Meine Mutter hat das Jahrzehnte lang zu praktizieren versucht. Willensschwäche kann man ihr nicht vorwerfen. Aber es hat eben nicht funktioniert. Vielleicht hat es ihr Leben verlängert, aber zu welchem Preis? Ein freies Leben konnte sie nicht führen seit sie abhängig war, und das sind mittlerweile mehr als 40 Jahre. Sie ist jetzt bald 80.
Und noch immer versucht sie erst am Abend loszulegen, trinkt dann aber bis um 3:00-4:00 Uhr. Womöglich um ihren Spiegel zu bekommen? Wenn sie dann gegen 14:00 Uhr aufsteht, geht es ihr sehr schlecht, sie schwankt und zittert und ist nicht ansprechbar. Sie braucht ewig (2-3 h) um ihr Mini-Frühstück zu sich zu nehmen. Am Abend isst sie dann das Essen auf Rädern und dann geht es wieder los mit dem Alkoholkonsum. Der Niedergang ist furchtbar. Es ist unendlich traurig, das zu sehen. Alles dreht sich um das Trinken. Es ging und geht unendlich viel, eigentlich alle Lebenskraft in das "kontrollierte" Trinken, die so viel besser hätte genutzt werden können. "Kontrolliertes" Trinken ist wie ein schwarzes Loch, so kommt mir das vor. Die betroffene Person verschwindet darin.
Meine Mutter konnte sich nie eingestehen, Alkoholikerin zu sein. Das idiotische "kontrollierte" Trinken hat ihr dabei (Achtung Zynismus) "gute" Dienste geleistet. Alle körperlichen und geistigen Symptome (und die sind mittlerweile massiv) schiebt sie auf ihre MS. Die ist in ihrem Fall (nach Aussage der Ärzte) völlig harmlos gegenüber dem Alkoholkonsum. Ich bekomme es nicht hautnah mit, das würde ich nicht aushalten. Aber ich versuche ihre Pflege bestmöglich aus der Ferne zu organisieren. Es ist so schlimm, dass ich bei Besuchen maximal 2 Nächte bei ihr sein kann, sonst überwältigt mich der Schmerz und dann brauche ich zu lange, um selbst wieder auf die Beine zu kommen. Es ist sehr schwer, das zu verarbeiten, auch wenn ich ja mittlerweile erwachsen bin und nicht mehr das hilflose Kind, das unter ihrem Alkoholkonsum gelitten hat.
Ich selbst trinke seit langem keinen Alkohol mehr, weil ich ihn selbst in kleinsten Mengen oft nicht vertragen habe (Migräne). Da habe ich beschlossen, auch bei sozialen Anlässen nichts mehr zu trinken. Ich konnte sonst nie wissen, ob ein Anfall vom Wein stammt oder nicht. Und weil ich leider schwer von der Migräne geplagt bin und sehr viele Anfälle habe, wollte ich mir absolut sicher sein können, nicht auch noch selbst dazu beizutragen.
Seit ich in diesem Forum lese, frage ich mich, wie es mir ohne Migräne ergangen wäre. Ob ich dann auch abhängig geworden wäre? Und ich bin so froh einen Mann zu haben, der nur sehr sehr selten etwas trinkt (Geburtstag, Weihnachten, sowas). Die meisten unserer Freunde trinken auch nur in sehr geringen Massen oder gar nicht. Es hat sich so ergeben, dass das in unserem Freundeskreis so ist. Aber als ich jünger und auf der Suche nach einem Partner war, war Alkoholkonsum (wenn das zelebriert und zum Thema wurde) genauso wie Rauchen ein Ausschlussgrund. Es war keine bewusste Sache, das Verhalten hat mich wohl irgendwie irritiert und ich mochte die Gerüche nicht.
Also: nur lassen bringt Verlass! Und die ganze Kraft ins Leben stecken und nicht in einen Tod auf Raten.
Liebe Grüße und viel Mut und Kraft an alle, die abstinent leben wollen, Siri