So, ich melde mich nun endlich wieder.
Das lang ersehnte Gespräch zur Klärung hat gestern nun stattgefunden.
Wir waren alle anwesend: mein Bruder, mein Vater, meine Mutter und ich. Sie ahnte natürlich von nichts und war dementsprechend auch überrumpelt, als wir es zur Sprache brachten – dass wir wissen, dass sie wieder trinkt, und dass wir von dem Ausmaß sehr geschockt waren. Wir haben ihr unsere Hilfe angeboten, den Weg mit ihr gemeinsam zu gehen.
Zuerst saß sie nur da und hörte ruhig zu, wahrscheinlich geschockt, dass das Geheimnis nun gelüftet worden war. Als ich meinen Vater fragte, ob er es wusste, sagte er ganz klar „ja, aber nicht in diesem Ausmaß“. Später im Gespräch fing meine Mutter sehr stark an zu weinen – wie wir alle übrigens – und sagte, sie habe immer gehofft, sie würde es alleine schaffen. Das war wohl nicht der Fall, und sie hat auch eingesehen, dass sie wieder ein Problem hat.
Als die Frage kam, seit wann sie wieder trinkt, meinte sie, dass es vor ungefähr 5 Jahren schleichend angefangen habe. Das heißt, sie war 20 Jahre trocken. Seit letztem Jahr November könne sie die Gin-Flaschen nicht mehr wegschmeißen, da mein Vater seit November in Rente ist und sozusagen nur noch zu Hause ist. Davor hat sie die Flaschen immer, wenn sie zur Arbeit ging, mitgenommen und unterwegs entsorgt. Seitdem lagerte sie die leeren Flaschen in großen Plastiktaschen oder Wäschekörben im Schrank im alten Zimmer meines Bruders. Dort hätte ich natürlich nie geschaut, da sie ja immer nur ins Schlafzimmer ging. Dementsprechend war es eine dermaßen schockierende Menge an leeren Flaschen, die sich seit November angesammelt hatten.
Mein Bruder bot ihr an, das Wegschmeißen für sie zu übernehmen. Doch als sie uns ihr Versteck mit den Flaschen zeigte, brach sie zusammen, sackte in sich und weinte so bitterlich, wie ich es noch bei keinem Menschen gesehen habe. Wir alle saßen da und weinten ebenfalls bitterlich. Aber sie sah es zumindest in diesem Moment ein.
Als ich fragte, wo sie die vollen Flaschen lagere, sagte sie, sie habe kein Lager. Sie kaufe höchstens zwei Flaschen auf einmal und erst wieder nach, wenn die zweite fast leer sei. Das konnten wir bestätigen – wir haben das ganze Haus auf den Kopf gestellt und wirklich nichts gefunden. Sie sagte außerdem, dass sie wirklich niemals trinken würde, wenn sie weiß, dass mein Sohn bei ihr ist oder wenn sie ihn abholen muss. Allerdings ist sie als Erstkontakt bei der Tagesmutter hinterlegt, und ein außerplanmäßiges Abholen kann immer mal vorkommen. Als ich sie darauf hinwies, meinte sie, darüber habe sie noch nie nachgedacht. Auch sei sie definitiv nie Auto gefahren, wenn sie getrunken hatte – das war wohl eine Art „Deal“ mit meinem Vater. Aber wie schon erwähnt: Etwas kann immer passieren.
Damit gibt es für mich keine Sicherheit, um meinen Sohn weiterhin in diesem Umfeld zu lassen. Ich habe ihr eine Frist bis Ende der Woche gegeben, wie sie sich entscheiden will, und ihr gesagt, dass sie jederzeit meine Unterstützung haben kann, auch wenn sie sich nicht traut, alleine zum Arzt zu gehen.
Eines ist für mich klar: Ohne Hilfe schafft sie es nicht. Sonst wären wir nicht da, wo wir heute stehen. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr das bewusst ist. Heute Morgen waren wir nochmals dort, und sie meinte nur, ich solle bloß nichts ihrer Schwester sagen. Daraus schließe ich, dass sie es wohl alleine versuchen will. Gesagt hat sie es nicht, aber ich möchte ihr die Frist gewähren.
In der nächsten Woche werde ich mit meiner Arbeit und mit der Tagesmutter abklären, welche Möglichkeiten ich habe, meine Zeiten so zu ändern, dass ich auf die Betreuung durch meine Mutter nicht mehr angewiesen bin. Falls sie sich entscheidet, eine Therapie zu machen, muss ich ohnehin schauen, wie ich es organisiere. Mein Vater ist selbst ziemlich krank, und ich möchte ihm die Betreuung nicht aufbürden.