. Den körperlichen Entzug habe ich ja schon Monate hinter mir, aber mit dem seelischen Entzug fange ich gerade erst an.
Das ist eine sehr wichtige Selbstanalyse.
Eine Weisheit hier heißt, "nur nicht trinken reicht nicht".
Die letzten 7 Monate hast du wohl maßgeblich nur nicht getrunken. Der körperliche Entzug war spätestens nach 14 Tagen durch.
Die psychische Abhängigkeit ist nach wie vor da.
Sie ist auch der wesentlich schwierigere Teil.
Es geht immer um die Stabilisierung der Abstinenz. Wie mache ich das?
Der erste Wegweiser sind die Grundbausteine und Wissen über Fakten der Alkoholsucht.
Ein Alkoholiker ist suchtkrank.
Will er abstinent für immer leben, kann er keinen Alkohol mehr trinken, keinen, nie wieder, ob ihm das passt oder nicht.
Tut er es doch, kann er sehr schnell an einen noch tieferen Punkt gelangen, als sein Ausstiegspunkt war. Die Suchtspirale kennt nur eine Richtung – abwärts.
Das sind Fakten und sie müssen zu meinen Glaubensätzen werden, damit ich sie nicht immer wieder hinterfrage.
Warum werden sie hinterfragt? Weil sie meinen alten, einprogrammierten Erfahrungen und Glaubensätzen widersprechen.
Es kann nicht sein, was nicht sein darf! oder Es kann nicht sein, was ich nicht kenne! oder noch schlimmer Es kann nicht sein, was ich nicht will.
Zuerst habe ich alle Grundstrukturen, die mit Alkohol zu tun hatten geändert
- Grundbausteine umgesetzt, so gut es mir möglich war
- keine sozialen Events mit Alkohol
und ich habe mir viel Wissen über die Alkoholkrankheit angeeignet um dem aufkommenden Widerwillen (gesteuert durch das Suchtgedächtnis) gegenüber den neuen Glaubenssätzen durch weitere Fakten die Grundlage zu entziehen.
Nach 3-4 Monaten kamen dann vorsichtige Gehversuche in der Öffentlichkeit in Umgebungen mit „normaler“ Alkoholpräsenz. Restaurantbesuche mit meiner Frau etc. und nach 5 Monaten der erste Auslandsurlaub
Bei den ersten Erlebnissen mit einer Alkohol trinkenden Öffentlichkeit habe ich mich unwohl gefühlt. Ich registrierte jedes Glas, jede Flasche und ich wusste wer Wasser trank.
Dann kamen die „Sprüche“ des Suchtgedächtnisses, „…ach wär das jetzt schön,,,,“, usw. und so fort.
Ich konnte sie anfangs nicht abstellen und das kann ich heute noch nicht. Sie sind seltener geworden und ich beantworte sie kurz und knapp. Punkt und erledigt. Willentlich kann ich sie nicht unterdrücken aber ich habe gelernt, damit um zu gehen. So gibt es viele weitere Beispiele.
Es ist schwer zu beschreiben, aber es war und ist ein lang anhaltender Prozess, die Psyche umzuprogrammieren. Gerade am Anfang meide ich Risiken, die ich kenne, kennengelernt habe und deren Wirkung ich nicht einschätzen kann. Z.B. hat mir ein Restaurantbesuch immer wieder gezeigt, wo ich stehe, wie ich reagiere und ich wurde sicherer in der Abschätzung von unbekanntem Umfeld und habe meinen Lebensraum erweitert.
Zeitgleich ging meine tägliche Auseinandersetzung mit meiner Alkoholkrankheit hier in diesem Forum weiter.
So werden aus Erfahrungen und Selbstreflektion neuen Strukturen, Verhaltensmuster und die neuen Glaubenssätze werden immer selbstverständlicher.
Irgendwann konnte ich die neuen Fakten akzeptieren, ohne Wenn und Aber und wenn doch mal etwas aufblitzt, wird es durch geübte Verhaltensmuster in die Schranken gewiesen.
Dieser Prozess kennt kein Ende und er hat ein entscheidendes Merkmal: Er braucht Zeit.
Zeit, die meiner anfänglichen Ungeduld im Wege stand. Ich habe gelernt, mit mir geduldig zu sein und mir die Zeit zu geben.
Eines ist bei diesem Prozess wichtig. Ich will die Risiken kennen und einschätzen und sollte ich mich doch mal überschätzt haben, weiß ich was zu tun ist. Mein persönlicher Notfallkoffer ist jederzeit bei mir und wenn auch der an seine Grenzen kommt, will ich immer so gehandelt haben, dass ich mich nicht einem Zwang unterziehen muss, weil ich die Situation für mich nicht beenden kann.
Da du nun schon 7 Monate abstinent bist, wird sich bei dir einiges anders darstellen. Vlt. kannst du für dich etwas mitnehmen.
Viele Grüsse
Nayouk