Hallo, liebes Forum!
Es ist Sonntag und hier bei mir auf dem Land ist es ruhig, sehr ruhig, furchtbar ruhig. Ganz im Gegensatz zum Trubel unter der Woche hält hier die Stille Einzug. Und nachdem ich diesen Zustand nur sehr schwer aushalte, war ich heute bereits in einer Messe, wärme mich gerade im Büro bei ein, zwei Kaffee auf und gehe dann mal eine größere Runde laufen. Im Anschluss steht noch Schreibkram an; aufgrund eines eher "hässlichen" Rechtsstreits muss / sollte ich ein paar Dinge für meinen Rechtsanwalt zusammenstellen.
Nicht zuletzt auch eben dieser Rechtsstreit, der jetzt schon über Jahre geht und sich innerhalb der näheren Verwandtschaft abspielt, hat mich - neben anderen Umständen - speziell in den beiden vergangenen Jahren in die Ablenkung und die tröstenden Arme von Bier, Wein und sonstigem getrieben. Mit all seinen unschönen Konsequenzen.
Doch eigentlich geht es um das gar nicht.
Es geht darum, dass wir heute Sonntag haben, Stille herrscht und viel Zeit zum Nachdenken da ist.
Und das tue ich wieder mal:
Viele Jahre lang (zwar mit regelmäßigen und durchaus auch langen Trinkpausen) habe ich mich Stück für Stück in die Abhängigkeit, Krankheit und in das - vor allem - soziale Aus gesoffen. Das mit dem Ergebnis, dass ich jetzt zu Beginn meiner zweiten Lebenshälfte stehe und in vielen Bereichen wieder von vorn anfangen kann. Traurige Tatsache ist, dass ich mir so viele schöne Jahre, in denen ich Bäume hätte ausreißen können, ruiniert habe. Freundschaften sind zerbrochen (ein paar konnte ich noch retten), mit Teilen der Familie herrscht nur noch Streit und von der Partnerschaft gar nicht zu reden. Wie schon mal gesagt: Das hat sich auch erledigt. War die Sauferei das alles wert? Natürlich nicht. Dennoch (und im besten Wissen und zumindest in der Vorahnung dessen, was kommen wird) wurde fleißig weitergetrunken. Das Leid und Schicksal vieler Alkoholiker, nehme ich an. Ich gehe auch nicht davon aus, dass es nur mir so geht. Auch in den AA-Meetings bekommt man Dinge zu hören, die zeigen, was unsere Volksdroge so alles anrichten kann bzw. angerichtet hat.
Habe mir gerade wieder einmal die Einteilung der Trinker nach Alpha-, Beta-, Gamma-, Delta- und Epsilon-Trinkern durchgelesen und versucht, mich hier irgendwie einzuordnen. Ja und es ging nicht. Eigentlich war ich - außer dem klassischen Spiegeltrinker vielleicht - alles irgendwann mal. Bzw. war ich auch mehreres zugleich. Was die Sache aber auch nicht besser macht. Egal, wie der Alkohol konsumiert wird, ich denke im Ergebnis geht es praktisch immer auf den Abgrund zu.
Für mich, und deshalb schreibe ich auch hier und freue mich und bin auch dankbar dafür, dass es diese Möglichkeit und dieses Forum hier gibt, ist die Zeit derzeit nicht ganz einfach. Vieles ist neu auf die Beine zu stellen, was natürlich nicht von heute auf morgen geht. Familiär ist nichts mehr zu retten (wobei die Streitigkeiten wenigstens nicht den Alkohol als Grund haben). Jedenfalls mein Sozialverhalten muss ich weiter ändern - hier hat der Alkohol schon einen massiven Einfluss auf das Miteinander (v.a. in der Arbeit) gehabt. Meine Wohnsituation sollte ich ebenfalls bald ändern (hier erinnert mich alles an die Vergangenheit - und das ist nicht gut, deshalb bin ich z.B. jetzt ja auch im Büro), ebenso wie die Freizeitgestaltung wieder in normale Bahnen gelenkt werden muss (Vereine, Ehrenamt). Überhaupt ist es mir aufgefallen, dass mich der Alkohol zu einem maßlosen Egozentriker verkommen hat lassen, dem so ziemlich alles und jeder egal ist, außer er hat unmittelbar einen Vorteil davon. Im Nachhinein betrachtet ist das auch schlimm... Und meine Psychotherapeutin wird hier noch einiges zu tun haben.
Ja und so plage ich mich derzeit herum - bin aber doch der guten Hoffnung, dass ich in absehbarer Zeit wieder etwas Positives berichten kann und nicht in ständigem Grübeln versumpfe...
In diesem Sinne danke fürs lesen und noch einen schönen Sonntag!
Euer Stef.