Gestern war es genau ein halbes Jahr her, dass ich mich vom Alkohol befreit habe.
Dieser Tag hat mein Leben entscheidend verändert, wie nur wenige Ereignisse zuvor.
Die Ausweglosigkeit hatte ein Ende und der Blick nach vorne war plötzlich möglich.
Zum Wendepunkt hatte ich viel Glück, auch durch Zufälle.
Mit meiner Verzweiflung war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Menschen.
Aber das Wichtigste war meine eigene Entscheidung, diese teuflische Abhängigkeit endlich zu beenden.
Anruf, Beratung, Entscheidung, Koffer packen.
Ein paar Tage später war ich in der Klinik.
Es musste schnell gehen, bevor ich mir es wieder anders überlegt hätte.
Für mich war dieser Weg der richtige, der mich nahezu sofort und dann in Folge über 4 Wochen an einen Punkt brachte, von dem aus ich auf eigenen Füssen stehen konnte, wenn auch noch ziemlich wackelig und unsicher.
Zulange hatte ich zu viele Versuche, die gescheitert sind.
Die Lebensuhr tickt und ich wollte endlich keine Zeit mehr verlieren und mein selbstbestimmtes Leben zurück haben. Ich hatte erkannt, dass es für mich nur mit fremder Hilfe gehen wird.
Lange habe ich diese Hilfe für mich verweigert, aus den unterschiedlichsten, fadenscheinigen Gründen. Alkoholismus ist eine schreckliche Krankheit, welche mit dem Tod endet, wenn sie nicht gestoppt wird.
Es gab für mich nur einen Weg ohne Alternative.
Es geht mir heute körperlich gut. Ich bin gesund und nach vielen Arztterminen kann ich zumindest für heute sagen, dass ich ohne größere Schäden aus der Nummer raus gekommen bin. Das ist unglaublich viel wert, wie es morgen ist, wird sich zeigen.
Die Psyche hat gelitten, genau wie der Körper. Sie braucht Zeit, mehr Zeit, ihre Zeit.
Ich spüre, dass die Zeit auch hier die Wunden heilt, aber nicht einfach so.
Es bedarf schon meiner Anstrengung des Nachdenkens und Reflektierens.
Ich wollte nicht mehr trinken, aber ich musste.
Den körperlichen Entzugserscheinungen hatte ich nichts entgegenzusetzen.
Das habe ich jeden Tag aufs Neue spüren müssen.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung von der seelischen/psychischen Abhängigkeit und ihren Auswirkungen.
Sie wurde durch die physischen Symptome überdeckt und ich habe sie nicht als solche wahrgenommen.
Die Entgiftung ging relativ schnell, aber dann fing die Arbeit an und diese hat viel mit der geschundenen Psyche zu tun.
Die Grundbausteine für ein solides Fundament der Abstinenz wurden schon in der Klinik, während der Entgiftung und in den Wochen danach gelegt.
Es waren nur 4 Wochen Klinikaufenthalt und ab Woche 5 habe ich mich in diesem Forum angemeldet.
Hier habe ich viel gelernt (und ich lerne immer noch) und konnte damit viel über mich selbst erfahren und meinen neuen Weg immer besser finden.
Dass ich heute abstinent bin, empfinde ich mit Demut, dass ich das Forum gefunden habe, mit Dankbarkeit.
Eine zufriedene Abstinenz habe ich noch nicht erreicht, aber ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg dahin bin.
Meine Achtsamkeit lässt dem Zufall und dem Leichtsinn keine Chance.
Damit das immer so bleibt, ist Achtsamkeit mein täglicher Begleiter.
Ich bin gelassener und freier geworden. Ich bin der Gestalter, der Handelnde und nicht mehr der Getrieben, der Mutlose.
Ich habe gelernt mir Zeit zu geben. Jeden Tag geht es ein Stück voran.
Es gibt auch Tage des Durchhängens. Ich kann sie mittlerweile erkennen und zulassen und ich suche den Weg durch diese Tage.
Dieses Forum mit all seinen einzigartigen Usern ist sehr bereichernd für mich.
Ich bin froh, dass ich hier dabei sein kann und dass es dieses Forum gibt.
Hier finde ich Hilfestellungen, Denkanstöße.
Damit aus der Hilfe Selbsthilfe werden kann, muss ich ins Handeln kommen.
Ich sitze im Driver-Seat und niemand sonst.
Mein bisheriger Weg war nicht einfach.
Aber es lohnt sich so ungemein.
Viele Grüße
Nayouk