwaage legen.

    Als jemand, der durch eine symbiotische Beziehung geprägt wurde, bin ich da sicher eher empfindlich und tatsächlich bin ich geflohen, als mir ein Mann einmal im Spass gesagt hätte: Du gehörst jetzt mir. Aber wie gesagt, dass ich da hellhörig werde, liegt ja an meiner eigenen Geschichte als Tochter einer Alkoholikerin.

    Hallo Brettman,

    ich habe Dir nur meine subjektive Empfindung mitgeteilt, die keinesfalls den Anspruch erhebt, repräsentativ für dieses Forum zu stehen oder universell gültig zu sein. Es ist mir einfach nur aufgefallen und Dein Satz hat etwas in mir berührt. Es ist doch prima, wenn es ganz anders ist.

    Alles Gute für Dich

    Siri

    Ich wollte Dir eine kurze Rückmeldung zu einem Satz von Dir aus dem Faden von Corinna geben:

    "Ich habe alles: Frau, Geld, (beruflichen) Einfluss, Freunde…, aber keine wirkliche Zufriedenheit."

    Wie kann man andere Menschen als Besitz ansehen und in eine Reihe mit Geld und Macht stellen?

    Die Dir nahe stehenden Menschen erscheinen in der Reihenfolge Deiner Worte als Rahmen für Dein Geld und Deine Machtentfaltung. So ist meine Empfindung und ehrlich gesagt bin ich zusammengezuckt, als ich das gelesen habe.

    Er beginnt übrigens jetzt bald eine 8 wöchige Therapie.Erstmal nur wegen der Depressionen.Alkohol ist da natürlich verboten.Mal schauen ob er das hinbekommt.

    Werde es wahrscheinlich gar nicht mehr so mitbekommen.

    Aber das ist ja auch gut so!

    Hallo Lotta,

    ich denke auch, dass es gut ist, wenn Du es nicht mehr so mitbekommst. Die Sucht eines Angehörigen frisst so viel Lebensenergie. Und das hilft der Person ja nicht einmal, wenn sie die Sucht nicht anerkennt und nichts ändern will.

    Alles Gute für Euch!

    Siri

    Wieso sollst Du ihr einen Termin beim Arzt ausmachen? Überlasse ihr das, sie kann, wenn sie will!

    Auch hier hast Du Recht, zumal sie es ausdrücklich selbst machen wollte, als ich den Arztbesuch beim letzten Telefonat angesprochen hatte.

    Ich werde dann aber so schnell auch nicht mehr nachfragen, ob sie angerufen hat. Erstens würde sie die Nachfragerei wohl sowieso nerven, zweitens würde ich es nicht schaffen, dann nicht doch die Unterstützung beim Terminmachen anzubieten. Ausserdem habe ich sowieso genug damit zu tun im Hintergrund alles zu organisieren, mich um die Bezahlung der Rechnungen zu kümmern etc. Beim letzten Telefonat habe ich den Arbeitsaufwand sogar angesprochen. Darauf bin ich sehr stolz, denn ich habe bei solchen Dninge nicht nur bei meiner Mutter, sondern auch sonst im Leben immer abgewiegelt und die eigenen Anstrengungen, Mühen und Leistungen heruntergespielt.

    Es ist ihre Sache!

    Das ist ein weiterer Satz, der dringend auf meine Kühlschranktür muss. Das wird langsam eine ganze Sammlung, aber sie hilft mir, bei mir zu bleiben und den Kopf hoch zu halten.

    mein erster Gedanke war, dann füllt sie das Glas halt öfter auf.

    Ich musste sehr lachen als ich das gelesen habe! Danke Dir dafür. :) Diese Sicht macht es für mich leichter und sie ist ja auch realistisch.

    Schon verrückt, dass ich in solchen Situationen immer noch so gutgläubig bin wie ein kleines Kind, völlig idiotisch. :S Es ist einfach alles verdreht und anstrengend, wenn man sich selbst nicht vertrauen kann, weil die erste intuitive Reaktion meist die falsche ist, nämlich die, die einen wieder an den Angelhaken der Süchtigen zurückbefördert.

    Gruselig, aber gut, dass ich es jetzt beim Reflektieren merke und hier so drastisch nochmals gesagt bekomme und dann anders handle.

    Habe gerade nochmal mit meinem Mann gesprochen und er sieht keinen Grund, irgendetwas zu machen/anzusprechen. Wenn sie weitere Hilfe will, kann sie es von sich aus sagen.

    Die Unterstützung hier tut so gut! Vielen Dank dafür.


    LG Siri

    Liebe Alle,

    mein Mann ist gestern zu meiner Mutter gefahren, um nach dem Rechten zu sehen und einigen Papierkram abzuholen, den ich erledigen muss. Soweit ist alles in Ordnung. Er meint, dass sie körperlich und geistig wie immer erscheine. Aber sie klagt, dass sie immer schwächer werde und ihr alles immer schwerer falle, z.B. die Zubereitung des Frühstücks.

    Es hat ihr wohl gut getan, dass er nachgefragt hat und genau wissen wollte, welche Bewegungsabläufe so schwer sind. Jedenfalls hat sie dann am späteren Abend zu ihm gesagt, dass sie fernseh- und weinabhängig sei. Sie hat ihm gezeigt, dass sie nun ein kleineres Glas nehme, um den Konsum zu reduzieren.

    Mich berührt das natürlich sehr und sofort springen meine EKA-Seiten an. Während mein Mann dies heute morgen eher beiläufig als Nebensache berichtet hat, war mein erster Gedanke, dass man ihr sofort Unterstützung in Aussicht stellen muss.

    Mit etwas Abstand denke ich aber jetzt, dass das vielleicht kontraproduktiv wäre. Denn ich weiss ja erstens nicht, ob sie das wirklich will und ob es zweitens überhaupt realistisch wäre, also ob so ein stationärer oder ambulanter Entzug aus medizinischer Sicht überhaupt sinnvoll wäre in ihrem Alter und Zustand.

    Da sie bis jetzt noch nicht die Ärztin angerufen hat, was sie eigentlich wollte und wegen der Medikamente auch notwendig wäre, frage ich mich, ob ihr langsam klar wird, dass es so nicht weitergeht und sie deshalb den Konsum reduziert? Sie will ja unter allen Umständen vermeiden, ins Heim zu kommen. Wenn sie ihre Medikamente nicht mehr einnimmt, weil sie es nicht hinkriegt zur Ärztin zu gehen, um im neuen Quartal wieder Rezepte zu bekommen, wäre dies ein Grund für die Ärztin, aktiv zu werden.

    Mit etwas Abstand merke ich jetzt, dass ich von meiner Seite die Sucht gar nicht ansprechen und diese Auseinandersetzung mit ihr nicht führen möchte. Ausserdem bin ich mir auch nicht mehr sicher, ob es gut wäre, wenn mein Mann darauf nochmals eingehen würde, also ob es gut wäre, wenn er die Sucht von sich aus nochmals ansprechen würde. Das war nämlich meine erste Reaktion als er es mir erzählte, dass er sie fragen könnte, ob sie von der Alkoholsucht loskommen wolle. Aber wenn er das jetzt von sich aus nochmal aufgreift, wäre sie die Verantwortung für sich selbst ja wieder ein Stück weit los, oder?

    Wie seht ihr das?

    Ich denke jetzt, ich sollte die gesunde Unaufgeregtheit, die mein Mann an den Tag legt, als Vorbild für mich nehmen. Und ihr erst helfen, wenn sie mich ausdrücklich darum bittet.

    Das einzige, was ich machen kann und werde, ist sie weiterhin zu fragen, ob sie bei der Ärztin einen Termin gemacht hat. Wenn sie verneint und es daran scheitert, dass sie zu spät aufsteht, um die Telefonzeit der Praxis wahrzunehmen, kann ich auf ihre Bitte hin ja beim Terminmachen helfen. Während meine erste Reaktion auf den Bericht meines Mannes war, sofort mit der Hausärztin sprechen zu wollen, denke ich jetzt, dass ich erstmal abwarten sollte, ob die Basics klappen (Arzttermin, Arztbesuch).

    Ihr seht, es fällt mir sehr schwer einen klaren Kopf zu behalten und mich zu sortieren.

    LG Siri

    Hallo Lotta,

    ich denke wie Hope, dass Du Dir vertrauen kannst, die richtigen Worte zu finden. Die Emotionen wird Deine Tochter auch dann spüren, wenn Du versuchst sie von ihr fernzuhalten. Und Deine Tochter wird ja durch Deine Handlungen sehen, dass dieser Strudel der Sucht kein unausweichliches Schicksal ist. Das wichtigste ist jetzt, dass Ihr nicht immer weiter mit in diesen Strudel hineingeratet. Das ist ja auch die einzige Chance, die der Alkoholiker hat, so wird es hier immer wieder geschrieben. Er muss die Verantwortung für sein Leben selbst übernehmen, erst dann kann er sich überhaupt für oder gegen etwas entscheiden. Es hilft ihm nicht, wenn die geliebten Angehörigen mit im Strudel untergehen.

    Alles Gute und viel Kraft für Dich und Dein Kind!

    LG Siri

    Hallo Ende,

    auch ich sende Dir mein herzliches Beileid zum Tod Deiner Oma. Wie gut, dass Du im Krankenhaus in Ruhe Abschied nehmen konntest.

    Dein Bericht macht auch mich betroffen. Solche Verdrehungen, Unterstellungen und Hetze sind furchtbar. Da hilft nur konsequenter Abstand.

    Auch wenn die Situation traurig ist, ist es schön und ermutigend zu lesen, wie Du für Dich sorgst, klare Grenzen ziehst und Dich distanzierst. Ich bin sicher, mit der Zeit wird die Kraft zu Dir zurückkommen.

    Lindes Rat, sich nicht zu mehr erklären, nicht zu rechtfertigen, funktioniert. Das ist zumindest meine Erfahrung. Mir kam es zu Beginn ein wenig ungewohnt vor und dann war ich erstaunt, wie wirksam es ist. Wenn kein Wohlwollen da ist, sind Erklärungen eh' für die Katz. Im Gegenteil sie bieten solchen Leuten nur neue Angriffspunkte. Andere Menschen, die einem wohlgesonnen sind, möchten zudem gar nicht, dass man sich dauernd für alles rechtfertigt. Für mich war es sehr befreiend und stärkend, das zu erleben.

    Komm erst einmal hier an.

    Liebe Grüße

    Siri

    ....

    kannst du nur deine Kinder und dich selber vor seelischem und auch körperlichem Schaden schützen. Über lange Sicht nimmt man Schaden, man merkt es nur nicht gleich.

    Diese Verzögerung bis einem das ganze Ausmass der Folgen der Alkoholsucht eines anderen für einen selber bewusst wird, ist wirklich enorm. Je früher die gesunde Abgrenzung passiert, desto besser für Dich und Deine Kinder.

    Auch ich möchte Dich bestärken auf Deinem Weg. Auch wenn es schwer ist, ist der Weg, den Du eingeschlagen hast, der richtige.

    Alles Gute!

    LG Siri

    Liebe Elly,

    inzwischen bezweifele ich, dass meine Frau noch lesen kann bzw. den Beipackzettel überhaupt noch lesen will. Und im Krankenhaus wussten doch die Ärzte, dass sie Alkoholikerin ist, haben aber trotzdem *edit* verschrieben und verabreicht, inkl. große Packungen Tabletten für zuhause und als Tropfen. Ist das dann nicht fahrlässig? Ich verstehe die Welt nicht mehr.

    Hallo Berni, warum vertraust Du den Ärzten nicht? Sie sind doch Profis und gerade im Krankenhaus können sie sehr gut abschätzen, was ein Körper alles aushalten kann. Das ist erstaunlich viel. Die Medikamente sind für eine gewisse Zeit zu nehmen und die Ärzte nehmen offensichtlich an, dass es hilft und gut gehen wird.

    Ist das nicht unterlassene Hilfeleistung? Wer übernimmt die Verantwortung, wenn was passiert….?

    Hallo Berni,

    ich bin EKA und obwohl ich seit dem Sommer die Vorsorgevollmacht für meine alkoholkranke Mutter (bald 80) übernommen habe, bin ich NICHT in der Verantwortung für ihr Wohlergehen/Überleben.

    Als ich mir Sorgen über diese Verantwortungsfragen gemacht habe, um zu entscheiden, ob ich die Vollmacht überhaupt übernehmen kann, wurde mir von unterschiedlicher Seite gesagt, dass meine Mutter die Verantwortung selbst trägt. Sie darf ja auch selbst entscheiden allein zu Hause wohnen zu bleiben, obwohl ein Seniorenheim bei ihren körperlichen und kognitiven Einschränkungen viel vernünftiger wäre.

    Der gerontopsychiatrische Dienst hat mir klar und hart gesagt, dass jeder in Deutschland das Recht auf Verwahrlosung hat und sich ins Grab trinken darf!

    Dass ich keine Verantwortung für den gesundheitlichen Zustand meiner Mutter und ihr unmittelbares Wohlergehen habe, wurde mir auch von der Hausärztin meiner Mutter gesagt. Sie hat sogar die klare Ansage gemacht, dass ich mich NICHT in die Gesundheitsfragen meiner Mutter einmischen solle. Ob meine Mutter ihre Tabletten nimmt und die Arzttermine wahrnimmt oder nicht, sei allein ihre Sache. Zudem hat die Ärztin dann die Möglichkeit einzugreifen, wenn sie den Eindruck gewinnt, dass meine Mutter diese Verantwortung nicht mehr selbst übernehmen kann, weil sie zum Beispiel wiederholt Arzttermine vergisst. Würde ich hier eingreifen, würde ich diesen Zeitpunkt nur hinauszögern. Es wäre also nicht im Sinne meiner Mutter.

    Wiederholt hat das aber auch meine eigene Ärztin: unterlassene Hilfeleistung wäre es nur, wenn man unmittelbar vor Ort ist und einen Menschen liegen lässt/keine Hilfe zukommen lässt (Krankenwagen etc.). Zudem hat meine Ärztin mir eindringlich mit auf den Weg gegeben, dass man von niemandem verlangen kann, dass er/sie sich selbst aufgibt bei der Versorgung eines anderen. Die Hilfeverpflichtung endet da, wo man sich selbst in Gefahr bringen würde. Das gilt auch bei psychischer Belastung, die bei Dir ja sicher längst gegeben ist.

    Weil ich die Vollmacht aus der Ferne wahrnehme, kann ich gar nicht genau absehen, wie es meiner Mutter geht. Die eigentliche Pflege habe ich an einen Pflegedienst delegiert, der mich wenn nötig informiert. Das Essen wird geliefert, es gibt einen Hauswirtschaftsdienst. Meine Mutter hat einen Hausnotrufknopf, den sie aber erst trägt, seit sie wieder einmal schlimm gestürzt ist und trotz Knopf keine Hilfe holen konnte. Seitdem trägt sie das Ding. Es ist genau so, wie die Hausärztin es mir vorausgesagt hat: meine Mutter muss es auf die harte Tour lernen, falls sie es überhaupt lernt.

    Auch das Betreuungsgericht, das froh war, dass ich die Vollmacht übernehme, weiss über dieses Vorgehen Bescheid (dass ich nicht vor Ort bin, nicht jeden Monat hinfahren kann und die eigentliche Pflege/Versorgung delegiert habe).

    Du siehst also: keiner verlangt, dass man das eigene Leben aufgibt, selbst dann nicht, wenn man die Vorsorgevollmacht übernommen hat. Es ist auch so noch eine große Belastung und sehr viel Organisatorisches zu tun. Wenn es zu viel für mich wird, übernimmt mein Mann. Ich bitte ihn zum Beispiel immer dann darum, den Anruf zu übernehmen, wenn ich merke, dass das Gespräch mich zu sehr anfassen würde. Dann sorge ich so für meinen eigenen Seelenfrieden. Das klappt ganz gut. Mein Mann hat genug Distanz und grenzt sich auf gute Weise ab, wenn sie übergriffig wird.

    Ich kann Deine Sorgen, die Verzweiflung und Trauer sehr gut nachvollziehen, es ist ja Deine Frau.

    Dennoch: es ist wichtig, dass DU ABSTAND gewinnst und Dich um DICH und DEINE GESUNDHEIT KÜMMERST! Das ist in erster Linie für Dich selbst wichtig, aber nur so merkt auch Deine Frau, dass sie für sich selbst in der Verantwortung steht.

    Es fühlt sich oft ganz falsch an und kostet viel Kraft, nichts an der Situation ändern zu können und sie ihrem Schicksal zu überlassen. Aber es geht nicht anders, zumal keine Krankeitseinsicht da ist. Zudem hilft es meiner Mutter nicht, wenn ich mich vor lauter Sorgen selbst quäle und in eine Abwärtsspirale gerate. In Notsituationen hat mir das Forum sehr dabei geholfen, den Abstand zu wahren.

    Viel Kraft für Dich und alles Gute!

    Liebe Grüße

    Siri

    Danke Dir sehr für das Rezept, Elraine. Genau das richtige für die kühleren Tage!

    LG Siri

    Du hast zusätzlich den Vorteil eine Frau zu sein, da finden diese Entscheidungen eher Zuspruch, ich als Mann habe genau so gehandelt, meiner alkoholkranken Ehefrau gegenüber, dafür wurde ich hier beinahe gelyncht.

    Hallo Fred,

    ich kann mich Volka nur anschließen. Zudem fällt mir noch ein Unterschied ins Auge. Mir ist nirgendwo aufgefallen, dass Frau mit 2 Kids verächtlich oder herablassend von ihrem Mann geschrieben hätte.

    LG Siri

    Liebe Frau mit 2 Kids,

    es ist ein Zeichen von großer Stärke, dass Du ihm die Grenzen klar aufzeigst. Du kannst stolz auf Dich sein.

    Ich befürchte, dass er das nicht schafft.

    Ich kann diese Angst gut nachvollziehen. Aber bedenke, was hier so viele aus Erfahrung immer wieder schreiben: Viele Alkoholiker müssen den Tiefpunkt erreichen, um sich klar und eindeutig gegen den Alkohol und für das Leben zu entscheiden. Deine klare Abgrenzung ist auch eine Chance für ihn. Er kann sie nutzen oder auch nicht. Bleib stark und bei Dir und Deinen Kindern. Warte nicht mehr auf ihn. Es ist seine Entscheidung. Er allein ist für sein Leben verantwortlich.

    Viel Kraft für Dich und Deine Kinder auch von mir.

    Liebe Grüße Siri