Und eines ist mir wichtig. In unseren Alkoholiker-Forum unterscheiden wir klar zwischen Abhängigkeit und Missbrauch. F10.1 ist keine Alkoholabhängigkeit, sondern schädlicher Gebrauch. Wenn du dich als Alkoholiker siehst, ist das deine persönliche Einordnung. Medizinisch wurde aber keine Abhängigkeit diagnostiziert. F10.2 Ist Abhängigkeit.
F10.1: Das Trinken verursacht Probleme. F10.2: Das Trinken hat die Kontrolle übernommen.
Das sind nun mal zwei verschiedene Baustellen. Bei einer Abhängigkeit steht irgendwann nicht mehr das Verhalten im Vordergrund, sondern die Sucht selbst.
Aber auch das basiert auf der Diagnose F10.1, oder? Dabei geht es in erster Linie um das Verhalten und die Folgen des Konsums, nicht um Suchtdruck, Kontrollverlust oder die typische Suchtmechanik.
Bei Missbrauch arbeitet man vor allem an Verhaltensmustern. Bei Abhängigkeit hingegen kämpft man gegen das Suchthirn, wenn ich das mal so sagen darf.
Hallo Hartmut,
die Therapeutin hat KEINE Diagnose von mir ausgehändigt bekommen. Ich bin dahin und habe ALLES erzählt. Von meiner Jugend bis heute. Wann ich getrunken habe, "wieso", wie es mir dabei ging usw.
Da es hier "mein" Feed ist schreibe ich jetzt was bei MIR ist. Ich möchte jetzt nicht, dass andere sagen: bei mir genauso, dann ist ja alles "gut".
Die Dame sagte wörtlich zu mir: "Sie haben kein Alkoholproblem, Sie haben ein Beziehungsproblem". Was sie natürlich nicht nachempfinden kann ist, wie Alkohol bei mir wirkt. Das erste Bier ist noch eklig gewesen und wirkte sofort. Die Alarmglocken gehen an "oh oh, das ist jetzt nicht gut" Angst und gleich wieder aufgehört. Da ist nichts passiert.
Irgendwann kam der Punkt, da dachte ich: letzte Mal ging ja auch, du kannst das gut steuern. Und das kann ich eben nicht. Dann wird aus dem ab und zu nach einem halben Jahr ein rasant steigender Konsum. Und wir reden hier von ursprunglich mal einem Bier am Ende bis zu 8 Flaschen oder mehr - je nachdem ob ich die Möglichkeit habe. Bei der Menge trinkt man eben nicht mal mehr vor dem Partner oder daheim. Das heißt, ich habe "bewusst" unterwegs getrunken.
Wusste ich, ich fahre heim, dann habe ich davor getrunken. Das war aber auch nicht täglich, das war immer phasenweise. Und immer im Kopf: du hast doch das gar nicht gebraucht.
In meiner Phase der Abstinenz oder jetzt auch ist es so, wenn ich einmal "weg" von der Gewohnheit bin, vermisse ich es nicht. Es ist kein Verlangen. 2024 war das einfach ein riesen Fehler zu denken, das wird wieder, ich will ja irgendwie doch nicht völlig drauf verzichten.
Und immer wieder rutschte ich da rein. Nach Monaten ohne Bier passierte "etwas" und ich sagte innerlich: jetzt trinkst du ein Bier, die können dich alle mal
Und das meinte sie mit Mustern. Ich habe das Bier als Hebel für Probleme genutzt und so verbunden, dass es mir innerlich besser geht. Die Konsequenz ist in dem Fall die kaputte Partnerschaft, mein eigener Hass und Unwohlsein.
Ein "normaler" Konsum ist für mich NICHT mehr möglich. Es löst sofort in mir Ruhe und Zufriedenheit aus. Alle Probleme sind erstmal weg. Vorallem aber die innere Anspannung. Daher weiß ich, dass ich das erste Glas nie trinken darf.
Heute ist anders, weil ich weiss, es wird nie gut gehen. Es geht wieder nach hinten los. Ich muss aber auf nichts verzichten, weil es bei MIR eben nicht normal sein wird. Diese Gefahr weiß ich. Mir geht es ohne Alkohol ansonsten hervorragend. Selbst in der Runde ist nicht mehr das Gefühl da "och eins würde ich jetzt auch gern trinken, aber ich darf ja nicht." Es ist einfach nur "gut, dass ich diesen Kreislauf nicht mehr habe".
Ich habe gemerkt, dass ich immer dachte mit Alkohol bin ich lockerer, mutiger. Aber eigentlich mögen mich die Menschen, wenn ich nüchtern bin. Ich bin ein total wertvoller und liebenswerter Mensch. Der Alkohol macht mich nur kaputt und verändert mich. Das möchte ich nicht.
Warum habe ich es gemacht? Weil ich mit dieser Welt, meinen Gefühlen, der Liebe und der Zukunft überfordert bin. Der Alkohol hat mir Kraft gegeben, das alles locker zu sehen und keine Gedanken zu machen. Es war eine Flucht. Wieso habe ich in einer tollen Beziehung getrunken, wo ich wusste, was auf dem Spiel steht? Weil ich mich selber aufgegeben habe, für die Liebe. Ich hatte keinen Rückzugsort, war dauerhaft allem und jedem ausgeliefert. Ich war von jetzt auf gleich in einer anderen Welt und habe auf meine Bedürfnisse nie reagiert. Das war ein gefundenes Fressen. Und bekomm da mal wieder von jetzt auf gleich das Bier weg! Alle denken, das ist ein Schalter. "Trink doch einfach nicht. Trink doch mal ein Wasser"
Du wirst als Alkoholiker beschimpft und gleichzeitig erwarten alle, dass du das mal eben abstellst. Keinen interessiert es, wie es dir geht. Nur die Schwäche wird gesucht. Ja bis hin sich "lustig" gemacht, was man für ein Versager ist.
Was ist passiert, dass ich heute so denke?
Zum einen bin ich mir dank der Therapeutin mal klar geworden, wie die Welt draußen ist. Stück für Stück kam ich aus dieser Blase wieder zu mir. Auf habe auf das Passierte geschaut und mit einer Klarheit erkannt, was ich da eigentlich gemacht habe. Wie ich das alles gar nicht mehr wahrgenommen habe. Als einzigen Ausweg gesehen habe. Vorallem aber habe ich gelernt, wie ich damit umgehe, wenn es mir eben nicht gut geht. Zum einen ist das Sport, wo ich mal was für mich mache und zum anderen ein guter sozialer Freundeskreis, wo ich auch das Gefühl habe, nicht allein auf der Welt zu sein. Wo keine Sorgen und Probleme sind sondern ich Freude habe.
ich habe Alkohol schon immer gehasst und trotzdem war er ganz lange in meinem Leben. Wenn ich mich heute im Spiegel sehe, dann bin ich nur dankbar, dass ich nicht getrunken habe. Das ich den Mann sehe, der ich wirklich bin. das die innere Stärke und Kraft von mir kommt. ich nicht mehr diese Betäubung will, dieses wegbeamen aus der Realität und dem Leben. Lallend am Telefon, betrunken im Auto, mit Kater am Morgen, mit einem hohen Blutdruck, mit einem dicken Gesicht. Mit stinkendem Atem und Scham. Mit Verstecken im Auto, damit keiner sieht, was ich auf dem Weg getrunken habe. Vorallem aber keine Anspannung und Gedanken mehr, du musst nachher los dir was zu trinken holen, du hälst das nicht mehr aus. Diese Ruhe und Gelassenheit, wenn diese Option nicht mehr im Raum steht.
Ich habe mich über ein Jahr völlig verloren. Die Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern. Ich habe massiv draus gelernt und jeder Tag ohne das Zeug bringt mir Freiheit, Selbstbewusstsein und einfach nur Glück.
Teilweise würde ich im Getränkemarkt gern auf die bunten Bierdosen einschlagen, so sauer bin ich auf mich und das Zeug. Ich habe aber annehmen müssen, dass ich dafür nicht wirklich was kann, dass ich da reingerutscht bin ohne es zu wollen. Durch jahrelanges Fehlverhalten. Also kann ich für mich nur sagen, die Zeit ist vorbei, was ich ab jetzt mache zählt. Klar wünsche ich mir, das wäre nie so gekommen. Aber ich muss auch sagen, selbst wenn es nicht so wäre und ich das Wissen hätte, ich würde heute nicht mehr trinken wollen. Meine Zeit ist vorbei und es war eine eingeredet "schöne" Zeit. Nein, die war nicht schön. Es war die beschissenste Sache in meinem Leben. Für kein Geld der Welt will ich da je wieder hin. Jeden Tag bin ich froh. jeden Tag kommt der Ekel hoch, der Abstand und das Durchatmen: nicht mehr mit mir.
Alkohol (also Bier bei mir) hat seine Image des Tollen, der Freiheit, der Coolnes, des Genusses völlig verloren, wenn ich an alle Biermomente meines Lebens denke. Das war nicht ich. Das war eine andere Version von mir. Und die mag ich nicht.