Ich habe lange überlegt, was das Grundproblem des Angehörigen eines Suchtkranken ist. Meines Erachtens ist es, dass man versucht ist, seinen eigenen Wahrnehmungen nicht zutrauen. Während der alkoholsüchtige Teil Meister des Tarnens und Täuschens ist, ibedeutet Co-Abhängigkeit nicht selten verdrängen und schönreden um jeden Preis. Nachdem dies alles mit dem Tod meines Vaters quasi auf einen Schlag bei mir weggefallen ist und ich das vergangene Jahr gut zum Aufarbeiten nutzen konnte, will ich hier weiterhin in meinem Faden von Zeit zu Zeit meine Erfahrungen und Beobachtungen wiedergeben. Vielleicht sieht der eine oder die andere Parallelen und fühlt sich so ermutigt, seinem Verdacht (der ja doch im Hintergrund immer irgendwie schwelt) aktiv nachzugehen.
Dass über Alkoholismus in der Gesellschaft zu wenig gesprochen wird und man gemeinhin mit einem Alkoholiker Menschen assoziiert, die Vodka trinkend unter Brücken leben, ist eine Binsenweisheit. Über typische Verhaltensweisen, die hier sooft beschrieben werden, ist wenig bekannt. Das macht es für Außenstehende schwer, Muster zu erkennen und diejenigen, die im Suchtsystem gefangen sind, zu unterstützen.
Mein Vater beispielsweise war tagsüber ein oft lustiger und geselliger Mann, mit dem man sich über Gott und die Welt unterhalten konnte. Gab es aufgrund irgendwelcher Anlässe einmal tagsüber Sekt zum Abstoßen (braucht eigentlich kein Mensch), war er es, der regelmäßig mit den Worten „tagsüber eigentlich nicht“ ablehnte. Das ließ ihn als in dieser Hinsicht extrem bewussten und kontrollierten Menschen aussehen. Dass aber die Nervosität spätestens dann anstieg, wenn wir es einmal nicht Punkt 16:30 Uhr nach Hause schaffen - zu diesem Zeitpunkt wurde das erste Bier aufgemacht - bekamen die wenigsten mit und wenn es jemand mitbekam, konnte man es darauf schieben, dass Männer in seinem Alter doch irgendwie alle solche Verhaltensweisen zeigen.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Besuch des Weihnachtsmarktes. Wir waren um 15:00 Uhr zu einem sehr schönen Adventssingen in der Kirche und wollten danach noch über den Markt bummeln. Er stellte ab ca. 16:15 Uhr dann einfach das Reden ein und war total miesepetrig gelaunt, sodass meine Mutter sich genötigt sah, mit ihm nach Hause zu fahren (wo er dann in Ruhe trinken konnte). Meine Schwiegermutter meine neulich einmal zu ihr, in dieser Situation habe sie zum ersten Mal einen ganz anderen Mann kennengelernt.
Dieses Muster wiederholte sich. Kaum eine neue Reise oder Unternehmung war machbar. Wenn klar war, dass die Alkoholversorgung gesichert ist, wurde , wenn auch unter erheblichem Murren, teilgenommen. Bei vorliegenden Zweifeln aber, etwa, wenn die Ankunft auf einen Zeitpunkt fiel, in dem klar war, dass Kneipen und Supermärkte bereits zu haben, wurde schon mal kurzerhand (manchmal am Morgen der geplanten Abfahrt) die Reise gecancelt.