Vor ungefähr 2 Jahren hatte ich (mal wieder) einen extremen Tiefpunkt.
Ich bin seit früher Jugend psychisch erkrankt. Komme aus einem Alkoholikerhaushalt und habe alle Formen der Gewalt erlebt, die man sich vorstellen kann. (Vorstellen und dann Mal 2 multiplizieren) Daraus entwickelten sich schon früh Anzeichen von psychischen Erkrankungen, die ich aber erst nach dem Tod meiner Eltern wirklich aufarbeiten konnte. Das ist mittlerweile 25 bzw 20 Jahre her. Seitdem lebe ich mit den Folgen, bin trotz sehr gute abgeschlossener Ausbildung, seit ber 10 Jahren voll Erwerbsgemindert und pflege meinen autistischen Sohn seit 11 Jahren allein. Also allein allein, denn Familie habe ich so gut wie gar nicht mehr. (Kein Kontakt, oder sie leben im Ausland) Als sein Vater sich noch ab und zu gekümmert hat, habe ich die Zeit genutzt, um eine längere Traumatherapie zu machen (in Intervallen, 8 Wochen Therapie, 8 Wochen zu Hause, über zwei Jahre)
Obwohl ich wusste, was Alkohol anrichtet, habe ich schon früh angefangen, damit zu experimentieren. Naja, eigentlich habe ich nur zwanghaft versucht, Freunde und Anschluss zu finden. Ich war das Alkohokikerkind, alle wussten das, viele wollten einfach nichts mit mir zu tun haben. Aber ich wusste, wie man an Alkohol und Zigaretten kommt also hab ich mich quasi in meine Clique "eingekauft" Immer, wenn wir unbeobachtet waren (Übernachtungen bei Freunden, Ferienfreizeiten ect.) wurde Komagetrunken. Ich hab fröhlich mitgemacht und vertrug auch eine Menge. Allerding war mein Part immer, egal, wie betrunken ich selbst war, aufzupassen, dass niemand zu Schaden kommt. Also so wirklich loslassen und ist mir alles egal, sowas hatte ich nie, weder in meiner Jugend, noch später. Filmrisse kenne ich nicht. Ich hab meine "Freunde" davon abgehalten, vom Balkon zu springen oder sie so hingelegt, dass sie nicht an ihrem eigenen Erbrochenen erstickten. Nachts durch die Stadt gelaufen, weil irgendjemand verschwunden war, und wir uns Sorgen gemacht hatten.
Und gleichzeitig gehörte ich trotzdem nie ganz dazu. War dabei aber nie wirklich Teil. Zu verkopft, wegen der ganzen Probleme zu Hause auch nicht immer spontan verfügbar. Ohne Alkohol war ich langweilig, also nutze ich es als soziales Schmiermittel.
Als die Clique dann nach und nach auseinander ging (Schulwechsel, Studium, Ausbilung) ging es natürlich auch in der Ausbildung weiter. Mein Vater starb, als ich 17 war und da fing ich auch an, zu Hause zu trinken. Ich war jetzt für alles verantwortlich, meine Mutter (sowieso völlig abhängig von ihrem Mann) fiel in ein tiefes Loch und verließ ihr Zimmer so gut wie gar nicht mehr. Ich brach das Gymnasium ab, um mir einen Job zu suchen und für meine Familie zu sorgen. 2 Jahre später begann ich dann meine Ausbildung und hatte endlich etwas gefunden, was mir unglaublich Spaß machte und mir sämtliches Wissen, was ich in die Hände bekommen konnte, eineignete. Nebenbei immer noch Arbeiten, nach der Schule (es war eine schulische Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin) und am Wochenende. Nach der Arbeit, bin ich jeden Abend zum Kiosk gegangen und habe mir mein Bier geholt. Erst zwei Flaschen, irgendwann waren es 8, manchmal 10. An einem Abend. Währenddessen ich mir die einverleibt habe, schrieb ich an meinen Hausarbeiten, lernte für Klausuren, verfasste Facharbeiten und Praktikumsberichte. Morgens mit dickem Schädel wieder zur Schule oder ins Praktikum.
Dann wurde auch meine Mutter krank. Krebs im Endstadium. Neben Schule/Ausbildung, Arbeit und meiner kleinen Schwester, begleitete ich jetzt auch noch meine Mutter zu Hause in den Tod. Jede freie Minute, (davon hatte ich ja kaum eine) hab ich getrunken. Ich wusste einfach nicht, wie ich sonst zur Ruhe kommen sollte. Einfach trinken, bis ich besinnungslos zusammensackte, weil ich anders einfach nicht mehr abschalten konnte. Funktionieren, funktionieren, funktionieren. Was anderes kannte ich nicht mehr. Und das mit 20. Keine Unterstützung von meiner Familie (Tante/Onkel/große Geschwister) Da kam zwar Mitleid, aber sie waren in ihrem eigenen Selbstmitleid so gefangen, dass sie einfach handlungsunfähig waren. Der einzige "Freund" war der Alkohol.
Nachdem meine Mutter dann verstorben war, kümmerte ich mich noch ca. 1 Jahr um meine jüngere Schwester, mit der ich auch zusammenlebte. Das Sorgerecht hatte allerdings meine Tante, die jedoch überhaupt keine Hilfe war. Jede Unterschrift, die wir brauchten, musste ich erbetteln, ich musste 30 km weit mit dem Zug fahren (Führerschein hatte ich keinen) weil sie keine Lust hatte, zu uns zu kommen. Als meine Schwester 18 wurde, zog sie von heute auf morgen in eine andere Stadt und ich stand allein da. Mit einer Wohnung, die ich mir nicht leisten konnte, weil zu groß und zu teuer, mit lauter Schulden, kaum Geld (Bafög war nicht viel und die Waisenrente wurde angerechnet) und vor allem niemand mehr, um den ich mich kümmern musste. Daraus bestand aber mein ganzes bisheriges Leben, zusehen, dass das Leben von anderen läuft. Ich wusste gar nicht, wie man sich um sich selbst kümmert.
Ich stürzte mich also in meine Ausbildung (die ich die ganze Zeit weiter durchzog, auch mit Hilfe meiner tollen Lehrer und meiner Kollegen) und steckte all meine Energie da rein. Vom Alkohol kam ich aber nicht mehr los. Ich trank immer mehr, meine Wohnung sah aus, wie eine Müllhalde für Bierflaschen. Ich traute mich schon nicht mehr, die ganzen Flaschen wegzubringen, weil es mir so unangenehm war. Ich bin sehr lange Wege gelaufen, damit ich nicht immer am selben Kiosk kaufe, damit das nicht auffällt. Die Bedenken meiner Mitschüler und Freunde, dass ich wirklich zu viel trinke, ignorierte ich. Fand Ausreden, wurde wütend. Irgendwann ließen sie es sein. Und ich zog mich weiter zurück und trank.
Während meiner Examsphase musste ich dann umziehen, weil ich die Wohnung nun wirklich nicht mehr halten konnte. Ohne Auto. Ich hab mit einem Klassenkameraden mein Sofa auf ne Schubkasse gewuchtet, und von einer Wohnung in die andere geschoben. So ungefähr sah der ganze Umzug aus. Und weitertrinken und das Exam schreiben, weiter Arbeiten. Als ich die Examsprüfungen hinter mir hatte (wusste auch überhaupt nicht, was danach kommen sollte, obwohl mich mit den Noten jeder mit Kusshand genommen hätte, ich mich aber völlig dumm und nutzlos fühlte) habe ich das erste Mal gesagt... ich glaube, ich habe ein Alkoholproblem. Aber das schob ich auf meine Vergangenheit.
Ich bin am Tag der Zeugnisübergabe mit gepackten Koffern dort aufgeschlagen, habe mein Zeugnis in Empfang genommen und bin das erste mal in eine psychosomatische Klinik gefahren. Aber nicht wegen meines Alkoholkomsums, sondern wegen schweren Depressionen. Da ich während der 8 wöchigen Therapie sowieso nicht trinken konnte (Alkoholverbot) habe ich das Thema Alkohol während der Therapie höchstens am Rande erwähnt. Aber ich trank nicht mehr. Bis ich wieder zu Hause war.
Erstmal Schreibpause.